Erlik Khan ist im südsibirischen Tengrismus der Herrscher der Unterwelt und der mythische Gegenspieler des Lichtgottes Ülgen. Er steht zugleich für Tod und Krankheit und für eine notwendige, geordnete Schattenseite der Welt.
Erlik Khan ist der altaisch-sibirischer Unterweltsgott des Tengrismus.
Erlik Khan, der Altai-Unterweltsgott, herrscht über die Toten und die unterirdische Welt der tengristisch-schamanischen Mythologie.
Erlik Khan (auch Erlik, Erklik, Erlig, mong. Erlig Khaan) gehört zur obersten Götterschicht des südsibirischen Pantheons. Im altaischen und tuwinischen Glauben ist er der Herr des unteren Reiches, nicht des Bösen schlechthin, sondern eines abgrenzbaren Bezirks, in dem die Toten und die Geister von Seuche und Hungersnot wohnen.
In der Spätschichtung erscheint er als entartet-böse Figur, was vor allem auf die buddhistische Überformung in der mongolischen Welt (Erlig Khan ≈ Yama) und die christlich-missionarische Verteufelung des 18./19. Jh. zurückzuführen ist.
Innerhalb der sibirisch-tengristischen Tradition bildet Erlik mit Ülgen ein duales Paar. Es ist jedoch keineswegs moralisch im Sinne eines manichäischen Dualismus zu verstehen, vielmehr als komplementäre Ordnung von oben und unten, Sommer und Winter, Geburt und Tod. Dieses Verständnis hat A. V. Anokhin in seinen Materialien zum Schamanismus der Altaier (1924) klargestellt.
Die religionswissenschaftliche Diskussion um Erlik ist deshalb so reichhaltig, weil sie an ihm exemplarisch zeigt, wie missionarische Außenperspektiven eine indigene Religion verzerren können. Was die Altaier als „Herr der Unteren“ kannten, wurde durch russisch-orthodoxe und buddhistische Übersetzungen zum „Teufel“, ein klassisches Fallbeispiel der Postcolonial Religious Studies.
Der Name Erlik ist alttürkisch und wird in der Forschung üblicherweise zu er („Mann, Held“) gestellt; eine alternative Herleitung verbindet ihn mit einem Stamm der Bedeutung „mutig, stark, herrisch“.
Im Mongolischen wird er zu Erlig Khaan; in der buddhistischen Überlagerung verschmilzt er mit dem indo-tibetischen Yama / Shinje. Walther Heissig hat diese Verschmelzung in Die Religionen der Mongolei (1970) im Detail beschrieben.
Der Titelzusatz Khan markiert ihn als Herrscher; in den altaischen Schamanen-Gesängen heißt er auch Yer-Tine Khan, „König der Erdtiefen“. Wichtig: Im sibirischen Eigenkontext ist Erlik kein Teufel im christlichen Sinn; christliche Missionare des 19. Jahrhunderts (Verbickij u. a.) haben diese Übersetzung allerdings nahegelegt, und die Forschung hat sie lange unkritisch übernommen.
Linguistisch interessant ist die mögliche Verbindung zu er-lig, „der Mannhafte“, was Erlik als „Großen Mann“ jenseits des Todes charakterisiert. In dieser Lesart wäre er weniger Schadwesen als Repräsentant einer notwendigen anthropologischen Funktion: dem Tod als Teil des Mannseins.
Erlik wird als alter, schwarzhaariger Mann mit Eber-Hauern, eisernen Krallen und einem Streitkolben aus Menschenwirbeln beschrieben.
Er reitet auf einem schwarzen Stier oder schwarzen Pferd; sein Palast liegt am Ufer eines Höllenflusses, den er mit neun Söhnen und neun Töchtern bewohnt. Die altaische Schamanen-Trommel zeigt ihn in der unteren Drittelung, oft mit umgekehrtem Sonnen-Symbol.
Diese Ikonographie ist klassisch beschrieben bei Anokhin (1924) und bei N. Dyrenkova; sie wurde später von Mircea Eliade in Le chamanisme rezipiert. Die buddhistische Überformung gibt ihm zusätzlich die Attribute des indo-tibetischen Yama: Büffelhörner, Lasso, Spiegel der Taten.
In den Sammlungen des Kunstkammer-Museums (St. Petersburg) sind mehrere altaische Erlik-Darstellungen erhalten, die L. P. Potapov in seinem Standardwerk Altaiskij schamanizm (1991) katalogisiert hat. Sie zeigen eine bemerkenswerte ikonographische Stabilität über 200 Jahre Sammlungsgeschichte hinweg.
Die altaische Schöpfungsmythologie erzählt, wie Ülgen aus dem Urmeer Erde schöpfen will und dazu Erlik in Vogelgestalt um Hilfe bittet.
Erlik taucht hinab, bringt Schlamm herauf, behält aber einen Teil heimlich im Mund, aus diesem Rest entstehen Sümpfe, Berge und schließlich Erlik selbst als eigenständige Macht. Aus Übermut versucht er später, sich neben Ülgen zu setzen, wird verbannt und herrscht seitdem über die untere Welt.
Eine zweite Erzählung schildert, wie Erlik die ersten Menschen krank macht, indem er ihnen Knochen aus dem Körper „liest“. Die Schamanen wurden geboren, um diese Knochen zurückzubringen, eine Mythik, die die Reise des Schamanen in die Unterwelt rituell begründet und in Eliades Schamanismus-Modell den prototypischen Ort einnimmt.
Eine dritte, weniger bekannte Erzählung berichtet, wie Erlik im Streit um die Seelen der Verstorbenen mit den Boten Tengris verhandelt: Wer ein gutes Leben führte, darf zurück nach oben; wer schlecht handelte, verbleibt bei Erlik. Diese moralisierende Variante ist vermutlich jüngerer (post-buddhistischer) Prägung.
Im engen Sinn gab es keine „Verehrung“ Erliks, eher eine ritualisierte Abgrenzung. Die altaischen Schamanen unterschieden zwischen aq kam (weißer Schamane), der zu Ülgen aufstieg, und kara kam (schwarzer Schamane), der zu Erlik hinabstieg.
Beide Berufungen galten als legitim und notwendig; die ethnographische Schilderung bei Anokhin macht deutlich, dass „schwarz“ hier „nach unten gerichtet“ heißt und gerade nicht „böse“.
Bei Seuchen, bei plötzlichen Todesfällen oder beim Verlust eines Kindes wurde der schwarze Schamane gerufen. Er nahm in der Sitzung Erliks Reich rituell ein, verhandelte mit ihm und brachte die „weggeführte Seele“ zurück. Opfer bestanden in schwarzen Schafen oder Pferden; das Blut wurde in die Erde gegossen, anstatt es der Sonne darzubringen.
Mit der Sowjet-Zeit erlosch dieser Kult fast vollständig; in der altaischen Renaissance seit 1991 erlebt er eine vorsichtige Wiederbelebung, allerdings deutlich weniger sichtbar als der Ülgen-Kult, da Erlik in der modernen Wahrnehmung weiterhin mit „Schwarzmagie“ assoziiert wird.
Religionswissenschaftlich beschrieben (ohne Wirkungsversprechen): Apotropäische Praktiken gegen Erlik umfassten das Aufhängen weißer Wollbänder am Türbalken, das Niederlegen kleiner Holzfiguren („Erlik-Diener“) als symbolisches Ersatzopfer, das Tabu, den Namen Erlik nach Sonnenuntergang laut auszusprechen, und das Ausräuchern des Hauses mit Wacholder.
Auch bestimmte Verhaltensregeln waren apotropäisch gefärbt: Krankenbesuche durfte man nicht mit Hut betreten, da Erlik „Köpfe sammelt“; Türschwellen wurden mit Holzkohle bestrichen, weil das gehemmte Schwarz angeblich das Schwarze hemmt, ein klassisches Beispiel sympathetischer Magie im Sinne von James Frazer.
Diese Praktiken sind im Rahmen des Tabu- und Reinheitskonzepts der südsibirischen Religion zu verstehen, das in zahlreichen Detailregeln den geordneten Weltbau gegen die untere Welt abgrenzt. Roberte Hamayon hat sie in La chasse à l’âme (1990) als Teil der „Verwandtschaftsökonomie“ gelesen, in der Krankheit und Tod als Brüche der Ordnung adressiert werden.
Strukturell vergleichbar sind: Yama im vedischen und buddhistischen Indien; Hades im Griechischen; Hel in der nordischen Mythologie; Mictlantecuhtli im aztekischen Pantheon; Osiris in seiner Funktion als Totenrichter, weniger als sterbender Gott. In Sibirien selbst gibt es Parallelfiguren wie Aiy Tojon’s Gegenüber Yer-Khan bei den Jakuten.
Die buddhistisch-tibetische Überformung Erliks zu Erlig Khaan = Yama ist Gegenstand einer eigenen Untersuchung bei Walther Heissig (Die Religionen der Mongolei, 1970). Hier zeigt sich, wie eine indogene Unterweltsfigur in den Tantrismus integriert und dort mit eigenen attributiven Schichten überzogen wird.
Religionsphänomenologisch bemerkenswert ist die Beobachtung, dass nahezu alle dreigliedrigen kosmologischen Systeme (Oben, Mitte, Unten) eine Unterweltsgottheit kennen, die zugleich Schreckfigur und Ordnungsgarant ist. Erlik ist also kein Anomalie, sondern Lehrbeispiel.
In der modernen tuwinischen und altaischen Folklore ist Erlik eher Schreckfigur als Kultobjekt; in der populären Rezeption (Fantasy-Romane, Online-Spiele) erscheint er teils als „dunkler Gegenspieler“. Wissenschaftlich solide Darstellungen finden sich bei Andrei Znamenski, Roberte Hamayon und in der russischsprachigen Sammlung Mify narodov mira (Bd. 2, 1992).
Eine wichtige Forschungsdebatte dreht sich um die Frage, wie viel des heute „dunklen“ Erlik-Bildes vorislamisch/vorbuddhistisch ist und wie viel als christlich-missionarische Verteufelung im 18. und 19. Jahrhundert entstand. Verbickij und andere Missionare haben in ihren Wörterbüchern „Erlik“ schlicht mit „Teufel“ übersetzt, was die spätere Wissenschaft lange unkritisch übernommen hat.
Andrei Znamenskis Shamanism and Western Imagination (Oxford 2007) hat diese Verzerrungsgeschichte umfassend rekonstruiert und plädiert für eine Restitution des historischen Erlik als ambivalente Ordnungsfigur jenseits christlich-dualistischer Schemata.
Drei Forschungsfragen sind weiterhin offen. Erstens: Welche Vor-Form hatte Erlik in der proto-türkischen Religion vor dem Kontakt mit Buddhismus und Christentum? Anokhins Material lässt vermuten, dass er älter und eigenständiger war, als die buddhistische Yama-Identifikation suggeriert.
Zweitens: Inwieweit ist die altaische Erlik-Tradition mit der jakutischen abasy-Tradition kontinuierlich, mit der mongolischen Erlig-Khaan-Tradition diskontinuierlich? L. P. Potapov hat hier für eine Spaltungshypothese argumentiert, die in der jüngeren Forschung wieder aufgegriffen wird.
Drittens: Welche Rolle spielt Erlik in der zeitgenössischen tuwinischen und altaischen Neo-Schamanismus-Szene, die sich teils gegen, teils mit dem russischen Mainstream entfaltet? Marjorie Mandelstam Balzer hat in mehreren Aufsätzen gezeigt, dass moderne Schamanen Erlik gezielt nutzen, um eine indigene Alternative zur dominanten russisch-orthodoxen Symbolik zu profilieren.
Die Identifikation Erliks mit dem buddhistischen Yama ist religionshistorisch eines der besten dokumentierten Fälle der mongolisch-tibetischen Religion. Walther Heissig hat in Die Religionen der Mongolei (1970) gezeigt, wie über mehrere Jahrhunderte hinweg der altaische Erlik mit dem indo-tibetischen Yama / Shinje verschmolz, ohne dass eine vollständige Substitution stattfand.
Stattdessen entstand eine doppelschichtige Figur, in der je nach Kontext die altaische oder die buddhistische Schicht aktualisiert wird.
Diese Schichtung ist ein Lehrbeispiel für wissenschaftliche „Translation Studies“: Wie genau wird ein Konzept aus einer Tradition in eine andere übertragen, welche semantischen Verschiebungen sind unvermeidlich, und welche eigentümlichen Hybridformen entstehen aus dem Übersetzungsprozess?
Ein konkreter Fall: Im tibetischen Bardo-thödröl („Tibetisches Totenbuch“) tritt Yama als Spiegel-Halter auf, der dem Toten seine Lebenstaten zeigt. Diese Vorstellung fehlt im autochthon-altaischen Erlik-Komplex, ist aber in der spät-mongolischen Erlik-Vorstellung präsent, ein Hinweis auf die buddhistische Schicht.
Wer den Erlik-Komplex in seiner Breite studieren möchte, findet auf der Übersichtsseite Sibirisch-Tengristische Tradition die wichtigsten Querverweise zu verwandten Figuren wie Ülgen und den unteren abasy-Schadwesen. A. V. Anokhins Materialien zum Schamanismus der Altaier (1924) bleibt die wichtigste Primärquelle.
Für die buddhistische Überformung sind Walther Heissigs Die Religionen der Mongolei (1970) und Klaus Sagasters Studien einschlägig. Für die kritische Aufarbeitung der missionarischen Verzerrungen ist Andrei Znamenskis Shamanism and Western Imagination (Oxford 2007) das beste verfügbare Werk.
L. P. Potapovs Standardwerk Altaiskij schamanizm (St. Petersburg 1991) bietet die umfangreichste sowjetisch-russische Synthese und sollte in der Erlik-Forschung nicht übergangen werden.
Erlik gehört in das religionsphänomenologische Spektrum der Unterweltsgottheiten, das Mircea Eliade in Forgerons et alchimistes (1956) und in seinem Schamanismus-Buch ausführlich behandelt hat. Charakteristisch ist die Ambivalenz: Unterweltsgottheiten repräsentieren den notwendigen Schattenbereich der kosmischen Ordnung, mit einem einfachen „böse“ ist ihr Wesen verfehlt.
Eine besondere Pointe Erliks ist seine Funktion als Kranheitsverursacher und Krankheitsaufheber zugleich. Der schwarze Schamane verhandelt mit Erlik um die Rückgabe verlorener Seelen, ein klassisches Modell „schamanischer Verhandlung“, das Roberte Hamayon im Gegensatz zu Eliades „Ekstase“-Modell entwickelt hat.
Religionsanthropologisch interessant ist die Trennung „weißer“ und „schwarzer“ Schamanen mit getrennten Götter-Adressen. Diese Doppel-Struktur findet sich nur in wenigen sibirischen Traditionen so klar wie bei den Altaiern und Tuwinern; sie ist historisch vermutlich spät, vielleicht unter buddhistischem Einfluss entstanden.
Bei der Arbeit mit Erlik-Quellen ergeben sich mehrere methodische Probleme. Erstens: Die ältesten Quellen sind die Aufzeichnungen christlicher Missionare (Verbickij, Chivalkov) aus dem 19. Jahrhundert, die ihn systematisch mit dem christlichen Teufel identifizierten. Eine Entkleidung dieser missionarischen Schicht ist methodisch anspruchsvoll.
Zweitens: Die buddhistische Identifikation mit Yama hat zusätzliche Bedeutungsebenen eingetragen, die nicht ohne weiteres von der altaischen Ur-Erlik-Schicht zu trennen sind. Walther Heissigs Schichtenmodell hilft, aber bleibt diskussionsbedürftig.
Drittens: Die zeitgenössische Schamanen-Praxis um Erlik ist nach der Sowjetzeit fragmentiert; was wir heute beobachten, ist eine Neuformung auf Basis ethnographischer Texte, keine unbroken Kontinuität. Andrei Znamenski hat dies kritisch reflektiert.
In der zeitgenössischen Populärkultur ist Erlik überraschend präsent. Er erscheint in mehreren russischen Fantasy-Romanen, in Online-Computerspielen (etwa Path of Exile, Smite), in heavy-metal-Liedtexten und in der Manga- und Anime-Welt. Diese Rezeption verzerrt das historische Bild oft stark, macht Erlik aber zu einer kulturell aktiven Figur.
Wissenschaftlich ist diese Rezeption ambivalent: Sie hält Erlik im kulturellen Gedächtnis, banalisiert ihn aber zugleich. Andrei Znamenski hat in Shamanism and Western Imagination (2007) auf die Spannung zwischen wissenschaftlicher Rekonstruktion und populärer Aneignung hingewiesen.
In den altaischen und tuwinischen Republiken selbst ist Erlik in der Volkskultur weniger präsent als Ülgen oder Tengri; er bleibt eine eher periphere Figur, die in der schamanischen Praxis eine Rolle spielt, aber nicht in der öffentlichen Repräsentation der Region.
In den Schöpfungserzählungen der türkischsprachigen Völker des Altai spielt Erlik, auch Erlik Khan oder Erlik genannt, eine zwiespältige, aber unverzichtbare Rolle.
Mehrere von Ethnografen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts aufgezeichnete Versionen schildern, wie am Anfang nur Wasser war und wie der Schöpfergott, häufig mit Ülgen identifiziert, mit Erliks Beteiligung die Erde aus dem Urwasser heraufholt.
In einer verbreiteten Erzählform tauchen die beiden in Vogelgestalt oder lassen ein Geschöpf tauchen, um Erde vom Grund des Urmeeres zu holen. Erlik behält dabei heimlich etwas Erde im Mund zurück, in der Absicht, eine eigene Welt zu schaffen.
Als der Schöpfergott die mitgebrachte Erde wachsen lässt, beginnt auch die verborgene Erde in Erliks Mund zu wachsen, sodass er sie ausspucken muss. Aus dieser ausgespienen Erde entstehen die Sümpfe, die unwegsamen und unfruchtbaren Gegenden. Das Motiv erklärt mythologisch, warum die Welt nicht vollkommen ist.
Diese Erzählung gehört zu einem weit verbreiteten Typ der Erdtaucher-Schöpfungsmythen, der in ganz Nordeurasien und Nordamerika belegt ist. Auffällig ist die moralisch ambivalente Stellung Erliks: Statt eines bloßen Zerstörers zeigt der Mythos einen Mitschöpfer, dessen Eigenmächtigkeit und Hinterlist die Welt zugleich vervollständigen und beschädigen.
Bei der Bewertung dieser Erzählungen ist zu beachten, dass die Aufzeichnungen aus einer Zeit stammen, in der die altaische Religion bereits von christlichen und buddhistischen Vorstellungen berührt war. Manche Forscher haben deshalb gefragt, ob die Zuspitzung auf einen widersacherhaften Mitschöpfer durch solche Einflüsse verstärkt wurde. Eine sichere Antwort ist nicht möglich.
Über die Schöpfungserzählungen hinaus ist Erlik in der altaischen und allgemeiner sibirischen Religion vor allem als Herr der Unterwelt und als Gebieter über die Toten bekannt. Sein Reich wird in den Quellen als düsterer Bereich unter der Erde beschrieben, in den die Verstorbenen eingehen.
Erlik gilt zudem als Urheber von Krankheit und Tod; wer schwer erkrankte, dessen Lebenskraft oder Seele konnte nach altaischer Vorstellung von Erlik oder seinen Boten in die Unterwelt entführt worden sein.
An diese Vorstellung knüpfte eine bestimmte Form schamanischer Praxis an. Während die Himmelsreise zu Ülgen ein Aufstieg war, war die Reise zu Erlik ein Abstieg.
Der schamanische Spezialist beschrieb in rituellen Gesängen, wie er hinab in Erliks Reich zog, dort Hindernisse überwand und schließlich vor Erlik trat, um mit ihm zu verhandeln, etwa um die entführte Seele eines Kranken zurückzufordern oder um Opfergaben zu überbringen.
Wilhelm Radloff hat solche Abstiegsschilderungen aufgezeichnet, und sie wurden später in der vergleichenden Schamanismusforschung viel beachtet.
Bei der Deutung ist Zurückhaltung geboten. Die aufgezeichneten Texte sind konkrete Aufführungen, keine zeitlosen Drehbücher, und ihre Verallgemeinerung zu einem Muster der schamanischen Unterweltsreise, wie sie etwa Mircea Eliade vornahm, ist von der neueren Forschung als zu glättend kritisiert worden.
Festhalten lässt sich, dass Erlik in der altaischen Praxis weit mehr war als ein bloß gefürchtetes Wesen, das man mied: eine Macht, mit der der Spezialist im Ritual aktiv in Verhandlung trat. Der Umgang mit Erlik ging über reine Abwehr hinaus; er war eine geregelte, riskante Kommunikation.
Die Gestalt Erliks steht im Zentrum einer langwierigen Forschungsdebatte über fremde Einflüsse auf die innerasiatische Religion. Auffällig ist zunächst der Name selbst: Erlik beziehungsweise Erlik Khan ist sprachlich und konzeptuell mit dem Yama der buddhistischen Tradition verbunden, der als Erlik Khan in die mongolische und tibetisch-buddhistische Vorstellungswelt einging.
Die Frage ist, ob die altaische Unterweltsgestalt von Anfang an so beschaffen war oder ob sie durch den Buddhismus überformt wurde.
Eine zweite Linie der Debatte betrifft den Dualismus.
Das Gegenüber von Ülgen oben und Erlik unten, von Schöpfung und Schädigung, von Himmel und Unterwelt, erinnert manche Forscher an dualistische Religionssysteme, etwa an zoroastrische Vorstellungen, die über die zentralasiatischen Handelswege wirksam geworden sein könnten, oder an die christliche Gegenüberstellung von Gott und Teufel, die mit der russischen Mission kam.
Da die Quellen erst aus einer Zeit stammen, in der all diese Kontakte längst bestanden, lässt sich der ursprüngliche Bestand kaum noch herausschälen.
Die methodisch vorsichtige Forschung zieht daraus den Schluss, dass Erlik wohl auf eine einheimische Vorstellung von einer Unterweltsmacht zurückgeht, dass diese Vorstellung aber durch buddhistische und möglicherweise weitere Einflüsse umgeformt und in ihren Konturen geschärft wurde. Wichtig ist dabei die Warnung vor einem verbreiteten Missverständnis: Erlik sollte nicht vorschnell mit dem christlichen Teufel gleichgesetzt werden.
In den altaischen Erzählungen ist er kein absolut Böser, sondern ein notwendiger Teil der Weltordnung, mit dem die Menschen und ihre rituellen Spezialisten sich arrangieren mussten. Seine Einordnung als Widersacher Ülgens beschreibt eine spannungsvolle Komplementarität, keinen moralischen Krieg. Verwandte Unterweltsherrscher kennen auch andere innerasiatische Kulturen.
Im altaisch–sibirischer Glauben prägt der Mythos Erlik Khan als Herrscher der Unterwelt und Widerpart Ülgens; schamanische Gesänge der Altai-Türken und Burjaten überliefern seine Rolle bei Krankheit, Tod und Seelenführung.
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