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Wolpertinger, das Scherzwesen der bayerischen Jäger

Der Wolpertinger ist Geist der alpinen Tradition.

Das Mischwesen aus Hase, Vogel und Rehbock, nie gefangen.

Inhaltsverzeichnis

Wolpertinger - Geister aus der Alpin-Tradition, historisch-illustrativ
Wolpertinger

Der Wolpertinger ist ein bayerisches Mischwesen aus Hase, Vogel und Rehbock, das als Ziel eines beliebten Jägerscherzes gilt. Weder Sagensammler noch Naturforscher konnten je ein lebendes Tier fangen, wohl aber ließen Präparatoren seit dem 19. Jahrhundert ausgestopfte Exemplare für Wirtshäuser und Touristen entstehen.

Anders als viele Alpenwesen war der Wolpertinger nie als reale Bedrohung gedacht, sondern als Schabernack unter Einheimischen und Fremden. Namensvarianten wie Woipertinger, Raurackl oder Oibadrischl zeigen die regionale Verbreitung der Figur über Bayern hinaus.

Auf einen Blick: Wolpertinger

Typ: Scherzhaftes Mischwesen der bayerischen Jägerfolklore
Herkunft: mündliche Jäger- und Bauerntradition, vermutlich seit dem 17./18. Jahrhundert
Texte: Jägererzählungen, Wirtshausscherz, museal dokumentierte Präparate seit dem 19. Jahrhundert
Zeitraum: der Sage nach nachts in bayerischen Wäldern
Erscheinung: Mischwesen aus Hasenkopf mit Geweih, Vogelflügeln und wechselnden weiteren Tierteilen

Überlieferungskontext

Zeitraum der Texte

Erzählt wurde der Wolpertinger vermutlich seit dem 17. oder 18. Jahrhundert unter Jägern und Bauern; bildliche Vorläufer eines gehörnten Hasen finden sich bereits in Holzschnitten und Stichen des 17. Jahrhunderts.

Verbreitungsraum

Verbreitet in Bayern, vor allem Oberbayern, mit regionalen Namensvarianten wie Woipertinger, Raurackl in Salzburg und Niederösterreich sowie Oibadrischl in Niederbayern.

Quellenlage

Keine geschlossene frühe Sagensammlung, sondern Jägererzählungen, Wirtshausscherz und museal dokumentierte Präparate, unter anderem im Deutschen Jagd- und Fischereimuseum München.

Name und Varianten

Namensherkunft: Zur Herkunft des Namens kursieren mehrere Theorien: eine führt auf Glasmacher aus dem Ort Wolterdingen bei Donaueschingen zurück, die tierförmige Schnapsgläser als Wolterdinger fertigten, eine andere verbindet den Namen mit der mundartlichen Form Walper für Walpurgisnacht.

Gestalt und Verhalten

Erscheinung

Ein einheitliches Aussehen kennt der Wolpertinger nicht: Meist trägt ein Hasenkopf ein kleines Rehbockgeweih, dazu kommen Vogelflügel anstelle der Vorderläufe, mitunter Schwimmhäute an den Hinterläufen oder Raubtierzähne, je nachdem, welche Tierteile der jeweilige Präparator zur Hand hatte. Möglicherweise gaben tatsächlich mit dem Shope-Papillomvirus infizierte, warzig-gehörnte Wildhasen den naturkundlichen Anstoß zu dieser Bildtradition.

Wirkung

Der Sage nach lebt der Wolpertinger scheu und nachtaktiv in bayerischen Alpenwäldern und gilt als praktisch nicht zu erlegen. Kern der Überlieferung ist die sogenannte Wolpertingerjagd, ein Initiationsscherz, bei dem Ortsunkundige nachts mit Sack und Lampe in den Wald geschickt werden, um dort vergeblich auf das Wesen zu warten.

Steckbrief: Wolpertinger

Die wichtigsten Aspekte des Scherzwesens auf einen Blick.

Kulturkontext

Bayerische Jäger- und Wirtshausfolklore ohne feste frühe Sagensammlung, dokumentiert vor allem durch Präparate des 19. Jahrhunderts.

Bezogen auf

Vor allem Touristen und Zugereiste als Zielscheibe des Schabernacks bei der nächtlichen Wolpertingerjagd.

Darstellung

Hasenkopf mit kleinem Rehbockgeweih und Vogelflügeln, mitunter mit Schwimmhäuten oder Raubtierzähnen, je nach verfügbarem Präpariermaterial.

Funktion

Geselliges Übergangsritual für Ortsunkundige und Grundlage eines einträglichen Souvenirgeschäfts mit Tierpräparaten.

Umgang

Kein Schutz nötig, da nicht bedrohlich; wer zur Wolpertingerjagd eingeladen wurde, tat gut daran, dies mit Gelassenheit zu nehmen.

Vergleichbares

Der schwedische Skvader und der nordamerikanische Jackalope als verwandte Präparate-Scherzwesen aus Jägerkreisen.

Vom gehörnten Hasen zum Präparate-Scherz

Der genaue Ursprung des Wolpertingers liegt im Dunkeln. Erzählt wurde er vor allem unter Jägern und Bauern, die von seltsamen Tiergestalten berichteten, die man tief in bayerischen Wäldern gesehen haben wollte, vermutlich seit dem 17. oder 18. Jahrhundert. Bildliche Vorläufer eines gehörnten Hasen finden sich bereits in Holzschnitten und Stichen des 17. Jahrhunderts; möglicherweise gaben tatsächlich mit dem Shope-Papillomvirus infizierte, warzig-gehörnte Wildhasen den naturkundlichen Anstoß zu dieser Bildtradition.

Zur eigentlichen Blüte kam der Wolpertinger im 19. Jahrhundert, als bayerische Tierpräparatoren begannen, Körperteile verschiedener Tiere, Hasenkopf, Vogelflügel, Rehbockgeweih, zu montierten Mischpräparaten zusammenzusetzen und diese als vermeintlich einheimische Wildart an Touristen zu verkaufen. Ein dauerhafter Ausstellungsbereich findet sich bis heute im Deutschen Jagd- und Fischereimuseum in München.

Rezeption und Einordnung

Der Wolpertinger ist heute ein fester Bestandteil bayerischer Tourismus- und Wirtshauskultur und ziert Bierdeckel, Souvenirs und Speisekarten. Der Schriftsteller Alfons Schweiggert widmete ihm mehrere populäre Bücher, und die Reportage Bayern braucht Wolpertinger von Hannes Burger, Ernst Fischer und Herbert Riehl-Heyse verhandelte die Figur bereits 1977 augenzwinkernd als bayerisches Kulturgut.

Religionswissenschaftlich gehört der Wolpertinger nicht zu den numinosen, furchterregenden Wesen des Alpenraums, sondern zum Typus der Schwankfigur, die im geselligen Erzählen und im Umgang mit Fremden entsteht. Ein lebendes Exemplar wurde nie nachgewiesen; was existiert, sind kunstvoll zusammengesetzte Tierpräparate aus dem 19. Jahrhundert. Die enge Verbindung zur Präparatorenkunst zeigt, wie handwerkliche Schaulust und Sagenbildung sich gegenseitig verstärken konnten, ohne dass dem Wesen je eine reale Bedrohung zugeschrieben wurde.

Gelassenheit statt Abwehr

Da der Wolpertinger in keiner Quelle als bedrohlich gilt, kennt die Überlieferung keine Schutzmittel gegen ihn. Die einzige Vorsicht, von der erzählt wird, richtet sich gegen den Scherz selbst: Wer sich nicht auf eine nächtliche Wolpertingerjagd einladen ließ, blieb vor Spott bewahrt, und wer eine solche Einladung dennoch annahm, tat gut daran, sie mit Gelassenheit statt mit falschem Ernst zu nehmen. Ausgestopfte Wolpertinger-Präparate wurden traditionell eher als Zierde und Gesprächsanlass in Wirtsstuben aufgehängt denn als Schutzobjekt verstanden.

Skvader, Jackalope und antike Mischwesen

Als scherzhaftes Mischwesen aus Jägerkreisen reiht sich der Wolpertinger in eine Familie ähnlicher Figuren wie den schwedischen Skvader oder den nordamerikanischen Jackalope ein, die ebenfalls aus Präparate-Tradition und Jägerhumor hervorgingen. Im Sinn des Mischwesen-Motivs, wenn auch aus anderem kulturellem und religiösem Zusammenhang, lassen sich außerdem der Faun und der Satyr der antiken Mythologie vergleichen, halb Mensch, halb Tier gedachte Waldwesen, die allerdings als eigenständige Naturgottheiten und nicht als Scherzfigur galten. Innerhalb der bayerischen Sagenwelt steht ihm der Tatzelwurm als weiteres, wenn auch ernster gedeutetes Fabeltier zur Seite.

Häufige Fragen zum Wolpertinger

Gibt es den Wolpertinger wirklich?

Nein, ein lebendes Exemplar wurde nie nachgewiesen. Was existiert, sind kunstvoll zusammengesetzte Tierpräparate aus dem 19. Jahrhundert, die als vermeintliche Belege dienten, sowie die Erzählungen rund um die nächtliche Wolpertingerjagd.

Woher kommt der Name Wolpertinger?

Die genaue Herkunft ist ungeklärt. Diskutiert werden eine Ableitung von tierförmigen Schnapsgläsern aus Wolterdingen und eine Verbindung zum mundartlichen Wort für Walpurgisnacht.

Wo kann man einen Wolpertinger sehen?

Historische Präparate zeigt das Deutsche Jagd- und Fischereimuseum in München dauerhaft. Weitere Exemplare finden sich in bayerischen Wirtshäusern und Souvenirgeschäften als touristisches Ausstellungsstück.

Weiterführende Verlinkungen

Empfohlene interne Links:

Literatur (Auswahl)

Eine Auswahl zentraler Quellen und Studien:

  • Schweiggert, Alfons: Der Wolpertinger oder der gehörnte Hase. München 1994.
  • Heim, Michael: Der Wolpertinger lebt. München 1968.
  • Burger, Hannes / Fischer, Ernst / Riehl-Heyse, Herbert: Bayern braucht Wolpertinger. Eine dramatische Reportage. München 1977.

Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.

Als wolpertinger sage bleibt diese Erzählung fest im Wirtshausleben wolpertinger bayern verwurzelt: kein bedrohliches Wesen, sondern ein liebevoller Schabernack, der bis heute Touristen zur nächtlichen Jagd in den Wald lockt.

Einordnung & Schutz

ISTUFE
Der Schutz-Kompass ordnet dieses Wesen der Einwirkungsstufe I zu – Geringe Einwirkung.

Gegen seine Einwirkung nennt die kulturübergreifende Überlieferung diese Schutzmittel:

Im Schutz-Kompass vergleichen →

Empfohlene Schutzmittel

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