Das Windpferd, tibetisch Lungta, ist das Hauptmotiv der tibetischen Gebetsfahnen. Es zeigt ein Pferd, das auf seinem Rücken ein Kleinod trägt. Das Windpferd steht für die günstige Lebenskraft des Menschen und für das Tragen von Segen und Gebet durch den Wind.
Im Zentrum jeder tibetischen Gebetsfahne steht das Lungta-Motiv — wörtlich „Windpferd“ —, ein galoppierendes Pferd, das ein wunscherfüllendes Juwel auf seinem Rücken trägt und die Gebete in alle Himmelsrichtungen tragen soll.
Das Windpferd ist ein Bildmotiv aus der Welt des Buddhismus Tibets. Sein tibetischer Name lautet Lungta, was sich mit Windpferd übersetzen lässt.
Dargestellt wird das Windpferd als ein Pferd, das auf seinem Rücken ein Kleinod oder einen Edelstein trägt. Das Pferd erscheint häufig schreitend oder springend, in einer Haltung der Bewegung.
Das Windpferd ist vor allem das Hauptmotiv der tibetischen Gebetsfahnen. Auf den meisten dieser Fahnen steht das Windpferd in der Mitte, umgeben von Texten und weiteren Zeichen.
Das Windpferd steht für die günstige Lebenskraft des Menschen. Diese Lebenskraft wird im Tibetischen mit demselben Wort, Lungta, bezeichnet wie das Windpferd selbst.
Zugleich steht das Windpferd für das Tragen von Segen und Gebet. Wie der Wind die Fahne bewegt, so soll er den Segen, der auf ihr steht, in alle Richtungen tragen.
In der Religionswissenschaft ist das Windpferd ein gutes Beispiel für ein Glückssymbol, das eng mit einem Trägermedium verbunden ist. Das Motiv und die Gebetsfahne gehören zusammen.
Das Windpferd-Motiv hat eine lange Geschichte, und seine Wurzeln reichen in die Zeit vor dem Buddhismus zurück. Mehrere Stränge fließen in ihm zusammen.
Das Pferd war in der Welt der zentralasiatischen Völker ein hoch geschätztes Tier. Es stand für Schnelligkeit, für Kraft und für Wohlstand. Diese Wertschätzung des Pferdes ist ein erster Strang.
In der älteren religiösen Welt Tibets vor dem Buddhismus gab es Vorstellungen von einer persönlichen Lebenskraft und vom Glück des Menschen. Auch diese Vorstellung floss in das Windpferd ein.
Der Buddhismus übernahm das Motiv und gab ihm seine ausgeformte Gestalt. Das Pferd mit dem Kleinod auf dem Rücken wurde mit buddhistischen Zeichen und Texten verbunden.
So entstand das Windpferd, wie es heute bekannt ist. Es vereint die alte Wertschätzung des Pferdes, die Vorstellung von der Lebenskraft und die buddhistische Deutung.
Die Herkunft des Windpferds zeigt damit ein verbreitetes Zusammenwirken. Ein altes Tiermotiv und eine ältere Vorstellung von der Lebenskraft wurden vom Buddhismus aufgenommen und neu gefasst.
Das Windpferd ist untrennbar mit den tibetischen Gebetsfahnen verbunden. Auf der größten Zahl dieser Fahnen ist das Windpferd das beherrschende Motiv.
Die Gebetsfahnen sind kleine, meist viereckige Tücher, die an Schnüren aufgereiht sind. Sie werden an hoch gelegenen Orten, an Pässen, an Brücken und auf Dächern aufgehängt.
Auf der einzelnen Fahne steht das Windpferd in der Mitte. In den vier Ecken erscheinen häufig vier weitere Tiere, die das Windpferd umgeben und ergänzen.
Den übrigen Raum der Fahne füllen Texte, Gebete und Mantras. Das Windpferd in der Mitte und die umgebenden Texte bilden gemeinsam das Bild der Fahne.
Die Gebetsfahnen werden in verschiedenen Farben gefertigt. Häufig folgen die Farben einer festen Reihe, die mit den Grundelementen der Welt verbunden wird.
Das Windpferd und die Gebetsfahne gehören damit eng zusammen. Das Windpferd ist das Herzstück der Fahne, und die Fahne ist der wichtigste Ort, an dem das Windpferd erscheint.
Die Gestalt des Windpferds ist genau bestimmt. Es ist ein Pferd, das auf seinem Rücken ein Kleinod trägt, und jeder Teil dieser Gestalt hat eine Bedeutung.
Das Pferd selbst steht für Schnelligkeit und für Bewegung. Es ist das Tier, das rasch und weithin trägt. Diese Eigenschaft macht es geeignet, Segen und Gebet zu befördern.
Auf dem Rücken trägt das Pferd ein Kleinod, häufig in Gestalt von leuchtenden Edelsteinen oder eines flammenden Juwels. Dieses Kleinod steht für die kostbaren Gaben, die das Windpferd bringt.
Das Kleinod wird als wunscherfüllendes Juwel verstanden. Es ist ein Bild für die Erfüllung von Wünschen, für Wohlergehen und für die Gaben der Lehre.
Das Windpferd vereint damit zwei Bilder. Das Pferd ist der rasche Träger, das Kleinod ist die kostbare Gabe. Gemeinsam ergeben sie das Bild eines Boten, der Segen und Glück bringt.
Die vier Tiere in den Ecken der Fahne ergänzen dieses Bild. Sie stehen für weitere günstige Kräfte und umgeben das Windpferd als die Mitte der Darstellung.
Das tibetische Wort Lungta bezeichnet nicht nur das Bildmotiv des Windpferds. Es benennt zugleich eine Vorstellung von der günstigen Lebenskraft des Menschen.
In der tibetischen Vorstellung besitzt jeder Mensch eine Art innere Lebenskraft oder ein Glückspotential. Dieses Lungta kann stark oder schwach sein und sich verändern.
Ist das Lungta eines Menschen stark, so gelingen ihm seine Vorhaben, und das Glück ist ihm günstig. Ist es schwach, so häufen sich Hindernisse und Missgeschick.
Das Windpferd auf der Gebetsfahne ist ein Bild dieser Lebenskraft. Das Aufhängen der Fahne und das Wehen des Windpferds sollen das Lungta des Menschen stärken und heben.
Das Wort Lungta verbindet damit das Bild und die Vorstellung. Das Windpferd ist das sichtbare Bild für eine unsichtbare Lebenskraft, die denselben Namen trägt.
Diese doppelte Bedeutung macht das Windpferd zu einem dichten Zeichen. Wer eine Windpferd-Fahne aufhängt, sorgt im Bild für das Windpferd und zugleich für seine eigene günstige Lebenskraft.
Beim Windpferd ist der Wind nicht nur ein Teil des Namens. Der Wind hat eine eigene, wichtige Bedeutung für die Wirkung der Gebetsfahnen.
Die Gebetsfahnen werden bewusst an windreichen Orten aufgehängt, an Pässen, auf Anhöhen und an Brücken. Dort bewegt der Wind die Fahnen ohne Unterlass.
Nach der tibetischen Vorstellung trägt der Wehende Wind den Segen und die Gebete der Fahne mit sich. Jedes Mal, wenn der Wind die Fahne bewegt, wird ihr Segen gleichsam verbreitet.
So gelangt der Segen über die Fahne hinaus in die Weite. Der Wind trägt ihn über das Land, zu den Menschen, zu den Wesen und in alle Richtungen.
Das Windpferd ist in diesem Bild der Bote. Wie ein rasches Pferd trägt es, getragen vom Wind, den Segen und die Gebete hinaus in die Welt.
Der Wind macht damit aus der Gebetsfahne ein wirksames Zeichen. Die Fahne wirkt nicht durch ihr bloßes Dasein, sondern indem der Wind sie bewegt und ihren Segen verbreitet.
Das Windpferd gehört zu den Glückssymbolen. Seine schützende Bedeutung ist von dieser Stellung als Glücks- und Segenszeichen her zu verstehen.
Das Windpferd wehrt nicht im engeren Sinn ein Übel ab. Es ist kein Schreckbild und kein abwehrendes Amulett. Seine Wirkung ist die eines günstigen, segensbringenden Zeichens.
Der Schutz, der vom Windpferd ausgeht, ist damit ein Schutz durch das Gute. Indem das Windpferd die Lebenskraft stärkt und Segen verbreitet, soll es das Leben in eine günstige Richtung lenken.
Ein starkes Lungta gilt zudem als Schutz gegen Hindernisse und gegen Missgeschick. Wer in seiner Lebenskraft gestärkt ist, dem sollen schädliche Einflüsse weniger anhaben.
Das Windpferd schützt damit, indem es das Glück und die Lebenskraft fördert. Es entzieht das Leben gleichsam dem Bereich des Missgeschicks, indem es das Günstige stärkt.
Das Windpferd ist damit ein gutes Beispiel für einen Schutz durch das Glück. Nicht die Abwehr eines Übels, sondern die Förderung der günstigen Lebenskraft ist hier das Mittel des Schutzes.
Das Windpferd entfaltet seinen Sinn vor allem im Aufhängen der Gebetsfahnen. Dieses Aufhängen folgt im tibetischen Buddhismus bestimmten Bräuchen.
Gebetsfahnen werden zu vielen Anlässen aufgehängt, beim tibetischen Neujahrsfest, bei einem Vorhaben, bei Krankheit oder beim Beginn eines neuen Lebensabschnitts.
Für das Aufhängen werden mitunter günstige Tage gewählt. Die tibetische Tradition kennt Berechnungen, nach denen sich bestimmte Tage besser für das Aufhängen eignen als andere.
Die Fahnen werden an hoch gelegenen, windreichen Orten angebracht, damit der Wind sie kräftig bewegt. Mit der Zeit verblassen sie und werden vom Wetter ausgebleicht.
Das Verblassen wird nicht als Verfall gesehen. Es gilt als Zeichen dafür, dass der Wind den Segen der Fahne nach und nach verbreitet hat. Verblasste Fahnen werden durch neue ergänzt.
Das Aufhängen der Fahnen zeigt damit, dass das Windpferd ein lebendiges, gebrauchtes Zeichen ist. Es wirkt nicht in einem Museum, sondern im Wind, an den hohen Orten der tibetischen Landschaft.
Das Windpferd ist im tibetischen Buddhismus bis heute außerordentlich gegenwärtig. Die Gebetsfahnen mit dem Windpferd sind ein vertrauter Anblick in den Ländern des tibetischen Buddhismus.
An Pässen, an Brücken, auf Dächern und an heiligen Orten wehen die Fahnen unverändert im Wind. Das Aufhängen neuer Fahnen ist ein lebendiger, gepflegter Brauch geblieben.
Über die tibetische Welt hinaus sind die Gebetsfahnen mit dem Windpferd zu einem weithin bekannten Bild geworden. Mit dem Interesse am tibetischen Buddhismus haben sie weite Verbreitung gefunden.
In dieser weiteren Verbreitung werden Gebetsfahnen auch im Westen aufgehängt und als Schmuck verwendet. Die genaue Bedeutung des Windpferds tritt dabei mitunter in den Hintergrund.
In dieser Verwendung wird das Windpferd oft allgemein als ein Zeichen des Friedens, des Glücks oder der tibetischen Kultur verstanden. Seine genaue Einbindung kann dann verloren gehen.
In seinem Kern bleibt das Windpferd jedoch das, was es immer war, das Lungta der Gebetsfahnen, das für die günstige Lebenskraft steht und den Segen durch den Wind in die Weite trägt.
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