Vesta, römische Göttin des Herdfeuers
Vesta ist die römische Göttin des Herdfeuers und des Staatskults. Ihr Heiligtum auf dem Forum Romanum gehörte zu den ältesten und politisch wichtigsten Roms. Das in ihrem Tempel ununterbrochen brennende Feuer galt als Garant für das Wohl der Stadt.
Verwaltet wurde der Kult von den Vestalinnen, einem geweihten Priesterinnen-Kollegium von höchstem rituellen Rang. Ihre Geschichte reicht bis in die Anfänge der italischen Religion zurück und endet erst mit der formalen Auflösung des Kultes im Jahr 391 unter Theodosius.
Inhaltsverzeichnis
Mythos und Herkunft
Vesta gehört zum ältesten Bestand der italischen Religion und ist sprachgeschichtlich mit der griechischen Hestia verwandt. Beide Namen lassen sich auf eine indogermanische Wurzel zurückführen, die das Brennen oder Glimmen bezeichnet.
Anders als die griechische Hestia entwickelte Vesta in Rom eine ausgeprägte staatlich-politische Dimension. Schon Numa Pompilius soll nach Livius den Vesta-Kult organisiert und das Kollegium der Vestalinnen eingerichtet haben. Plutarch berichtet vergleichbar in der «Numa»-Vita und betont die religiöse Ordnungskraft des sagenhaften Königs.
Der Mythos um Vesta selbst ist arm an Erzählungen. Sie tritt in der literarischen Tradition selten als handelnde Göttin auf, sondern erscheint als allegorische Verkörperung des Herdfeuers. Ovid widmet ihr in den «Fasten» einen ausführlichen Abschnitt zum Fest der Vestalia am 9. Juni und betont die Schwierigkeit, sich die Göttin bildlich vorzustellen.
Sie habe «nichts als das lebendige Feuer» und werde nicht in Statuen, sondern in der Flamme selbst verehrt. Diese Konzentration auf das nackte Element gibt Vesta in der römischen Religion eine theologische Sonderstellung.
Die enge Verbindung von Vesta mit den Penaten, den Schutzgöttern des Hauses, und mit dem Palladium, dem aus Troia geretteten Kultbild Minervas, machte sie zum Bezugspunkt des römischen Staatsmythos.
Vergil lässt Aeneas in der «Aeneis» mit Penaten und Vesta-Feuer aus Troia flüchten. Diese Verkettung von trojanischem Ursprung, staatlichem Herdfeuer und Schutzgöttern bildete die religiöse Selbstdeutung des augusteischen Rom.
In der italischen Vorgeschichte war das Hüten des Hausfeuers eine zentrale Aufgabe der jeweils unverheirateten Töchter des Hauses. Die Vestalinnen sind religionsgeschichtlich ein Spiegelbild dieser Praxis, überhöht in den Staatskult. Das archaische Modell des italischen Bauernhauses, in dem ein zentraler Herd das ganze Haus versorgte, ist im kreisrunden Tempel der Vesta architektonisch konserviert.
Symbole und Attribute
Vestas wichtigstes Symbol ist die Flamme. Das ewige Feuer in ihrem Tempel galt nicht als Bild, sondern als reale Präsenz der Göttin. Es wurde mit Holz vom heiligen Hain auf der Velia genährt und durfte unter keinen Umständen erlöschen.
Wenn es trotzdem ausging, was Cicero und Livius als gefährliches Vorzeichen schildern, musste es durch das Reiben zweier Holzstäbe oder durch Sonnenlicht und Brennglas neu entzündet werden, nie aus einer profanen Quelle. Diese Reinheitsvorschrift zeigt die theologische Stringenz des Kultes.
Daneben spielt das Wasser eine wichtige Rolle. Die Vestalinnen schöpften täglich Wasser aus der Quelle der Egeria oder aus dem Camenenbrunnen und durften es nicht auf dem Boden absetzen.
Dieses Wasser diente zur rituellen Reinigung des Tempels. Die Kombination von Feuer und Wasser, beides in reiner Form, machte Vesta zur Göttin der elementaren Existenzvoraussetzungen menschlichen Lebens.
Der heilige Hain Vestas bei Lavinium war Quelle der mola salsa, eines geweihten Salzmehls, das von den Vestalinnen aus Spelt und Salz hergestellt wurde.
Die mola salsa wurde bei öffentlichen Opfern auf Tier und Altar gestreut und gibt dem Wort «immolare», also «opfern», seinen Namen. Damit wurde fast jedes öffentliche Opfer durch ein vestalisches Produkt mitgeheiligt.
In der Bildkunst erscheint Vesta selten in personifizierter Form, am ehesten als verschleierte Matrone mit Schale und Fackel. Häufiger steht ihr ikonisches Zeichen, die Flamme auf einem Altar, im Mittelpunkt von Reliefs, Münzen und Wandbildern.
Auf vielen Kaiserzeit-Münzen ist Vesta thronend mit Patera und Szepter abgebildet, oft mit der Beischrift Vesta Mater oder Vesta Sancta. Diese ikonografische Zurückhaltung unterstreicht den abstrakten Charakter ihrer Verehrung.
Kult und Verehrung
Das Vesta-Heiligtum auf dem Forum, die Aedes Vestae, war ein kreisrunder Bau in der Nähe des Regia, des alten Amtssitzes des Pontifex Maximus. Daneben lag das Atrium Vestae, das Wohnhaus der sechs Vestalinnen.
Die Kreisform des Tempels nahm wahrscheinlich die archaische Hausform Latiums auf und symbolisierte damit den uralten italischen Wohnbau, in dessen Mitte das Herdfeuer brannte. Archäologische Grabungen haben mehrere Bauphasen identifiziert, von einer frühen Holzanlage bis zum marmornen Neubau Iulia Domnas im 3. Jahrhundert n. Chr.
Die Vestalinnen wurden im Alter zwischen sechs und zehn Jahren von einer Liste römischer Familien ausgewählt und vom Pontifex Maximus geweiht. Ihre Dienstzeit betrug dreißig Jahre. Sie unterstanden nicht der Patria Potestas ihres Vaters, durften Testamente verfassen und im Theater an besonderen Plätzen sitzen.
Diese rechtliche Sonderstellung war einzigartig in der römischen Gesellschaft. Im Gegenzug war ihre Keuschheit unantastbar. Verletzungen wurden mit Lebendbegraben in der Nähe der Porta Collina bestraft. Solche Fälle sind in der Quellenliteratur mehrfach belegt, etwa Cornelia unter Domitian und Postumia unter der Republik.
Das Hauptfest war die Vestalia vom 7. bis 15. Juni. In dieser Zeit war der Tempel ausnahmsweise auch für römische Hausfrauen geöffnet, die barfuss Opfer brachten. Am Schlusstag wurde der Tempel rituell gereinigt und die ausgekehrten Reste zum Tiber gebracht.
Der zugehörige Tag, der 15. Juni, galt anschließend als profanes Datum und durfte für Geschäfte genutzt werden. Auch der 9. Juni war besonders herausgehoben, weil Esel mit Brot bekränzt wurden, in Erinnerung an einen Esel, der Vesta vor einem Übergriff des Priapus gerettet haben soll.
Mit der religiösen Reform unter Augustus wurde der Vesta-Kult eng an das Kaiserhaus gebunden. Augustus übernahm das Pontifikat und ließ in seiner Residenz auf dem Palatin ein neues Vesta-Heiligtum errichten, damit Staat, Pontifikat und Kaiserhaus symbolisch verflochten waren.
Die Vesta-Präsenz im Palast unterstrich, dass der Princeps das ewige Feuer des Staates persönlich verbürgte. In der severischen Dynastie wurde der Kult durch Iulia Domna nochmals aufgewertet.
Der Kult wurde im Jahr 391 n. Chr. unter Kaiser Theodosius offiziell beendet. Das ewige Feuer wurde gelöscht, das Atrium Vestae geschlossen, und die letzten Vestalinnen verloren ihre Privilegien. Symeon Stylites und andere christliche Asketen wurden in der Spätantike teilweise als geistliches Echo der vestalischen Ideale gelesen, was die langanhaltende Strahlkraft der Institution unterstreicht.
Wichtige Mythen
Die Erzählung um Rhea Silvia und die Zwillinge Romulus und Remus ist das wichtigste mythische Bindeglied zwischen Vesta und Rom. Nach Livius war Rhea Silvia, die Mutter der Zwillinge, Vestalin in Alba Longa. Vom Kriegsgott Mars geschwängert, gebar sie die Gründer Roms und wurde gemäß dem strengen Recht der Vestalinnen zum Tode verurteilt.
Die Episode verbindet die strengste vestalische Disziplin mit der Geburt Roms und macht die Göttin so zur stillen Begleiterin der Stadtgründung. Im übertragenen Sinn gilt seither, dass die römische Geschichte selbst aus einer geweihten, dann verletzten Reinheit entspringt.
Eine zweite Erzählung berichtet von der Vestalin Tuccia, die unter dem Verdacht der Unkeuschheit stand. Um ihre Unschuld zu beweisen, schöpfte sie Wasser aus dem Tiber mit einem Sieb und brachte es ohne einen Tropfen Verlust zum Tempel. Plinius der Ältere und Augustinus referieren diese Wundererzählung, die im Mittelalter zur Allegorie keuscher Standfestigkeit wurde.
In Andrea Mantegnas «Triumph der Tugenden» und auf Vermeers «Allegorie der Malkunst» finden sich Anspielungen auf diese Episode.
Eine dritte Erzählung beschreibt die Rettung des Palladiums und des heiligen Feuers durch L. Caecilius Metellus im Jahr 241 v. Chr. Als der Vesta-Tempel brannte, drang Metellus in das Heiligtum ein und rettete die heiligen Pfänder.
Er verlor dabei sein Augenlicht und galt fortan als Held des Staatskults. Der Senat verlieh ihm das außergewöhnliche Recht, im Wagen zu den Versammlungen zu fahren. Die Episode bezeugt, wie sehr die Existenz des Staates an der Sicherheit des Vesta-Heiligtums hing.
Eine vierte Erzählung handelt von der Vestalin Aemilia, die ihr Verschulden am ausgegangenen Feuer durch ein Wunder kompensieren konnte. Sie warf ihren Schleier über den erloschenen Altar, woraufhin die Flamme von selbst neu entzündet wurde. Dionysios von Halikarnass berichtet diese Erzählung, die das Vertrauen in das göttliche Eingreifen zugunsten reiner Priesterinnen verdeutlicht.
Beziehungen im Pantheon
Vesta steht eng mit den Penates Publici, den öffentlichen Schutzgöttern Roms, in Verbindung. Beide bilden zusammen den engsten Kreis der Staatsgottheiten.
Sie ist zudem mit Iuppiter eng verkoppelt, da das Vesta-Feuer als das Feuer des höchsten Gottes gedeutet wurde und der Pontifex Maximus zugleich Aufseher des Vesta-Kultes war. Diese Personalunion machte Vesta zur staatstheologisch wichtigsten Göttin Roms.
Mit Iuno teilt Vesta die Sorge um Frauen, Familie und Geburt, jedoch in radikal anderer Ausrichtung. Während Iuno die Ehe schützt, repräsentiert Vesta die geweihte Jungfräulichkeit. Mit Minerva verbindet sie das Palladium, das im Vesta-Tempel verwahrt wurde, sowie der Aspekt staatlich gehüteten Wissens.
Im hellenistischen Synkretismus wurde Vesta mit Hestia identifiziert, blieb aber durch ihre ausgeprägt staatliche Funktion eigenständig.
Eine Parallele zu altorientalischen Feuergöttinnen wie Tabiti in skythischer Religion oder dem indo-iranischen Atar wurde von der Religionsgeschichte oft diskutiert, ist aber genealogisch nicht unmittelbar nachweisbar. Die Forschung sieht hier eher typologische Verwandtschaft auf der Grundlage einer indogermanischen Prädisposition zur Feuerverehrung.
Vesta und Iuppiter Pistor erscheinen im Festkalender gemeinsam beim Backopferritus, das die Reinheit des Mehls für das Opferbrot sichert. Diese seltene Verbindung verdeutlicht, dass das Mehl als sakrales Mediumzwischen Herd und Altar verstanden wurde. Die Kombination wurde in der Forschung von Robert Schilling als Beleg für einen archaischen Komplex aus Feuer, Mehl und Vorratswirtschaft gedeutet.
Eine seltene Verschmelzung zeigt sich mit der hellenistischen Hestia, deren Mythos in römischen Texten meist diskret verschwiegen wird, weil das Vorhandensein eines Vater-Tochter-Verfolgungsmotivs der archaischen römischen Vesta-Würde widersprochen hätte. Ovid spielt dieses Spannungsfeld in den «Fasten» bewusst aus, indem er griechische Erzählungen einbaut, sie aber stets durch eine römische Wendung dimmt.
Rezeption und Wirkung
Vesta blieb in der Bildkunst der Spätantike und Renaissance ein Symbol für Reinheit und stille Macht. Allegorien der Keuschheit, der Treue und der Standhaftigkeit wurden im 16. und 17. Jahrhundert häufig in dianisch-vestalischer Tonart gestaltet. Die Figur Tuccias mit dem Sieb wurde zum bevorzugten Motiv in Emblembüchern und auf Triumphwagen.
Im Klassizismus tritt das Bild der Vestalin in den Vordergrund. Antonio Canova schuf mehrere Skulpturen, die das Ideal einer reinen, ernsten Priesterin zeigen.
Auch in den Werken Jacques-Louis Davids und der französischen Revolutionsallegorik wurde die Vestalin zur Patronin republikanischer Tugend stilisiert. Maria Antonia von Habsburg-Lothringen ließ sich im Jahr 1769 in einem vestalischen Bildprogramm verewigen, das die augusteische Tugend-Theologie aufgreift.
In der Moderne wurde Vesta durch das Wort «Vestalin» zur sprichwörtlichen Metapher für keusche Pflichterfuellung. Die Astronomie nannte 1807 den vierten entdeckten Asteroiden Vesta, was die Position der Göttin als bewahrende, ordnungsstiftende Macht symbolisch fortschrieb.
Die Astrologie greift die Bedeutung des hütenden Feuers heute als Symbol fokussierter Selbsthingabe auf. Die NASA-Sonde Dawn lieferte 2011 erstmals detaillierte Bilder dieses Asteroiden.
Im Mittelalter blieb Vesta als Allegorie weiter präsent. Dante nennt sie im Convivio II als Sinnbild der Kontinuität und der häuslichen Treue. In der Renaissance erschien sie auf zahlreichen Hochzeitstruhen als Hüterin des heiligen Feuers, oft in Verbindung mit Diana als allegorisches Paar der weiblichen Tugend.
Im Barock wurde der Vestatempel-Typus in Architekturzitaten verwendet, etwa von Andrea Palladio in seinem Tempietto-Entwurf und von Donato Bramante im Tempietto von San Pietro in Montorio.
In der modernen Astronomie ist Vesta einer der vier ersten entdeckten Asteroiden. Heinrich Olbers benannte den 1807 entdeckten Planetoiden nach Vorschlag von Carl Friedrich Gauss.
Die Sonde Dawn der NASA umkreiste Vesta 2011 bis 2012 und kartierte ihre kraterreiche Oberfläche. Auch eine Reihe von Marken- und Firmennamen, von der italienischen Roller-Marke Vespa bis zu skandinavischen Streichholzherstellern, leitet ihren Namen aus dem Vesta-Komplex ab.
Religionswissenschaftliche Einordnung
Robert Schilling und Kurt Latte ordnen Vesta in den Kreis der häuslichen Schutzgöttinnen Latiums ein, deren Funktion im römischen Staat zum öffentlichen Kult ausgebaut wurde. Aus dieser Sicht ist die Aedes Vestae die kultische Vergrößerung des bauernhausartigen Herdraums in den Staat hinein.
Georges Dumézil sieht in Vesta die Verkörperung der ersten der drei indogermanischen Funktionen, also der priesterlich-juristischen Souveränität, und vergleicht sie typologisch mit der vedischen Aramati.
Mary Beard hat in einflussreichen Studien die soziale Stellung der Vestalinnen analysiert und gezeigt, dass deren rechtliche Sonderstellung ein bewusstes Konstrukt war, das die Trennung von «normaler» Weiblichkeit und religiöser Funktion markiert.
John Scheid hebt die enge Verbindung von Vesta-Kult und Pontifikat hervor, die das Vesta-Heiligtum zu einer der wenigen Stellen machte, an denen Staat und Religion in unmittelbarer Personalunion zusammenfielen.
Jörg Rüpke ordnet die augusteische Reform als Verschiebung der religiösen Souveränitätsperspektive ein, weil das Kaiserhaus an die Stelle der Republik trat. Robin Lorsch Wildfang hat in einer Monografie von 2006 die Vestalinnen umfassend rekonstruiert und das archäologische Material neu gesichtet.
Atrium Vestae und Heiligtum
Der Tempel der Vesta auf dem Forum Romanum war ein runder, von zwanzig Säulen umgebener Bau mit konischem Dach und einer Öffnung im Scheitel, durch die der Rauch des heiligen Feuers entweichen konnte.
Die Rundform war im römischen Tempelbau einzigartig und wurde von Antiquaren wie Plutarch und Festus als Hinweis auf die archaische Hirtenherkunft der Göttin gedeutet. Ovid berichtet in den «Fasten» VI, dass das ursprüngliche Heiligtum eine schlichte Strohhütte war, die im Stadtgrund von Romulus selbst errichtet wurde. Die spätere Stein- und Marmorausführung bewahrte das archaische Grundformat.
Das angrenzende Atrium Vestae diente als Wohnsitz der sechs Vestalinnen. Es war ein dreistöckiger Komplex mit Innenhof, Brunnen und Statuengalerie. Eine große Anzahl Standbilder der Oberinnen, der Virgines Maximae, ist im 19. Jahrhundert ausgegraben worden und bezeugt die hohe gesellschaftliche Stellung dieses Amts.
Die Anlage war eine der wenigen Frauenraumeinrichtungen im öffentlichen Zentrum Roms und stand unter dem direkten Schutz des Pontifex Maximus. In den Kellern verbargen sich nach antiker Vorstellung die Penaten der Stadt und das Palladium, ein heiliges Athena-Bild, das angeblich aus Troia stammte.
Innerhalb des Tempels brannte das ignis perpetuus auf einem zentralen Herd. Sein Erlöschen galt als prodigium, ein Vorzeichen schwersten Unheils, das nur durch ein Sühnopfer und das Neuentzünden des Feuers mittels Reibhölzern aus dem Holz eines schicksalsschweren Baumes geheilt werden konnte.
Die Bauinschriften an den Mauern der Anlage, vor allem die Inschrift CIL VI 32421 mit der Liste der vom Senat geehrten Vestalinnen, geben einen detaillierten Einblick in das Amt.
Vestalinnen, Amt und Strafrecht
Die sechs Vestalinnen wurden zwischen ihrem sechsten und zehnten Lebensjahr aus patrizischen, später auch plebejischen Familien ausgewählt. Sie versprachen ein Keuschheitsgelübde für dreißig Jahre, das in einer feierlichen Captio-Zeremonie durch den Pontifex Maximus vollzogen wurde.
Nach Ablauf der Frist konnten sie heiraten oder im Atrium Vestae verbleiben. Die Vestalinnen genossen Immunität vor Gericht, durften Testamente eigenständig verfassen, hatten lictoresgleiche Vortritte auf der Straße und wurden, wenn sie zufällig auf einen Verurteilten trafen, mit dessen Begnadigung verbunden.
Verstöße gegen das Keuschheitsgelübde galten als Hochverrat gegen den Staat, weil das heilige Feuer mit der Reinheit der Vestalinnen verknüpft war.
Die Strafe war die Lebendigbestattung am Campus Sceleratus in der Nähe der Porta Collina, wie sie Livius mehrfach beschreibt, etwa im Fall der Minucia 337 v. Chr. oder der Cornelia unter Domitian 91 n. Chr.
Diese Strafe wurde nicht durch Henkershand vollzogen, weil das Blut einer Vestalin nicht vergossen werden durfte; stattdessen wurden die Verurteilten in eine unterirdische Kammer mit Brot, Wasser und Lampe eingesperrt, in der sie verhungern mussten.
Die ungeheure rituelle Strenge dieses Vorgehens hat Mary Beard in ihrer Studie zur Vesta-Religion als Ausdruck einer paradoxen Doppelstellung gedeutet, in der die Vestalinnen zugleich vom Volk geliebt und in extremer ritueller Gefahr lebten.
Die Vestalinnen besorgten neben dem Hüten des Feuers das Anfertigen der Mola Salsa, einer geweihten Mehl-Salz-Mischung, die bei öffentlichen Opfern auf die Stirn des Opfertiers gestreut wurde.
Sie aufbewahrten die Penaten und das Palladium, sammelten das Wasser der Egeria-Quelle aus dem Heiligtum der Camenae und vollzogen die Aufgabe der Fordicidia, eines Fruchtbarkeitsritus im April. Diese vielfältigen Aufgaben verbanden ihren Dienst mit den drei zentralen Aspekten von Feuer, Reinheit und Fruchtbarkeit.
Vestalia und Festkalender
Die Vestalia vom 7. bis 15. Juni waren das Hauptfest der Göttin. Am ersten Tag öffneten sich die Penus Vestae, ein gewöhnlich verschlossenes Innenheiligtum, für die Matronen Roms, die barfuss eintraten und Brotkuchen darbrachten.
Ovid berichtet in den «Fasten» VI, 311 ff. von der Mythologisierung der Festtage durch eine Episode, in der Vesta dank Silen vor dem zudringlichen Priapus gewarnt wurde.
Am letzten Tag wurde der Vestatempel feierlich gereinigt und der angesammelte Kehricht über die Cloaca Maxima ins Tiberbett gegeben. Dieser Reinigungstag, Q. St. D. F. (quando stercus delatum fas) genannt, durfte erst nach dem Auskehren als wieder rechtmäßig für Geschäfte gelten.
Der 9. Juni galt als Eseltag, weil der Esel als Helfer der Vesta in der Mythologie eine Rolle spielte. Esel, die in Roms Backstuben das Mahlrad drehten, bekamen an diesem Tag Brotkränze umgehängt und durften nicht arbeiten.
Diese Geste ist Beispiel der archaischen Verknüpfung von Göttin, Hauswirtschaft und Tier. Das Fest war zugleich Patrozinium der Pistores, der Brotbäcker, deren Berufsverband in Rom eigene Wahlen am Vestatag durchführte.
Im Jahreszyklus erscheint Vesta in zahlreichen weiteren Festen, ohne dass ihr Name in den Festkalendern direkt vermerkt wäre. Beim Antrittsritus eines neuen Pontifex Maximus, bei der Erneuerung des Feuers am 1. März, dem alten römischen Neujahr, und bei den Vestalia.
Die Iden des Marz galten als Tag, an dem das Vestafeuer erneuert wurde, oft mit feuerkriegerischer Bedeutung. Diese Überblendung mit dem Mars-Kalender ist ein Beleg für die alte Verbindung von Herdfeuer und Stadtschicksal.
Symbole, Eid und Recht
Im Eidwesen war Vesta höchste Instanz, vor allem für Eide über innerstaatliche Treue. Cicero schwört in seinen Reden mehrfach «per Vestam», eine Formel, die als bindender als andere Götteranrufungen galt.
In Verfahren wegen Hochverrat war ein Vesta-Eid die höchste Schwurform, was die enge Verzahnung von Göttin, Staat und Recht bezeugt. Auch Verträge wurden vor dem Vestatempel oder mit symbolischer Bezugnahme auf das ignis perpetuus geschlossen.
Der Eid stand im Hintergrund auch des Adoptionsrechts, da die Vesta-Penaten den genealogischen Schutz der Familie verbürgten. Cicero und Plinius erwähnen, dass jeder neuverheiratete Mann eine kleine Vesta-Schale ins eheliche Atrium stellte. Diese praktische Frommigkeit der oberen Schichten ist epigraphisch durch zahlreiche Hausalter mit Vesta-Inschriften bezeugt, vor allem in Pompeji und Herculaneum.
Quellen und weiterführende Literatur
Antike Quellen: Vergil «Aeneis», Ovid «Fasten», Livius «Ab urbe condita», Cicero «De natura deorum» und «De legibus», Plutarch «Numa», Plinius «Naturalis historia», Augustinus «De civitate Dei», Dionysios von Halikarnass «Römische Altertümer».
Forschungsliteratur: Robert Schilling, «Rites, cultes, dieux de Rome», Paris 1979. Kurt Latte, «Römische Religionsgeschichte», München 1960. Georges Dumézil, «La religion romaine archaïque», Paris 1966. Mary Beard, «The Sexual Status of Vestal Virgins», JRS 1980. Robin Lorsch Wildfang, «Rome’s Vestal Virgins», London 2006. John Scheid, «An Introduction to Roman Religion», Edinburgh 2003. Jörg Rüpke, «Die Religion der Römer», München 2001.





