Vanth ist in der etruskischen Religion eine geflügelte Dämonin der Unterwelt, die als Begleiterin der Toten und Bote des Schicksals erscheint. Anders als der männliche Dämon Charun ist sie oft weniger bedrohlich dargestellt, eher als Schicksalsbotin und Gefährtin. Diese Darstellung beschreibt ihre religionswissenschaftliche Stellung im etruskischen Eschatologie-System.
Vanth gehört wie Charun zu den prominenten Dämonen der etruskischen Unterwelt. Sie ist häufig als Begleiterin der Toten oder als Schicksalsbotin dargestellt. In der etruskischen Eschatologie hat sie einen festen Platz und erscheint oft gemeinsam mit Charun in Trennungs- und Geleit-Szenen.
Larissa Bonfante und Erika Simon haben Vanth in ihren Werken zur etruskischen Religion behandelt. Sie ist in der etruskischen Bildkunst eine häufige Figur, oft auf Sarkophagen und in Grabmalereien.
Die etruskische Religion, in der die geflügelte Totengeleiterin Vanth ihren Platz hat, ist religionswissenschaftlich gerade deshalb ergiebig, weil sie zwischen griechisch-mediterraner und italisch-römischer Überlieferung steht.
Massimo Pallottino, Jacques Heurgon, Sybille Haynes, Mauro Cristofani und Giovanni Colonna haben in ihren Untersuchungen herausgearbeitet, dass es sich dabei um eine eigenständige Tradition handelt und nicht um einen bloßen Ableger.
Dass Vanth eine genau umrissene Aufgabe als Totengeleiterin erfüllt, passt zu einer etruskischen Theologie, die ihr Pantheon stark strukturierte und Funktionen verteilte. Die ältere Rede vom ‚mysteriösen‘ oder ‚fremdartigen‘ Götterglauben der Etrusker trifft nicht zu: Es handelt sich um eine eigenständige Variante mediterraner Religion.
Vanth zeigt exemplarisch, wie die Etrusker in der italischen Religionsgeschichte zwischen griechischen Anregungen und der sich bildenden römischen Religion vermittelten. Diese Brückenfunktion macht ihre Überlieferung wissenschaftlich besonders aufschlussreich.
Vanths gefiederte Gestalt wurde früher rasch mit griechischen Vorbildern gleichgesetzt. Die religionsethnologische Forschung der vergangenen Jahrzehnte hat die etruskische Religion jedoch als geschlossenes, eigenständiges System anerkannt und die frühere Neigung, sie als ‚derivativ‘ von der griechischen Religion abzuleiten, durch eine genauere Betrachtung abgelöst.
Der Name Vanth ist auf etruskischen Bildwerken und Inschriften belegt. Eine sichere etymologische Bedeutung ist nicht rekonstruiert. Helmut Rix‘ Editio Minor dokumentiert die Belege.
Vanth erscheint manchmal pluralisch, was darauf hindeutet, dass es mehrere Vanth-Dämoninnen gab, ähnlich wie es mehrere Charun-Dämonen gab. Diese Pluralität ist religionsphänomenologisch interessant.
Vanths Name begegnet auf etruskischen Bildwerken, ist aber in einer Sprache geschrieben, die als sprachfamilial isoliert gilt oder zu einer angenommenen ‚tyrsenischen‘ Familie mit dem Lemnischen und dem Rätischen gehören könnte. Seit dem 19. Jahrhundert arbeitet die Forschung an der Entzifferung dieser Texte, ohne sie abschließen zu können.
Helmut Rix‘ Editio Minor bildet die grundlegende epigrafische Sammlung des etruskischen Sprachkorpus und dokumentiert auch die Inschriftenbelege für Vanth. Heute treten der Thesaurus Linguae Etruscae und die Online-Datenbank ETP (Etruscan Texts Project) ergänzend hinzu.
Die Herkunftsfrage der Etrusker bleibt ungeklärt: Herodot dachte an eine Einwanderung aus Lydien, Dionysios von Halikarnass an eine einheimisch-italische Entstehung. Für das Verständnis von Gestalten wie Vanth ist das religionshistorisch relevant, weil damit mögliche Bezüge zu kleinasiatischen Kulten zur Debatte stehen.
Die enge Verzahnung von Sprach- und Inschriftenforschung kommt auch der Vanth-Überlieferung zugute: Die digitale Edition etruskischer Texte im ETP (Etruscan Texts Project) macht vergleichende Studien deutlich einfacher. Marie-Laurence Haack und Vincent Jolivet haben hier richtungweisende Beiträge geleistet.
Vanth wird in der etruskischen Kunst als geflügelte Frau dargestellt, oft mit Fackel oder Schlüssel. Ihre Gefieder-Flügel unterscheiden sie deutlich vom griechischen Charon-Typus und stellen sie in die Nähe griechischer Erinyen-Furien oder Eros-Figuren. Die Verbindung mit dem Schlüssel verweist auf ihre Funktion als Hüterin der Unterwelt-Tore.
Auf etruskischen Sarkophagen und Grabmalereien (Tomba dei Vipinana in Tarquinia) erscheint Vanth in zahlreichen Szenen. Ihr Gewand ist oft kurz und gegurtet, was Bewegungsfreiheit suggeriert. Larissa Bonfante hat diese Ikonografie detailliert untersucht.
Vanth ist vor allem über Bildwerke fassbar, und die etruskische Bildkunst erweist sich religionsphänomenologisch als ausgesprochen ergiebig: Spiegel, Vasen, Grabmalerei und Bronzen bilden die Hauptquellen. Larissa Bonfante hat diese Bildsprache in ihren Arbeiten als eigenständige Tradition gewürdigt, nicht als bloßen Ableger.
Vanth erscheint häufig in der etruskischen Grabmalerei von Tarquinia, Cerveteri und Vulci, die zu den erstrangigen Quellen etruskischer Religion und Eschatologie zählt. In ihren Bankett-, Tanz- und Musikbildern sowie mythologischen Episoden wird das Jenseits als Weiterführung des Lebens gezeigt.
Vanth tritt häufig gemeinsam mit Charun in Geleitszenen auf, was den Hang der etruskischen Ikonografie zu mehrfigurigen Szenen, narrativen Bezügen und symbolischen Verdichtungen belegt. Diese Bildersprache bildet ein eigenes Arbeitsfeld der etruskischen Religionsikonografie.
Vanth erscheint mitunter pluralisch und neben weiteren Gestalten, was die narrative Dichte der etruskischen Bildkunst belegt: Ein einziger Spiegel oder eine Vase kann mehrere mythologische Bezüge gleichzeitig tragen. Diese Verdichtung zwingt die Forschung zu sorgfältiger Kontextanalyse.
Vanth ist Teil des komplexen etruskischen Unterwelt-Systems. Sie begleitet die Toten zur Unterwelt, manchmal allein, oft zusammen mit Charun. Ihre Funktion ist eher die einer ‚Schicksalsboten‘ als eines aktiven Tödlich-Wirkenden: Sie kommt, wenn die Zeit gekommen ist, und geleitet.
Jean-Rene Jannot beschreibt die etruskische Unterwelt-Vorstellung als gut strukturiertes System mit klar zugewiesenen Dämonenfunktionen. Vanth ist innerhalb dieses Systems die weibliche Begleiterin, während Charun der männliche Vollstrecker ist.
Die etruskische Mythologie liegt nicht in durchgeformten Erzähltexten vor, wie sie die griechische und römische Tradition kennt. Das Bild Vanths ergibt sich erst aus der Zusammenschau von Bildquellen, Inschriften und griechisch-römischer Sekundärüberlieferung, eine Quellenlage, die methodische Vorsicht erfordert.
Das Verhältnis von etruskischer und griechischer Mythologie ist vielschichtig: Einerseits adaptierten die Etrusker griechische Mythen um Achilleus, Odysseus oder Ödipus, andererseits prägten sie sie eigenständig um. Vanth, die kein genaues griechisches Gegenstück hat, zeigt diese Eigenprägung; die Adaption wird intensiv erforscht.
Vanth erscheint regelmäßig gemeinsam mit Charun, was zu einem Grundzug etruskischer Theologie passt: dem Götterrat (consensus deorum). Selbst Tinia handelt nicht allein, sondern berät sich mit anderen Göttern. Dieses Konzept gilt religionsphänomenologisch als Spezifikum.
Da die mythologische Tradition der Etrusker nicht in geschlossenen Erzählungen vorliegt, muss auch Vanths Funktion aus Bildszenen, Inschriften und Sekundärquellen rekonstruiert werden. Bewährt hat sich dabei die Verbindung von etruskischer Beischrift, griechischem Bildvorbild und kontextueller Lesung, die sorgfältige Interpretation erfordert.
Vanth-Erzählungen sind primär bildlich überliefert. Auf Sarkophagen und Grabmalereien erscheint sie in Trennungsszenen: Der Tote nimmt Abschied von den Lebenden, Vanth führt ihn fort. In einigen Darstellungen sitzt sie in nachdenklicher Pose auf einem Stein und wartet auf den Tod eines Menschen.
In der etruskischen Adaption griechischer Mythen erscheint Vanth manchmal in Szenen, in denen sie keine griechische Entsprechung hat – etwa beim Tod des Achilleus. Diese eigenständige Einfügung dokumentiert die religiose Spezifik der etruskischen Tradition.
Die Disciplina Etrusca, das etruskische Wahrsagesystem, umfasste Eingeweideschau (haruspicina), Blitzdeutung (fulguratio) und Vogelschau (auspicia). Von den Etruskern an die Römer weitergegeben, blieb sie bis ins 4. Jahrhundert n. Chr. lebendige Praxis und wurde von Cicero und Seneca ausführlich dargestellt.
Spezialisierte Priesterschulen gaben die Disciplina Etrusca weiter. Ihre wichtigsten Texte waren die Libri Rituales, die Libri Haruspicini und die Libri Fulgurales. Sie sind nicht erhalten, doch durch Zitate bei Cicero, Festus und Macrobius teilweise wiederherstellbar.
Stadtbezogenheit prägte den etruskischen Kult: Tarquinia, in dessen Gräbern Vanth häufig erscheint, hatte eigene Hauptkulte und religiöse Besonderheiten, ebenso Caere, Vulci, Veji, Clusium, Volsinii, Cortona, Perugia, Arezzo, Volterra, Populonia und Roselle.
Die Disciplina Etrusca bildet ein kohärentes religiös-divinatorisches System und zählt zu den hochentwickelten Wahrsagepraktiken der Antike. Von den Römern systematisch übernommen, blieb sie bis in die späte Antike praktiziert, eine historisch beachtliche Kontinuität.
Vanth wurde wie Charun nicht in dem Sinne ‚verehrt‘, wie die olympischen Atua. Ihr Bezug war primär im Kontext von Beerdigungen: Vanth-Bilder schmückten Sarkophage und Aschenurnen, Vanth-Formeln wurden möglicherweise in Bestattungsritualen gesprochen.
Die Beigabe von Vanth-Bildern in Gräbern hatte eine sympathetische Funktion: Sie sollte dem Toten den Weg in die Unterwelt erleichtern und die Anwesenheit der Dämonin gegenwärtig machen.
Architektonisch sind die etruskischen Tempel eigenständig: Der Tuscanus-Stil stellt eine eigene Säulenordnung dar, die Vitruv in De Architectura schildert. Die Grundrisse heben Cella und eine breite Frontalhalle hervor und weichen damit klar von griechischen Vorbildern ab.
Die etruskischen Tempel waren häufig monumental angelegt. Als architektonisches Zeugnis etruskischer Religiosität im frühen Rom gilt der Iuppiter-Tempel auf dem Capitolium, den etruskische Architekten und Künstler, vor allem Vulca aus Veji, schufen.
Jährlich kam die etruskische Liga der zwölf Städte am Fanum Voltumnae bei Volsinii zu religiöser und politischer Versammlung zusammen. Voltumna, der Bundesgott des etruskischen Staatenbundes, hatte dabei übergeordnete religiöse Bedeutung.
Etruskische Tempel ruhten oft auf Tuffstein-Fundamenten, trugen Oberbauten aus Holz und waren mit Terrakotta verziert. Die berühmte Apollon-Statue von Veji, ein Werk des Vulca, gilt als architektonisches und religiöses Hauptzeugnis dieser Tradition.
Vanth wurde in Schutzkontexten primär in Beerdigungs- und Trauerritualen angerufen. Sie war keine ‚Beschützerin‘ im positiven Sinn, sondern eine notwendige Begleiterin im Übergang vom Leben zum Tod.
Apotropäische Praktiken gegen vorzeitiges Erscheinen Vanths sind weniger belegt als bei Charun. Insgesamt wirkt sie weniger bedrohlich, eher als naturgegebene Schicksalsmacht.
Zahlreiche apotropäische Symbole gehörten zur etruskischen Schutzpraxis: Phallusamulette, Gorgoneion-Bilder, Augensymbole, Bullae und bestimmte Formeln. Die Bildsprache dieser Schutzsymbole hat Larissa Bonfante in Etruscan Mirrors (1980 ff.) erschlossen.
Weit verbreitet waren in der etruskischen Kultur apotropäische Symbole wie das Auge des Tinia, Phallusamulette und Gorgoneia. Sie zierten Tempel, Gräber, Hausschreine und persönliche Gegenstände; im römischen und mediterranen Volksglauben wurde diese Praxis fortgeführt.
Die etruskische Schutzpraxis stand in engem Zusammenhang mit der Disciplina Etrusca. Vor wichtigen Vorhaben wie Stadtgründung, Kriegszug oder Hausbau wurde regelmäßig divinatorisch konsultiert.
In der etruskischen Religion sind Schutztradition und Disciplina Etrusca eng verknüpft. Wer ein Schutzritual vollzog, zog häufig zugleich einen Haruspex oder Augur hinzu. Diese institutionelle Verbindung ist wissenschaftlich charakteristisch.
Vanth lässt sich religionsvergleichend mit den griechischen Erinyen (Furien), mit den nordischen Walküren, mit der christlichen ‚Heiligen Beerdigung‘-Tradition oder mit den iranischen Daenas vergleichen. Allen ist gemein, dass sie weibliche Begleiterinnen der Toten oder Schicksalsboten sind.
Die spezifisch etruskische Ausprägung Vanths ist die Verbindung von Flügeln, Fackel/Schlüssel und Begleiter-Funktion in einer Figur. Diese Verdichtung ist religionsphänomenologisch eigenständig.
Die interpretatio Romana legte den etruskischen Göttern römische Namen bei: Aus Tinia wurde Iupiter, aus Uni Iuno, aus Menrva Minerva. Diese Identifikation war meist selektiv, nicht vollständig; die Forschung der vergangenen fünfzig Jahre untersucht, was an etruskischer Eigenart fortbestand.
Anatolische, phönizische und nahöstliche Traditionen berühren sich vielfach mit der etruskischen Religion. Die phönizische Vermittlung dokumentieren die Pyrgi-Tafeln; diese transmediterrane Vernetzung ist ein wichtiger Forschungsbereich der vergangenen Jahrzehnte.
Im religionsvergleichenden Blick lässt sich der etruskische Kult der mediterranen Religionsfamilie zuordnen, verbunden mit Griechenland, Phönizien, Ägypten, Anatolien und Latium. Diese Vernetzung ist ein wichtiges Forschungsfeld.
Die Vanth-Forschung hat in den letzten 30 Jahren durch die systematische Auswertung etruskischer Sarkophage und Grabmalereien Fortschritte gemacht. Erika Simon, Cornelia Weber-Lehmann und Larissa Bonfante haben wichtige Beiträge geleistet.
Auch feministische Religionsgeschichte interessiert sich für Vanth als weibliche Schicksalsfigur, die nicht den klassischen ‚Mutter‘- oder ‚Geliebte‘-Stereotypen entspricht. Diese Perspektive eröffnet neue Lesarten.
Heute ist die etruskische Religion Gegenstand internationaler Forschung. Zu den wichtigen Zentren zählen die Universitäten Florenz, Rom Sapienza, Pisa, Tübingen und Princeton; jährlich behandeln mehrere internationale Kongresse einzelne Fragen dieser Religion.
Heutige internationale Forschungsprojekte zur etruskischen Religion arbeiten mit digitalen Methoden: 3D-Scans von Tempeln und Gräbern, Datenbanken zu Inschriften und Bildquellen sowie GIS-Analysen der etruskischen Siedlungsstruktur. Daraus ergeben sich neue Erkenntnisse.
Ausstellungen im Vatikanischen Museum, im Museo Nazionale Etrusco di Villa Giulia und im Boston Museum of Fine Arts vermitteln die heutige etruskische Forschung einem breiten Publikum, ebenso zahlreiche Publikationen.
Die wichtigsten Quellen zur Vanth-Forschung sind die etruskischen Sarkophage (Tarquinia, Volterra, Chiusi), die Grabmalereien, die Aschenurnen und die Inschriften. Larissa Bonfantes Etruscan Mythology bietet einen guten Überblick.
Eine vertiefte Einordnung in die etruskische Religionsgeschichte insgesamt zeigt, wie Vanth im Beziehungsgefüge mit Charun, Aita und anderen Unterweltswesen zu verstehen ist. Diese Vernetzung ist wissenschaftlich essentiell.
Heterogen ist die Quellenlage zur etruskischen Religion: Sie reicht von epigrafischen Zeugnissen wie Helmut Rix‘ Editio Minor über archäologische Funde und Bildquellen bis zur Sekundärliteratur. Diese Mehrquellensituation erfordert interdisziplinäres Arbeiten, weshalb die jüngere Forschung Philologie, Archäologie, Religionswissenschaft und Anthropologie systematisch zusammenführt.
Die Quellenkritik zur etruskischen Religion verlangt Kenntnis der etruskischen Eigenquellen ebenso wie der griechisch-römischen Sekundärüberlieferung. Diese Doppelperspektive ist anspruchsvoll, aber für eine angemessene religionshistorische Rekonstruktion unverzichtbar.
Wer die etruskische Religionsgeschichte vertieft einordnen will, braucht Kenntnis der epigrafischen, archäologischen und literarischen Quellen wie auch der modernen Religionswissenschaft. Eine solche mehrschichtige Auseinandersetzung ist Standard der Forschung.
Die wichtigste Quelle für Vanth ist nicht ein Text, sondern die Bildkunst der etruskischen Grabkammern. In den bemalten Gräbern von Tarquinia, etwa in der Tomba dell’Orco aus dem 4. Jahrhundert vor Christus, sowie in der Tomba Golini bei Orvieto erscheint Vanth als geflügelte weibliche Gestalt, die den Verstorbenen auf ihrem Weg in die Unterwelt begleitet.
Sie ist meist jugendlich dargestellt, oft mit nacktem Oberkörper, hohen Stiefeln und über die Schultern gelegten Bändern.
Charakteristisch sind ihre Attribute: eine brennende Fackel, mit der sie den dunklen Weg leuchtet, eine Schlange, die sie um den Arm gewunden trägt, und gelegentlich ein Schlüssel oder eine Schriftrolle. Die Flügel können aus den Schultern oder aus dem Rücken wachsen.
Anders als die griechischen Erinyen, mit denen sie bisweilen verglichen wird, wirkt Vanth in der Bildkunst nicht vorrangig bedrohlich, sondern eher als ruhige Geleiterin, die den Übergang begleitet, ohne ihn zu strafen.
Häufig tritt sie gemeinsam mit Charun auf, dem hammertragenden Unterweltsdämon, sodass die beiden ein wiederkehrendes Paar der etruskischen Jenseitsikonographie bilden. In Szenen von Schlachten oder Opferhandlungen, etwa der Tötung trojanischer Gefangener in der Tomba François bei Vulci, steht Vanth als Zeugin des Todes daneben. Wissenschaftlich ist bedeutsam, dass das gesamte Vanth-Bild aus dieser archäologischen Überlieferung rekonstruiert werden muss. Die Etrusker haben keine zusammenhängende Mythologie hinterlassen, die uns erhalten wäre, und so ist die Grabmalerei zusammen mit Reliefurnen und Spiegeln die eigentliche Primärquelle für alles, was über die Göttin gesagt werden kann.
Neben der Bildkunst sichern Inschriften die Existenz Vanths als benannte Gestalt. In mehreren Gräbern und auf Bronzespiegeln ist der Name vanθ in etruskischer Schrift unmittelbar neben der dargestellten Figur angebracht, was die ikonographische Identifikation auf eine feste Grundlage stellt.
Diese Beischriften sind methodisch entscheidend, weil sie eine geflügelte Frauengestalt zweifelsfrei als Vanth ausweisen und nicht einer modernen Deutung überlassen.
Ein auffälliges Phänomen ist, dass in einzelnen Darstellungen mehrere geflügelte Frauen erscheinen, die alle als Vanth beschriftet sein können oder die in Gruppen auftreten.
Dies hat in der Forschung die Frage aufgeworfen, ob Vanth ein individueller Name einer einzelnen Göttin ist oder eher die Bezeichnung einer Klasse von Unterweltswesen, ähnlich wie das griechische Wort für die Erinyen eine Gruppe meint.
Eine eindeutige Antwort lässt das Material nicht zu; die Forschung, etwa bei Ingrid Krauskopf und in den einschlägigen Beiträgen des Lexicon Iconographicum Mythologiae Classicae, hält beide Möglichkeiten offen.
Hinzu kommt, dass Vanth gelegentlich mit Beinamen oder in Verbindung mit anderen Wesensbezeichnungen erscheint, was auf eine differenzierte Vorstellung von Unterweltsdämonen hindeutet. Da die etruskische Sprache nur teilweise verstanden ist und die meisten Inschriften kurz sind, bleiben viele dieser Belege schwer zu deuten. Wissenschaftlich ist die Lage damit doppelt eingeschränkt: Das Bildmaterial ist reich, aber stumm, und die Texte sind knapp und sprachlich oft nicht voll erschließbar. Jede Aussage über Vanths Wesen ist eine Rekonstruktion aus diesen beiden lückenhaften Überlieferungssträngen.
Die Häufigkeit, mit der Vanth in der Grabkunst erscheint, erlaubt einen Rückschluss auf die etruskische Auffassung vom Tod als einem begleiteten Übergang.
Im Unterschied zur griechischen Vorstellung, in der die Seele weitgehend allein den Weg in den Hades antritt, scheinen die Etrusker das Sterben als einen Vorgang gedacht zu haben, bei dem der Verstorbene von Wesen wie Vanth in Empfang genommen und geführt wird. Ihre Fackel ist das Bildzeichen dieser Geleitfunktion.
In zahlreichen Darstellungen schreitet Vanth dem Toten voran oder folgt ihm, oft zu Fuß neben einem Wagen oder Pferd, mit dem der Verstorbene zur Unterwelt reist.
Sie öffnet, so legen es Szenen mit Tür- und Schlüsselmotiven nahe, das Tor der Unterwelt. Damit gehört sie zu einer kleinen Gruppe etruskischer Jenseitswesen, die den Übergang nicht überwachen oder bestrafen, sondern ihn ermöglichen und ordnen.
Diese Deutung wird gestützt durch die Platzierung der Bilder: Vanth erscheint an Wänden, Türlaibungen und Sarkophagen, also an den Schwellen des Grabes selbst, das in etruskischer Vorstellung das Haus des Toten und zugleich der Eingang zur Unterwelt war. Wissenschaftlich ist Vanth dadurch weniger eine Straf- als eine Schwellengestalt. Die ältere Forschung hat sie gelegentlich vorschnell mit den rächenden Erinyen oder mit Todesengeln gleichgesetzt; neuere Arbeiten, etwa von Nancy de Grummond in Etruscan Myth, Sacred History, and Legend (2006), betonen dagegen ihren ruhigen, geleitenden Charakter und warnen davor, griechische oder moderne Konzepte ungeprüft auf die etruskische Jenseitswelt zu übertragen.
Der etruskische Mythos stellt Vanth als geflügelte Begleiterin der Verstorbenen dar, die mit Fackel und Schriftrolle das Schicksal beglaubigt; ihre Darstellungen finden sich auf Sarkophagen und Grabmalereien vom vierten Jahrhundert vor Christus.
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