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Danu, Muttergöttin der Tuatha Dé Danann

Danu ist die Muttergöttin der Tuatha Dé Danann, der mythischen Götterscharen Irlands, und gilt als Ahnin ihres Geschlechts. Danu, in walisischer Tradition Don, gilt in der irischen Mythologie als namensgebende Stammmutter der Tuatha Dé Danann, des «Volkes der Göttin Danu».

Trotz dieser zentralen Stellung tritt sie in den überlieferten Texten kaum als handelnde Figur auf, sondern wird fast ausschließlich genealogisch eingeführt. Religionswissenschaftlich wird sie als Spiegelbild einer indogermanischen Urmutter und als Personifikation fließenden Wassers gedeutet.

Inhaltsverzeichnis

Danu - Götter aus der Keltisch-Tradition, historisch-illustrativ

Quellenlage und Namensetymologie

Die ältesten Belege für Danu stammen aus den mittelalterlichen irischen Sammelhandschriften, vor allem dem «Lebor Gabála Érenn» (Buch der Landnahmen, 11. Jahrhundert) und den genealogischen Traktaten der Königslisten.

Auch in den «Dindshenchas», den Ortsnamenerzählungen, erscheint sie sporadisch als Mutter der Berge «Da Chích Anann» in Kerry. In der walisischen Vier-Zweige-Sammlung «Mabinogion» tritt unter dem Namen Don eine vergleichbare Stammmutter auf, deren Kinder Gwydion, Arianrhod und Gilfaethwy in den Erzählungen aktiv werden.

Der Name Danu wird von der indogermanischen Wurzel *dānu- abgeleitet, die «Fluss, fließendes Wasser» bedeutet. Die gleiche Wurzel liegt den Flussnamen Donau, Don, Dnjepr und Dnjestr zugrunde.

Bernhard Maier verweist in seiner «Religion der Kelten» (2001) darauf, dass die Gleichsetzung mit der vedischen Wassergöttin Danu nicht zwingend ist, aber als Beleg für ein indogermanisches Erbe diskutiert wird. Wolfgang Meid betont, dass die Beleglage für eine kontinentalkeltische Göttin Danu schwach bleibt und vor allem aus inschriftlich bezeugten Theonymen wie Anu rekonstruiert wird.

Position in den Tuatha Dé Danann

Im «Lebor Gabála Érenn» landen die Tuatha Dé Danann als vierte mythische Einwandererwelle in Irland, nachdem die Fomori-Riesen besiegt sind. Sie gelten als die «Götterkinder» schlechthin. Danu erscheint als deren Stammmutter, ohne dass eine eigene Schöpfungserzählung über sie überliefert wäre.

Ihre wichtigsten Söhne sind nach genealogischer Tradition Brian, Iuchar und Iucharba, die «drei Götter der Kunstfertigkeit». In anderen Traktaten wird Dagda, der «gute Gott», als ihr Sohn oder Bruder geführt; die Quellen widersprechen sich hier.

Marie-Louise Sjoestedt formulierte in «Dieux et héros des Celtes» (1940), Danu sei nicht eine erzählende Gestalt, sondern ein genealogisches Prinzip, das die göttliche Sippe als Einheit ausweist.

John Carey hat in seinen Arbeiten zur irischen Mythologie betont, dass Danu nicht mit der späteren Heiligen Anna oder mit Brigid identifiziert werden darf, auch wenn Volkstradition und romantische Rezeption diese Linien immer wieder gezogen haben.

Walisische Entsprechung Don

In den «Vier Zweigen des Mabinogi», deren ältestes Manuskript aus dem 14. Jahrhundert stammt, tritt Don als Mutter einer mächtigen Götterfamilie auf. Ihre Kinder sind Gwydion, der listenreiche Magier, Arianrhod, die kosmische Frau des Silberrads, Gilfaethwy und Govannon, der Schmied.

Don selbst hat keine eigene Erzählung. Die strukturelle Parallele zur irischen Danu hat Miranda Aldhouse-Green in «Celtic Goddesses» (1995) ausführlich diskutiert. Beide Figuren bezeichnen die «Götterseite» eines binären Mythensystems, in dem die andere Seite von einem riesenhaften, oft chaotischen Geschlecht eingenommen wird.

Helmut Birkhan weist in «Kelten» (1997) darauf hin, dass die walisische Don in späteren Texten gelegentlich mit dem biblischen König Don oder mit Mathonwy verwechselt wird und nur durch Querverweise als weibliche Stammmutter eindeutig identifiziert werden kann. Die Annahme einer ursprünglichen gemeinsamen «inselkeltischen» Muttergottheit beruht auf der strukturellen, nicht auf der textlichen Übereinstimmung.

Anu, Ana und die irische Volkstradition

Neben Danu kennt die irische Tradition eine Göttin Anu oder Ana, die im «Sanas Cormaic» (Cormacs Glossar, 10. Jahrhundert) als «Mutter der irischen Götter» bezeichnet wird.

Ob Anu und Danu zwei Namen derselben Figur sind oder ursprünglich getrennte Gestalten, ist in der Forschung umstritten. Die zwei markanten Hügel in der Grafschaft Kerry, die «Brüste der Anu» («Da Chích Anann»), legen eine konkrete Landschaftsbindung der Anu nahe, die für Danu fehlt.

In der späteren Volksfrömmigkeit verschmolz Anu mit der Heiligen Anna, der Mutter Marias, was Bernhard Maier als typisches Beispiel für die Christianisierung weiblicher Lokalgottheiten in Irland beschreibt.

Die «Áine» genannte Lichtgestalt aus dem Münster, die mit Sonne und Fruchtbarkeit verbunden ist, wird gelegentlich als spätere Lokalisierung der Anu gedeutet, aber John Carey hält diese Gleichsetzung für nicht ausreichend belegt.

Kontinentalkeltische Bezüge

Auf dem Festland sind weibliche Gottheiten mit ähnlichen Funktionen vor allem über Inschriften und Bildwerke greifbar. Die «Matres» oder «Matronae» genannten Muttergöttinnen treten im rheinischen Raum häufig als Trias auf und werden mit Fülle, Fruchtbarkeit und lokalem Schutz verbunden.

Eine direkte Inschrift, die eine Göttin Danu nennt, ist auf dem Kontinent bisher nicht eindeutig identifiziert worden. Caesar nennt in «De bello Gallico» (VI, 17) zwar verschiedene gallische Gottheiten, gibt ihnen aber durchweg römische Namen, sodass eine Identifikation der Danu in seinem Pantheon nicht möglich ist.

Diodor von Sizilien überliefert ethnografische Beobachtungen zu gallischen Kultpraktiken, ohne eine vergleichbare Stammmutter zu nennen. Der Verweis auf den Flussnamen Donau bleibt das wichtigste Indiz dafür, dass der Name Danu in einem weiten geografischen Gürtel verbreitet war, ohne dass daraus auf einen einheitlichen Kult geschlossen werden kann.

Funktionsprofil und religionswissenschaftliche Einordnung

Aus dem Quellenmaterial lässt sich Danu vor allem als Stamm- und Schwellengöttin beschreiben. Sie ist Mutter der göttlichen Sippe, ohne selbst zur handelnden Heldin zu werden. Damit gehört sie in eine Reihe mit der griechischen Gaia, der römischen Terra Mater und der nordischen Bestla, die jeweils einen genealogischen Knotenpunkt bilden, aber keine erzählerischen Hauptrollen einnehmen.

Die Verbindung zum Wasser, insbesondere zu Quellen und Flüssen, hat Geoffrey of Monmouth in seinen Bearbeitungen britischer Sagenstoffe nicht eigens behandelt, aber spätere Rezeption hat sie ausgebaut.

Marija Gimbutas hatte in den 1970er Jahren Danu als Beispiel für eine vorindogermanische Erdmuttergottheit eingeordnet; diese Lesart gilt heute als überholt. Aktuelle keltologische Arbeiten betonen den indogermanischen Hintergrund und die fragmentarische Überlieferung.

Rezeption in Neopaganismus und Populärkultur

In neopaganen und neudruidischen Strömungen seit dem späten 20. Jahrhundert wurde Danu zu einer zentralen Figur, die als Erdmutter, Stammgöttin oder kosmische Quelle angerufen wird.

Die Rekonstruktion stützt sich dabei stärker auf das von Forschern wie Marija Gimbutas gezeichnete Bild einer altweiblichen Erdgottheit als auf die mittelalterlichen Quellen. Helmut Birkhan hat diese Distanz zwischen Quellenbefund und moderner Verehrungspraxis mehrfach kritisch markiert.

In der Fantasyliteratur, etwa bei Marion Zimmer Bradley oder Juliet Marillier, wird Danu zur Hintergrundfigur eines insgesamt feministisch grundierten Keltenbildes. Die Forschung zur modernen Keltenrezeption, vorgelegt unter anderem von Marion Bowman, ordnet diese Tradition als eigenständige religiöse Bewegung ein, die mit den historischen keltischen Religionen nur teilweise verbunden ist.

Forschungsstand und offene Fragen

Die zentrale offene Frage bleibt, ob Danu eine eigenständige Göttin mit aktivem Kult war oder ob ihr Name primär eine genealogische Funktion ausfüllt.

Bernhard Maier, John Carey und Helmut Birkhan plädieren für die zweite Lesart und sehen den aktiven Kult eher bei lokalen Gestalten wie Anu, Brigid oder den Matronae. Wolfgang Meid hält die Beleglage für so dünn, dass eine endgültige Entscheidung nicht möglich ist.

Die archäologische Forschung hat bisher keine Heiligtümer eindeutig identifiziert, die als Danu-Tempel angesprochen werden könnten. Inschriften, die ihren Namen nennen, fehlen ebenfalls.

Die Diskussion bleibt damit textimmanent und stützt sich auf wenige mittelalterliche Stellen, deren historischer Aussagewert für die vorchristliche Religionsgeschichte umstritten ist. Für die Rezeptionsgeschichte ist Danu hingegen eine außerordentlich produktive Figur, die zwischen Forschung, Volkstradition und modernem Neuheidentum bis heute Wirkung entfaltet.

Indogermanische Vergleichsmythologie

Die indogermanische Vergleichsmythologie hat Danu wiederholt mit anderen Stammgöttinnen aus verwandten Traditionen zusammengestellt. Im Rigveda erscheint eine Göttin Dānu, deren Sohn Vritra im kosmogonischen Drachenkampf gegen Indra fällt. Hier ist Dānu allerdings keine Stammmutter der Götter, sondern eine Mutter der Asuras, einer Gegnergruppe.

Die Parallele bleibt damit auf der Namensebene stehen. Calvert Watkins hat in «How to Kill a Dragon» (1995) den Drachenkampftypus indogermanisch rekonstruiert, ohne die irische Danu in diese Linie zu stellen. Eine direkte Funktionsentsprechung ist nicht herstellbar.

Innerhalb der indogermanischen Wassergottheiten lassen sich strukturelle Bezüge zur slawischen Mokosch, zur baltischen Žemyna und zur germanischen Nerthus benennen, wie sie Anna-Birgitta Rooth in vergleichenden Arbeiten herausgearbeitet hat.

Die Verbindung zur fließenden Quelle, zur erdgebundenen Mutter und zur kosmischen Wassergottheit ist in jedem dieser Fälle anders gewichtet, sodass von einer einheitlichen «Großen Göttin» nur als Forschungskonstrukt gesprochen werden kann.

Aktuelle Arbeiten zur indogermanischen Religionsgeschichte, etwa von Martin L. West («Indo-European Poetry and Myth», 2007), halten Danu für eine plausible, aber rekonstruktiv schwach belegte Figur.

Archäologische Hinweise

Die archäologische Forschung in Irland hat bisher keine eindeutigen Heiligtümer identifiziert, die mit Danu verknüpft werden könnten. Die «Da Chích Anann», die markanten Doppelhügel in Kerry, sind als Landschaftsdenkmal greifbar, tragen aber den Namen der Anu, nicht der Danu.

Die Forschung von Ronald Hutton («The Pagan Religions of the Ancient British Isles», 1991) betont, dass die Quellen für die vorchristliche irische Religion archäologisch dünn sind und die wichtigste Information aus mittelalterlichen Texten stammt, die christliche Mönche redigierten.

Inschriftliche Belege fehlen für Irland fast vollständig, weil das Ogam-Schriftsystem fast ausschließlich für Personennamen verwendet wurde.

Auf dem Festland tragen einzelne Quellinschriften theonyme Bezüge zu Wasser- und Quellgottheiten, die in der modernen Forschung manchmal mit Danu in Verbindung gebracht werden, ohne dass eine eindeutige Lesung möglich wäre. Damit bleibt Danu primär eine textüberlieferte Figur, deren materielle Spuren rekonstruktiv und indirekt sind.

Hydronymie und das indogermanische Wassererbe

Der etymologische Bezug Danus zum indogermanischen Wasserwort *deh₂-nu- «Strom, fließendes Gewässer» wurde von Julius Pokorny in seinem «Indogermanischen etymologischen Wörterbuch» (1959, Eintrag «*dā-nu-») systematisch aufgearbeitet.

  • Die abgeleiteten Flussnamen ziehen sich vom keltischen Westen über das ganze indogermanische Verbreitungsgebiet: Donau (lateinisch Danuvius bei Caesar «De bello Gallico» VI 25).
  • Don, Dnjepr (antiker Borysthenes, später Danapris).
  • Dnjestr (Danastris).
  • die nordfranzösische Dheune, die südwestfranzösische Garonne mit ihrem Nebenfluss Save, und in Indien die vedische Wassergöttin Dānu, Mutter des Vritra im «Rigveda» I 32. Patrice Lajoye hat in «L’arbre du monde» (2016) sowie in seinen Aufsätzen zur indogermanischen Religionswissenschaft argumentiert, dass dieses Namensbündel nicht zufällig ist, sondern auf eine archaische Schicht weiblicher Wasser- und Strömungsnumina zurückgeht, die im Keltischen, Indo-Iranischen und Skythischen kontinuierlich produktiv blieb.

Wolfgang Meid hatte demgegenüber in «Die Religion der Kelten» (Innsbruck 1991, 2. Aufl. 2007) auf die methodische Vorsicht hingewiesen, mit der eine direkte Gleichsetzung der inselkeltischen Stammmutter mit dem festländischen Flussnomen erfolgen muss.

Bernhard Maier folgt dieser Linie in der zweiten Auflage seiner «Religion der Kelten» (München 2012) und unterscheidet zwischen einer etymologisch plausiblen, religionsgeschichtlich aber nicht zwingenden Verwandtschaft.

Joseph Falaky Nagy hat im «Cambridge Companion to the Celts» (2015) ergänzt, dass die mittelalterlichen irischen Gelehrten selbst keinen Versuch unternehmen, Danu mit europäischen Flussläufen zu verbinden; die Verknüpfung sei ein Konstrukt der vergleichenden Indogermanistik des 19. und 20. Jahrhunderts.

Mittelalterliche Rezeption in der irischen Annalistik

Neben dem «Lebor Gabála Érenn» tritt Danu in der annalistischen Tradition Irlands nur indirekt auf.

In den «Annala Rioghachta Eireann» («Annalen des Königreichs Irland», kompiliert 1632 bis 1636 von den Vier Meistern um Mícheál Ó Cléirigh) erscheinen die Tuatha Dé Danann als historisierte Vorbevölkerung, deren Stammmutter unter dem Namen Danann geführt wird, ohne dass eigene Episoden überliefert sind.

Auch die «Dindshenchas Érenn», die metrischen und prosaischen Ortsnamentraditionen der Handschriften «Rennes», «Bodleian» und «Book of Lecan», beschränken sich auf den Hinweis, dass die «Da Chích Anann» genannten Bergpaare in Kerry nach der Göttin benannt seien.

John Carey hat im Sammelband «The Land of Promise» (Aberystwyth 2018) sowie in «A New Introduction to the Lebor Gabála» (Irish Texts Society 1993) gezeigt, dass diese Notizen Reste älterer Traditionsstränge sind, die in der christlichen Redaktion stark gekürzt wurden.

Ein methodisch wichtiger Quellenbefund liegt im «Sanas Cormaic», dem Glossar des Bischofs Cormac mac Cuilennáin von Cashel (gestorben 908), das Anu als «Mutter der irischen Götter» glossiert. Whitley Stokes hat in seiner Edition (Calcutta 1868) bereits darauf hingewiesen, dass Cormacs Glosse den ältesten datierbaren Beleg für die Funktion der Anu/Danu als göttliche Stammmutter darstellt.

Proinsias Mac Cana stützt in «Celtic Mythology» (London 1970) die Lesart, dass das Glossar die mündliche Tradition des 8. und 9. Jahrhunderts spiegelt und insofern den Tuatha-Dé-Danann-Komplex in seiner literarischen Frühphase erschließt.

Verwandtschaft zu Brigid und der christlichen Synthese

Eine der wichtigsten Rezeptionslinien führt von Danu zu Brigid, der Tochter des Dagda, die selbst als Göttin von Dichtung, Heilkunst und Schmiedehandwerk verehrt wurde. In der irischen Volksfrömmigkeit verschmolz die heidnische Brigid mit der Heiligen Brigid von Kildare (gestorben um 525), deren Klostergründung zu einem der bedeutendsten geistlichen Zentren Irlands wurde.

Bernhard Maier verweist darauf, dass die Übertragung von Funktionen einer Mutter- und Lichtgöttin auf die christliche Heilige als typisches Beispiel «religiöser Akkulturation» gelten kann. Eine direkte Identifikation von Danu mit Brigid lehnt er jedoch ab.

In der walisischen Tradition findet sich ein ähnlicher Übergang in der Figur der Heiligen Non, der Mutter von Sankt David, die in Wales an Quellheiligtümern verehrt wurde, die zuvor mit weiblichen Lokalgottheiten verbunden waren.

Auch hier gilt: die Linie führt nicht direkt zu Don oder Danu, sondern bezeugt eine flächendeckende Praxis, weibliche Numina an heiligen Wassern in das christliche Heiligenwesen zu überführen. John Carey und Miranda Aldhouse-Green haben diese Übergänge als systematische Strategie der irischen und walisischen Mönchsgelehrsamkeit gedeutet.