Runen waren zuerst eine Schrift. Doch in der germanischen Welt dienten einzelne Runen und Runeninschriften auch dem Schutz. Geschnitzte Runenamulette und Schutzformeln bezeugen diese Verwendung. Eine einzelne Rune mit abwehrender Bedeutung wird heute oft als Schutzrune bezeichnet.
Runen sind die Schriftzeichen der germanischen Völker. Über viele Jahrhunderte hinweg wurden mit ihnen Inschriften in Stein, Holz, Knochen und Metall geschnitten.
An erster Stelle waren die Runen eine Schrift. Mit ihnen wurden Namen festgehalten, Gegenstände gekennzeichnet, Botschaften übermittelt und Verstorbene auf Steinen geehrt. Diese Schriftfunktion ist die Grundlage von allem Weiteren.
Über die reine Schrift hinaus konnten Runen jedoch auch als Schutzzeichen dienen. Einzelne Runen, Runenfolgen und ganze Runeninschriften wurden mit einer schützenden Wirkung verbunden.
Diese Seite behandelt die Runen unter diesem Gesichtspunkt, als Schutzzeichen. Dabei ist eine sorgfältige Unterscheidung wichtig, denn das, was tatsächlich belegt ist, und das, was erst die Neuzeit hinzugefügt hat, sind nicht dasselbe.
In der Forschung sind die Runen ein gut untersuchtes, aber auch ein vielfach mythisch überformtes Gebiet. Eine genaue Darstellung trennt die archäologisch und sprachlich gesicherten Befunde von den modernen Deutungen.
Die Schutzrunen sind damit ein Beispiel dafür, wie wichtig diese Unterscheidung ist. Es gibt echte runische Schutzinschriften, und es gibt ein modernes System, das jeder Rune eine feste Bedeutung zuschreibt. Beides ist zu unterscheiden.
Die Runen entstanden in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung. Sie wurden vermutlich unter dem Einfluss der Schriften des Mittelmeerraums entwickelt und an die germanischen Sprachen angepasst.
Die älteste Runenreihe wird als das ältere Futhark bezeichnet. Der Name leitet sich aus den Lautwerten der ersten Runen ab. Diese Runenreihe umfasst vierundzwanzig Zeichen.
Im Lauf der Zeit veränderten sich die Runen. In Skandinavien entstand eine kürzere Runenreihe, das jüngere Futhark, das in der Wikingerzeit verwendet wurde. In England und in anderen Gebieten entstanden eigene, erweiterte Runenreihen.
Die Runen wurden in harte Stoffe geritzt und geschnitten. Ihre eckige, gerade Form ist für diese Technik gut geeignet. Gebogene Linien fehlen weitgehend, denn gerade Striche lassen sich leichter in Holz und Stein schneiden.
Verwendet wurden die Runen für ganz unterschiedliche Zwecke. Auf den großen Runensteinen Skandinaviens wurde der Verstorbenen gedacht. Auf Gegenständen wurde der Besitzer oder der Hersteller genannt. Es gab kurze Botschaften und einfache Mitteilungen.
Die Runen waren damit zuerst und vor allem eine Schrift des Alltags und der Erinnerung. Diese Schriftfunktion ist die gesicherte Grundlage. Erst auf ihr baut alles auf, was über Runen als Schutzzeichen zu sagen ist.
Neben der Schriftfunktion gibt es Belege dafür, dass Runen auch als Schutzzeichen verwendet wurden. Diese Verwendung ist echt und durch Funde bezeugt.
Es sind Gegenstände erhalten, die Runeninschriften tragen, deren Inhalt schützend oder beschwörend ist. Solche Inschriften rufen Schutz an, wenden sich gegen Unheil oder enthalten Formeln, denen eine Kraft zugeschrieben wurde.
Bekannt ist eine kurze Runenfolge, die auf mehreren Fundstücken erscheint und in der Forschung viel besprochen wurde. Sie wird mit dem Bereich des Schutzes und der Abwehr in Verbindung gebracht, auch wenn ihre genaue Bedeutung diskutiert wird.
Auch Runeninschriften auf Amuletten sind belegt. Kleine Anhänger und Bleche mit Runen wurden getragen, und ihr Inhalt deutet auf eine schützende Absicht hin.
Diese Befunde zeigen, dass die Runen nicht nur eine nüchterne Schrift waren. In der Vorstellung der germanischen Welt konnte dem geschriebenen Wort eine Wirkung zukommen. Eine Inschrift konnte mehr sein als bloße Mitteilung.
Es ist also gesichert, dass Runen als Schutzzeichen verwendet wurden. Diese Verwendung beruht auf der allgemeinen Vorstellung von der Wirksamkeit des geschriebenen Wortes, einer Vorstellung, die auch andere Kulturen kennen.
Im heutigen Bild gilt eine bestimmte Rune als die Schutzrune schlechthin. Es ist die Rune, die in der Forschung Algiz oder Elhaz genannt wird. Sie hat die Form eines nach oben gerichteten, gespreizten Zeichens.
In modernen Darstellungen wird der Algiz-Rune fast durchgehend die Bedeutung Schutz zugeschrieben. Sie erscheint als die Rune der Abwehr, des Schildes und der Bewahrung.
Hier ist jedoch Vorsicht geboten. Die alten Runengedichte, die für einige Runen Merkverse überliefern, ordnen dieser Rune nicht ohne Weiteres die Bedeutung Schutz zu. Die überlieferten Verse sprechen von anderen Dingen.
Die feste Zuordnung der Algiz-Rune zum Schutz ist damit zu einem großen Teil eine moderne Deutung. Sie hat sich erst in der neueren Beschäftigung mit den Runen verfestigt.
Das bedeutet nicht, dass die Zuordnung sinnlos wäre. Die aufrechte, gespreizte Form der Rune lässt sich gut als abwehrendes Zeichen lesen. Doch es handelt sich um eine spätere Deutung, nicht um eine gesicherte alte Bedeutung.
Die Algiz-Rune ist damit ein gutes Beispiel für den Unterschied zwischen Befund und Deutung. Dass sie heute als Schutzrune gilt, ist eine moderne Festlegung, die von den älteren Quellen nicht eindeutig gestützt wird.
Zu den Schutzrunen gehören die Runenamulette. Das sind getragene Gegenstände, die Runen tragen und denen eine schützende Wirkung zugeschrieben wurde.
Solche Amulette sind durch Funde belegt. Es gibt kleine Anhänger, Bleche und Gegenstände aus Knochen oder Holz, in die Runen geschnitten sind. Ein Teil dieser Runeninschriften ist schützender oder beschwörender Art.
Die Runenamulette wurden am Körper getragen. Damit folgten sie demselben Grundgedanken wie die Schrifttalismane anderer Kulturen, etwa der islamische Taʿwīz oder die jüdischen Schutzamulette mit Schriftzeichen.
Auch die goldenen Brakteaten der Völkerwanderungszeit, die als Anhänger getragen wurden, tragen häufig Runeninschriften. Auf der Seite zum Brakteaten ist diese Verbindung von Goldanhänger und Runeninschrift näher dargestellt.
Die Runenamulette zeigen, dass das geschriebene Runenwort in der germanischen Welt als wirksam galt. Ein Wort, das auf ein getragenes Objekt geschnitten war, sollte seinen Träger begleiten und bewahren.
Damit gehören die Runenamulette zu den gut belegten Schutzobjekten der germanischen Welt. Sie sind kein Erzeugnis moderner Deutung, sondern durch Funde gesichert.
Bei den Schutzrunen ist die Unterscheidung von Befund und Deutung besonders wichtig. Beide Bereiche werden im heutigen Bild oft vermischt, doch sie sind klar zu trennen.
Der gesicherte Befund umfasst zweierlei. Erstens waren die Runen eine Schrift. Zweitens gibt es echte Belege dafür, dass Runen und Runeninschriften auch schützend verwendet wurden, etwa auf Amuletten.
Davon zu unterscheiden ist das moderne System, das jeder einzelnen Rune eine feste Bedeutung zuschreibt. In diesem System hat jede Rune einen Namen, eine Bedeutung und oft eine Zuordnung zu Lebensbereichen.
Dieses System ist zu einem großen Teil eine Schöpfung des 19. und 20. Jahrhunderts. Es stützt sich auf die alten Runennamen und auf die Runengedichte, geht aber in seiner Geschlossenheit weit über das hinaus, was die alten Quellen hergeben.
Das bedeutet nicht, dass dieses moderne System wertlos wäre. Es ist für viele Menschen bedeutungsvoll und gehört zur Gegenwart der Runen. Es sollte jedoch nicht als gesichertes altes Wissen ausgegeben werden.
Eine ehrliche Darstellung der Schutzrunen hält darum beide Ebenen auseinander. Sie benennt den echten Befund, und sie kennzeichnet die moderne Deutung als das, was sie ist, als eine neuzeitliche Ausarbeitung.
Die Verwendung von Runen als Schutzzeichen beruht auf einem allgemeinen Gedanken, dem Gedanken vom wirksamen Wort. Dieser Gedanke ist nicht auf die germanische Welt beschränkt.
In sehr vielen Kulturen galt das geschriebene oder gesprochene Wort als wirksam. Ein Name, eine Formel oder ein Spruch konnten nach dieser Vorstellung mehr sein als bloße Mitteilung. Sie konnten eine Wirkung entfalten.
Aus diesem Gedanken erwuchsen die Schrifttalismane vieler Kulturen. Der islamische Taʿwīz trägt Koranverse, der koreanische Bujeok trägt Zeichen, kabbalistische Amulette tragen Gottesnamen. Das Runenamulett gehört in diese weltweite Familie.
Die Runen waren für diese Verwendung gut geeignet. Sie waren die Schrift der germanischen Welt, und ihre eckige Form ließ sich leicht in dauerhafte Stoffe schneiden. Ein Runenwort konnte so fest mit einem Gegenstand verbunden werden.
Der Schutz durch Runen ist damit eine besondere Ausprägung eines verbreiteten Grundmusters. Das Besondere liegt im Schriftsystem, in den Runen selbst, nicht im Grundgedanken vom wirksamen Wort.
Die Schutzrunen reihen sich damit ein in die große Gruppe der Schrifttalismane. Sie zeigen, dass auch die germanische Welt das geschriebene Wort als Mittel des Schutzes kannte und verwendete.
Bei der Darstellung der Runen ist ein weiterer Punkt zu benennen. Die Runen sind in der jüngeren Geschichte vielfach vereinnahmt und für Zwecke missbraucht worden, die mit ihrer ursprünglichen Bedeutung nichts zu tun haben.
Im 19. und 20. Jahrhundert wurden Runen von völkischen und später von nationalsozialistischen Strömungen aufgegriffen. Einzelne Runen wurden zu Zeichen dieser Strömungen gemacht und sind dadurch belastet.
Diese Vereinnahmung ist eine späte und sachfremde Entwicklung. Sie hat mit der germanischen Schrift und mit den echten runischen Schutzinschriften nichts gemein. Sie ist ein Missbrauch der Zeichen.
Eine sachliche Darstellung der Runen muss diesen Punkt benennen. Die Runen sind eine alte Schrift mit einer langen, ehrwürdigen Geschichte. Ihr Missbrauch durch bestimmte Strömungen gehört nicht zu dieser Geschichte, sondern ist eine spätere Verzerrung.
Wer sich mit Runen befasst, sollte sich dieser Spannung bewusst sein. Die einzelnen Runen sind unterschiedlich belastet, und ein achtsamer Umgang kennt diese Geschichte.
Die Runen in ihrem eigentlichen Wesen bleiben davon unberührt. Sie sind die Schrift der germanischen Völker und ein Zeugnis ihrer Kultur. Als solche, und als echte Schutzzeichen ihrer Zeit, werden sie hier dargestellt.
Die Runen sind heute weithin bekannt und werden vielfach verwendet. Sie erscheinen als Schmuck, als Tätowierung und als Motiv in der Gestaltung. Besonders einzelne Runen, unter ihnen die Algiz-Rune, werden als Schutzzeichen getragen.
In modernen heidnischen Bewegungen, die sich auf die germanische Religion berufen, haben die Runen einen festen Platz. Dort werden sie als Schrift, als Zeichen und als Mittel der Deutung verwendet.
Verbreitet ist auch das moderne System, das jeder Rune eine feste Bedeutung zuschreibt und sie zum Legen und Deuten verwendet. Dieses System ist, wie dargestellt, eine neuzeitliche Ausarbeitung.
Bei all dieser Verwendung ist die Unterscheidung wichtig, die diese Seite betont. Die Runen waren eine echte Schrift, und sie wurden echt als Schutzzeichen verwendet. Das moderne Bedeutungssystem ist davon zu trennen.
Ebenso wichtig ist das Wissen um die Vereinnahmung der Runen durch belastete Strömungen. Ein achtsamer Umgang mit Runen kennt diese Geschichte und benennt sie.
Die Runen bleiben damit ein vielschichtiges Thema. Sie sind eine ehrwürdige alte Schrift, sie waren echte Schutzzeichen ihrer Zeit, und sie sind zugleich ein Beispiel dafür, wie sorgfältig man bei alten Zeichen zwischen Befund, Deutung und Missbrauch unterscheiden muss.
Wer heute von einer Schutzrune spricht, meint damit fast immer ein einzelnes Runenzeichen, das als Anhänger oder als Tätowierung getragen wird. In den allermeisten Fällen ist damit die Algiz-Rune gemeint, die sich im modernen Verständnis als die Schutzrune schlechthin durchgesetzt hat.
Verwandte Schlüsselbegriffe: Schutzrune Schutzrunen Runen Algiz Futhark Runenamulett Runeninschrift wirksames Wort germanisch.
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