Pazuzu, Wind- und Pestdämon Mesopotamiens, der zugleich als Schutz gegen die kindergefährdende Lamashtu wirksam wird. Das paradoxe Profil eines Bösen, der gegen Schlimmeres schützt, macht ihn zu einer der bekanntesten Gestalten des Alten Orients.
Pazuzu ist Dämon der mesopotamischen Tradition und Schutzfigur gegen Lamashtu.
Pazuzu ist ein assyro-babylonischer Dämon, dessen Name in akkadischer Tradition vor allem im 1. Jahrtausend v. Chr. greifbar wird. Er gilt als König der Wind-Dämonen (lilû) und Sohn des Hanbi (Hanpi). Seine charakteristische ikonografische Erscheinung, Hundekopf oder Löwenkopf, menschlicher Oberkörper, Vogelkrallen, Skorpionschwanz, zwei oder vier Flügel, taucht auf zahlreichen Bronzefiguren, Steinplaketten und Amuletten auf, die heute in westlichen Museen zu finden sind.
Typ: Wind- und Pestdämon, zugleich Schutzdämon
Herkunft: assyro-babylonisch, Schwerpunkt 1. Jt. v. Chr.
Funktion: ambivalent, bringt Krankheit (Westwind) und schützt vor Lamashtu
Anrufung: Amulette mit Pazuzu-Kopf, besonders bei Schwangeren und Säuglingen
Zentrale Quellen: akkadische Lamashtu-Serie, archäologische Funde
Der Pazuzu-Kult ist in seiner ausgereiften Form vom späten 2. bis ins 1. Jahrtausend v. Chr. dokumentiert, mit Schwerpunkt im neuassyrischen und neubabylonischen Reich (8.–6. Jh. v. Chr.). Vorläufer einzelner Motive, Schutz vor weiblichen Krankheitsdämonen, reichen weiter zurück. In der Spätzeit verschwindet der eigentliche Pazuzu-Kult; einzelne Motive setzen sich aber in der jüdischen Lilith-Tradition und in koptischen Amuletten fort.
Mesopotamien (Assyrien, Babylonien) als Kerngebiet; Pazuzu-Köpfe und -Statuetten finden sich von Nordsyrien (Tell Halaf, Tell Sheikh Hamad) über das Jordantal bis Phönikien und Zypern. Auch im Iran und in der Levante sind einzelne Belege bezeugt. Die Funde reichen über das engere Zweistromland deutlich hinaus und zeigen die transregionale Wirkung des Schutzmotivs.
Zentral sind akkadische Beschwörungstexte gegen Lamashtu, in denen Pazuzu als wirksamer Gegenpart angerufen wird (Lamashtu-Serie). Daneben über 100 erhaltene Bronze-Statuetten und -Köpfe sowie Steinamulette, viele davon im Louvre, im British Museum, im Vorderasiatischen Museum Berlin und im Iraqi National Museum Baghdad. Die Forschung gründet maßgeblich auf F.A.M. Wiggermann, Walter Farber und R. Borger; die wichtigste neuere Monografie ist Heeßel 2002 (Brill).
Akkadisch: Pazuzu (mit Determinativ DINGIR für Götter und Dämonen). Selten Pa-zu-zu (Lautschreibung in Schultexten). Eine sumerische Vorform ist nicht eindeutig bestimmt. Sohn des Hanbi (Hanpi), Bruder der Sieben (sebettu, sieben Krankheits-Geister). Direkte griechisch-römische Reflexe sind nicht überliefert; die funktionalen Parallelen werden über die Lamashtu-Schiene weitergegeben.
Hundekopf (häufig) oder Löwenkopf, mit gefletschten Zähnen und herausgestreckter Zunge. Menschlicher Oberkörper. Vogelkrallen statt Füße. Skorpionschwanz. Zwei oder vier Flügel. Eine Hand hebt zum apotropäischen Gestus, die andere zeigt nach unten. Die Statuetten sind oft 8–15 cm hoch und tragen rückseitig Beschwörungsformeln.
Pazuzu reitet auf dem heißen Westwind, der in Mesopotamien Pestkrankheiten und Fieber bringt. Er wird selbst als gefährlicher Verursacher von Krankheit verstanden. Zugleich aber tritt er in Beschwörungen als ehrenhafter Gegner gegen die Frauen-Dämonin Lamashtu auf, die er zurück in die Unterwelt jagt.
Klassisch: Krankheiten der Atemwege, Fieber, Säuglingstod, Komplikationen bei Geburten. Zugleich aber als Schutz vor exakt diesen Bedrohungen, sofern er per Amulett gebunden wird. Die Logik ist apotropäisch: nur der Stärkere kann gegen den Stärkeren schützen, ein Grundmotiv der altorientalischen Schutzmagie.
Die wichtigsten Aspekte zu Pazuzu auf einen Blick. Die ausführliche Behandlung folgt in den nächsten Abschnitten.
Pazuzu ist Sohn des Hanbi (Hanpi), eines schattenhaft bleibenden Wind-Dämons, und Bruder der Sieben (sebettu, sieben Krankheits-Geister). Seine Stellung in der Götterfamilie ist mehrdeutig: er gehört zu den unteren Dämonen, hat aber königlichen Anspruch unter den Wind-Dämonen.
Wirkung auf alle Menschen, besonders aber auf Schwangere, Säuglinge und Wöchnerinnen, die zugleich seine wichtigsten Schutzbefohlenen werden, wenn sein Amulett verwendet wird.
Die ikonografische Standardausführung (Hundekopf, Skorpionschwanz, vier Flügel) ist über fast 500 Jahre konstant. Variation gibt es bei Anzahl der Flügel und Position der Hände. Die Materialvielfalt reicht von Bronze über Lapislazuli bis Bergkristall.
Auf physiologischer Ebene: Krankheit, Fieber, Atemnot. Auf existenzieller Ebene: das Bewusstsein der Verletzlichkeit menschlichen Lebens vor unsichtbaren Mächten, und die Möglichkeit, ihm rituell zu begegnen.
Paradox: Pazuzu wird selbst zum Abwehr-Mittel. Schwangere und Wöchnerinnen tragen seinen Kopf als Anhänger oder hängen Statuetten über das Bett des Säuglings. Der Apparat von Lamashtu-Beschwörungen kombiniert Pazuzu-Anrufung mit Räucherwerk, Schutzkreisen und Beschwörungsformeln.
Beschwörungs-Tafeln werden nachts gesprochen, Statuetten in Hausnischen aufgestellt oder am Bett des Kindes. Bei Schwangerschaftskomplikationen werden Pazuzu-Köpfe als Brustanhänger getragen. Räucheropfer aus Wacholder und Zedernholz begleiten die Anrufung. Die Lamashtu-Beschwörungs-Serie hat einen festen liturgischen Rahmen mit Vorbereitung, Anrufung und Schluss-Formeln.
Bes ist eine vergleichbare ambivalente Schutzgottheit für Schwangere und Säuglinge. Ähnliches Profil: zwerghafte, hässliche Gestalt, deren Hässlichkeit selbst die Übel abschreckt. Auch Taweret als nilpferdgestaltige Schutzgöttin der Schwangeren teilt das Wirkungsfeld.
Lamia und Empusa als kindermordende Frauen-Dämoninnen entsprechen funktional Lamashtu, ohne aber einen direkten Pazuzu-Pendant zu haben. Die griechische Schutzpraxis bevorzugt Apotropäen wie Phallus-Hermen oder Medusa-Köpfe.
Lilith übernimmt im jüdisch-rabbinischen und kabbalistischen Schrifttum funktional die Rolle der Lamashtu (Bedrohung von Wöchnerinnen und Säuglingen). Schutzamulette mit dem Namen Lilith bzw. den Erzengeln Sanvi, Sansanvi und Semangelaf erscheinen ab dem Mittelalter.
William Peter Blattys Roman Der Exorzist (1971) und die gleichnamige Verfilmung (1973) haben Pazuzu im 20. Jahrhundert zur popkulturellen Figur gemacht. Der Roman greift den Topos vom Pestdämon auf und transferiert ihn in einen modernen Besessenheits-Kontext, der mit der historischen Pazuzu-Funktion nur noch lose verknüpft ist.
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Eine Auswahl wichtiger Werke zu Pazuzu und mesopotamischer Dämonologie:
Standardliteratur (Mesopotamien):