Bes ist Gott der ägyptischen Tradition.
Schutzdämon für Haus, Geburt und Schlaf, die freundliche Fratze Ägyptens.
Bes ist einer der populärsten Schutzdämonen der alten Welt. Als kleine, gedrungene Mischgestalt mit Löwenmähne, herausgestreckter Zunge und Federkrone tritt er ab dem Mittleren Reich (ca. 2000 v. Chr.) in der ägyptischen Religion auf und bleibt bis in die römische Kaiserzeit wirksam. Anders als die Hochgötter ist Bes kein Tempelgott, sondern ein Haus- und Volksgott: er schützt Schwangere, Wöchnerinnen, Säuglinge und das Familienleben.
Typ: Schutzdämon / Zwerggott
Herkunft: Unsicher, ggf. nubisch/ostafrikanisch, früh in Ägypten adaptiert
Texte: Magische Papyri, Tempelinschriften, Amulett-Inschriften
Zeitraum: Mittleres Reich bis Spätantike
Verbreitung: Gesamtägyptischer Kulturraum, spätere Ausstrahlung in hellenistische Welt
Einsatz: Bes-Amulette, Hausaltäre, Wandbilder, magische Messer
Bes tritt zunächst im Mittleren Reich auf, gewinnt im Neuen Reich stark an Verbreitung und bleibt bis in die römische Spätzeit eine der populärsten Schutzfiguren. In ptolemäischer Zeit wird er Teil hellenistischer Haushaltsfrömmigkeit und wandert weit über Ägypten hinaus.
Bes ist eine ägyptische Gottheit, ein Zwerg mit Löwen-Merkmalen, Göttin des Vergnügens, Tanzes, Musik, Geburt und Glücks. Bes ist trotz zwergartiger Form mächtig, besonders Beschützerin von Kindern, Frauen und Haushalt. Sie ist volkstümlich und überall im Alltagsleben präsent.
Das Kerngebiet ist Ägypten, mit besonders dichter Überlieferung in Deir el-Medina, Theben und im Delta. Bes-Amulette finden sich von der Levante über Zypern bis nach Karthago und in hellenistische Siedlungen im östlichen Mittelmeer. Seine Herkunft wird teils in Nubien oder weiter im Süden vermutet.
Anders als bei Apophis oder Ammit ist die textliche Überlieferung dünn; Bes tritt vor allem in materiellen Zeugnissen auf: Amulette in Ton, Fayence und Bronze, Hausaltäre, Wandbilder. Die magischen Papyri und spätantiken Zauberbücher nennen ihn regelmäßig, ohne eigene Bes-Textreihe aufzubauen.
Ägyptisch: bs, gesprochen etwa „bes“; gelegentlich als Gruppe von Gestalten („die Bes-Gestalten“).
Griechisch: Βῆς → Bes; auch als Bisu überliefert.
Verwandte Formen: Beset (weibliche Begleiterin mit ähnlichen Aufgaben), teils Aha, eine frühere Schutzdämonfigur, die später mit Bes verschmilzt.
Der Name bs hängt wahrscheinlich mit dem ägyptischen Wort für „beschützen“ und „einweihen“ zusammen. Damit ist Bes auch etymologisch ein Schutzwesen. Er tritt in Texten ohne Gottesdeterminativ auf, als Figur zwischen Gott, Dämon und Schutzgeist.
Bes ist klein, gedrungen, zwerghaft. Er hat einen großen Kopf mit ausgeprägter Löwenmähne, herausgestreckter Zunge, breiter Nase und großen Augen. Auf dem Kopf trägt er eine Federkrone aus typischerweise fünf hohen Federn. Sein Körper ist untersetzt, oft mit Tier-Schwanz und kurzen krummen Beinen dargestellt. Diese auffällig hässliche Erscheinung ist apotropäisch: sie soll böse Mächte abschrecken.
Bes ist der freundlich-grimmige Beschützer des Hausstandes. Er tanzt, lacht, schlägt Trommeln und Tamburin, schwingt Messer gegen unsichtbare Feinde. Sein Lärmen vertreibt nächtliche Dämonen, schützt vor giftigen Tieren (Schlangen, Skorpione) und steht bei der Geburt am Bett der Wöchnerin. Trotz seines bedrohlichen Aussehens ist er den Menschen wohlgesonnen.
Schwangerschaft und Geburt, Säuglingsschutz, Familie, Schlafzimmer, Sexualität, Tanz und Musik. Auch Schutz auf Reisen, vor giftigen Tieren und in fremder Umgebung. Im Volksglauben der Spätzeit übernimmt Bes Funktionen anderer Schutzgötter und wird zur quasi-universellen Schutzfigur.
Bes wird dargestellt als zwerghaft mit kräftigem Körper, oft mit Löwen-Kopf, großen Ohren. Sie trägt eine Feder-Krone, manchmal Schmuck. Ein breites Grinsen ist typisch. Perkussion-Instrumente, besonders Tamburin, sind ihre Attribute. Rot, Gold und Blau sind ihre Farben.
Die wichtigsten Aspekte von Bes auf einen Blick. Die Ausführung zu Name, Beschreibung, Einsatz und Parallelen finden Sie in den Kapiteln 2, 3, 5 und 6.
Unsicher; vermutet werden nubische oder weiter südliche Ursprünge. Ohne Göttergenealogie, eine der wenigen ägyptischen Figuren ohne familiäre Einbindung.
Schwangere und Wöchnerinnen, Säuglinge und Kleinkinder, das gesamte Familienleben. Sekundär Tänzer und Musiker (Bes ist auch Schutzgott der heiteren Hausfeste); Reisende; Frauen, die Nachwuchs wünschen.
Kleine, gedrungene Zwerggestalt mit Löwenmähne, ausgestreckter Zunge, frontalem Gesicht. Oft mit Trommel, Messern oder Schlangen.
Vertreibt Böses durch Schrecken, Lärm und sichtbare Aktivität. Schützt durch Angriff und nicht durch Zurückhaltung.
Nicht Abwehr gegen Bes, sondern sein Einsatz: Bes-Kopf-Amulette am Hals, Statuetten am Bett, Wandbilder in Schlafräumen, Darstellungen auf magischen Messern aus Nilpferdzahn.
Funktional verwandt mit Pazuzu als ambivalenter Schutzgestalt; mit Taweret als nilpferdgestaltiger Schwangerschafts-Schützerin; mit den römischen Lares als Hausgottheiten. In Phönikien wird Bes als Mlk aufgegriffen; in der hellenistisch-römischen Welt erscheint er auf Amuletten von Spanien bis Indien. Auch chinesische Tempel-Wächter (Menshen) und japanische Niō-Statuen teilen das Motiv des hässlich-grimmigen, aber wohlmeinenden Wächters.
Bes wird nicht abgewehrt, sondern eingeladen. Bei Geburten wurden Bes-Statuetten in den Gebärraum gestellt, bei Kleinkindern ins Kinderbett. Seine Präsenz allein galt als Schutz; eigene mehrstufige Ritualzyklen sind nicht überliefert.
In den magischen Papyri wird Bes gelegentlich in Schutzformeln angerufen, oft zusammen mit Taweret. Er ist dort die „lärmende“ Komponente, die das Böse vertreibt, während Taweret die „bergende“ Komponente darstellt.
Die Materialbasis ist enorm: Bes-Kopf-Amulette aus Fayence, Amulette mit ganzem Bes-Körper aus Bronze oder Knochen, Bes-Figuren aus Holz. Dazu die magischen Messer aus Nilpferdzahn, die Reihen apotropäischer Wesen zeigen, mit Bes fast immer unter ihnen.
Pazuzu teilt das Profil des hässlich-grimmig schützenden Wesens, allerdings mit dem Paradox des selbst gefährlichen Schutzdämons. Die kindergefährdende Lamashtu auf der Gegenseite zeigt den engen Zusammenhang zwischen Schutz und Bedrohung.
Griechisch-römische Welt: Eileithyia als Geburtsgöttin und die Lares als Hausgötter teilen Funktionen mit Bes, ohne aber sein dämonisch-grimmiges Profil zu haben. Der hellenistisch-römische Bes-Kult breitet sich im Mittelmeerraum aus.
Christliche Rezeption: In der koptischen Spätantike gehen Bes-Funktionen teilweise in die Marien-Verehrung über; ikonographische Anklänge bleiben in koptischer Volksfrömmigkeit erhalten.
Moderne Rezeption: Bes erscheint heute in popkultureller Ägyptomanie, als Charakter in Genre-Fiction (Riordans Kane Chronicles), in Tattoo- und Esoterik-Kultur.