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Edimmu – Geist der mesopotamischen Tradition

Edimmu ist Geist der mesopotamischen Tradition.

Ruheloser Totengeist, wenn die Bestattung versäumt wurde.

Inhaltsverzeichnis

Edimmu - Geister aus der Mesopotamien-Tradition, historisch-illustrativ

Edimmu

Der Edimmu ist in der mesopotamischen Dämonologie keine geschaffene Figur, sondern eine Folge menschlichen Versäumnisses. Er entsteht, wenn ein Verstorbener nicht ordentlich bestattet, nicht regelmäßig mit Totenopfern bedacht oder gewaltsam und vergessen aus dem Leben gerissen wurde. Aus der Seele, der eṭemmu, sumerisch gidim, wird dann eine Bedrohung.

Das rückt den Edimmu in eine besondere soziale Rolle: Er macht das Versagen der Hinterbliebenen sichtbar. Die Abwehr besteht daher nicht nur in Ritual und Amulett, sondern vor allem in der richtigen Bestattung und der kontinuierlichen Totenpflege, dem kispu.

Schnellüberblick: Edimmu

Typ: ruheloser Totengeist (mesopotamisch)
Herkunft: akkadisch edimmu, sumerisch gidim
Funktion: Heimsucher der Lebenden bei versäumter Bestattung
Anrufung: kispu-Ritus, Wasser- und Mehlopfer für die Toten
Zentrale Quellen: Maqlû-Serie, Utukkū lemnūtu, Gilgamesch-Epos Tafel XII

Historische Einordnung

Zeitraum der Texte

Belege zum Edimmu reichen von frühen sumerischen Texten bis in die neuassyrische und neubabylonische Zeit. Der Komplex Totenpflege / Totengeist / Jenseitsglaube ist damit eines der beständigsten Elemente der mesopotamischen Religion.

Mythologische Einordnung

Edimmu, der Geist oder die Seele der Verstorbenen, ist in der mesopotamischen Mythologie keine einzelne Entität, sondern eine Klasse von übernatürlichen Wesen, die Geister der Toten. Edimmu sind die unkörperlichen Reste der verstorbenen Menschen, die in der Unterwelt wandern. Sie können böse oder neutral sein, je nach wie sie gelebt haben und wie sie beerdigt wurden. Edimmu sind gebunden an die physische Welt durch emotionale oder körperliche Anker, ungelöste Angelegenheiten, schlechte Bestattungen oder starke Gefühle. Sie sind weder Götter noch vollständige Dämonen, sondern etwas dazwischen.

Verbreitungsraum

Die Vorstellung ist im gesamten mesopotamischen Kulturraum verbreitet. Funktionale Parallelen finden sich weit außerdem in antiken Mittelmeerkulturen, ostasiatischen Volksreligionen und europäischen Volksglaubenstraditionen.

Quellenlage

Zentrale Quellen sind die Beschwörungs-Serien Maqlû und Šurpu, die Tafel XII des Gilgamesch-Epos mit der Anweisung zur Befriedung des unbestatteten Toten, sowie die kanonische Sammlung Utukkū lemnūtu („Böse Dämonen“). Edition und Übersetzung wesentlich durch M.J. Geller (Brill, 2007 und 2016) und R. Borger; die kispu-Praxis ist von Akio Tsukimoto (1985) systematisch aufgearbeitet.

Name und Varianten

Akkadisch: eṭemmu, in älteren Umschriften auch edimmu, etimmu, ekimmu.
Sumerisch: gidim.
Wörtlich: „Geist“, „Seele eines Toten“.

Wichtige Unterscheidung: Prinzipiell hat jeder Verstorbene eine eṭemmu. Diese wird aber nur dann zur Bedrohung, wenn die Totenpflege versäumt wird, der Tod gewaltsam war oder der Leichnam unbestattet blieb. Der „Edimmu“ als Dämonenbegriff meint also den entgleisten, ruhelosen Totengeist, nicht die Seele als solche.

Charakteristika

Erscheinung

Schemenhaft, ohne festes Bildprogramm. Erfahrung erfolgt akustisch (Klagelaute, Stöhnen), in Träumen oder als nachts spürbare Präsenz im Haus. Die akkadische Schullogik unterscheidet zwischen sichtbar werdenden Edimmu (selten) und nur indirekt erfahrbaren (Regelfall).

Verhalten

Edimmu kommen nachts in die Häuser ihrer überlebenden Familie. Sie verlangen Aufmerksamkeit, versäumte Trauer-Riten, ausgebliebene Wasser- und Mehl-Opfer. Werden sie nicht besänftigt, verursachen sie Krankheit, Albträume und Unglück. Die Bedrohung ist persistierend: ein einziger versäumter Ritus kann Jahre des Heimgesucht-Werdens nach sich ziehen.

Wirkungsbereich

Schlafstörungen, Albträume, Kopfschmerzen, Schwermut, Krankheit der Familie, Unfruchtbarkeit, Geschäfts-Misserfolg. Die mesopotamische Diagnose ordnet eine breite Palette unspezifischer Beschwerden potenziell dem Edimmu-Komplex zu, vergleichbar mit der jüdisch-rabbinischen Lilith-Diagnostik.

Erscheinung und Symbolik

Edimmu werden dargestellt als menschliche Gestalten, aber ätherisch, grau oder transparent, mit einem geistartigen Glanz. Sie tragen die Kleidung oder Merkmale aus ihrem Leben in die Unterwelt mit sich, erblassen aber im Übergang. Ihre Augen sind leer oder voller Traurigkeit. Manchmal ist nur eine schwarze oder graue Silhouette sichtbar. Edimmu haben nicht die Substantialität physischer Körper; sie können durch Wände gehen und verschwinden. Ihre Präsenz wird oft von Kälte oder einer Art Angst begleitet.

4. Steckbrief: Edimmu

Die wichtigsten Aspekte des Edimmu auf einen Blick. Die Ausführung zu Name, Beschreibung, Abwehr und Parallelen finden Sie in den Kapiteln 2, 3, 5 und 6.

Tradition

Ein früherer Mensch, der nicht ordnungsgemäß bestattet wurde, dessen Totenpflege versäumt wurde oder der gewaltsam und vergessen starb. Also: keine Schöpfung, sondern Folge eines Versäumnisses.

Edimmus Zielgruppe

Vor allem Angehörige, die die Bestattung oder den kispu vernachlässigt haben. Daneben: Reisende, die an Orten unrechtmäßiger Begräbnisse oder gewaltsamen Todes vorbeikommen.

Edimmus Erscheinung

Schattenhaft, bleich, ausgezehrt, menschenähnlich. Kein Hybridwesen. Seine Präsenz zeigt sich oft mehr in Symptomen und Träumen als in eindeutigen Bildern.

Edimmus Wirkung

Erschöpfung, chronische Krankheit, Albträume, unerklärliches Leid bei Familienangehörigen. Eher anhaltende Bedrängnis als plötzlicher Angriff.

Schutz

Nachholbestattung oder Ersatzritual, regelmäßige kispu-Totenopfer, Beschwörungen zur Besänftigung und Rückkehr in die Unterwelt.

Edimmus Parallelen

Lemures (römisch), Keres und unbestattete Seelen bei Homer (griechisch), hungry ghosts (chinesisch-buddhistisch), Wiedergänger (germanisch), moderne Poltergeist-Motive.

Abwehr im Alltag

Rituale zur Abwehr

Der zentrale Ritus ist das kispu, die regelmäßige Speisung der Toten mit Wasser, Brot und Mehl, monatlich am Neumond und am Jahresgedenktag. Dazu die mündliche Anrufung des Toten beim Namen. Bei akuter Heimsuchung kommen Beschwörungs-Texte aus der Maqlû-Serie zum Einsatz: Verbrennung von Tonfigurinen, Räucheropfer aus Wacholder, Schutzkreise um das Haus. Gilgamesch-Epos Tafel XII gibt eine ausführliche Anweisung zur Befriedung des Edimmu eines unbestatteten Gefallenen.

Kult und Verehrung

Der „Kult“ der Edimmu war praktiziert durch Ahnen-Verehrung und Totenrituale. Familien würden ihre verstorbenen Angehörigen durch Opfergaben und Gebete ehren, um ihre Edimmu ruhig und zufrieden in der Unterwelt zu halten. Priester führten Rituale durch, um böse Edimmu abzuwehren oder zu besänftigen. Gräber wurden mit Opfern versorgt, um die Edimmu zu nähren und zu beruhigen. Ungebürlich begrabene oder verfluchte Edimmu waren Quelle großer Angst und erforderten Spezialkräfte zur Vertreibung.

6. Edimmu – Parallelen in anderen Kulturen

Griechisch-römische Welt

Die Keres bei Homer und vor allem die römischen Lemures, ruhelose Seelen, die aus unbestatteten oder zürnenden Toten entstehen, entsprechen funktional weitgehend dem Edimmu. Das Fest der Lemuria in Rom ist eine institutionalisierte Antwort auf dieses Motiv.

Ostasien: Die buddhistisch geprägten „hungry ghosts“ (preta, egui) chinesisch-japanisch-koreanischer Tradition entstehen aus unerfüllten Bindungen und unangemessenen Riten. Das Hungry-Ghost-Festival stellt die rituelle Versorgung der Toten regelmäßig wieder her.

Europa (Volksglaube): Wiedergänger und Poltergeist-Motive im germanischen und slawischen Volksglauben greifen dieselbe Grundidee auf: Ein Verstorbener kehrt wieder, weil Ritus, Gerechtigkeit oder Abschied unvollständig waren. Die Abwehr ist wiederum zugleich eine Form der Wiedergutmachung.

Forschungsliteratur

  • Bottéro, Jean: Mesopotamia: Writing, Reasoning, and the Gods. University of Chicago Press, Chicago 1992.
  • Black, Jeremy / Green, Anthony: Gods, Demons and Symbols of Ancient Mesopotamia. British Museum Press, London 1992.
  • Wiggermann, Frans A.M.: Mesopotamian Protective Spirits: The Ritual Texts. Styx, Groningen 1992.
  • Scurlock, JoAnn: Magico-Medical Means of Treating Ghost-Induced Illnesses in Ancient Mesopotamia. Brill, Leiden 2006.
  • Foster, Benjamin R.: Before the Muses: An Anthology of Akkadian Literature. CDL Press, Bethesda 2005.
  • Heeßel, Nils P.: Babylonisch-assyrische Diagnostik. AOAT 43, Münster 2000.