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Nergal, Gott der mesopotamischen Tradition

Nergal ist Gott der mesopotamischen Tradition.

Kriegsgott, Pestbringer, Mit-Herrscher der Unterwelt. Nergal ist der schreckliche Doppelgott Mesopotamiens, oben das Antlitz des Krieges und der Seuche, unten die dunkle Herrschaft über Irkalla an der Seite Ereshkigals. Er beginnt als solares, wildes Wesen, wird aber durch seine Vermählung mit der Unterwelt-Königin zu einem gefürchteten, aber notwendigen Teil der kosmischen Ordnung. Wo Nergal ausbricht, folgen Pest, Krieg und der Ruf der Toten.

Nergal ist als Kriegsgott zugleich Unterwelt-Regent neben Ereshkigal.

Inhaltsverzeichnis

Nergal - Götter aus der Mesopotamien-Tradition, historisch-illustrativ

Nergal

Schnellüberblick: Nergal

Typ: Mesopotamische Hauptgottheit, Pest-, Kriegs- und Unterweltsgott
Pantheon: Sumer, Akkad, Babylon (durchgängig präsent)
Funktion: Pest und Krankheit, Krieg, Unterwelt-Herrschaft (Gemahl Ereshkigals)
Hauptattribute: Löwenkopf-Keule, Doppelschwert, sieben Pestdämonen-Begleiter
Hauptkultorte: Kuthu (Hauptkultort), Babylon, Ur
Astronomische Identifikation: Mars (Salbatanu)

Kontext

Zeitraum der Texte

Nergal ist seit der altakkadischen Zeit (3. Jt. v. Chr.) belegt. Sein zentraler Mythos, die Heirat mit der Unterweltskönigin Ereshkigal, wird im Nergal-und-Ereshkigal-Epos (mittelassyrische Fassung, ca. 14. Jh. v. Chr.) erzählt. In altbabylonischer Zeit wird er von kriegerischen Aspekten her noch erweitert; im Neubabylonischen Reich auch als Schutzpatron des Königtums.

Verbreitungsraum

Hauptkultort war Kuthu (heute Tell Ibrahim, nördlich von Babylon), die „Stadt Nergals“, Eingang zur Unterwelt nach babylonischem Glauben. Daneben Babylon (Tempel im Esagila-Komplex), Ur, Susa (elamitisch), Mari. In der biblischen Tradition als Nergal (2 Kön 17,30) erwähnt, in der Liste der Götter, die die assyrischen Deportierten nach Samaria mitbrachten.

Quellenlage

Zentrale Quellen: das Nergal-und-Ereshkigal-Epos (mittelassyrische und spätbabylonische Fassungen), Erra-Epos (Nergal als Erra/Pestbringer), verschiedene Beschwörungstexte (Maqlu, Shurpu), Inschriften aus Kuthu und Babylon. Sekundärliteratur: Lambert, Babylonian Wisdom Literature; Cagni, L’epopea di Erra (Standardausgabe); Bottéro, La plus vieille religion.

Name und Varianten

Nergal wird in zwei Aspekten dargestellt: oben als muskulöser, bärtiger Krieger mit Helm, Lanze und Waffen, umringt von Flammen oder Pest-Symbolen. Unten, in Irkalla, trägt er einen düsteren Thron neben Ereshkigal. Sein Wappentier ist der Löwe oder eine hybrid-dämonische Gestalt. Seine Farbe ist Rot, das Rot des Krieges und der Krankheit. Der Namtar (Pest-Dämon) begleitet ihn, ebenso Seuchen-Geister, die seinen Weg markieren.

Wesenszüge

Nergal regelt die Balance zwischen Leben und Tod durch Krieg und Seuche. Im Krankheitsfall wurde er angerufen, nicht zur Heilung, sondern zur Besänftigung, damit er die Pest zurücknahm. Im Krieg beteten Krieger zu ihm für Siegeskraft, fürchteten aber auch seine Unberechenbarkeit. Sein Hauptfest war in Kutha, wo Priester Opfer brachten, um seine Zornigkeit zu mäßigen. Mit seiner Vermählung mit Ereshkigal wird Nergal auch Garant der Ordnung in der Unterwelt, er ist nicht einfach Zerstörer, sondern notwendige Kraft im kosmischen Gefüge.

Erscheinung und Symbolik

Nergal wird dargestellt als ein muskulärer Mann mit einer Löwenmähne oder Löwengesicht, oft mit Feuer umgeben. Seine Haut kann rot oder dunkelbraun sein, und er trägt Waffen, Schwert, Axt oder Bogen, die seine kriegerische Natur zeigen. Eine Schlange windet sich oft um seinen Körper oder Arm. Sein Kopf kann doppelgesichtig sein, mit einem Gesicht zur Obererde (Kriegsgott) und einem zur Unterwelt (Unterwelt-König). Der Löwe und der Skorpion sind seine heiligen Tiere. Feuer und Blut sind seine symbolischen Farben.

4. Steckbrief: Nergal

Die wichtigsten Aspekte von Nergal auf einen Blick. Die folgenden Felder fassen Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und Parallelen zusammen.

Kulturkontext

Nergal ist Sohn des Enlil und der Ninlil, Bruder Ninurtas. Im zentralen Mythos Nergal und Ereshkigal reist er in die Unterwelt; nach mehreren Konflikten und Vermittlungen wird er Gemahl der Unterweltskönigin und teilt mit ihr die Herrschaft, aber nur die Hälfte des Jahres (saisonaler Aspekt: während der Sommer-Hitze, wenn die Pest umgeht). Im Erra-Epos handelt er aus eigener Initiative als unkontrollierte Pestmacht.

Nergals Zielgruppe

Pestbringer und Pestabwehrer (Doppelfunktion wie Apollon und Sechmet). Patron des Hochsommer-Hitzefiebers (akkadisch idiša). Krieg und Schlachten-Gott. Als Mars-Identifikation auch astronomisch hochwichtig, sein Stern (Mars) wird in den babylonischen Omentexten als unheilbringend interpretiert. Schutzgott des Königtums in babylonisch-assyrischer Tradition.

Form

Anthropomorph als kriegerischer Mann mit hohem Hut-Diadem, langem Gewand. Charakteristisch: Löwenkopf-Keule und Doppel-Schwert. Häufig begleitet von den Sebitti, sieben Pestdämonen. Auf einigen Siegeln in Löwen-Form oder als Mensch-Löwe-Mischwesen. Hautfarbe rot oder dunkelrot (Pest-Fieber, Mars-Stern). In neubabylonischer Zeit auch mit Stier-Wagen abgebildet.

Funktion

Wirkungs-Bereich: Nergal wurde in Pestzeiten und vor Schlachten angerufen, sein Sommer-Hochfest fiel mit der jährlichen Pest-Saison zusammen. Könige errichteten Stelen vor Schlachten. In Beschwörungsritualen wurde er gleichermaßen angerufen wie gefürchtet (Doppelfunktion). Kuthu war Pilgerziel für Toten- und Heilungs-Riten. Im persönlichen Kult auch Schutz vor Verbrechern und Wegelagerern.

Schutzmittel

Löwenkopf-Keule, Doppelschwert, hohe Krone, sieben Begleitdämonen (Sebitti), Löwen-Mischwesen, roter Stern (Mars), Hochsommer-Hitze. Pflanzen: Bittermelone, Stechpalmen-Pflanzen. Heilige Zahl: 7 (die Sebitti).

Nergals Parallelen

Erra (akkadisch, identische Pestbringer-Aspekte, eigenes Epos), Resheph (Phönizien/Ugarit, Pest und Krieg), Apollon (Griechenland, Pestbringer- und Heiler-Doppelaspekt), Mars (Rom, astronomisch und kriegerisch identifiziert), Sechmet (Ägypten, Pestbringerin und Heilerin), Indra (Hinduismus, Krieg und kosmische Schlacht), Tyr (Germanisch, Kriegsgott).

Praktische Abwehr

Apotropäische Rituale gegen Nergal

Nergals zerstörerische Macht (Pest, Kriegsverluste, Unterweltsverhängnis) wurde im mesopotamischen Kult vor allem im Tempel E-meslam zu Kuthu durch geregelte monatliche Opfer gebunden, Bier, Schafe, Räucherwerk Erin (Zeder). Die Šurpu- und Maqlû-Beschwörungsserien (Lambert, Babylonian Wisdom Literature) bezeugen Reinigungsfeuerrituale gegen Nergal-induzierte Krankheit: der Kranke wurde mit Flachsöl gesalbt, eine Tonfigur (Nergal-bin) verbrannt.

Beschwörungs-Formeln

Die Anrufung „Nergal pi-im-šu-bal-li-ta“ (Nergal, lass das Wort umschlagen!) findet sich in der Akkadischen Anti-Witchcraft-Serie (Maqlû VII, 32-46). Im akkadischen Erra-Epos (Tafel I, 100-150) ruft die Götterversammlung Nergal selbst zur Selbstbeschränkung an. Der Tempelhymnus „E-meslam šuʿgar-ra“ wurde zu Neumond rezitiert, um seine Aktivität zu mildern.

Amulette und Schutzsymbole

Apotropäische Tonfiguren mit Löwenkopf (Nergals Tier) wurden an Türschwellen vergraben (vgl. Wiggermann, Mesopotamian Protective Spirits). Siegelzylinder zeigen das „Nergal-Symbol“, Doppellöwenstandarte und Knopfzepter; akkadische Pestabwehr-Stelen aus Ur (3. Jt. v. Chr., heute British Museum) tragen Inschriften an Nergal als Schutzgewähr.

6. Nergal, Parallelen in anderen Kulturen

Nergal ähnelt Ares (Griechenland) in seinem Kriegsaspekt, teilt mit Hades oder Pluto die Unterwelt-Herrschaft. Mit Apollon verbindet ihn die solare, strahlende Wildheit. In indischen Kulturen könnte man Parallelen zu Rudra oder Yama sehen, wilde Götter, die Ordnung durch Vernichtung wahren. Seine Doppelaktion als Zerstörer oben und Regent unten macht ihn zu einer der psychologisch komplexesten Gottheiten des Altertums.

Quellen und Literatur

  • Cagni, Luigi: L’epopea di Erra. Rom 1969 (Standardausgabe).
  • Lambert, Wilfred G.: Babylonian Wisdom Literature. Oxford 1960.
  • Bottéro, Jean: La plus vieille religion. En Mésopotamie. Paris 1998.
  • Black, Jeremy / Green, Anthony: Gods, Demons and Symbols of Ancient Mesopotamia. London 1992.
  • Walde, Christine (Hg.): Der Neue Pauly (Lemma „Nergal“).