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Dionysos, Gott der griechischen Tradition

Dionysos ist Gott der griechischen Tradition.

Gott des Weins, der Ekstase, des Theaters und der Transformation. Dionysos ist der am weitesten gereiste Gott des Olymp, ein Gott der Grenzen und Übergänge. Er bricht Regeln, verwandelt Substanzen, befreit Menschen aus Alltags-Zwängen. Sein Fest, die *Dionysia*, gebiert das griechische Drama. Er ist gleichermaßen göttlich und sterblich, männlich und feminin, zivilisiert und wild.

Inhaltsverzeichnis

Dionysos - Götter aus der Griechenland-Tradition, historisch-illustrativ

Dionysos

Auf einen Blick: Dionysos

Typ: Griechische Hauptgottheit, Gott des Weins, der Ekstase und des Theaters
Pantheon: Griechenland (spät aufgenommen in den Olymp), Römisch als Bacchus
Funktion: Wein und Rausch, Theater (besonders Tragödie und Komodie), ekstatische Religion (Mysterien), Vegetationssterben und -Auferstehung
Hauptattribute: Thyrsos-Stab (mit Kiefernzapfen), Reben-Kranz, Trinkgefäss (Kantharos), Pantherfell
Hauptkultorte: Athen (Dionysien-Theater), Theben (Mythen-Geburtsort), Eleutherai, Naxos
Römisches Pendant: Bacchus / Liber Pater

Historische Einordnung

Zeitraum der Texte

Dionysos ist im mykenischen Linear B (ca. 1400–1200 v. Chr.) bereits als di-wo-nu-so-jo belegt, also einer der ältesten griechischen Götter trotz seines „spät“-anmutenden Charakters in der literarischen Tradition.

In der Ilias noch peripher, in der Odyssee schon zentraler. Hauptblütezeit der Dionysien-Theater-Tradition: 6.–4. Jh. v. Chr. (Aischylos, Sophokles, Euripides, Aristophanes, ihre Stücke wurden alle für das Dionysos-Fest in Athen geschrieben).

Die Dionysos-Mysterien waren bedeutender Mysterienkult, parallel zu Eleusis. In hellenistisch-römischer Zeit als Bacchus weiter verbreitet; die römischen Bacchanalien wurden 186 v. Chr. durch Senatsbeschluss eingeschränkt. Im Spätrömischen Reich Symbol einer erotisch-mystischen Frömmigkeit, im Christentum Konkurrent (Christus-Sol vs. Dionysos-Bacchus).

Verbreitungsraum

Hauptkultorte: Athen (Dionysos-Theater am Südhang der Akropolis, Geburtsstätte der griechischen Tragödie; große Dionysien jährlich im März/April), Theben (mythischer Geburtsort, Schauplatz von Euripides’ Bakchen), Eleutherai (Grenzort zwischen Attika und Böotien, berühmter alter Dionysos-Kult), Naxos (Hochzeitsstätte mit Ariadne), Delphi (Winter-Aspekt, parallel zu Apollon im Sommer).

In Italien weite Verbreitung mit spätnachfolgendem Bacchanal-Kult; Pompeji-Villa-dei-Misteri-Fresken mit Dionysos-Mysterien-Szenen.

Quellenlage

Zentrale Quellen: Hesiod (Theogonie), Homers Odyssee (Buch XI), Homerischer Hymnos an Dionysos (Hymnos 7, mit der berühmten Geschichte der Tyrrhenischen Seeräuber), Euripides’ Bakchen (zentrale Tragödie zur dionysischen Theologie), Apollodors Bibliothek, Ovids Metamorphosen (mehrere Dionysos-Episoden), Diodorus Siculus (Buch IV), Plutarch (De Iside et Osiride, Dionysos-Osiris-Synkretismus).

Sekundärliteratur: Burkert, Griechische Religion und Antike Mysterien; Otto, Dionysos. Mythos und Kultus (klassisch); Detienne, Dionysos à ciel ouvert; Henrichs, Greek Maenadism from Olympias to Messalina.

Name

Dionysos wird als schöner, androgyn wirkender junger Mann dargestellt, manchmal mit Frauenzügen, manchmal mit Bart. Seine Symbole sind Weintrauben und Wein, der Thyrsus-Stab (Stab mit Tannenzapfen), die Theater-Masken (tragisch und komisch), Efeu, Panter/Leoparden.

Er wird oft von Mänaden (wild-ekstatischen Frauen) und Satyrn (halbmenschliche Waldwesen) umgeben. Seine Erscheinung ist verwandlungsfähig, er kann als älter, jünger, männlich, weiblich erscheinen.

Beschreibung

Dionysos wird durch ekstatische Riten, Prozessionen und Theateraufführungen verehrt. Wein ist sein Opfer und sein Medium. In Mysterien-Kulten (möglicherweise in Eleusis mit Demeter verbunden) wird er als Heilsfigur verstanden, sein zerrissenes Körper wird wiedervereinigt, wie auch der Gläubige wiedervereinigt werden kann.

Die Dionysia-Feste bringen Theater-Wettbewerbe hervor. Sein Kult ist inklusive: Frauen, Sklaven und Ausländer können teilnehmen, während sie von anderen Kulten ausgeschlossen sind. Dionysos befreit durch Ekstase und Transgression.

Erscheinung und Symbolik

Dionysos wird dargestellt als jung, oft weiblich-schön, mit langen gelockten Haaren und einem Bart, manchmal androgyn. Er trägt Weintrauben, Efeu und Feigen als Kränze. Das thyrsus (Stab mit Pinienzapfen und Efeu) ist sein primäres Attribut. Der Panther oder Leopard ist sein heiliges Tier, ebenso der Ziegenbock.

Der Weinkelch und die Traube sind seine Symbole. Im Gegensatz zu anderen Göttern ist seine Ikonografie fließend, er kann als alter Mann, als Jüngling, als Frau erscheinen. Dies unterstreicht seine Natur als Gott der Transformation und Maskerade. Sein Element ist das Flüssige, Fließende, Wein, und zugleich Blut, Nektar und der unkontrollierbare Fluss der Natur.

Steckbrief: Dionysos

Die wichtigsten Aspekte von Dionysos auf einen Blick. Die folgenden Felder fassen Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und kulturelle Parallelen zusammen.

Dionysos' Herkunft

Dionysos ist Sohn des Zeus und der mortalen Semele, einer Tochter des Kadmos von Theben. Hera, von Zeus’ Affaire eifersüchtig, überredet die schwangere Semele dazu, Zeus in seiner vollen göttlichen Gestalt zu sehen, was sie verbrennt.

Zeus rettet das ungeborene Kind und näht es in seinen Oberschenkel ein, aus dem Dionysos später geboren wird (zweimal geboren, dimetor).

Aufgewachsen im Berg Nysa, oft in der Hut von Nymphen oder dem Erzieher Silen. Hochzeit mit Ariadne (von Theseus auf Naxos verlassen), einer der wenigen wirklich glücklichen Eheschliessungen im griechischen Pantheon.

Dionysos' Zielgruppe

Charakteristisch für Dionysos ist seine Mehrfach-Funktion. Als Wein-Gott lehrt er die Menschen den Weinanbau, das Trinken und die Geselligkeit. Als Ekstase-Gott versprechen seine Mysterien (Mystai-Initiationen) die Auflösung der individuellen Grenzen in einem göttlichen Wir-Gefühl. Als Theater-Gott ist er Patron der Tragödie und Komödie in den athenischen Dionysien, als Vegetationsgott spiegelt sein jährliches Sterben und Wiederauferstehen den Reben-Zyklus. Als Befreier (Eleuthereus, Lyaios) befreit er von sozialen Konventionen, Rang und Geschlecht in den ekstatischen Riten. Als Fremder Gott wird er oft als asiatischer oder thrakischer Eindringling dargestellt, obwohl er mykenisch alt ist.

Dionysos' Erscheinung

Zwei Hauptformen, je nach Epoche:

Archaisch (6.–5. Jh. v. Chr.): bärtiger Mann reifen Alters in langem Gewand, oft mit Kantharos (Trinkgefäss) und Reben-Kranz. Ernster und würdevoller.

Klassisch und später (4. Jh. v. Chr. ff.): jugendlich-schöner bärtloser Mann mit langem gewelltem Haar, oft entkleidet oder mit leichtem Hirschfell. Etwas androgyn (thelydries, weiblich-zärtlich). Mit Reben-Kranz oder Efeu-Kranz, Thyrsos-Stab (mit Kiefernzapfen-Spitze, umwickelt mit Reben/Efeu).

Begleitet vom Thiasos, Schar von Mänaden (ekstatisch tanzende Frauen), Satyrn (gehörnten halbtierischen Weingenossen), Silen (alter dicker Erzieher auf einem Esel). Reittier: Panther/Leopard oder ein von Pantherspann gezogener Wagen.

Dionysos' Wirkung

Wirkungsbereich: Dionysos hatte eine außerordentlich breite Wirkung. Im öffentlichen Kult: die Großen Dionysien in Athen (März/April) als wichtigstes Theater-Festival der Antike, Aischylos, Sophokles, Euripides und Aristophanes haben ihre Stücke für dieses Fest geschrieben; das Dionysos-Theater am Südhang der Akropolis ist die Mutter aller westlichen Theater-Architektur.

Mysterien: Dionysos-Mysterien-Initiation in zahlreichen Lokal-Traditionen, mit Verheissung eines glücklichen Jenseits.

Mänaden-Tradition: Frauen zogen jeden zweiten Winter in die Berge zu ekstatischen Nächten, in Euripides’ Bakchen kanonisch dargestellt. Hauspraxis: jeder neue Wein wurde Dionysos im Hausaltar geweiht. Im römischen Reich die Bacchanalien, deren Aussschreitungen 186 v. Chr. zur Eindämmung durch das Senatus consultum de Bacchanalibus führten.

Dionysos' Abwehr

Thyrsos-Stab (Kiefernzapfen-Spitze, mit Reben/Efeu umwunden), Reben-Kranz, Efeu-Kranz, Kantharos (zweihendliges Trinkgefäss), Pantherfell, Hirschfell, Theatermaske (Komödie und Tragödie), Stier (Theriomorph-Aspekt: Dionysos als Stier in Bakchen). Pflanzen: Weinrebe, Efeu, Kiefer, Granatapfel, Feige. Heilige Tiere: Panther, Leopard, Stier, Bock, Schlange (in Mänaden-Händen), Esel (Silens Reittier). Begleiter: Mänaden, Satyrn, Silen.

Dionysos' Parallelen

Bacchus / Liber Pater (Rom, nahezu identische Übernahme), Sabazios (Phrygisch, mit Dionysos synkretisiert in hellenist. Zeit), Osiris (Ägypten, durch Plutarchs De Iside et Osiride mit Dionysos identifiziert über das Vegetationssterben-Auferstehen-Motiv), Tammuz/Dumuzi (Mesopotamien, sterbender und wiederauferstehender Vegetationsgott), Adonis (Phönizien-Griechenland, Vegetationstod), Shiva (Hinduismus, tantrisch-ekstatischer Aspekt mit Tanz und Wein), Soma (Vedischer Trank-Gott, ekstatisch).

Funktional: jeder ekstatische Trank-/Pflanzen-Gott teilt Dionysos-Aspekte; das Sterben-Auferstehen-Motiv verbindet ihn mit den Mysterien-Religionen des gesamten Mittelmeerraums.

Schutzpraxis

Verehrung im Alltag

Rituale und Anrufungen
Die Großen Dionysien waren das Theaterfest Athens, daneben standen die Anthesterien. Die mänadischen Riten (Oreibasia) führten ins Gebirge; die dionysischen Mysterien versprachen eine besondere Heilshoffnung.

Beschwörungen und Anrufungen

Textüberlieferung und Formeln
Der homerische Dionysoshymnus, Euripides‘ Tragödie „Die Bakchen“, die orphischen Goldblättchen und Texte der dionysischen Mysterien überliefern Mythos und Kult des Gottes.

Amulette und Schutzsymbole

Materielle Apotropäika und archäologische Belege
Der Thyrsosstab und Efeukränze gehörten zu seinen Zeichen. Besondere Bedeutung hatte die Maske des Dionysos, die als Theater- und Schutzmaske apotropäische Funktion erfüllte; bezeugt sind außerdem phallische Prozessionen.

Dionysos, Parallelen in anderen Kulturen

Wein- und Ekstase-Götter gibt es überall: Osiris (Ägypten, auch Wiedergeburt), Soma (Indien, berauschender Saft), Bacchus (Rom, später Name). Dionsysos‘ Androgynität und Transformation verbinden ihn mit Transformationsfiguren wie Hermes oder Hecate. Seine Rolle als Theater-Gott ist einmalig in der Mythologie. Die Mänade-Ekstase ähnelt schamanistischen Tranzen in anderen Kulturen.

Die Bakchen des Euripides: Der Gott als Tragödie

Kein antiker Text hat das Bild des Dionysos so geprägt wie die Bakchen des Euripides, aufgeführt kurz nach 406 v. Chr. Das Stück erzählt die Ankunft des Gottes in Theben, der Stadt seiner Mutter Semele.

Pentheus, der junge König, weigert sich, Dionysos als Gott anzuerkennen, und versucht, den neuen Kult zu unterdrücken. Der Gott, der in menschlicher Gestalt auftritt, führt Pentheus durch eine Reihe von Demütigungen in den Wahnsinn.

Der Höhepunkt ist grausam. Pentheus, von Dionysos in Frauenkleider gesteckt und neugierig auf die rasenden Frauen, wird auf dem Berg Kithairon von den Mänaden für ein wildes Tier gehalten.

An ihrer Spitze zerreißt seine eigene Mutter Agaue ihn in der Verblendung der dionysischen Raserei. Sie kehrt mit seinem Kopf nach Theben zurück, im Glauben, einen Löwen erlegt zu haben, und erkennt erst dann, was sie getan hat.

Religionswissenschaftlich ist das Stück eine zentrale Quelle, weil es das Doppelgesicht des Dionysos vorführt. Der Gott ist Spender von Freude, Wein und Befreiung, aber wer ihn ablehnt, erfährt seine zerstörerische Seite.

Forscher wie E. R. Dodds, dessen Kommentar zu den Bakchen (1944) bis heute maßgeblich ist, haben gezeigt, dass das Drama keine einfache Verteidigung oder Anklage des Kultes ist, sondern die unverfügbare, gefährliche Natur des Göttlichen selbst zum Thema macht.

Die Bakchen sind zugleich eine Reflexion über die Tragödie als Institution, denn das Theater in Athen stand unter der Schirmherrschaft des Dionysos.

Das Theater des Dionysos und die Dramatischen Feste

Die griechische Tragödie und Komödie sind institutionell mit Dionysos verbunden. In Athen fanden die wichtigsten dramatischen Aufführungen an seinen Festen statt, vor allem an den Dionysia im Frühjahr und an den Lenäen im Winter.

Das steinerne Theater an der Südseite der Akropolis trug seinen Namen, das Theater des Dionysos, und in seiner Mitte stand ein Altar des Gottes; ein Priester des Dionysos hatte einen Ehrenplatz in der ersten Reihe.

Die Großen Dionysia waren ein mehrtägiges Staatsfest. Eine Prozession brachte das Kultbild des Gottes feierlich ins Theater, es folgten Opfer, Chorwettbewerbe der Knaben und Männer mit Dithyramben sowie die Aufführung von Tragödien- und Komödientetralogien im Wettstreit.

Die Dichter, darunter Aischylos, Sophokles und Euripides, traten gegeneinander an, eine Jury vergab Preise. Das Fest war damit zugleich religiöse Feier, politische Selbstdarstellung der Polis und künstlerischer Wettbewerb.

Warum gerade Dionysos zum Schirmherrn des Dramas wurde, ist in der Forschung viel diskutiert. Die ältere Theorie leitete die Tragödie aus dem Dithyrambos ab, einem chorischen Dionysos-Lied, eine Annahme, die auf Aristoteles zurückgeht und heute vorsichtiger beurteilt wird.

Sicher ist, dass das Theater einen Raum schuf, in dem Verwandlung, Maske, Ekstase und das Überschreiten der eigenen Identität erlaubt und geordnet wurden, alles Elemente, die zum Wesen des Dionysos gehören. Die Maske, mit der Schauspieler eine andere Gestalt annahmen, verweist unmittelbar auf den Gott, der selbst oft als Maskengott verehrt wurde.

Zweimal geboren: Geburt, Tod und die orphische Deutung

Dionysos trägt den Beinamen des zweimal Geborenen. Der bekannteste Mythos erzählt von Semele, einer Königstochter Thebens, die von Zeus schwanger ist. Auf Anstiften der eifersüchtigen Hera bittet sie Zeus, sich ihr in seiner wahren Gestalt zu zeigen; der Blitzglanz des Gottes verbrennt sie.

Zeus rettet das ungeborene Kind und näht es in seinen eigenen Schenkel ein, aus dem Dionysos schließlich geboren wird. Daher die zwei Geburten, aus der Mutter und aus dem Vater.

Eine andere, ältere und düsterere Erzähltradition gehört in den orphischen Umkreis. Hier ist Dionysos, oft Zagreus genannt, ein Kind des Zeus und der Persephone. Die Titanen locken das Kind, zerreißen und verschlingen es. Zeus vernichtet die Titanen mit dem Blitz, und aus ihrer Asche entstehen die Menschen.

Das Herz des Dionysos wird gerettet, und der Gott wird neu geboren. Aus dieser Erzählung leitete die orphische Theologie eine Anthropologie ab: Der Mensch trägt einen titanischen und einen dionysischen Anteil in sich.

Die Forschung hat lange über das Alter und die Reichweite dieser orphischen Tradition gestritten. Die sogenannten orphischen Goldblättchen, dünne beschriftete Goldplättchen aus Gräbern in Süditalien, Kreta und Thessalien, geben Hinweise auf Jenseitsvorstellungen, die mit Dionysos verbunden waren.

Sie versprechen den Eingeweihten ein besseres Los nach dem Tod. Dionysos ist hier nicht nur Gott des Weins und der Ekstase, sondern eine Gestalt, an die sich Hoffnung auf ein bestimmtes Schicksal jenseits des Grabes knüpfte.

Die genaue Verbindung zwischen dem Zagreus-Mythos, den Goldblättchen und den literarisch fassbaren Mysterien bleibt eines der schwierigen offenen Themen der Forschung.

Die Mysterien und die Mänaden zwischen Mythos und Kultwirklichkeit

Zum Bild des Dionysos gehören die Mänaden oder Bakchen, die rasenden Frauen, die in den Bergen tanzen, Tiere zerreißen und sich der gewöhnlichen Ordnung entziehen. Lange wurde gestritten, ob hinter diesen literarischen Bildern eine reale Kultpraxis steht.

Heute geht die Forschung davon aus, dass es tatsächlich rituelle Frauenfeste gab, die Trieteria, die alle zwei Jahre an festgelegten Orten begangen wurden, etwa auf dem Parnass in Delphi. Inschriften belegen organisierte Bakchenvereinigungen mit Vorsteherinnen.

Diese realen Riten waren deutlich geordneter als die mythische Raserei. Sie fanden zu festen Zeiten statt, hatten Funktionsträgerinnen und waren in den Festkalender der Städte eingebunden.

Der Berggang, das nächtliche Tanzen und das Tragen des thyrsos, des mit Efeu und einem Pinienzapfen geschmückten Stabes, gehörten zum Ablauf. Der Mythos überzeichnete diese Praxis ins Gefährliche und Grenzenlose, vermutlich auch, um die soziale Bedeutung des Festes als zeitweilige, geordnete Ausnahme zu markieren.

Daneben gab es Mysterienkulte des Dionysos, in die Männer wie Frauen eingeweiht werden konnten. Der Wandfries der Mysterienvilla in Pompeji ist das berühmteste Bildzeugnis, auch wenn seine Deutung umstritten bleibt. Religionswissenschaftler wie Walter Burkert und Albert Henrichs haben betont, dass die dionysischen Mysterien kein einheitliches System bildeten, sondern lokal sehr verschieden organisiert waren.

Gemeinsam war ihnen die Erfahrung des Übertritts, das zeitweilige Aufgehen in einer anderen Ordnung unter dem Schutz eines Gottes, der selbst die Grenze zwischen Mensch und Tier, Mann und Frau, Leben und Tod immer wieder überschritt.

Dionysos zwischen Orient und Linear B

Die antiken Griechen selbst hielten Dionysos oft für einen Gott, der von außen kam, ein Neuankömmling aus Thrakien, Phrygien oder Lydien. Diese Vorstellung spiegelt sich in den Bakchen, in denen der Gott als Fremder nach Theben kommt.

Lange folgte auch die Forschung dieser Deutung und sah in Dionysos einen vergleichsweise spät eingewanderten Kult. Dieses Bild musste korrigiert werden.

Entscheidend waren die mykenischen Linear-B-Tafeln, in Silbenschrift verfasste Verwaltungstexte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends. Auf Tafeln aus Pylos und vom Festland erscheint der Name di-wo-nu-so, der überzeugend als Dionysos gelesen wird.

Damit ist gesichert, dass der Gott bereits in der Bronzezeit bekannt war, also lange bevor die Griechen ihn literarisch als Neuankömmling stilisierten. Die Vorstellung des fremden Gottes ist also kein historischer Befund, sondern ein religiöses Motiv.

Religionswissenschaftlich verschiebt das die Fragestellung. Nicht mehr die Herkunft von außen ist das Rätsel, sondern warum die Griechen einen alten, einheimischen Gott so beharrlich als fremd, als spät und als grenzüberschreitend darstellten. Eine verbreitete Erklärung lautet, dass Dionysos die Funktion hatte, das Andere, das Auflösende, das Außerordentliche innerhalb der eigenen Religion zu verkörpern.

Er war der Gott, der die feste Ordnung nicht von außen bedrohte, sondern sie von innen her als zeitweilig aufhebbar zeigte. Der Name auf den Tonteln aus Pylos ist damit zugleich ein Beweis für sein hohes Alter und ein Anlass, das Selbstbild der griechischen Religion neu zu lesen.

Literatur (Auswahl)

  • Otto, Walter F.: Dionysos. Mythos und Kultus. Frankfurt 1933 (klassisch).
  • Burkert, Walter: Antike Mysterien. Funktionen und Gehalt. München 1990.
  • Detienne, Marcel: Dionysos à ciel ouvert. Paris 1986.
  • Henrichs, Albert: Greek Maenadism from Olympias to Messalina. In: Harvard Studies in Classical Philology 82 (1978).
  • Euripides: Bakchen (zahlreiche Übersetzungen).
  • Walde, Christine (Hg.): Der Neue Pauly (Lemma „Dionysos“).

Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.

Häufige Fragen zu Dionysos

Wer ist Dionysos in der griechischen Mythologie?

Dionysos ist der griechische Gott des Weins, der Ekstase, des Theaters und der religiösen Verwandlung, der twolfte und jüngste der olympischen Götter. Sein römisches Pendant ist Bacchus (auch Liber). Seine Mutter war die thebanische Prinzessin Semele, sein Vater Zeus.

Als Semele zu früh durch Zeus‘ Erscheinung verbrannte, nähte Zeus den Embryo in seinen Schenkel, aus dem Dionysos vollständig geboren wurde, daher der Beiname Zweimal-Geborener (Dimêtor). Dionysos ist der Gott der Auflösung der gewöhnlichen Grenzen, durch Wein, Tanz, Musik und Sexualität.

Was waren die Dionysischen Mysterien?

Die Dionysischen Mysterien gehörten neben den Eleusinischen Mysterien zu den wichtigsten Mysterienkulten der antiken Welt. Im Zentrum stand die Erfahrung der Ekstase (Außer-sich-Sein), durch Wein, ekstatischen Tanz (Mänaden, Bacchantinnen) und manchmal das Roh-Verzehren eines Tieres (Omophagie).

Theologisch stand der sterbende und wiederauferstehende Gott im Mittelpunkt: Dionysos wurde von den Titanen zerrissen und von Athene aus dem Herzen wiedergeboren. Die Mysterien versprachen eine glücklichere Jenseitsexistenz für die Eingeweihten. Die berühmten Wandmalereien der Villa dei Misteri in Pompeji zeigen Initiationsszenen.

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