iWell 
Guard
Guard

Belial, König und Engel der Worte

Belial gehört zu den ältesten und sprachlich ergiebigsten Figuren der jüdischen und christlichen Dämonologie. Anders als bei Bael oder Paimon, deren Linie über die phönizisch-orientalischen Götter führt, hat Belial seine Wurzeln im hebräischen Sprachgebrauch und in der frühjüdischen Apokalyptik. In der Goetia steht er als achtundsechzigster Geist und gilt als König mit Befehlsgewalt über achtzig Legionen.

Sprachgeschichte und Bedeutung

Hebräisch beli’al (בְּלִיַּעַל) ist eine Komposition aus beli (ohne) und einer Wurzel, deren Bedeutung in der Forschung umstritten ist. Vorgeschlagen wurden Worthlosigkeit, Nutzlosigkeit, Verderbnis oder Tiefe. Die Septuaginta übersetzt belial häufig mit paranomos (gesetzlos) oder asebes (gottlos). In der hebräischen Bibel erscheint die Wendung bene beli’al (Söhne Belials) als Bezeichnung für gewalttätige, gesetzlose Männer (Ri 19, 22; 1 Sam 10, 27). Eine personifizierte Belial-Gestalt entwickelt sich erst in der zwischentestamentlichen Apokalyptik.

Qumran und das Testament der Zwölf Patriarchen

Die spezifisch dämonologische Belial-Figur wird in den Qumran-Schriften greifbar. In der Kriegsrolle (1QM) führt Belial die Söhne der Finsternis im endzeitlichen Krieg gegen die Söhne des Lichts, die unter dem Engel Michael stehen. Die Gemeinderegel (1QS) beschreibt eine kosmische Polarität, in der Belial den Herrn des Lichts gegenüber den Engel der Finsternis stellt. Im Testament der Zwölf Patriarchen, einer pseudepigraphischen Schrift des 2. Jahrhunderts vor Christus, erscheint Belial als Versucher, der die Patriarchen prüft. Diese frühjüdische Tradition liefert den Hintergrund für die paulinische Verwendung in 2 Kor 6, 15: „Welche Eintracht ist zwischen Christus und Belial?“

Belial im Mittelalter

Im Mittelalter erlebt Belial eine literarische Konjunktur durch den Liber Belial (auch Processus Belial), einen rechtstheologischen Traktat, den Jakobus de Theramo um 1382 verfasst hat. Der Text verhandelt einen fiktiven Gerichtsprozess, in dem Belial im Namen der Hölle Christus wegen Hausfriedensbruchs und Befreiung der Verstorbenen vor Gott verklagt. Mose und Salomo treten als Anwälte auf. Der Liber Belial wurde zu einem der frühesten gedruckten deutschen Bücher und überlebt in zahlreichen Inkunabel-Ausgaben. Die literarische Form verbindet juristische Spitzfindigkeit mit theologischer Polemik und hat die spätmittelalterliche Belial-Vorstellung stark geprägt.

Stellung in der Goetia

Im Lemegeton (Buch 1, Goetia, 17. Jh.) erscheint Belial als König-Geist mit besonderer Prominenz. Der Text bezeichnet ihn als „unmittelbar nach Luzifer geschaffen“. Belial verleiht laut Goetia Würden, Senatorenränge und Gunstbeweise und sendet aufrichtige Antworten. Charakteristisch ist die Forderung nach Opfergaben: ohne entsprechende Geste werde Belial keine wahrheitsgemäße Auskunft geben. Diese Konditionierung der magischen Praxis ist im Lemegeton bei Belial besonders deutlich ausformuliert. Die Ikonographie zeigt zwei strahlende Engel auf einem feurigen Streitwagen, eine Bildform, die an Ezechiels Thronwagenvision (Ez 1) anklingt und Belial mit den höheren Engelsklassen in Verbindung bringt.

Sigill und magische Korrespondenzen

Das Belial-Sigill der Goetia zeigt ein geometrisch komplexes Muster aus Linien und Kreisen. Astrologisch wird Belial mit dem Wassermann assoziiert, das Element ist Erde, der Planet Saturn. In der ceremonialen Magie der Aleister-Crowley-Tradition wird Belial als Geist der Würden und der Selbstherrlichkeit gedeutet, was die Goetia-Beschreibung psychologisierend übernimmt. Die religionswissenschaftliche Forschung sieht in dieser Lesart eine moderne Eigeninterpretation, die mit der jüdisch-christlichen Belial-Tradition wenig zu tun hat.

Rezeption und Forschung

Belial gehört zu den am häufigsten erwähnten Goetia-Geistern in der zeitgenössischen Esoterik. Die Crowley-Mathers-Edition (1904) hat ihn populär gemacht, die Joseph-Peterson-Edition (2001) hat ihn philologisch zugänglich gemacht. In der akademischen Forschung wird Belial vor allem im Kontext der Qumran-Studien (Florentino García Martínez, John Collins) und im Kontext der Liber-Belial-Tradition (Stephan Buchberger, Günter Kraft) bearbeitet. Die kontinuierliche Linie von der hebräischen Wendung über die apokalyptische Personifikation bis zur Goetia-Königsfigur lässt sich gut nachzeichnen und macht Belial zu einer der religionsgeschichtlich aufschlussreichsten Goetia-Gestalten.

Verwandte Themen: Luzifer | Goetia | Samael

Belial in der esoterischen Renaissance

In der hermetischen und kabbalistischen Renaissance des 15. und 16. Jahrhunderts wurde Belial als einer der vier Höllenfürsten der Erde-Region rezipiert. Heinrich Cornelius Agrippa nennt ihn in De occulta philosophia (1533, Buch III) als Zuständigen für falsche Götzendienste und teuflische Dispute. In der Theosophie des 19. Jahrhunderts und im modernen Okkultismus, besonders bei Aleister Crowley und im Hermetic Order of the Golden Dawn, ist Belial fest mit der Erd-Sphäre und der Trägheit der Materie verknüpft. Crowley deutet ihn in seiner Goetia-Edition als personifizierten Widerstand gegen den Willen — eine psychologische Lesart, die in der modernen Chaos-Magie aufgenommen wird.

Belial in Pop-Kultur und Literatur

Belial taucht in der westlichen Literatur immer wieder auf: John Miltons Paradise Lost (1667) macht ihn zu einem der eloquentesten gefallenen Engel im Höllenrat — eleganter Sprecher, aber feige im Handeln. In zeitgenössischer Fantastik und Horror-Literatur wird er häufig als Verkörperung der Lüge und der schönen Worte ohne Substanz gezeichnet. Diese Rezeption ist nicht historisch belegt, aber sie zeigt, wie eng die alte qumranische Idee — Belial als Anti-Fürst der Wahrheit — bis in die Gegenwart wirksam ist.

Belial im interreligiösen Vergleich

Die Figur des Belial steht in einem religionsgeschichtlichen Geflecht mehrerer Kulturen. Im persischen Zoroastrismus findet sich der Aeshma Daeva, der Geist des Zorns, der die Wahrheit verschleiert — eine strukturell ähnliche Funktion. Die mesopotamische Lamashtu-Tradition kennt Wesen, die mit verführerischer Eloquenz das Versprechen brechen. Im hinduistischen Kontext entspricht dem Belial-Topos Asuras wie Vritra, der den Lebensfluss durch täuschende Versprechen blockiert. Diese Parallelen sind keine Kausalketten, aber sie zeigen ein wiederkehrendes religionsphänomenologisches Muster: der Widerstand gegen das Heilige als verführerische Sprachgewalt, nicht als roher Schrecken. Diese Linie macht die Belial-Tradition für religionswissenschaftliche Vergleichs-Studien besonders ergiebig — sie erlaubt es, Kategorien wie Lüge, Eloquenz, Verleumdung als religiöse Anti-Werte über Kulturen hinweg zu konturieren.

Belial in der jüdischen Mystik

In der lurianischen Kabbala (16. Jh.) wird Belial dem Bereich der Sitra Achra, der „anderen Seite“, zugeordnet — jenem Schattenreich, das die zehn Klipot der negativen Sephirot beherbergt. Diese Lesart wandelt Belial vom personalen Anti-Engel zur Strukturkraft im kosmischen Drama der Tikkun-Aufgabe — der Wiederherstellung der zerbrochenen Lichtgefäße. Die chassidische Tradition setzt diese Linie fort und versteht Belial-ähnliche Kräfte primär als innere Hindernisse auf dem geistlichen Weg, weniger als äußere Wesenheiten.

Quellen

  • Joseph H. Peterson (Hg.): The Lesser Key of Solomon, Weiser 2001 (kritische Goetia-Ausgabe).
  • Florentino García Martínez: The Dead Sea Scrolls Translated, Brill 1996.
  • Heinrich Cornelius Agrippa: De occulta philosophia libri tres, Köln 1533, Buch III.
  • Jeffrey Burton Russell: The Devil. Perceptions of Evil from Antiquity to Primitive Christianity, Cornell UP 1977.
  • Stephen Skinner, David Rankine: The Goetia of Dr. Rudd, Llewellyn 2007.