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Bael, Erster König der Goetia

Bael ist der erste der zweiundsiebzig Geister der Ars Goetia, eines Buchs aus dem Lemegeton, das im 17. Jahrhundert entstand und im 19. Jahrhundert durch S. L. MacGregor Mathers neu übersetzt wurde. Innerhalb der Hierarchie ist Bael ein König mit Befehlsgewalt über sechsundsechzig Legionen. Seine Stellung an der Spitze des Verzeichnisses entspricht keiner zufälligen Reihenfolge: die Goetia ordnet die Dämonen nach Rang, und der König steht über den Herzögen, Markgrafen, Grafen, Präsidenten und Rittern, die im weiteren Verlauf folgen.

Phönizische Wurzeln und christliche Umdeutung

Der Name Bael leitet sich vom semitischen Baal ab, einem der wichtigsten Götternamen des syrisch-kanaanäischen Raums. Baal bedeutet schlicht Herr und wurde in der Antike sowohl als Eigenname für Hadad, den Sturm- und Wettergott, als auch als Titel für lokale Schutzgottheiten verwendet. Die Hebräische Bibel polemisiert wiederholt gegen den Baalskult, etwa im Konflikt zwischen Elija und den Propheten Baals am Karmel (1 Kön 18). Die christliche Dämonologie der Spätantike und des Mittelalters übernahm dieses negative Bild und verschob den ehemaligen Schutzgott in das Register der gefallenen Geister. Im Lemegeton ist von einer Sturm- oder Fruchtbarkeitsfunktion nichts mehr zu erkennen, geblieben ist allein die Königswürde und die Macht über Legionen. Die Verschiebung lässt sich als religionsgeschichtliches Phänomen lesen: was im konkurrierenden Kult als göttlich galt, wurde in der eigenen Tradition zum Dämon erklärt.

Ikonographie und Beschreibung

Die ikonographische Tradition Baels ist auffällig: er erscheint mit drei Köpfen, wobei eine Variante einen Männerkopf, einen Katzenkopf und einen Krötenkopf zeigt. Daneben gibt es Darstellungen mit Spinnenbein-artigen Anhängseln am Körper oder mit zwei Tierköpfen statt drei. Der Lemegeton-Text spricht von einer rauen, heiseren Stimme. Bael lehrt nach den Texten Unsichtbarkeit und Listigkeit. Die Tier-Mensch-Hybridform ist im westeuropäischen Grimoire-Material nicht ungewöhnlich, doch die spezifische Kombination Mensch-Katze-Kröte ist auf Bael beschränkt und wurde von Collin de Plancy im Dictionnaire infernal (1818, illustriert in der Ausgabe 1863) ikonographisch geprägt. Diese Illustration hat bis heute die populäre Vorstellung von Bael bestimmt, obwohl ältere Quellen wie der Munich Handbook of Necromancy (15. Jh.) keine Bilder bieten und die Beschreibung nur in Worten überliefern.

Stellung in den Quellen

Die zentralen Texte sind die Pseudomonarchia Daemonum (1577) von Johann Weyer, die Goetia (1. Buch des Lemegeton, 17. Jh.) und das Dictionnaire infernal von Collin de Plancy. Weyer übernimmt eine ältere Liste, ordnet aber neu. Im Lemegeton steht Bael an erster Stelle und wird mit dem Sigill versehen, das in modernen Grimoire-Editionen reproduziert wird. Die Frage, ob die Liste auf einen einheitlichen historischen Kern zurückgeht oder ob sie aus mehreren Quellen kompiliert wurde, ist in der Forschung offen. Joseph Peterson, der eine kommentierte Edition der Goetia herausgegeben hat, neigt der Kompilations-These zu und verweist auf ältere arabische und jüdische Geister-Listen, die teilweise Eingang gefunden haben.

Magische Praxis und Sigill

Im rituellen Kontext der Goetia wird Bael unter Beachtung astrologischer Korrespondenzen angerufen, üblicherweise mit Bezug zur Sonne und zum Element Feuer. Das Sigill, eine geometrische Zeichnung aus Linien und Kreisen, dient als Anker der Anrufung und wird in der ceremonialen Magie traditionell auf Pergament oder Metall ausgeführt. Aleister Crowleys Edition der Goetia (1904) hat das Sigill in seine modern-okkulte Lesart überführt, in der die Geister als Aspekte des eigenen Bewusstseins gedeutet werden. Diese psychologisierende Lesart unterscheidet sich grundlegend von der älteren ceremonialen Tradition, in der die Geister als eigenständige Wesenheiten verstanden wurden. iWell Guard folgt der religionswissenschaftlichen Beschreibung und enthält sich einer Anleitung zur Beschwörung.

Bezug zu anderen Geistern der Goetia

Innerhalb des Lemegeton bildet Bael die Eröffnung einer Reihe von Königen, zu denen unter anderem Paimon (9. Geist), Belial (68. Geist) und Asmodai (32. Geist als Asmoday) gehören. Die Königswürde innerhalb der Goetia ist hierarchisch geordnet, doch die Unterschiede zwischen den Königen sind im Text gering. Crowley und spätere Bearbeiter haben jedem König spezifische Wirkungssphären zugewiesen, die im Originaltext so nicht angelegt sind. In der vergleichenden Religionswissenschaft wird Bael oft mit anderen Sturm- und Königsgottheiten verwandter Kulturen verglichen: dem mesopotamischen Adad, dem hethitischen Tarhuns oder dem ugaritischen Baal-Hadad. Diese Vergleiche zielen nicht auf historische Filiation, sondern auf typologische Verwandtschaft.

Rezeption

In der modernen Esoterik und im populären Okkultismus ist Bael durch die Crowley-Edition der Goetia und durch Filme, Spiele und Romane präsent geworden. Die literarische Rezeption reicht von John Miltons Paradise Lost (in dem Baal als gefallener Engel auftaucht, ohne den Drei-Köpfe-Aspekt) bis zu zeitgenössischen Fantasy-Werken. Die religionswissenschaftliche Forschung interessiert sich primär für den Übergang vom phönizischen Gott zum Goetia-König und für die Frage, welche Quellen und Übersetzungspraxen die mittelalterlich-frühneuzeitliche Liste geformt haben. Owen Davies, Stephen Skinner und David Rankine haben Editionen vorgelegt, die die handschriftliche Überlieferung der Goetia rekonstruieren.

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Bael und die Säkularisierung antiker Götter

Der Bael der Goetia ist religionsgeschichtlich ein Beispiel für die Umwertung antiker Götter durch das Christentum. Der westsemitische Baal-Hadad war über tausend Jahre ein Hauptgott des syro-palästinischen Raums; in der hebräischen Bibel wird er zum Inbegriff der falschen Verehrung. Mit der Christianisierung Europas wandert die Figur weiter ab vom legitimen Gott zum dämonischen Wesen — ein Prozess, den die Religionswissenschaft als interpretatio diabolica bezeichnet. Die Lemegeton-Bael ist also weniger eine empirische Beschreibung als das End-Produkt einer langen polemischen Tradition.

Bael in der historisch-kritischen Bibelwissenschaft

Die alttestamentliche Polemik gegen Baal ist nicht nur theologisch, sondern Spiegel realer Konkurrenz: Im 9. und 8. vorchristlichen Jahrhundert standen JHWH-Verehrung und Baal-Kult tatsächlich nebeneinander, mit Phasen wechselnder Dominanz. Die Erzählung von Elija auf dem Karmel (1 Kön 18) dramatisiert diese Konkurrenz; archäologische Befunde bestätigen, dass Baal-Heiligtümer in Israel und Juda lange Bestand hatten. Die endgültige Verabsolutierung JHWHs setzt erst mit der deuteronomistischen Reform und dem Babylonischen Exil ein. Aus dieser Spät-Perspektive wird der frühere Konkurrent rückwirkend dämonisiert — ein klassisches Muster der Religionsgeschichte. Wer Bael im modernen Okkultismus liest, sollte deshalb beide Schichten unterscheiden: den historischen kanaanäischen Wettergott und seine spätere theologisch konstruierte Schattenfigur.

Praxis-Hinweise

In der modernen ritualmagischen Praxis wird Bael mehrheitlich als Symbol für Manifestationskraft und körperliche Regeneration interpretiert. Diese Lesart ist nicht historisch, aber pragmatisch verbreitet — sie folgt dem hermetischen Prinzip „wie oben so unten“ und identifiziert den Goetia-König mit der Erde-Element-Sphäre. Wer mit den salomonischen Texten arbeitet, sollte die Diskontinuität zwischen religionshistorischer Realität und magischer Symbolik anerkennen, statt sie zu vermischen.

Quellen

  • Joseph H. Peterson (Hg.): The Lesser Key of Solomon, Weiser 2001.
  • Mark S. Smith: The Early History of God. Yahweh and the Other Deities in Ancient Israel, Eerdmans 2002.
  • Wolfgang Behringer: Hexen. Glaube, Verfolgung, Vermarktung, München 2005.
  • Henk Vreekamp: The Land of Baal, Eerdmans 2014.