Gui ist Geist der chinesischen Tradition.
Die vielfältige chinesische Geisterwelt, von Ahnen zu Rächern.
Gui (鬼) bezeichnet im klassischen chinesischen Volksglauben primär den Ahnengeist — die unsterbliche Seele eines Verstorbenen, die nach dem Tod weiterexistiert. Im Confucianischen System gibt es zwei Seelen-Komponenten: hun (himmlische, leichte Seele, die nach oben aufsteigt) und po (irdische, schwere Seele, die im Grab verbleibt). Wenn die po-Seele unausgeglichen ist — etwa durch unbeerdigtes Sterben, fehlende Opfergaben, gebrochene Pietätspflicht — wird sie zum rastlosen Gui. Die wichtigsten Riten zur Befriedung: Qing-Ming-Fest (Tomb-Sweeping, April 4./5.), Zhong-Yuan-Fest (Hungrige-Geister-Fest, 7. Mondmonat), Ahnentafel-Pflege im Familientempel. Die taoistische Interpretation erweitert das Schema um Geister-Ränge: Tu-di Gui (Lokal-Geister), Shan-Gui (Berggeister), Shui-Gui (Wassergeister). Verwandte Gestalten: Jiangshi (Hüpfender Leichnam), Diao-si Gui (Erhängten-Geist).
Der Gui (鬼) ist der Grundbegriff der chinesischen Dämonologie. Das Schriftzeichen zeigt ursprünglich einen Kopf mit wallendem Haar, Seele eines Verstorbenen. Der Begriff ist weit: Er umfasst Ahnengeister (die beim richtigen Ritus wohlwollend sind), ruhelose Tote (die heimsuchen), rachsüchtige Seelen und viele Subkategorien. Der Yin-Yang-Kosmologie nach gehört Gui zum Yin, kalt, dunkel, weiblich, tot, und braucht rituelle Balance mit dem Yang der Lebenden.
Die klassische Literatur kennt viele Typen. Nügui (女鬼) als weiblicher Geist ist besonders in Volkserzählungen und Opern prominent, die schöne junge Frau, die aus Trauer oder Rache zurückkehrt. Shui Gui (水鬼) ist der Ertrunkene, Diao Si Gui (吊死鬼) der Erhängte. Pu Songlings Meisterwerk Liaozhai Zhiyi (17. Jh.) enthält Hunderte Gui-Erzählungen und hat das moderne Bild geprägt, besonders die „Gui als tragische Liebende“-Motivik, in der Lebende und Tote in komplexen Beziehungen stehen.
Typ: Allgemeiner Begriff für Geist/Dämon
Herkunft: Seelen Verstorbener, besonders unerlöste
Subtypen: Nügui (weiblich), Shui Gui (ertrunken), Diao Si Gui (erhängt), viele weitere
Texte: Shang-Orakelknochen, Zuozhuan, Sou Shen Ji, Liaozhai Zhiyi
Zeitraum: vorimperial bis Gegenwart
Shang-Orakelknochen (ca. 1600 v. Chr.) mit frühen Gui-Anrufungen. Han-zeitliche Texte (Shujing, Liji) systematisieren. Tang-zeitliche Wunderliteratur (Sou Shen Ji, 4. Jh.) mit dichter Gui-Erzählung. Qing-zeitliches Liaozhai Zhiyi (17. Jh.) als literarischer Höhepunkt. Moderne Filmindustrie und Literatur kontinuierlich.
Han-chinesisches Kerngebiet. Mit Diaspora weltweit (Taiwan, Hongkong, Südostasien, Nordamerika, Europa). Regionale Vielfalt: südchinesische Traditionen (Hong Kong, Singapur) besonders dicht mit Gui-Glauben; Minderheiten (Hui, Miao) mit eigenen Varianten.
Shang-Orakelknochen, klassische Konfuzianer-Texte (Liji, Zuozhuan), daoistische Exorzismus-Texte (Daozang), Ganbaos Sou Shen Ji, Pu Songlings Liaozhai Zhiyi, Yuan Meis Zi Bu Yu, moderne Volkskunde und Film.
Chinesisch: 鬼 (guǐ).
Subtypen: nügui 女鬼 (weiblich), nangui 男鬼 (männlich), shui gui 水鬼 (ertrunken), diao si gui 吊死鬼 (erhängt), yuan gui 冤鬼 (ungerecht Gestorbene), e gui 餓鬼 (Hungergeist, s. eigene Seite).
Etymologie: Pictogramm; im Shang-Orakelknochen bereits als wallende Haupthaarform.
Japanisch: Oni (teilweise übernommen), Yūrei als Entsprechung zum Gui.
Die regionale Differenzierung ist enorm. Hong-Kong-Volksglauben kennt etwa den jiandie gui (Spähgeist), zanpu gui (Gemetzelgeist) und viele weitere. Taiwanesische Traditionen haben eigene Klassen. Die Einheit liegt im Grundbegriff, die Vielfalt in den konkreten Gestalten.
Meist schattenhaft oder durchsichtig. Nügui als schöne junge Frau in weißem Gewand mit langen schwarzen Haaren. Shui Gui als aufgedunsener nasser Körper. Diao Si Gui mit bläulichem Gesicht und hängender Zunge. Moderne Horrorästhetik prägt die Bildtradition bis heute (Ring-Filme).
Abhängig vom Typ: Ahnengeister kommen zu Feiertagen und erwarten Opfer; rachsüchtige Yuan Gui suchen ihre Mörder oder unmoralische Zeugen; Shui Gui versuchen andere zu ertränken (um einen Ersatz zu bekommen und selbst wiedergeboren zu werden).
Ort des Todes, Familie des Verstorbenen, unreine Orte. Nachts und in der Geisterstunde. Jährlich verstärkt im Hungry Ghost Month (siebter Mondmonat). An Friedhöfen und Verbrennungsstätten immer präsent.
Gui gehört zum Yin-Bereich der Kosmologie. Im buddhistisch-daoistischen Synkretismus sind Gui Wesen in einer der sechs Daseinsformen; in konfuzianischem Rahmen sind sie Ahnen und brauchen richtige Ritualpflege (li).
Die wichtigsten Aspekte des Gui auf einen Blick.
Seelen Verstorbener, Ahnen oder unerlöste. Yin-Seite der Welt. Weit über das dämonische Spektrum reichend, von wohlwollend bis bedrohlich.
Familien der Verstorbenen (Ahnen), Opfer von Mord (Yuan Gui), Badende an Shui-Gui-Orten, Menschen im siebten Mondmonat.
Schattenhaft oder durchsichtig. Nügui mit langem schwarzen Haar in Weiß; Shui Gui aufgedunsen und nass; Diao Si Gui mit bläulichem Gesicht und hängender Zunge.
Je nach Typ: Heimsuchung, Rache, Ertränkung, Krankheit, psychische Bedrängnis. Ahnengeister bei richtiger Pflege wohlwollend, bei Vernachlässigung bedrohend.
Ahnenopfer und Familienrituale (Qingming, Hungry Ghost), daoistische Fu-Talismane, Bagua-Spiegel, Pfirsichholz-Schwerter, Hahnenblut, Rezitation von Sutras oder Dao-Texten.
Qingming-Fest (April): Grabbesuche, Opferung von Papierspeisen und Papiergeld. Hungry Ghost Festival (7. Mondmonat): Opfergaben vor der Haustür, öffentliche Rituale. Lunar Neujahr mit Ahneneinladung. Ohne diese Rituale werden Ahnen zu Yuan Gui.
Daoistische Priester (Daoshi) mit fu-Talismanen aus gelbem Papier mit roter Tinte. Rituale mit Pfirsichholzschwert und Glöckchen. Yin-Yang-Kompass (luopan) zur Bestimmung gefährlicher Orte. Feng-Shui-Korrektur als präventive Maßnahme.
Bagua-Spiegel über Haustür, Paartürgötter (Menshen, Qin Shubao und Yuchi Jingde), rote Fäden für Neugeborene, Jade-Amulette. Hausschwellen, Dachkanten und Eingänge werden besonders geschützt.
Pu Songlings Liaozhai Zhiyi (17. Jh.) als Höhepunkt, knapp 500 Erzählungen mit Gui, Yaoguai, Huli Jing. Bis heute immer wieder adaptiert. Yuan Meis Zi Bu Yu (18. Jh.) ergänzt. Moderne Autoren (Pu Songlings Übersetzer, chinesische Gegenwartsliteratur) knüpfen an.
Hong-Kong-Geisterfilme (A Chinese Ghost Story, 1987) und taiwanesische Horror-Produktionen (Tigertail, The Rope Curse) prägen das moderne Bild. Japanische J-Horror (Ring, Ju-on) greift stark auf chinesische Gui-Motive zurück.
Diaspora-Gegenwart: In chinesischen Gemeinden weltweit wird der Gui-Glauben gepflegt. Hungry-Ghost-Festival-Praktiken in Singapur, Malaysia, Nordamerika. Zeitgenössische Chinesen in der Volksrepublik pflegen die Rituale trotz offizieller Säkularisierung.