Legion ist Dämon der christlichen Tradition.
„Denn wir sind viele“, kollektive Besessenheit in Gerasa.
Legion ist der Name einer Gruppe von Dämonen, die in der neutestamentlichen Erzählung des Besessenen von Gerasa (Mk 5,1–20; Lk 8,26–39; Mt 8,28–34) zusammengefasst sind. Sie fahren auf Jesu Befehl in eine Schweineherde, die sich sogleich ins Meer stürzt. Die Szene ist zum Paradigma christlicher Dämonenaustreibung geworden und hat das Bild kollektiver Besessenheit geprägt.
Der Name „Legion“ bezieht sich auf die römische Heereseinheit, bis zu 6.000 Soldaten. Damit ist die Gruppen- und Massendimension des Phänomens gesetzt. In späterer theologischer und psychologischer Deutung dient Legion als Modellfall: Besessenheit als multiple Überlagerung, innere Fragmentierung, Auflösung der Persönlichkeit. Die moderne Psychologie der dissoziativen Störungen nimmt die Erzählung gelegentlich als Leitmotiv auf.
Die Legion-Erzählung steht in den drei synoptischen Evangelien (Markus 5,1–20; Matthäus 8,28–34; Lukas 8,26–39) und beschreibt die Heilung eines Besessenen in der Region der Gerasener (oder Gadarener) am Ostufer des Sees Genezareth. Die zentrale Szene ist der Dialog zwischen Jesus und dem Besessenen: Jesus fragt nach dem Namen, die Antwort ist Legion, denn wir sind viele. Der Begriff Legion (griechisch legiōn, lateinisch legio) bezeichnete im 1. Jahrhundert eine römische Truppe von ca. 5.000 bis 6.000 Soldaten. Die Wahl gerade dieses Begriffs für eine dämonische Selbstbenennung hat in der Forschung (Paul W. Hollenbach, Jesus, Demoniacs, and Public Authorities, 1981) eine politische Lesart angeregt: Die Erzählung enthalte einen anti-römischen Subtext, in dem die römische Besatzungs-Macht symbolisch ausgetrieben wird. Dieser Lesart folgen Ched Myers (Binding the Strong Man, 1988) und John Dominic Crossan in der späteren Jesus-Forschung.
Typ: Kollektiv-Dämon (Gruppe unter einem Namen)
Herkunft: Besessener von Gerasa
Texte: Mk 5, Mt 8, Lk 8, patristische Auslegungen
Zeitraum: 1. Jh. bis Gegenwart
Motiv: Paradigma multipler Besessenheit und christlicher Austreibung
Synoptische Evangelien (Mk, Mt, Lk) berichten die Szene; Mk 5 gilt als älteste Fassung. Patristische Auslegungen (Origenes, Augustinus) bauen die Deutung aus. Moderne Exegese und Psychologie beziehen sich regelmäßig auf Legion als Modellfall.
Gerasa am Ostufer des Sees Genezareth (heute Jordanien) ist der erzählerische Schauplatz. In christlicher Mission und Volksfrömmigkeit weltweit als Exempel präsent.
Synoptische Evangelien, patristische Predigten, mittelalterliche Exempla, ikonografische Darstellungen, moderne Exegese, psychoanalytisch-psychologische Interpretationen (Jung u. a.).
Griechisch: Legiōn, aus lat. legio.
Kontext: Die Besessenen waren kein Einzeldämon, sondern ein Kollektiv, „denn wir sind viele“ (Mk 5,9). Der Name ist daher Funktionsname, nicht Eigenname eines individuellen Dämons.
Die Zahl „Legion“ verweist zugleich auf die römische Besatzungsmacht. Der Aspekt politischer Deutung, Legion als Symbol für die römische Herrschaft, die das Land „besetzt“, wird in moderner postkolonialer Exegese hervorgehoben.
Keine eigene ikonografische Tradition. Dargestellt wird stets die Szene: Jesus am Ufer, der Besessene unter den Gräbern, die ins Meer stürzende Schweineherde.
Der Besessene lebt in Felsengräbern, kann nicht mehr gebunden werden, schreit Tag und Nacht und verletzt sich mit Steinen. Nach der Austreibung: gesund, bekleidet, bei klarem Verstand.
Einzelner Mensch, der zum Träger kollektiver Besessenheit wird. Symbolisch die Zerstörung sozialer Einbettung (Leben in Gräbern), körperliche Selbstverletzung, Isolation.
Erster klar ausgestalteter Exorzismus Jesu im Markusevangelium und damit Grundlage der christlichen Exorzismustradition. Die Schweineherde unterstreicht die Realität der Dämonen (sie wirken fort, auch nach Austreibung) und ihre Vernichtbarkeit.
Origenes deutet in seinem Markus-Kommentar die Legion-Erzählung allegorisch: Die vielen Dämonen entsprechen den vielen Sünden, die einen einzigen Menschen zum Vielen machen, während die Heilung die Wieder-Vereinheitlichung der Person in Christus bedeutet. Diese allegorische Lesart bleibt in der patristischen Tradition Standard. In der mittelalterlichen Volkstheologie wird Legion zum Prototyp der vielfältigen Besessenheit, in der mehrere Dämonen einen einzigen Menschen besetzen. Der Exorzismus-Apparat des Rituale Romanum (1614) sieht für solche Fälle eine spezielle Befragungs-Praxis vor, in der die Anzahl, die Namen und die Eintritts-Umstände der Dämonen ermittelt werden müssen.
Die wichtigsten Aspekte Legions auf einen Blick.
Kein Einzeldämon, sondern Kollektiv („denn wir sind viele“). Der Name „Legion“ stammt vom römischen Heer, bis zu 6.000 Soldaten.
Einzelne Menschen, die zum Träger multipler Besessenheit werden. In späterer psychologischer Deutung: dissoziative Zustände und Persönlichkeitsaufspaltung.
Keine eigene Ikonografie; dargestellt wird stets die Szene, Jesus, Besessener, die ins Meer stürzende Schweineherde.
Verursacht radikale soziale und körperliche Isolation: Leben in Gräbern, Selbstverletzung, Unfähigkeit zu sprechen oder zu schlafen.
Direkter exorzistischer Befehl Jesu. In kirchlicher Tradition Modellfall für Exorzismusritual: Anruf, Frage nach dem Namen, Austreibungsbefehl.
Dybbuk (jüdische Besessenheit), Jinn-Besessenheit (islamisch), buddhistische Besessenheitsvorstellungen, moderne dissoziative Störungen.
Origenes deutet Legion allegorisch als Vielzahl der Laster; Augustinus sieht die Episode als Beweis der realen Macht Christi über Dämonen. Mittelalterliche Exempla nutzen die Szene als Musterfall geistlicher Befreiung.
Psychoanalyse und Tiefenpsychologie deuten Legion als Bild innerer Fragmentierung. Postkoloniale Exegese sieht in der Zahl die römische Besatzungsmacht. Der Film-Titel Legion (1998) ist nur eines von vielen popkulturellen Echos.
Die Frage „Wie ist dein Name?“ (Mk 5,9) wird bis heute im Rituale Romanum als zentrales Element verwendet. Die Namensforderung gilt als klassisches Instrument der Dämonenerkenntnis und -vertreibung.
Der Dybbuk als Besessenheitsgeist ist die nächste strukturelle Parallele. Beide Traditionen kennen die Frage nach dem Namen als zentrales Instrument des Exorzismus.
Islamische Tradition: Besessenheit durch Jinn, mit Ruqya als Austreibungsritual. Funktional parallel, theologisch eigenständig.
Säkulare Deutungen: Dissoziative Identitätsstörung („multiple Persönlichkeit“) der modernen Psychiatrie ist die säkulare Nachfolgerin. Die Grundidee einer inneren Vielheit bleibt erhalten.
Strukturell verwandt sind die jüdische Dybbuk-Tradition (kabbalistisch ab dem 16. Jahrhundert ausgearbeitet, mit dem Stand-Werk Gershom Scholem, Über einige Grundbegriffe des Judentums, 1970) und die islamische Tradition der Jinn-Besessenheit. Beide kennen das Phänomen multipler Besessenheit, ohne den spezifischen Legion-Begriff zu verwenden. Die haitianisch-vodou Tradition kennt das Phänomen der „monté„-Reiterschaft durch mehrere Lwa nacheinander; die afrobrasilianische Candomblé-Tradition kennt analog die Besetzung durch verschiedene Orixá. Die religionsgeschichtliche Gesamtbild ist, dass das Phänomen multipler Besessenheit in praktisch allen entwickelten Kulturen mit eigener Terminologie und eigener rituellen Behandlung dokumentiert ist; die christlich-evangelische Legion-Erzählung ist ein einzelner Fall in einem breiten religionsphänomenologischen Spektrum.