iWell Guard

Proserpina, Göttin der römischen Tradition

Proserpina ist die Göttin der Unterwelt und der Wiedergeburt in der römischen Tradition. Sie ist die Gattin Plutos und Herrscherin über das Totenreich, doch bleibt sie durch ihre jährliche Rückkehr zur Oberwelt an die Zyklen der Natur gebunden. Religionswissenschaftlich ist Proserpina die Verkörperung des Übergangs zwischen Leben und Tod, zwischen oben und unten.

Inhaltsverzeichnis

Proserpina - Götter aus der Rom-Tradition, historisch-illustrativ

Proserpina

Proserpina verkörpert die Dualität von Jungfräulichkeit und Ehelichkeit, von Unschuld und königlicher Autorität. Sie ist Tochter Cereris (Getreide), Gemahlin Plutos und Herrscherin der Toten.

Der Mythos ihrer Entführung durch Pluto erklärt saisonale Pflanzenwechsel und die Struktur des Jahres. Ihre zentralen Aspekte sind Fruchtbarkeit, Reife, Übergang und die Sanktion neuer Leben aus dem Totenreich. Die Eleusinischen Mysterien feierten ihre Rolle in kosmischer Regeneration.

Kurzprofil: Proserpina

Quellen: Ovids Metamorphosen 5, Vergil Georgica, Cicero De Natura Deorum, Apuleius Metamorphosen, Hymnen an Proserpina, lateinische Inschriften und Grabstein-Epitaphe. Sekundärliteratur: Georg Wissowa, Karl Latte, Walter Burkert (zur Verschmelzung mit Persephone), Hubert Cancik. Die Proserpina-Verehrung war in Eleusis-Kulten stark, aber auch in privaten Häusern Italiens, Galliens und Africas verbreitet.

Kontext

Zeitraum der Texte

Die schriftliche Überlieferung zu Proserpina reicht mehrere Jahrhunderte zurück in die Vergangenheit, mit großer Wahrscheinlichkeit noch älteren mündlichen Traditionen, die vorher existierten. Die Rom haben diese Entität oder dieses Konzept über außerordentlich lange Zeiträume bewahrt und sorgfältig von Generation zu Generation weitergegeben, was auf zentrale religiöse und kulturelle Bedeutung hindeutet.

Proserpina blieb auch nach dem Ende des antiken Kults gegenwärtig. Ovids Schilderung des Raubes in den Metamorphosen und Claudians spätantikes Epos De raptu Proserpinae hielten den Stoff lebendig, Maler und Bildhauer von der Renaissance bis zu Bernini und Rossetti griffen ihn auf. Goethe schrieb ein Monodrama über sie. Der Kern des Mythos, das zwischen Oberwelt und Unterwelt geteilte Jahr, ist bis heute die bekannteste antike Deutung der Jahreszeiten.

Mythologische Einordnung

Proserpina ist die römische Göttin des Frühlings und der Unterwelt, Tochter der Ceres. Ihr Mythos, Entführung durch Pluto, Rückkehr, ist zentral für Jahreszeiten-Verständnis. Sie ist nicht ohnmächtig, sondern Herrscherin der Unterwelt neben Pluto. Sie ist ambivalente Figur der Transformation.

Verbreitungsraum

Proserpina war universell in der gesamten Rom-Welt bekannt und verehrt oder respektvoll gefürchtet, ohne Begrenzung auf bestimmte Regionen oder Lokationen. Ob in großen urbanen Zentren oder in peripherer ländlicher Region, ob bei sozialem Elite oder bei einfachem Volk, die spirituelle oder kulturelle Bedeutung dieser Entität war durchgehend anerkannt und universell.

Die Aufnahme der Proserpina in Rom war eine Entscheidung des Staates: Auf Geheiß der Sibyllinischen Bücher wurde ihr Kult 249 v. Chr. zusammen mit dem des Dis Pater eingerichtet, um Unheil vom Gemeinwesen abzuwenden. Ihr griechisches Vorbild Persephone kam über die Kolonien Unteritaliens und Siziliens nach Rom; das Heiligtum von Locri und die sizilischen Kultorte zeigen, wie Handel und Kolonisation die Verehrung im Mittelmeerraum verbreiteten und vereinheitlichten.

Quellenlage

Primärquellen: Ovid Metamorphosen 5 (Raub der Proserpina), Vergil Georgica und Aeneis, Homers Hymnus an Demeter (griechisches Pendant), Cicero De Natura Deorum, Senecas Tragödien.

Zeitraum: 5. Jahrhundert v.Chr. bis 6. Jahrhundert n.Chr. Forscher: Georg Wissowa, Karl Latte (Römische Religionsgeschichte), Walter Burkert (Griechische Religion), Manfred Clauss (Kulte). Archäologische Belege: Eleusinische Heiligtümer, Grabdenkmäler aus Römerzeit, Defixionen mit Namen Proserpinas.

Bezeichnung und Schreibweisen

Proserpina wird in den verschiedenen Quellen und künstlerischen Traditionen mit bestimmten wiederkehrenden ikonographischen Elementen dargestellt, die über Jahrzehnte und über verschiedene geografische Räume hinweg relativ konstant bleiben. Diese Elemente sind tief symbolisch kodiert und tragen große Bedeutung; als reine Dekoration oder Zufallswahl lassen sie sich nicht erklären.

An den Bildern der Proserpina lässt sich ihre Doppelnatur ablesen. Ähren, Blumen und der Granatapfel verweisen auf Fruchtbarkeit und Vegetation, zugleich auf die Frucht, deren Genuss sie an die Unterwelt band. Die Fackel gehört zur Suche ihrer Mutter Ceres, der Thron an der Seite Plutos zeigt sie als Königin des Totenreichs. Wer mit dem Mythos vertraut war, erkannte in jedem dieser Zeichen eine Station ihrer Geschichte: Raub, Suche, Granatapfel, geteiltes Jahr. Die Attribute erzählen den Jahreszeiten-Mythos in verdichteter Form.

Beschreibung

Proserpina war zentral in der religiösen Praxis, den Alltagsritualen und im alltäglichen Verständnis der Rom. Menschen wendeten sich in kritischen oder bestimmten Lebenssituationen oder zu bestimmten rituellen Jahreszeiten an diese Entität, mit strukturierten, oft aufwendigen Ritualen, Gebeten oder Opfergaben.

Der Kult der Proserpina war in Rom fest geregelt. 249 v. Chr. wurde ihre Verehrung zusammen mit Dis Pater offiziell eingeführt, die Opfer am unterirdischen Altar des Tarentum auf dem Marsfeld folgten genauen rituellen Vorgaben. In den griechisch geprägten Mysterien, die ihr Vorbild Persephone betrafen, leiteten eigens eingesetzte Kultbeamte die Weihen; Teilnahme und Ablauf unterlagen strengen Regeln.

Die Riten für Proserpina erfüllten über Jahrhunderte konkrete Aufgaben. Als Vegetationsgöttin wurde sie zusammen mit Ceres für das Gedeihen der Saat angerufen, also für die Ernährungsgrundlage der Gemeinschaft. Als Unterweltskönigin empfing sie Gaben, die den Verstorbenen eine gnädige Aufnahme sichern sollten. Ihr Mythos vom jährlichen Auf- und Abstieg deutete zudem den Wechsel der Jahreszeiten und gab dem Übergang zwischen Leben und Tod eine fassbare Gestalt.

Erscheinung und Symbolik

Proserpina wird dargestellt in Übergangsphasen, manchmal jung und frühlinghaft, manchmal düster. Sie trägt Krone und hält oft Schlüssel. Der Granatapfel ist ihr Attribut (Samen der Rückkehr). Gerstenähren und Blumen gehören dazu. Ihre Ambivalenz ist ihre Stärke.

Steckbrief: Proserpina

Der Steckbrief erläutert Proserpinas Natur über sechs Dimensionen: ihre mythische Herkunft und Verbreitung, die Formen ihrer Verehrung in Religion und Magie, ihre charakteristische Darstellung in Kunst und Symbolen, die Bedeutung von Anrufung und Respekt, verwandte Figuren in Nachbarkulturen und eine abschließende Übersicht ihrer kosmischen Funktion als Göttin des Übergangs.

Proserpinas Herkunft

Proserpina ist die römische Form der griechischen Persephone und stammt aus indogermanischen Fruchtbarkeitsgöttinnen-Mythen. Der Raub-Mythos (lateinisch: raptus) war ursprünglich eine Erklärung für saisonale Vegetationszyklen. In Rom wurde Proserpina als Gemahlin Plutos verehrt, eigenständig und mächtig.

Die frühesten Belege gehen auf das 5. Jahrhundert v.Chr. zurück, verstärkten sich aber unter griechischem Einfluss (2.-1. Jahrhundert v.Chr.). Eleusinische Mysterien-Kulte verbreiteten sie über die antike Welt.

Proserpinas Zielgruppe

Proserpina wurde angerufen von Bauern bei Aussaat und Ernte, von schwangeren Frauen (als Garantin neuer Leben), von Trauernden (zur Besänftigung der Toten).

Die Eleusinischen Mysterien waren streng geheim, aber ihre Teilnehmer berichteten von Proserpinas Rolle als Hoffnungsträgerin nach dem Tod. In privaten Häusern betete man zu ihr für Fruchtbarkeit und Schutz von Kindern. Die Anthesteria (Blumenfest) war ein jährliches Fest zu ihrer Ehre.

Darstellung

Proserpina wurde dargestellt als junge Frau oder mature Königin, je nach Phase des Mythos, jung bei der Entführung, reif und gekrönt als Unterwelts-Herrscherin.

Ihre Attribute sind der Mohnkopf (Symbol des Schlafes und Todes), das Füllhorn (Überfluss), der Zepter, die Fackel (sie leuchtet in der Finsternis der Unterwelt). In Münzen sitzt sie neben Pluto oder trägt eine Krone. Auf Grabsteinen symbolisiert sie Übergang und Hoffnung auf Weiterleben.

Tätigkeit

Wirkungsbereich: Proserpina (auch Persephone, griechisch) ist die Unterweltgöttin Roms, Tochter der Ceres (Demeter) und Gemahlin des Pluto (Hades).

Sie symbolisiert den Übergang zwischen den Jahreszeiten, zwischen Leben und Tod. Ihre Entführung in die Unterwelt und ihre jährliche Rückkehr zur Mutter erklären den Wechsel von Sommer und Winter. Sie ist nicht ohnmächtig oder passiv, in vielen Texten ist sie Herrscherin der Unterwelt, Ehefrau mit eigenem Reich.

Schutzmittel

Proserpina stand unter Anrufung und schützender Verehrung, als Vermittlerin zwischen Leben und Tod, keine Schad-Göttin. Opfer waren Mohn, Honig, Früchte und schwarze Tiere.

Bei Trauerfällen betete man zu ihr, um die Verstorbenen unter ihre Herrschaft zu bringen und ihnen Frieden zu geben. Schwangere Frauen trugen Amulette mit ihrem Bild. Magie involvierte oft ihren Namen zur Beschwörung oder zum Schutz vor bösen Geistern.

Vergleichbares

Persephone (griechisch) ist das direkte Vorbild und bleibt strukturell identisch. Inanna/Ischtar im Mesopotamischen ähnelt ihr in der Unterwelts-Reise, aber nicht in der jahreszeitlichen Bindung. Im ägyptischen Raum zeigt Osiris (männlich) ähnliche Funktionen als Totenrichter und Hoffnungsfigur. Hel im Germanischen ist eine weniger ambivalente Unterwelts-Herrscherin.

Proserpina, Parallelen in anderen Kulturen

Proserpina ist die römische Adaption der griechischen Persephone; ihr Mythos wurde mit dem römischen Saatkalender und den Eleusinien verknüpft. Während Persephone im Vier-Jahreszeiten-Mythos zentrale Trauer-Figur bleibt, übernimmt Proserpina in der römischen Praxis zusätzliche Schutzaufgaben für Ehe und Hausstand.

Jüdische Tradition: In der jüdischen Mythologie gibt es keine Göttin der Unterwelt. Die Sheol ist ein passives Totenreich ohne personalisierte Herrscherin. Erst in Kabbala und Apokalyptik werden engelartige Wesen erwähnt, aber keine Proserpina-Analoga.

Griechisch-römische Welt: Persephone ist Proserpinas griechisches Original. In gemeinsamen Kulten (bes. nach dem 3. Jahrhundert v.Chr.) verschmolzen die Namen und Funktionen, blieben aber strukturell gleich. Andere Unterwelts-Gottheiten (Hekate) kamen hinzu, ohne Persephone zu verdrängen.

Mesopotamien: Inanna/Ischtar unternimmt eine Reise in die Unterwelt und wird dort kurzfristig gefangen, kehrt aber zurück, strukturell ähnlich Proserpinas jahreszeitlichem Zyklus, aber dramatischer und weniger regenerativ.

Indien/Asien: Im Hinduismus verkörpert Kali Zerstörung und Regeneration, teilt aber nicht Proserpinas konkrete Gattin-des-Totengottes-Rolle. Im frühen Buddhismus fehlt eine solche Figur; Unterwelt ist weniger personalisiert.

Der Raub der Proserpina im Detail

Die zentrale Erzählung um Proserpina ist ihre Entführung durch Pluto, den Herrscher der Unterwelt. Ovid schildert sie im fünften Buch der Metamorphosen ausführlich, eine zweite, abweichende Fassung gibt er in den Fasti. Nach Ovids Darstellung pflückt Proserpina mit ihren Gefährtinnen Blumen in einem Hain nahe dem sizilianischen See Pergus bei Henna.

Pluto, von einem Pfeil Amors getroffen, erblickt sie, ergreift sie und fährt mit ihr in einem Wagen in die Tiefe. Der Boden öffnet sich beim See Cyane, dessen Nymphe vergeblich Widerstand leistet.

Ceres, die Mutter, sucht ihre Tochter über die ganze Erde. In ihrem Zorn macht sie nach Ovid Sizilien unfruchtbar. Erst die Nymphe Arethusa berichtet ihr, sie habe Proserpina als Königin der Unterwelt gesehen. Ceres wendet sich an Jupiter.

Die Rückgabe scheitert jedoch an einer Bedingung der Parzen: Wer in der Unterwelt Nahrung zu sich genommen hat, darf nicht zurückkehren. Proserpina hat sieben Kerne eines Granatapfels gegessen, beobachtet von Ascalaphus, den sie dafür in einen Uhu verwandelt.

Jupiter vermittelt einen Kompromiss. Proserpina verbringt einen Teil des Jahres in der Oberwelt bei der Mutter, einen Teil in der Unterwelt bei Pluto. Ovid nennt in den Fasti eine hälftige Teilung, in den Metamorphosen ein Verhältnis von zwei zu eins zugunsten der Oberwelt.

Diese Schwankung in den antiken Quellen selbst zeigt, dass die Erzählung keine festgelegte kanonische Form besaß. Der Mythos verbindet sich eng mit dem griechischen Demeter-Persephone-Stoff, dessen ausführlichste Fassung der homerische Demeterhymnus bietet. Die römische Literatur übernahm den Stoff weitgehend, verlegte den Schauplatz aber bevorzugt nach Sizilien, das als Kultzentrum der Ceres galt.

Proserpina und der Jahreszeitenmythos

Die Erzählung vom geteilten Aufenthalt der Proserpina wurde schon in der Antike als Erklärung des Jahreszeitenwechsels gelesen. Der Aufenthalt in der Unterwelt entspricht der vegetationsarmen Zeit, die Rückkehr zur Mutter dem Wachstum.

Diese Deutung ist in den antiken Texten angelegt, etwa wenn Ovid die Trauer der Ceres mit der Unfruchtbarkeit der Erde verknüpft. Die religionswissenschaftliche Forschung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, besonders im Umfeld von James Frazer und der sogenannten Cambridge Ritualists, baute daraus eine umfassende Theorie sterbender und wiederkehrender Vegetationsgottheiten.

Die neuere Forschung steht dieser Deutung zurückhaltender gegenüber. Sie weist darauf hin, dass Proserpina entführt wird und herrscht, statt zu sterben, und dass der mediterrane Klimazyklus mit seiner trockenen Sommerzeit und feuchten Winterzeit nicht ohne Weiteres auf das Schema passt.

Manche Forscher lesen den Mythos eher als Initiations- und Heiratserzählung: Proserpina vollzieht den Übergang vom Mädchen zur Frau, vom Haus der Mutter in das des Gatten. Der Granatapfel, vielfach mit Fruchtbarkeit und Ehe verbunden, stützt diese Lesart.

Beide Deutungen schließen sich nicht aus. Antike Kulte konnten denselben Mythos auf mehreren Ebenen verstehen. Für die Ceres-Proserpina-Verehrung in Rom war jedenfalls der landwirtschaftliche Bezug zentral, wie das Fest der Cerialia im April zeigt.

Daneben trat eine eher persönliche, jenseitsbezogene Frömmigkeit, die in den Mysterienkulten ihren Ort hatte und auf die individuelle Hoffnung über den Tod hinaus zielte. Wie eng diese Linien im römischen Kult verflochten waren, lässt sich aus den lückenhaften Quellen nur teilweise rekonstruieren.

Kult und Mysterien der Ceres und Proserpina in Rom

In Rom war Proserpina selten allein Gegenstand des Kultes. Sie erscheint meist gemeinsam mit Ceres. Der wichtigste Tempel der beiden Göttinnen stand am Aventin, geweiht nach der Überlieferung im frühen fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, gemeinsam mit Liber.

Dieser aventinische Kult galt als plebejisches Gegenstück zur patrizischen Trias auf dem Kapitol und besaß damit auch eine soziale und politische Dimension.

Eine eigene Form besaßen die sacra Cereris, ein griechisch geprägter Kult, der nach Cicero von griechischen Priesterinnen aus Süditalien betreut wurde und ausschließlich Frauen offenstand. Dieses Ritual stand in Verbindung mit den eleusinischen Vorstellungen, übertrug sie aber auf römischen Boden.

Daneben wurde im republikanischen Rom in Krisenzeiten ein Trauerritual für Ceres und Proserpina begangen, das nach Livius bei schweren öffentlichen Notlagen ausgesetzt werden konnte, weil Trauer in solchen Momenten als unpassend galt.

Aus der Kaiserzeit ist außerdem ein nächtliches Fest überliefert, die in unregelmäßigen Abständen begangene Saecularfeier, bei der unter anderem Opfer für Proserpina als Unterweltsgöttin eine Rolle spielten. Die Quellenlage zu den Einzelheiten dieser Riten ist begrenzt, da Mysterienkulte ihre Inhalte bewusst nicht schriftlich festhielten.

Was wir wissen, stammt überwiegend aus Andeutungen bei Cicero, aus christlicher Polemik und aus inschriftlichen und archäologischen Zeugnissen. Die genaue Liturgie bleibt weithin unbekannt. Vergleichbare Strukturen finden sich bei der griechischen Persephone, deren eleusinischer Kult etwas besser dokumentiert ist.

Proserpina in der bildenden Kunst und auf Sarkophagen

Der Raub der Proserpina gehört zu den am häufigsten dargestellten Mythen der römischen Kunst. Besonders verbreitet ist das Motiv auf Sarkophagen der mittleren und späten Kaiserzeit. Die Szene zeigt typischerweise Pluto, der Proserpina auf seinen von Pferden gezogenen Wagen reißt, begleitet von Minerva, Diana und der widerstrebenden Cyane.

Die Wahl gerade dieses Motivs für den Grabkontext ist aufschlussreich: Der Mythos vom unfreiwilligen Übergang in die Unterwelt und der teilweisen Rückkehr bot eine Bildsprache für den Tod, die neben dem Verlust auch Hoffnung ausdrückte.

Daneben gibt es Wandmalereien, etwa aus Pompeji, und Mosaiken, die den Raub oder die thronende Proserpina als Unterweltsherrscherin zeigen. Als Königin der Unterwelt trägt sie häufig Diadem oder Polos, gelegentlich Ähren oder den Granatapfel als Attribut.

In ihrer Funktion als Herrscherin sitzt sie neben Pluto auf dem Thron, oft mit dem dreiköpfigen Hund Cerberus zu Füßen.

Die Rezeption setzt sich weit über die Antike hinaus fort. Die berühmteste neuzeitliche Bearbeitung ist die Marmorgruppe Ratto di Proserpina von Gianlorenzo Bernini aus den Jahren um 1621 bis 1622, die den Augenblick des Zugriffs mit großer Bewegtheit festhält.

In der Malerei griffen unter anderem Rembrandt und später die Präraffaeliten, etwa Dante Gabriel Rossetti mit seiner Proserpine, das Thema auf. Auch in der Musik fand der Stoff Verwendung, etwa in Barockopern. Die archäologischen und kunsthistorischen Zeugnisse zusammen machen Proserpina zu einer der bilddokumentierten Gestalten des römischen Mythos.

Etymologie und das Verhältnis zu Persephone

Der Name Proserpina ist sprachgeschichtlich nicht restlos geklärt. Die antike Volksetymologie verband ihn mit dem lateinischen Verb proserpere, hervorkriechen, und deutete ihn auf das Hervorsprießen der Saat. Diese Erklärung findet sich bei Cicero und bei Varro. Die moderne Sprachwissenschaft hält sie für eine sekundäre Deutung.

Wahrscheinlicher ist, dass Proserpina eine lautliche Umformung des griechischen Namens Persephone darstellt, möglicherweise über eine etruskische Zwischenstufe vermittelt. Auf etruskischen Spiegeln erscheint die Gestalt unter dem Namen Phersipnai oder ähnlichen Formen, was eine Vermittlung über das Etruskische plausibel macht.

Der griechische Name Persephone selbst gilt ebenfalls als undurchsichtig und stammt vermutlich aus vorgriechischer Zeit. Schon die Griechen kannten zahlreiche Nebenformen wie Persephatta oder Pherrephatta, was auf einen alten, schwer zu deutenden Namen hinweist. Die zahlreichen Varianten zeigen, dass die Gestalt in der Überlieferung sprachlich nie ganz festgelegt war.

In der römischen Religion wurde Proserpina früh mit der einheimischen Unterweltsvorstellung verschmolzen, daneben aber auch mit der italischen Göttin Libera gleichgesetzt, der weiblichen Entsprechung des Liber. Diese Identifikation ist nicht durchgehend und zeigt, wie verschiedene Traditionsstränge in der Gestalt zusammenliefen.

Für die wissenschaftliche Betrachtung ist Proserpina deshalb ein gutes Beispiel dafür, wie ein griechischer Mythos über Vermittlerkulturen in das römische System eingefügt und dabei mit vorhandenen einheimischen Elementen verbunden wurde. Eine vollständige Trennung der römischen von der griechischen Gestalt ist in den erhaltenen Quellen kaum möglich.

Proserpina als Unterweltsherrscherin und in der Fluchpraxis

Neben ihrer Rolle im Jahreszeitenmythos besaß Proserpina eine eigenständige Funktion als Herrscherin des Totenreiches.

In dieser Rolle erscheint sie in einer Quellengattung, die für das römische Alltagsleben besonders aufschlussreich ist: den Fluchtafeln, lateinisch defixiones. Diese meist auf Bleitäfelchen geritzten Texte wurden in Gräbern, Brunnen oder Quellen niedergelegt und riefen Unterweltsmächte an, um einem Gegner zu schaden, einen Prozess zu beeinflussen oder gestohlenes Gut zurückzürlangen.

Auf zahlreichen erhaltenen Tafeln wird Proserpina gemeinsam mit Pluto oder Dis Pater angerufen. Sie erscheint dort unter verschiedenen Beinamen, gelegentlich auch in Verschmelzung mit anderen Unterweltsgestalten.

Die Sprache dieser Texte ist formelhaft und folgt erkennbaren Mustern, was darauf hindeutet, dass es Vorlagen oder spezialisierte Verfasser gab. Für die Forschung sind die defixiones wertvoll, weil sie eine Frömmigkeit jenseits der offiziellen Staatskulte dokumentieren und zeigen, wie Menschen sich konkret an die Götter wandten.

Proserpina war außerdem mit der jenseitigen Belohnung und Bestrafung verbunden. In den Mysterienvorstellungen, die unter anderem in den sogenannten orphisch-bacchischen Goldtäfelchen greifbar werden, spielt eine Unterweltskönigin eine Rolle als Instanz, vor der die verstorbene Seele besteht oder scheitert.

Ob diese Täfelchen Proserpina im engeren römischen Sinn oder eine allgemeinere griechisch geprägte Unterweltsgöttin meinen, ist im Einzelfall schwer zu entscheiden. Insgesamt zeigt diese Quellengruppe, dass Proserpina über die literarische Mythenfigur hinaus Adressatin tatsächlicher ritueller Praxis war, die sich von der Liebesmagie bis zur Jenseitshoffnung erstreckte.

Forschungsliteratur

  • Beard, Mary / North, John / Price, Simon: Religions of Rome. Cambridge University Press, 1998.
  • Foley, Helene P. (Hrsg.): The Homeric Hymn to Demeter: Translation and Commentary. Princeton University Press, 1994.
  • Caldwell, Richard S.: The Psychology of Religion. A Jungian Perspective. Routledge, 1991.

Als gottheit der römischen Tradition entspricht Proserpina der griechischen Persephone und teilt ihr Jahr zwischen Oberwelt und Unterwelt; ihr Kult prägte die Saatfeste und die libri Sibyllini.

Einordnung & Schutz

IISTUFE
Der Schutz-Kompass ordnet dieses Wesen der Einwirkungsstufe II zu – Spürbare Einwirkung.

Gegen seine Einwirkung nennt die kulturübergreifende Überlieferung diese Schutzmittel:

Im Schutz-Kompass vergleichen →

Empfohlene Schutzmittel

iWell Guard

Das einfachste Schutzmittel dieser Sammlung: 41 Schichten aus Echtgold 999, Platin, Silber und Silizium, gefertigt in Ruhla/Thüringen. Muss nicht aktiviert werden, ist an keine Person gebunden und wirkt im Umkreis von rund 50 Metern, auch ohne getragen zu werden.

Alle Schutzmittel im Überblick →