Kinderraubende Dämoninnen Roms, Klasse weiblicher Wesen im römischen Nachleben eines alten Motivs.
Die Lamiae sind in römischer Literatur meist Plural: eine Klasse weiblicher Dämonen, die Kindern und jungen Männern auflauern.
Aus der griechischen Einzelfigur der Lamia (Geliebte des Zeus, in Trauer und Rache zur Kinderräuberin geworden) wird in Rom eine Gruppe. Horaz nennt sie beiläufig, Apuleius setzt sie narrativ ein, die Patristik nimmt sie als Beispiel für heidnische Dämonen.
Charakteristisch ist die Überlappung mit der Striga: beide Gestalten saugen Kinderblut, dringen nachts in Häuser ein, verführen Männer. Im spätantiken und mittelalterlichen Diskurs verschmelzen sie zunehmend, bis der Begriff lamia lexikalisch fast synonym mit „Hexe“ wird. Die italienische strega und die mittelalterliche lamia der Theologen stehen am Ende dieser Entwicklung.
Typ: Klasse kindermordender weiblicher Dämonen
Herkunft: Übernahme der griechischen Lamia, Verallgemeinerung zur Klasse
Texte: Horaz, Apuleius, Philostratos (ins Lateinische), patristische Literatur
Zeitraum: Späte Republik bis Spätantike
Verbreitung: Römisches Imperium, mittelalterliche Rezeption
Abwehr: Kindbettamulette, Rituale für Säuglinge, später Heiligen-Anrufung
Einzelne Lamia als mythische Gestalt bereits im griechischen Erbe bekannt. Als römische Klasse Lamiae ab der späten Republik, ausgebaut in der Kaiserzeit. Patristische Autoren (Hieronymus, Augustinus) integrieren die Lamiae in das entstehende christliche Dämonenbild.
Lamiae sind in griechischer und später römischer Mythologie dämonische oder göttliche weibliche Wesen, die Menschenkinder verzehren. Ursprünglich war Lamia eine Königin, die zur Dämonin wurde. Die Lamiae sind nicht unbedingt böse, sondern tragische und gefährliche Wesen. Sie verkörpern dunkles Mütterliches.
Vom griechisch geprägten Osten des Imperiums in den lateinischen Westen getragen. Mittelalterliche Rezeption besonders im westlichen und mitteleuropäischen Raum, wo lamia zum theologischen Begriff für kindermordende Dämonen und Hexen wird.
Literarisch: Horaz (Ars poetica), Apuleius (Metamorphosen), Petronius. Theologisch: Hieronymus, Augustinus. Im Mittelalter: theologische Dämonenlehren und Hexenprozess-Dokumente verwenden lamia als technischen Terminus.
Lateinisch: Lamia (Singular), Lamiae (Plural, öfter verwendet).
Abgrenzung: Die einzelne mythische Lamia steht noch im Vordergrund bei früher Rezeption; in späterem Gebrauch meist Klasse.
Mittelalterlich: lamia wird theologischer Fachbegriff für kindermordende dämonische Frau, oft synonym mit „Hexe“.
Die Bewegung vom Einzelfall zur Klasse ist typisch für volksreligiöse Dämonenvorstellungen. Die Einzelgestalt mit biographischer Tragik wird zur generischen Funktionsfigur, jede Erfahrung von Kindstod oder Säuglingstod kann als „Lamia-Angriff“ gedeutet werden.
Frauengestalt, oft zunächst schön und verführerisch. Im Angriffsmoment wandelt sie sich, die Züge werden bleich, die Augen erstarren, manchmal zeigen sich Tierteile (Schlangenunterleib, Klauen). In der mittelalterlichen Rezeption zunehmend eindeutig hexenhaft.
Nächtliches Eindringen in Häuser, Angriff auf Säuglinge, Verführung junger Männer. Die Lamiae agieren im Verborgenen, ihr Erfolg bemisst sich am plötzlichen Tod des Kindes oder am allmählichen Dahinsiechen des Geliebten.
Wochenbett, Säuglingsschlaf, private Wohnräume, abgelegene Gasthäuser. Wo Schutz lückenhaft ist und der soziale Raum eng, sind die Lamiae zuhause.
Als Klasse haben sie keine einheitliche Genealogie. Die griechische Lamia ist mythische Urmutter; die römischen Lamiae gelten als ihre Schwestern oder Nachkommen, manchmal als namenlose Schwestern.
Lamiae werden dargestellt mit Oberleib einer schönen oder schrecklichen Frau und Unterleib einer Schlange. Manchmal ist das ganze Wesen schlangenhaft. Sie haben Flügel oder Klauen. Ihre Augen sind übernatürlich und hypnotisch. Schlangen und dunkles Mütterliches sind ihre Symbole.
Die wichtigsten Aspekte der Lamiae auf einen Blick. Die Ausführung zu Name, Beschreibung, Abwehr und Parallelen finden Sie in den Kapiteln 2, 3, 5 und 6.
Aus der griechischen Lamia-Mythologie, in Rom zur Klasse generalisiert. Keine festgeschriebene römische Eigenmythologie.
Säuglinge und Kleinkinder als primäre Opfer. Wöchnerinnen indirekt, als Mütter der bedrohten Kinder. Sekundär in der späteren Tradition junge Männer im Schlaf, parallel zur Lamia-Empusa-Verschmelzung.
Variabel: schöne Frau bei Annäherung, verändert Gestalt im Angriff. In späterer Tradition mit deutlicher Hexen-Ikonografie.
Kinderraub, Kindstod, Aussaugen der Lebenskraft bei Verführten. Langsame, häufig als unerklärlich empfundene Schädigung.
Kindbettamulette, Rituale beim Säuglingsschlaf, Heiligenanrufung in christlicher Zeit. In der Spätantike tauchen Heilige wie Sisynios als Lamia-Bezwinger auf, deren Ikonen Kinder schützen sollen.
Direkter Vorläufer: Lamia (griechische Einzelfigur). Verwandt mit der römischen Strix und mit Striga. Im jüdischen Schrifttum: Lilith. Mesopotamische Wurzel: Lamashtu. In der mittelalterlichen Hexen-Theologie verschmelzen Lamiae, Striges und Lilith zu einem einheitlichen Komplex der nachts wirkenden Frauen-Dämonen.
Rituale zur Abwehr. Rund um Geburt und Säuglingsschlaf wurden Abwehrriten durchgeführt: Schwellen mit Weißdorn oder Lorbeer versehen, Lampen im Schlafraum brennen lassen, den Säugling mit einer Bulla umhängen. In christianisierter Zeit wurde dem Kind das Kreuzzeichen gemacht und Heilige angerufen.
Beschwörungen. In spätantik-byzantinischer Tradition entsteht ein ganzes Textcorpus rund um den Heiligen Sisynios, der Lamia-Schwestern bezwingt. Diese „Sisinnios-Texte“ sind direkte Nachfolger der antiken Beschwörungen gegen Lamia und wandern bis in mittelalterliche slawische und rumänische Traditionen.
Amulette und Schutzsymbole. Bulla für römische Kinder, später Kreuz-Amulette, Heiligenmedaillons. In byzantinischen Amuletten die Darstellung eines Reiter-Heiligen, der eine fliehende Lamia durchbohrt, Vorlage späterer Drachenkämpfer-Ikonen.
Kult und Verehrung. Lamiae wurden nicht verehrt, sondern gefürchtet und abgewehrt. Schutzzauber waren verbreitet. Bestattungs- und Begrüßungsrituale sollten Mütter beschützen. Weise und Magier versuchten, sie zu bannen. In einigen Mysterientraditionen wurden sie als initiatische Aspekte verstanden.
Griechische Lamia und Empusa. Direkte Vorläufer. Die griechische Einzelfigur Lamia wird im römischen Sprachgebrauch zur Klasse; strukturelle Kontinuität über mehrere Jahrhunderte. Empusa ergänzt das Profil um die sukkubische Komponente.
Mesopotamien und Judentum. Die akkadische Lamashtu ist die ältere Variante des Komplexes; ihre Schutz-Gegenfigur Pazuzu hat in Rom kein direktes Pendant, der römische Lares-Kult übernimmt aber funktional Schutzaufgaben für Haus und Familie. Im jüdischen Schrifttum bildet Lilith die parallele Tradition; Hieronymus übersetzt in der Vulgata lilith mit lamia.
Mittelalter. Der Begriff lamia wird theologischer Fachausdruck. Scholastiker diskutieren Lamiae als dämonische Wesen; Hexenprozesse verwenden das Wort synonym mit malefica. Die italienische strega, die spanische bruja und die slawische vedma sind volkssprachliche Nachfolge-Begriffe desselben Komplexes.
Moderne Rezeption. In moderner Fantasy- und Horrorliteratur treten Lamiae als Klasse von Frauen-Vampiren oder als Schlangenleib-Hybriden auf. Pen-and-Paper-Rollenspiele (Dungeons & Dragons, Pathfinder) führen sie als eigene Monsterkategorie. In der italienischen Volkskultur lebt der Begriff strega bis heute fort.
Die römischen Lamiae haben ihren Ursprung in der griechischen Gestalt der Lamia. In den griechischen Quellen erscheint sie zunächst als Einzelfigur, eine schöne Königin, oft mit Libyen verbunden, die von Zeus geliebt wurde. Hera, eifersüchtig, soll ihre Kinder getötet oder Lamia gezwungen haben, sie selbst zu vernichten.
Aus Trauer und Wahnsinn sei Lamia daraufhin zu einem Wesen geworden, das fremde Kinder raubt und tötet. Manche Überlieferungen fügen hinzu, dass Hera ihr den Schlaf nahm, sodass Zeus ihr die Fähigkeit gab, die eigenen Augen herauszunehmen und wieder einzusetzen.
Schon in der Antike wurde Lamia auch zu einer Mehrzahl. Aus der einen mythischen Königin wurde eine Gattung von Schreckgestalten, die Lamiai im Griechischen, die Lamiae im Lateinischen. In dieser Form dienten sie vor allem als Schreckfiguren, mit denen man Kinder zur Folgsamkeit anhielt.
Antike Autoren erwähnen dies ausdrücklich, etwa in Zusammenhängen, in denen von Ammenmärchen und Kinderschreck die Rede ist. Damit gehört die Lamia zu jener Gruppe von Gestalten, die weniger in literarischen Großtexten als in der mündlichen Alltagskultur verankert waren und nur gelegentlich von gebildeten Schriftstellern beiläufig erwähnt werden.
Die römische Literatur übernahm die Gestalt und verband sie teils mit anderen Schadenswesen wie der Striga, der unheilbringenden Nachtgestalt, und mit Vorstellungen von Blut saugenden oder kinderraubenden Wesen.
Die Grenzen zwischen Lamia, Striga, Empusa und ähnlichen Figuren sind in den Quellen fließend, was die Forschung als Zeichen dafür deutet, dass es sich um ein bewegliches Feld volkstümlicher Schreckvorstellungen handelte und nicht um eine fest umrissene Mythologie.
Die ausführlichste antike Erzählung über eine Lamia steht in der Vita Apollonii des Philostrat, einer Lebensbeschreibung des Wundermanns Apollonios von Tyana aus dem dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Dort wird berichtet, wie ein junger Mann namens Menippos einer schönen Frau begegnet, die ihn umwirbt und zur Heirat bewegen will.
Apollonios durchschaut die Frau und erklärt vor der Hochzeitsgesellschaft, dass es sich um eine Lamia oder Empusa handle, ein Wesen, das den jungen Mann mästen und schließlich verzehren wolle. Unter dem Druck der Befragung gibt die Gestalt schließlich zu, was sie ist, und das aufgetischte Mahl mit allem Prunk löst sich als Trugbild auf.
Diese Episode ist aus mehreren Gründen wichtig. Sie zeigt die Lamia nicht mehr nur als Kinderschreck, sondern als verführerische Gestalt, die einen erwachsenen Mann gefährdet, ein Motiv, das in der späteren Rezeption dominant werden sollte.
Sie verbindet die Lamia mit dem Thema der Täuschung: Schönheit und Reichtum sind Schein, hinter dem sich ein verschlingendes Wesen verbirgt. Und sie ordnet die Aufdeckung einem weisen Mann zu, der durch Erkenntnis das Trugbild zerstört.
Philostrats Bericht wirkte weit über die Antike hinaus. Er ist die Hauptquelle für John Keats und sein Gedicht Lamia von 1820, das die Geschichte aufgreift und die Lamia als eine zugleich anziehende und tragische Schlangenfrau zeichnet.
Über Keats und die Romantik gelangte das Bild der Lamia als schöne, gefährliche Verführerin in die moderne Vorstellungswelt, wo es bis heute fortlebt.
Die Vorstellung, dass die Lamia einen Schlangenleib besitze, ist in den frühen griechischen Quellen nicht zwingend belegt. Dort steht eher die Idee einer kinderraubenden Frau oder eines weiblichen Unholds im Vordergrund.
Die Verbindung mit der Schlange wird in der Forschung als spätere Entwicklung gesehen, die sich aus der Vermischung verschiedener Schreckgestalten ergab und sich in der Spätantike und vor allem in der nachantiken Rezeption durchsetzte.
In mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Texten erscheint lamia teils als gelehrtes Wort für eine Hexe oder einen weiblichen Dämon. Bestiarien und naturkundliche Werke der Renaissance bildeten die Lamia gelegentlich als Mischwesen ab, mit Frauenkopf und tierischem Unterleib.
Diese Darstellungen sind weniger Zeugnisse einer durchgehenden Tradition als Konstruktionen gelehrter Autoren, die antike Wortnennungen mit zeitgenössischen Dämonenvorstellungen verbanden.
Bei Keats schließlich erhält die Schlangengestalt eine eigene erzählerische Funktion: Seine Lamia ist ursprünglich eine Schlange und wird in eine Frau verwandelt, um den Geliebten zu gewinnen. Die Tragik des Gedichts liegt darin, dass die Aufdeckung ihrer wahren Natur durch einen nüchternen Philosophen sie und mit ihr das Glück des Geliebten zerstört.
Spätere Malerei, etwa im Umkreis der englischen Präraffaeliten, hat dieses Bild der schönen Schlangenfrau aufgegriffen. Die heute geläufige Vorstellung der Lamia als verführerisches Schlangenwesen ist also überwiegend ein Produkt der Neuzeit, das auf einen schmalen, vielgestaltigen antiken Befund zurückgeht. Wer die antiken Wurzeln verfolgen will, findet verwandte Gestalten unter anderem bei der griechischen Empusa.
Eine Auswahl zentraler Arbeiten zu Lamiae und verwandten Gestalten:
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Die hier beschriebene Schutzpraxis ist religionswissenschaftliche Einordnung historischer Traditionen. iWell Guard knüpft an diese kulturhistorische Linie tragbarer Schutzobjekte an und stellt eine zeitgenössische Form davon dar. Mehr über den iWell Guard →
Gegen seine Einwirkung nennt die kulturübergreifende Überlieferung diese Schutzmittel:
Empfohlene Schutzmittel
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