Coyote (Navajo Ma’ii, Crow Old Man Coyote, in zahlreichen weiteren Sprachen unter eigenen Namen) ist der Trickster der nordamerikanischen Prärie- und Plateau-Indianer. Er gehört zu den bekanntesten Figuren der indigenen amerikanischen Mythologie und tritt in über 100 verschiedenen indigenen Erzähl-Traditionen auf.
Coyote ist die paradigmatische Trickster-Figur der nordamerikanischen Indianer-Traditionen. Sein geographisches Verbreitungsgebiet umfasst die Great Plains (mit Ausnahme der Lakota, die ihren eigenen Trickster Iktomi kennen), das Great Basin (Paiute, Shoshone, Ute), den Südwesten (Navajo, Apache, Pueblo), das kalifornische Indianer-Gebiet (Wintu, Maidu, Pomo) und das Plateau (Salish, Sahaptin, Nez Perce). Damit ist Coyote die am weitesten verbreitete Trickster-Figur Nordamerikas.
Religionswissenschaftlich gehört er zur pan-amerikanischen Trickster-Klasse, die in fast jeder indigenen amerikanischen Sprachfamilie eine eigene zentrale Trickster-Figur kennt. Strukturell vergleichbar sind Iktomi bei den Lakota, der Raabe bei den Nordwestküsten-Völkern, der Hase (Manabozho) bei den Anishinabe und der Polarfuchs bei den Inuit. Paul Radin hat in The Trickster (1956) Coyote als paradigmatischen Trickster der amerikanischen Indianer-Tradition beschrieben.
Anders als der spinnen-förmige Iktomi der Lakota ist Coyote als reales nordamerikanisches Wildhund-Wesen (Canis latrans) eine alltagsbezogene Erscheinung. Die Prärie- und Wüsten-Indianer haben über Jahrhunderte hinweg Coyote in seinem realen Verhalten beobachtet, die List, die Anpassungsfähigkeit, die überraschend hohe Intelligenz, die Mischung von Mut und Vorsicht, und diese realen Eigenschaften in die mythologische Coyote-Figur übertragen. Die religiös-mythologische Figur ist demnach eine Verlängerung der ökologischen Beobachtung.
Der Name Coyote ist eine spanische Anglisierung des azteckisch-nahuatl-Begriffs coyotl. Die spanische Konquistadoren-Generation hat den Begriff im 16. Jahrhundert aus Mexiko in den nordamerikanischen Südwesten getragen, von wo aus er sich in der amerikanisch-englischen Standardsprache durchgesetzt hat.
In den indigenen amerikanischen Sprachen heißt Coyote je nach Tradition: Ma’ii bei den Navajo, Itca bei den Apache, Khwiwi bei den Hopi, Sinawavi bei den Ute, Sunkmanitu Tanka bei den Lakota (allerdings ohne Trickster-Konnotation, die Lakota verwenden Iktomi für die Trickster-Funktion), Mica bei den Sahaptin, Itskuwapesh bei den Crow. Diese Vielzahl von Namen reflektiert die regionale Spezifik der jeweiligen Coyote-Tradition.
Bemerkenswert ist die fast immer altertümlich-respektvolle Anrede: Old Man Coyote bei vielen Plains- und Plateau-Völkern, Grandfather Coyote bei einigen Pueblo-Traditionen. Diese Altersrespekt-Anrede zeigt, dass Coyote trotz seiner moralischen Ambivalenz als würdige, weise (wenn auch hinterlistig-weise) Wesensgestalt anerkannt ist.
Die kulturelle Vielfalt der Coyote-Tradition ist religionsethnologisch beeindruckend. Bei den Plains-Völkern (Crow, Pawnee, Arapaho, Cheyenne) ist Coyote primär eine kosmogonische Begleiter-Figur des Schöpfers; bei den Plateau-Völkern (Salish, Nez Perce, Sahaptin) ist er der zentrale Kulturheros, der die Welt für die Menschen lebenswert macht; bei den kalifornischen Völkern (Wintu, Maidu, Pomo) ist er eine ambivalente Schöpfer-Störer-Figur, die sowohl produktive als auch destruktive Beiträge zur Welt-Schöpfung leistet. Diese regionale Vielfalt ist ein wichtiges Beispiel dafür, dass eine pan-amerikanische Wesensgestalt durchaus erheblich unterschiedlich akzentuiert sein kann, ohne dass die Wesens-Identität verloren geht.
Coyote tritt in den Erzählungen in mehreren Gestalten auf. Seine Grundgestalt ist das reale Coyote-Tier, ein graubrauner Wildhund von etwa der Größe eines mittleren Hundes mit langen Ohren, schmalem Kopf und buschigem Schwanz. Coyote kann sich aber jederzeit in einen menschlichen Mann verwandeln, oft in einen würdigen, aber heimtückischen alten Jäger, in einen jungen Krieger oder, seltener, in eine Frau.
In der Navajo-Sand-Painting-Tradition tritt Coyote regelmäßig als anthropomorphisierte Coyote-Figur mit Hunde-Kopf und menschlichem Körper auf, oft begleitet vom Holy Coyote-Stab und mit aufgemalten Vier-Richtungs-Markierungen. Diese Sand-Painting-Coyote-Darstellungen sind streng rituell und werden am Ende der Heilungs-Sitzung zerstört.
Auf erhaltenen Pueblo-Keramiken und auf Felsen-Petroglyphen der Anasazi-Vorgänger-Kultur (ca. 200 v. Chr. bis 1300 n. Chr.) finden sich zahlreiche Coyote-Motive, sowohl als anthropomorphe Hunde-Gestalt als auch als realistische Coyote-Profile. Die archäologische Coyote-Iconographie ist von dem südwest-amerikanischen Archäologen Polly Schaafsma in Rock Art of New Mexico (1992) systematisch beschrieben worden.
Die Coyote-Erzählungen bilden eines der umfangreichsten Erzähl-Korpora der amerikanischen Indianer-Mythologie. Sie lassen sich in drei Haupt-Klassen einteilen.
Die erste Klasse sind die kulturheroischen Erzählungen, in denen Coyote den Menschen wichtige Kultur-Praktiken bringt. Eine zentrale Erzählung beschreibt, wie Coyote den Menschen das Feuer stiehlt: Er klettert auf einen heiligen Berg, an dem die Feuer-Geister das Feuer huten, überredet sie durch List, ihm einen Funken zu geben, und trägt das Feuer in einem Stück Holz hinunter ins Tal, wo er es den Menschen schenkt. Diese Feuer-Diebstahl-Erzählung ist in praktisch allen Coyote-Traditionen vertreten und strukturell parallel zur griechischen Prometheus-Mythologie.
Die zweite Klasse sind die Trickster-Erzählungen, in denen Coyote sich an anderen Wesen schadhaft vergeht, am Ende aber meistens selbst der Hereingelegte ist. Eine besonders bekannte Erzählung beschreibt, wie Coyote den Sterne-Geist herausfordert: Er behauptet, schneller laufen zu können als die Sterne sich am Himmel bewegen, und wird daraufhin von den Sternen so gehetzt, dass er am Ende erschöpft und in Stücke gerissen liegen bleibt. Die einzelnen Stücke werden vom Lebens-Geist wieder zusammengefügt, und Coyote macht sich auf zum nächsten Streich.
Die dritte Klasse sind die kosmogonischen Erzählungen, in denen Coyote eine Rolle bei der Schöpfung der Welt spielt. In der Crow-Tradition ist Coyote der Begleiter des Schöpfers Akbatatdia beim Aufbau der Welt; er erschafft die Tiere, die Pflanzen und die Menschen, oft in einer komisch-fehlerhaften Weise, die die unvollkommenen Aspekte der Welt erklärt. Diese kosmogonische Coyote-Tradition ist von John Bierhorst in The Mythology of North America (1985) systematisch beschrieben worden.
Eine vierte Erzähl-Klasse umfasst die death-and-resurrection-Geschichten. In zahlreichen Coyote-Erzählungen stirbt Coyote im Verlauf einer waghalsigen Aktion, wird aber in der nächsten Erzählung wieder lebendig präsent, ohne dass die Auferstehung selbst expliziert werden müsste. Diese Unsterblichkeit-Konstellation ist religionsphilosophisch interessant und unterscheidet Coyote von den üblichen Heroen-Figuren der westlichen Tradition. Karl Kroeber hat in Retelling/Rereading (1992) gezeigt, wie diese Unsterblichkeit-Erzähl-Konstellation eine bestimmte amerikanisch-indigene Auffassung von Tod und Identität reflektiert: Tod ist nicht das endgültige Ende, sondern eine Episode in einer fortgesetzten Lebens-Erzählung.
Eine besonders detaillierte Coyote-Tradition findet sich bei den Navajo. Hier ist Coyote (Ma’ii) eine zentrale Figur der gesamten religiösen Theologie. Er tritt in fast jeder Navajo-Heilungs-Zeremonie (chantway) auf, oft als ambivalente Gestalt, die zugleich Krankheits-Bringer und Heilungs-Vermittler sein kann.
Die Navajo unterscheiden zwischen einem First Coyote, der die Schöpfung mitverursacht hat, und den regular Coyotes, die im realen Leben begegnen können. First Coyote ist eine würdige Figur; regular Coyotes sind die alltagsbezogenen Manifestationen seiner Tradition. Die Begegnung mit einem regularen Coyote in der Natur wird als spirituell bedeutungsvoll wahrgenommen und kann ritualpraktische Konsequenzen haben.
Eine spezifische Navajo-Praxis ist die Coyote-Crossing-Bedeutung: Wenn ein Coyote die Straße oder den Weg eines Reisenden kreuzt, ist dies ein bedeutendes Zeichen, das gedeutet werden muss. Je nach Richtung der Kreuzung, Tageszeit und sozialer Situation des Reisenden kann das Zeichen positiv (gute Reise) oder negativ (geplante Reise abbrechen) interpretiert werden. Die Bedeutung der Coyote-Kreuzung ist von der Navajo-Anthropologin Maureen Trudelle Schwarz in Molded in the Image of Changing Woman (1997) systematisch beschrieben worden.
Coyote ist in der amerikanischen Indianer-Tradition eine ambivalente Schutz-und-Schad-Figur. Anders als bei eindeutig negativen Wesen (etwa dem Wendigo) wird Coyote nicht abgewehrt, sondern respektvoll mit Distanz behandelt. Die schutzbezogene Praxis konzentriert sich auf das Vermeiden ungewollter Begegnungen und das angemessene Verhalten bei zufälligen Begegnungen.
Konkrete Schutzpraktiken umfassen das Vermeiden, Coyote-Namen direkt auszusprechen (in vielen Traditionen verwendet man stattdessen die respektvolle Anrede Old Man oder Grandfather), das Verbrennen kleiner Tabak-Mengen bei einer Coyote-Begegnung, und das Tragen eines kleinen Coyote-Zahn-Amuletts als ambivalente Schutz-Trick-Verbindung.
Eine besondere Praxis betrifft die Coyote-Lieder. In den Navajo-Chantway-Zeremonien werden bestimmte Lieder angerufen, die mit Coyote verbunden sind und seine ambivalente Macht in das Heilungs-Ritual einbinden. Diese Lieder sind streng rituell geschützt und dürfen nur von qualifizierten Sing-Heilern (hataalii) gesungen werden. Die Navajo-Sing-Heiler tragen die orale Tradition dieser Lieder über Jahrzehnte hinweg in Form von Chantway-Bundles, die kunstvoll-gepacckte rituell-praktische Objekte mit eigenen Liedern, Sand-Painting-Mustern und Heilkraueter-Beständen enthalten.
Eine besondere Schutzpraxis-Region ist die Coyote-Way-Heilungs-Zeremonie der Navajo. Sie wird angerufen, wenn ein Mensch durch eine inappropriaette Coyote-Begegnung (zu nahe an einem Coyote vorbeigegangen, einen Coyote getötet ohne ritualpraktische Reinigung) krank geworden ist. Die Coyote-Way-Zeremonie umfasst über fünf Nächte eine komplexe Sequenz aus Sand-Painting, Sing-Heilung, Schwitzhütten-Riten und Kräuter-Beständen. Die Coyote-Way ist eine der wichtigsten und am intensivsten praktizierten Heilungs-Wegen der Navajo-Tradition und ist von Father Berard Haile in Origin Legend of the Navaho Enemy Way (1938) systematisch dokumentiert worden.
Coyote ist Teil der weltweiten Trickster-Tradition, die Paul Radin und Karl Kerenyi systematisch beschrieben haben. Strukturell vergleichbar sind: der westafrikanische Anansi (Spinne), der germanische Loki, der griechische Hermes (in seiner Trickster-Dimension), der japanische Kitsune (Fuchs), der chinesische Sun Wukong (Affe) und der westafrikanische Eshu.
Innerhalb Nordamerikas zeigt Coyote enge Verwandtschaft mit dem ostindianischen Trickster-Hase (Manabozho, Glooscap), dem nordwestküstenlichen Rabe (Yel) und dem südöstlichen Hase-Trickster (Rabbit). Die geographische Verteilung der verschiedenen Trickster-Wesen ist mit den ökologischen Lebensräumen verbunden: Coyote in den Prärien und Wüsten, der Hase in den östlichen Wäldern, der Rabe an der pazifischen Nordwestküste.
Carl Jung und Joseph Campbell haben Coyote als archetypische Trickster-Figur in den globalen psycho-religiösen Diskurs eingebracht. Diese archetyp-theoretische Lesart ist religionswissenschaftlich umstritten, weil sie die kulturhistorische Spezifik der einzelnen Coyote-Traditionen einebnet. Der amerikanische Religionsethnologe Karl Kroeber hat in Native American Storytelling (2004) gegen die archetyp-theoretische Vereinfachung argumentiert und die kulturelle Spezifik der amerikanischen Coyote-Tradition betont.
Eine zusätzliche wichtige Parallele zeigt die alttürkisch-zentralasiatische Wolf-Stiftungs-Tradition, in der die alttürkischen Völker eine mythische Wolfsahnin (Asena) als Stamm-Mutter verehren. Diese Wolf-Stiftungs-Tradition ist strukturell mit den Coyote-Stiftungs-Erzählungen vergleichbar: Beide handeln von Wildhund-ähnlichen Wesen als kulturschöpferisch wirksamen Vorvätern. Ob hier eine historische Verbindung über die Bering-Straße besteht oder ob es sich um konvergente Entwicklungen handelt, ist in der religionsethnologischen Diskussion umstritten.
Coyote ist in der modernen amerikanischen Indianer-Tradition ungebrochen lebendig. Die Coyote-Erzählungen werden in den Reservats-Schulen, in den indigenen Sprach-Wiederbelebungsprogrammen und in der oralen Tradition der Eltern und Großeltern weiter erzählt. Insbesondere die Navajo-Tradition hat Coyote in ihrer ritualpraktischen Religion bewahrt.
In der akademischen Forschung haben Paul Radin, Karl Kroeber, John Bierhorst, der Navajo-Theologe Frank Mitchell und die Pueblo-Forscherin Barbara Tedlock die Coyote-Tradition systematisch beschrieben. Die wichtige Sammlung von Coyote-Erzählungen von Barre Toelken (The Anguish of Snails, 2003) hat die spezifisch theologische Dimension der Navajo-Coyote-Tradition erschlossen.
Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist Coyote ein wichtiges Beispiel für die religiöse Beobachtungstiefe indigener amerikanischer Völker. Die Verbindung zwischen ökologischer Beobachtung des realen Coyote-Tieres und mythologischer Personifizierung der Coyote-Figur zeigt eine kontinuierliche, jahrhundertelange Auseinandersetzung mit der Lebenswelt. Der iWell-Guard-Bezug zur Coyote-Tradition beschreibt diese Befunde religionsgeschichtlich, ohne Wirkungsversprechen oder spirituelle Empfehlungen.
Eine zunehmend wichtige Forschungslinie beschäftigt sich mit der überraschenden Wiederkehr der Coyote-Population in den nordamerikanischen Städten. In den letzten zwei bis drei Jahrzehnten haben Coyotes ihren Lebensraum von den Prärien und Wüsten in die suburbanen und urbanen Bereiche der USA und Kanadas ausgedehnt. In Chicago, Los Angeles, Toronto und New York leben heute Tausende von Coyotes, die sich an die urbane Umgebung angepasst haben. Diese ökologische Renaissance hat in der modernen indigenen Diskussion einen mythologischen Wiederklang gefunden: Indigene Autoren wie Sherman Alexie und Joseph Bruchac haben in ihren Werken den urbanen Coyote als Symbol indigener Resilienz und Anpassungsfähigkeit in der modernen Welt interpretiert.
Die folgende Auswahl listet zentrale Werke der amerikanischen Indianer-Trickster-Forschung und der Navajo-Coyote-Tradition.
Eine der am häufigsten aufgezeichneten Coyote-Episoden ist der Raub des Feuers. In Versionen, die bei den Salish-, Nez-Perce- und Klamath-sprachigen Gruppen des nordamerikanischen Plateaus dokumentiert wurden, besitzen zunächst nur entfernt wohnende Wesen das Feuer und hüten es eifersüchtig. Coyote organisiert eine Kette von Tieren, die das Feuer in einer Staffel weiterreichen, während er selbst es zuerst entwendet. Die schwächeren Läufer am Ende der Kette, oft Frosch oder Schildkröte, retten den letzten Funken, auch wenn sie dabei versengt werden. Erklärt wird damit zugleich, warum das Feuer seither im Holz steckt und durch Reiben gewonnen werden kann.
Diese Erzählung wurde von Ethnographen wie Franz Boas, Edward Sapir und Melville Jacobs in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in mehreren Sprachen festgehalten. Sapirs Arbeiten zu den Nez Perce und zur Wishram-Tradition zeigen, dass die Episode kein feststehender Text war, sondern in jeder Erzählsituation neu gestaltet wurde. Erzähler fügten Ortsnamen der eigenen Region ein, sodass die Geschichte zugleich die Landschaft erklärte.
Charakteristisch ist, dass Coyote hier nicht als reiner Wohltäter auftritt. Er bringt das Feuer, aber sein Antrieb ist oft Neugier oder Ruhmsucht, und in manchen Fassungen entsteht durch sein Handeln zugleich ein neues Problem. Die Forschung, etwa in den Arbeiten von Jarold Ramsey und William Bright, betont diese Doppelnatur als Kern der Figur. Coyote ist Kulturbringer und Störenfried in einer Person, und beide Seiten gehören untrennbar zusammen. Eine Trennung in eine gute und eine schlechte Coyote-Gestalt, wie sie populäre Nacherzählungen vornehmen, verfehlt die Struktur der Überlieferung. Verwandte Trickster-Funktionen finden sich auch bei Iktomi der Lakota.
Bei den Diné im Südwesten Nordamerikas trägt die Coyote-Gestalt den Namen maʼii und nimmt eine eigenständige Stellung ein, die sich von den Plateau-Traditionen unterscheidet. In den umfangreichen Erzählzyklen, die unter anderem von Pliny Earle Goddard und später von Karl Luckert und Berard Haile dokumentiert wurden, ist maʼii sowohl in den Schöpfungserzählungen präsent als auch in einer großen Zahl kürzerer Geschichten, die als Coyote-Erzählungen im engeren Sinn gelten.
Eine Besonderheit der Diné-Tradition ist, dass Coyote-Geschichten an Jahreszeiten gebunden sind. Sie dürfen traditionell nur im Winter erzählt werden, wenn Schlangen und bestimmte Insekten ruhen. Das Erzählen außerhalb dieser Zeit galt als gefährlich. Diese Regel ist mehrfach bezeugt und zeigt, dass die Erzählungen nicht bloße Unterhaltung waren, sondern in ein rituelles Verständnis von richtigem Handeln eingebettet blieben. Goddard und Haile verzeichneten zudem, dass maʼii in heilkundlichen Zeremonien eine Rolle spielt, insbesondere in dem als Coyoteway bezeichneten Komplex, der bei bestimmten Erkrankungen durchgeführt wurde.
In den Erzählungen selbst ist maʼii ambivalent. Er bringt in manchen Versionen den Tod in die Welt, indem er eine Probe der Urzeit zu seinen Gunsten manipuliert, und begründet damit die Endlichkeit des Lebens. Zugleich erscheint er als unbeständig, gefräßig und unzuverlässig. Die Forschung warnt davor, diese Figur mit den Trickstern anderer Regionen gleichzusetzen. Barre Toelken, der jahrzehntelang mit Diné-Erzählern arbeitete, betonte, dass die Geschichten moralische und kosmologische Aussagen zugleich transportieren und dass ihre Bedeutung sich nur im jeweiligen Erzählkontext erschließt. Toelken zog später einen Teil seiner Veröffentlichungen zurück, weil Diné-Partner Bedenken gegen die Weitergabe bestimmter Inhalte äußerten, ein viel diskutierter Fall der Forschungsethik.
Das überlieferte Bild Coyotes ist stark von der Sammeltätigkeit der nordamerikanischen Anthropologie zwischen etwa 1890 und 1940 geprägt. Die Schule um Franz Boas legte großen Wert auf wortgetreue Aufzeichnung in den indigenen Sprachen, dennoch unterliegen die Texte mehreren Verzerrungen. Erzähler wurden oft unter Zeitdruck befragt, manche Geschichten wurden bewusst nicht erzählt, weil sie als nicht für Fremde bestimmt galten, und die Auswahl dessen, was publiziert wurde, lag bei den Ethnographen.
Ein wiederkehrendes Problem ist die Bündelung sehr verschiedener Traditionen unter einem einzigen Etikett. Coyote-Erzählungen wurden in Dutzenden voneinander unabhängiger Sprachgemeinschaften vom Plateau über den Großen Becken bis in den Südwesten aufgezeichnet. Frühe vergleichende Arbeiten neigten dazu, daraus eine einheitliche Trickster-Figur zu konstruieren. Neuere Forschung, etwa von Paul Radin in seiner klassischen, aber kritisch zu lesenden Studie und später von Gerald Vizenor, hat gezeigt, dass diese Vereinheitlichung mehr über die Theoriebildung der Anthropologie aussagt als über die indigenen Traditionen selbst.
Hinzu kommt die christliche Mission, die in vielen Gemeinschaften die Weitergabe der Erzählungen über Generationen unterbrach. Wo Aufzeichnungen aus der Zeit vor diesem Bruch fehlen, lässt sich der ältere Bestand nur indirekt erschließen. In den vergangenen Jahrzehnten haben indigene Autoren und Sprachprogramme begonnen, die alten Sammlungen aus eigener Perspektive zu lesen und das Material in die jeweiligen Sprachgemeinschaften zurückzuführen. Diese Arbeit versteht Coyote weniger als Studienobjekt denn als lebendigen Teil der eigenen Literatur. Für die religionswissenschaftliche Auswertung folgt daraus, dass jede Aussage über Coyote die konkrete Quelle und Gruppe nennen sollte, statt von einer gesamtindigenen Gestalt zu sprechen.
In den Überlieferungen vieler nordamerikanischer Indianer-Traditionen ist Coyote nicht nur Trickster und Kulturheros, sondern auch ein kosmischer Akteur: Er greift in die Anordnung von Sternen, Tag und Nacht, Tod und Jahreszeiten ein. In diesem kosmischer Dimension stört er bestehende Ordnungen, korrigiert sie zugleich und etabliert oft erst durch sein Fehlverhalten die Regeln, die für Menschen, Tiere und Geister gelten sollen.
In den Erzähltraditionen Nordamerika ist Coyote zugleich Trickster, Kulturheros und kosmischer Störer; er stiehlt das Feuer, ordnet Flüsse und Sterne und durchkreuzt jede zu strenge Ordnung mit listigen Streichen.
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