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Amun, Gott der ägyptischen Tradition

Amun ist Gott der ägyptischen Tradition.

Der Verborgene Schöpfergott, König der Götter, Herr von Theben. Amun ist der Gott, der sich selbst erschaffen hat aus dem Chaos, sein Name bedeutet «der Verborgene».

Mit Widderköpfen und Federkrone, erst lokal in Theben verehrt, dann imperial als Amun-Ra, der Sonnengott selbst wird zu seiner Offenbarung. Keine andere Göttin des Orients stieg so schnell von regionaler Bedeutung zu kosmischer Herrschaft auf.

Amun ist ein ägyptischer Hauptgott des Neuen Reiches.

Inhaltsverzeichnis

Amun - Götter aus der Ägypten-Tradition, historisch-illustrativ

Amun

Auf einen Blick: Amun

Typ: Ägyptische Hauptgottheit, Schöpfer- und Reichsgott
Pantheon: Ägypten (Mittleres und Neues Reich, Spätzeit)
Funktion: Schöpfung, Wind und unsichtbare Wirkungen, Reichseinheit (Amun-Re)
Hauptattribute: Doppelfederkrone, Widderhorn, Was-Zepter
Hauptkultorte: Karnak und Luxor (Theben), Siwa-Oase, Napata (Sudan)
Griechische Identifikation: Zeus Ammon

Einordnung

Zeitraum der Texte

Amun erscheint in den Pyramidentexten als peripherer Schutzgott; der Aufstieg zur Hauptgottheit beginnt in der 11. Dynastie (Mittleres Reich, ca. 2050 v. Chr.) mit Theben als Aufstiegszentrum.

In der 18. Dynastie (Neues Reich, ca. 1550 v. Chr.) Verschmelzung mit Re zum Reichsgott Amun-Re. Echnatons Reformation (ca. 1350 v. Chr.) verbannt Amun kurzzeitig zugunsten Atons; nach Echnatons Tod massive Restauration. In der 21.–25. Dynastie ist Amun de facto Ägyptens Staatsgott.

Verbreitungsraum

Hauptkultort war Karnak bei Theben, die größte Tempelanlage der Antike. Daneben Luxor, der Amun-Tempel von Siwa (das von Alexander dem Großen aufgesuchte Orakel) und Napata in Nubien. Die Ausstrahlung des Amun-Kults reichte bis in den heutigen Sudan und nach Libyen.

Quellenlage

Zentrale Quellen sind die Karnak-Tempelinschriften, die Hymnen an Amun (z. B. der große Leidener Hymnus), die Pyramidentexte (Spr. 446), das Totenbuch (Spr. 17, 64) und die griechische Überlieferung zum Siwa-Orakel (Herodot II 42, Diodor I 17). Sekundärliteratur: Assmann, Ägypten, Theologie und Frömmigkeit; Bonnet, Reallexikon; Wilkinson, Complete Gods and Goddesses.

Bezeichnung und Schreibweisen

Amun wird mit Widderköpfen oder mit menschlichem Körper und zwei großen, aufrechten Federn dargestellt. Seine Farbe ist blau oder grün, die Farbe der Fruchtbarkeit und der Verborgenheit. Die Atef-Krone oder ein spezielles Federkronenpaar sitzt auf seinem Haupt.

Manchmal trägt er den Ankh (Lebens-Zeichen) und ein Uas-Zepter. In abstrakten Darstellungen wird Amun auch einfach durch die Federn oder ein verborgenes, unsichtbares Zeichen symbolisiert, sein Name besagt, dass er unsichtbar ist.

Charakteristika

Amun ist der Unsichtbare, der sich selbst schuf. Seine Priester in Karnak wurden enormously mächtig, manches Mal mächtiger als die Pharaonen selbst. Könige ließen sich von Amun legitimieren und fragten sein Orakel. Das Karnak-Tempel-Areal war reich mit Opfern, Gold und Sklaven dotiert.

Mit der Synkretismus zu Ra wird Amun zur Kraft hinter der sichtbaren Sonne. Hymnen werden von ihm als den «geheimen Namen Gottes» gesungen. Priesterinnen und Priester tanzten und sangen zu seiner Ehre. Pilger besuchten das Orakel, um Fragen zu stellen.

Erscheinung und Symbolik

Amun wird häufig als bärtiger Mann mit Doppelfederkrone dargestellt, aus der zwei Federn des Maat, der Göttin der Wahrheit, aufragen. In manchen Darstellungen trägt er die Sonnenscheibe des Ra auf der Stirn.

Seine Farbe ist Blau oder Schwarz, die Farben des Kosmos und der Verborgenheit. Als Symbol seiner Unsichtbarkeit wird er auch ohne Antlitz abgebildet. Der Widder und die Gans galten als heilige Tiere Amuns, die ihn in Heiligtümern verkörperten und in Prozessionen mitgeführt wurden.

Steckbrief: Amun

Die wichtigsten Aspekte von Amun auf einen Blick. Die folgenden Felder fassen Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und Parallelen zusammen.

Amuns Herkunft

Amun ist ursprünglich ein lokaler Schutzgott von Theben, der in der 11. Dynastie zur Hauptgottheit wird. In der theogonischen Spekulation der Spätzeit gilt er als Selbstentstandener, der vor allen anderen Göttern aus der Urflut Nun hervorging. In Theben Trias mit Mut (Gemahlin) und Chons (Sohn).

Amuns Zielgruppe

Schöpfergott, Atem und Wind, Verborgener (sein Name bedeutet wörtlich „der Verborgene“). Als Reichsgott Amun-Re Garant der pharaonischen Ordnung. In der persönlichen Frömmigkeit Adressat von Bittgebeten in Krankheit und Not, die Hymnen der Spätzeit zeigen ihn als nahbaren Helfer der einfachen Menschen.

Erscheinungsbild

Anthropomorph als Mann mit Doppelfederkrone (schuti) und Bart, in der Hand Was-Zepter und Anch. Auch widderköpfig (Amun von Karnak) oder als Gänserich dargestellt, beide Tiere gelten als heilig. In Karnak gänselten Sphingenalleen das Tempelgelände. Hautfarbe traditionell blau (Symbol des Himmels und der Unsichtbarkeit).

Wirkungsbereich

Wirkungsbereich: Amun gewährt Schutz auf Reisen, Erfolg in Verhandlungen und Hilfe in persönlicher Not. Sein Orakel in Karnak und Siwa galt als verlässlichste Auskunft über zukünftige Ereignisse. Pharaonen erbaten Bestätigung ihrer Herrschaft, einfache Glaubende heilende Vermittlung. Fest des Tals und Opet-Fest waren die größten Volksfeste Thebens.

Schutz

Doppelfederkrone, Was-Zepter, Anch, Widderkopf, Gänserich, blauer Bart, Sphinx (Karnak-Allee). Pflanzen: Lotos, Papyrus. Heilige Stätten: große Pylöne, Hypostylhalle, Heiliger See.

Amuns Parallelen

Re (Ägypten, Verschmelzung Amun-Re), Min (ägyptischer Fruchtbarkeitsgott, oft synkretisiert), Zeus Ammon (griechische Identifikation, besonders über das Siwa-Orakel), Iuppiter Hammon (römisch). Indogermanisch keine direkte Parallele, funktional am ehesten Indra (Hindu) oder Zeus (Griechenland) als Reichsgott.

Praktische Abwehr

Verehrung im Alltag

Rituale und Anrufungen
Im Mittelpunkt stand das Opet-Fest, bei dem die Barke des Amun von Karnak nach Luxor zog, sowie das „Schöne Fest vom Wüstental“. Der tägliche Tempelkult versorgte das Kultbild mit Speise, Kleidung und Räucherwerk. Bei den Barkenprozessionen wurde Amun zugleich als Orakelgott befragt.

Beschwörungen und Anrufungen

Textüberlieferung und Formeln
Der große Leidener Amunshymnus (Papyrus Leiden I 350, 13. Jahrhundert v. Chr.) entfaltet die thebanische Theologie des verborgenen Gottes, dessen Name „der Verborgene“ bereits sein Wesen benennt.

Amun erscheint in den Pyramidentexten als urzeitliche Gottheit und in den Tempelliturgien von Karnak; zahlreiche Gebetsstelen einfacher Beter wenden sich an ihn als „Wesir der Armen“.

Amulette und Schutzsymbole

Materielle Apotropäika und archäologische Belege
Als Schutzzeichen dienten Amun-Amulette aus Fayence, häufig in Gestalt des Widders oder mit der charakteristischen Doppelfederkrone. Widderköpfige Sphingen säumten die Prozessionswege von Karnak. In Gräbern und Tempeldepots der thebanischen Region sind solche Figürchen vielfach belegt und dokumentieren Amuns Rolle im persönlichen Schutzglauben.

Amun, Parallelen in anderen Kulturen

Amun ähnelt Zeus (Griechenland), König der Götter. Er teilt mit Brahman (Hinduismus) den Aspekt des verborgenen, unsichtbaren Schöpfers. Er erinnert an Wotan (Skandinavien), ein Gott, der sich selbst opfert, um Weisheit zu erlangen. Das Konzept eines verborgenen Schöpfergottes ist universal; Amun ist eine besonders kohärente theologische Ausarbeitung.

Der Aufstieg Amuns zum Reichsgott

Amun gehört nicht zu den ältesten ägyptischen Göttern, deren Verehrung sich bis in die Frühzeit zurückverfolgen lässt. Er erscheint zunächst als lokale Gottheit von Theben in Oberägypten.

In den Pyramidentexten des Alten Reichs wird er nur am Rande erwähnt, meist als Teil der Achtheit von Hermopolis, einer Gruppe von acht Urgöttern, die den Zustand vor der Schöpfung verkörpern.

Der Aufstieg Amuns hängt eng mit dem politischen Aufstieg Thebens zusammen. Als thebanische Herrscher im Mittleren Reich und besonders zu Beginn des Neuen Reichs die Reichseinigung vollzogen und Ägypten zu einer Großmacht ausbauten, stieg ihr Stadtgott mit auf.

Amun verschmolz mit dem alten Sonnengott Re zu Amun-Re und beanspruchte damit die höchste Stellung im Pantheon.

Im Neuen Reich war Amun-Re der Reichsgott schlechthin. Die Pharaonen führten ihre Siege auf ihn zurück, statteten seine Tempel mit Beute aus und legitimierten ihre Herrschaft durch ihn. Der Tempelbezirk von Karnak in Theben wuchs über Jahrhunderte zur größten Tempelanlage Ägyptens heran. Die Amun-Priesterschaft von Theben gewann dadurch enormen wirtschaftlichen und politischen Einfluss.

Die Forschung sieht in der Geschichte Amuns ein Musterbeispiel dafür, wie eng in Ägypten Religion und Macht verflochten waren. Der Aufstieg eines Gottes spiegelt den Aufstieg seiner Stadt und ihrer Dynastie.

Zugleich war Amun theologisch flexibel genug, um andere Götter in sich aufzunehmen, ohne seine Identität zu verlieren. Diese Fähigkeit zur Verschmelzung war eine Voraussetzung seiner dauerhaften Vorrangstellung.

Amun und die Religionsreform des Echnaton

Die wohl dramatischste Episode in der Geschichte des Amun-Kults ist die Religionsreform des Pharao Amenophis IV. der sich in Echnaton umbenannte und in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts vor Christus regierte. Echnaton erhob den Sonnenscheibengott Aton zur einzigen verehrungswürdigen Gottheit und ging gegen die anderen Götter vor, allen voran gegen Amun.

Konkret bedeutete das, dass der Name Amuns in Inschriften ausgemeißelt wurde, teilweise sogar in zusammengesetzten Personennamen und an schwer zugänglichen Stellen. Die Tempel Amuns wurden geschlossen oder verloren ihre Einkünfte, die Priesterschaft entmachtet. Echnaton verlegte die Residenz in eine neu gegründete Stadt, das heutige Amarna, und entzog Theben damit die politische Bedeutung.

Die Forschung diskutiert die Motive dieser Reform kontrovers. Manche sehen darin einen Versuch, die Macht der Amun-Priesterschaft zu brechen, andere betonen den religiösen Eigenwert der Aton-Verehrung. Umstritten ist auch, ob es sich um echten Monotheismus oder um eine zugespitzte Form der Sonnenverehrung handelte.

Die Reform überdauerte ihren Urheber nicht. Schon unter Echnatons Nachfolgern, besonders unter Tutanchamun, dessen ursprünglicher Name Tutanchaton lautete und der ihn in Tutanchamun änderte, wurde der Amun-Kult wiederhergestellt.

Die Tempel wurden wiedereröffnet, Amuns Name an vielen Stellen wieder eingesetzt. Echnatons eigene Bauten und sein Name wurden später ihrerseits zerstört. Diese Episode zeigt, wie tief Amun im religiösen und sozialen Gefüge Ägyptens verankert war.

Das Orakel des Amun und der Gott von Siwa

Amun war nicht nur ein Tempelgott, der durch Priester verehrt wurde, sondern auch ein Gott, der durch Orakel sprach. Im Neuen Reich entwickelte sich in Theben eine Praxis, bei der die Götterbarke mit dem Kultbild Amuns in Prozession getragen wurde und durch Bewegungen Fragen beantwortete.

Bittsteller legten Anliegen vor, und die Reaktion der von Priestern getragenen Barke galt als Antwort des Gottes. Solche Orakel entschieden Rechtsstreitigkeiten, bestätigten Amtseinsetzungen und beeinflussten politische Entscheidungen.

Über Ägypten hinaus wurde das Orakel des Amun in der Oase Siwa in der Libyschen Wüste berühmt. Die griechische Welt kannte diesen Gott als Ammon und schätzte sein Orakel hoch. Schon in archaischer Zeit suchten Griechen den Ort auf, und Siwa galt neben Delphi und Dodona als eines der bedeutenden Orakelheiligtümer.

Die berühmteste Episode ist der Besuch Alexanders des Großen im Jahr 332 vor Christus. Nach der Eroberung Ägyptens zog Alexander durch die Wüste nach Siwa, um das Orakel zu befragen.

Die antiken Quellen berichten, dass der Gott ihn als seinen Sohn anerkannt habe. Diese Bestätigung war für Alexanders Selbstverständnis und für seine Herrschaftslegitimation von erheblicher Bedeutung.

Die Forschung betont, dass das Orakelwesen Amun eine Funktion gab, die über die feste Tempelliturgie hinausging. Der Gott trat in den Bereich konkreter Entscheidungen ein. Zugleich zeigt die Geschichte von Siwa, wie ein ägyptischer Gott durch die griechische Rezeption eine eigene, internationale Wirkungsgeschichte entfalten konnte.

Ikonografie und der verborgene Gott

Amun wird meist als Mann mit menschlicher Gestalt dargestellt, der eine charakteristische Krone mit zwei hohen Federn trägt. Häufig erscheint seine Haut blau, eine Farbe, die in der ägyptischen Symbolik mit dem Himmel und mit Unermesslichkeit verbunden ist. In dieser Form thront oder schreitet er, oft mit den Insignien der Herrschaft.

Ein zweites Erscheinungsbild ist der ithyphallische Amun, eine Darstellung mit erigiertem Glied, die ihn als Zeuger und Fruchtbarkeitsgott kennzeichnet und an den Gott Min anknüpft, mit dem Amun teilweise verschmolz.

Als heilige Tiere sind ihm der Widder und die Nilgans zugeordnet. Besonders der Widder mit den eingerollten Hörnern wurde zu einem weithin erkennbaren Zeichen Amuns. Die Sphingenallee von Karnak besteht aus widderköpfigen Sphingen.

Theologisch trägt Amun den Namen, der sich als der Verborgene deuten lässt. Dieser Aspekt prägt das ägyptische Nachdenken über ihn. Hymnen aus dem Neuen Reich beschreiben Amun als einen Gott, dessen wahre Gestalt niemand kennt, der verborgen bleibt selbst vor den anderen Göttern.

Die Forschung, besonders Jan Assmann, hat hervorgehoben, dass sich an Amun eine ägyptische Form theologischen Denkens entwickelte, die das Göttliche als letztlich unverfügbar und transzendent fasste.

Diese Spannung ist bemerkenswert: Amun ist zugleich der allgegenwärtige Reichsgott mit der größten Tempelanlage des Landes und der grundsätzlich verborgene Gott, der sich dem Zugriff entzieht. Die ägyptische Theologie hielt beides zusammen, ohne den Widerspruch aufzulösen.

Literatur (Auswahl)

  • Assmann, Jan: Ägypten. Theologie und Frömmigkeit einer frühen Hochkultur. Stuttgart 1991.
  • Otto, Eberhard: Gott und Mensch nach den ägyptischen Tempelinschriften. Heidelberg 1964.
  • Walde, Christine (Hg.): Der Neue Pauly (Lemma „Amun“).

Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.

Einordnung & Schutz

IVSTUFE
Der Schutz-Kompass ordnet dieses Wesen der Einwirkungsstufe IV zu – Schwere Einwirkung.

Gegen seine Einwirkung nennt die kulturübergreifende Überlieferung diese Schutzmittel:

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