Lamashtu ist Dämonin der mesopotamischen Tradition.
Kinder- und Wöchnerinnen-Dämonin des alten Zweistromlandes.
Lamashtu zählt zu den am ausführlichsten überlieferten Dämonen des alten Zweistromlandes. Anders als viele namenlose Krankheits- oder Windwesen tritt sie in den Keilschrifttexten als Einzelgestalt mit eigener Herkunftsgeschichte, festem Aufgabenfeld und charakteristischer Bildsprache auf. Sie bedroht Schwangere, Wöchnerinnen und Neugeborene, bringt Fieber und Unruhe und wird mit Kindstod, Fehlgeburten und sogenannten „Stehlenden-Kind“-Motiven in Verbindung gebracht.
Gegen ihre Angriffe entwickelte Mesopotamien ein dichtes Netz aus Beschwörungen, Amuletten und rituellen Handlungen, in dessen Zentrum bis in die assyrisch-babylonische Spätzeit der Schutzdämon Pazuzu stand.
Typ: Krankheits- und Geburtsdämonin
Herkunft: Tochter des Himmelsgottes Anu
Texte: Lamashtu-Serie, Beschwörungen, Diagnosetafeln
Zeitraum: 2.–1. Jahrtausend v. Chr.
Verbreitung: Babylonien, Assyrien, weitere Einflussräume
Abwehr: Pazuzu-Amulette, Beschwörungen, rituelle Vertreibung
Die Überlieferung zu Lamashtu ist in sumerischer wie akkadischer Sprache bezeugt. Am dichtesten ist das Material im 2. und 1. Jahrtausend v. Chr., insbesondere in der sogenannten Lamashtu-Serie, einer kompilierten Reihe von Beschwörungen und Ritualanweisungen, die in mehreren Tafeln überliefert ist.
Fundorte reichen von Nippur, Uruk und Babylon bis nach Assur und Ninive. Lamashtu ist damit im gesamten mesopotamischen Kulturraum präsent. Parallelen und Nachfolger des Motivs sind außerdem im östlichen Mittelmeerraum bis in die Spätantike nachweisen.
Die Lamashtu-Serie bildet den textlichen Kern. Hinzu kommen einzelne Beschwörungstafeln, medizinische Diagnosetafeln, Amulettplaketten aus Bronze oder Ton mit eingeritzten Beschwörungen sowie ikonografische Zeugnisse auf Reliefs und Siegeln. Für eine mesopotamische Dämonin ist die Quellenlage ungewöhnlich dicht.
Akkadisch: Lamaštu (nach moderner Transkription häufig „Lamashtu“ geschrieben).
Sumerisch: Dimme, auch als dDÌM.ME bezeugt.
Weitere Schreibformen: Labartu (ältere europäische Übersetzungen), Lamashtum.
Titel und Beinamen: unter anderem „Tochter des An/Anu“, „Große Tochter des Himmels“.
In Keilschrift wird ihr Name häufig mit dem Gottesdeterminativ d versehen, was sie sprachlich in die Nähe einer Gottheit stellt. Funktional gilt sie dennoch als Dämonin: Sie wird nicht verehrt, sondern abgewehrt. Diese doppelte Einordnung als Tochter eines Himmelsgottes und zugleich gefährliches Wesen ist ein wichtiges Merkmal. Sie unterstreicht, dass in Mesopotamien „dämonisch“ nicht automatisch „gegen die Götter“ heißt. Lamashtu handelt eigenmächtig und gefährlich, ist aber kosmologisch nicht außerhalb der göttlichen Ordnung verortet.
Lamashtu wird in Texten und Bildern als hybrides Wesen beschrieben. Typische Merkmale sind Löwenkopf oder löwenartiges Gesicht, Zähne eines Esels, ein menschlicher oder teils vogelartiger Oberkörper, Krallen oder Vogelklauen an den Füßen, langes und wirres Haar sowie entblößte Brüste, an denen sie Tiere – häufig ein Ferkel und einen Hund – säugt. In den Händen hält sie oft Schlangen.
Die Texte beschreiben ihr Wirken in wiederkehrenden Motiven. Sie schleicht sich „durch das Fenster wie eine Schlange“, gleitet ins Haus, streckt die Hand nach dem Bauch der Schwangeren aus oder nimmt das Neugeborene von der Brust der Mutter. Sie agiert verdeckt, bevorzugt nachts und in Momenten der Schwäche: während der Geburt, im Wochenbett, im Schlaf der Kinder.
Ihr Zugriff richtet sich besonders auf Schwangere und Ungeborene (Fehlgeburt, Totgeburt), Wöchnerinnen (Kindbettfieber, psychische Erschöpfung), Säuglinge und Kleinkinder (plötzlicher Kindstod, unerklärliches Fieber, Krämpfe), stillende Mütter (Milchmangel, Infektionen) sowie Reisende und Schwache in der Wüste. Sie ist damit primär eine Dämonin des häuslichen Raumes und der verletzlichsten Lebensphasen.
Lamashtu wird in den Texten als Tochter des Himmelsgottes Anu bezeichnet. Wegen ihres Verhaltens wird sie vom Himmel in die Welt der Menschen hinabgestoßen. Die Erzählung folgt einem in Mesopotamien häufig wiederkehrenden Muster: Ein Wesen ist durch seinen Ursprung göttlich, durch sein Handeln aber gefährlich. Das Böse ist damit nicht Gegenprinzip, sondern entgleiste Ordnung.
Die wichtigsten Aspekte von Lamashtu auf einen Blick. Die Ausführung zu Name, Beschreibung, Abwehr und Parallelen finden Sie in den Kapiteln 2, 3, 5 und 6.
Tochter des Himmelsgottes Anu, vom Himmel hinabgestoßen. Name häufig mit Gottesdeterminativ geschrieben, göttlicher Ursprung, aber nicht verehrt.
Schwangere, Wöchnerinnen, Neugeborene, stillende Mütter, Kleinkinder. Wirkt vor allem im häuslichen Raum und während der Geburt.
Löwenhaupt, Eselszähne, Vogelkrallen, wirres Haar, Schlangen in den Händen. Säugt an ihren Brüsten ein Ferkel und einen Hund.
Fieber, Fehlgeburt, Kindbettfieber, plötzlicher Kindstod, Milchmangel, unerklärliche Krämpfe. Erklärungsfigur für früher unverständliche Todesfälle.
Pazuzu-Amulette als Hauptmittel. Mehrnächtige Ritualzyklen des āšipu, Beschwörungen aus der Lamashtu-Serie, symbolische Vertreibung flussabwärts.
Lilith und ardat-lilî (jüdisch), Lamia, Gello, Mormo (griechisch-römisch), Gellou und Abyzou (Spätantike), Pontianak (Südostasien).
Gegen Lamashtu waren mehrnächtige Ritualzyklen des āšipu (Beschwörungspriesters) üblich. Sie kombinierten Reinigung der Wöchnerin und des Kindes, symbolische Vertreibung der Dämonin – etwa durch ein kleines Tonbild, das „flussabwärts“ weggeschickt wurde – und festgelegte Opferhandlungen.
Die Lamashtu-Serie überliefert zahlreiche Formeln, die die Dämonin namentlich anrufen, ihre Herkunft schildern und sie auffordern, das Haus zu verlassen. Sie verbanden göttliche Autorisierung mit konkreten Handlungsanweisungen für Hebamme, Priester und Angehörige und gaben einer sonst ohnmächtigen Situation Struktur.
Besonders bekannt sind Amulettplaketten mit dem Bild Lamashtus und einer gegen sie gerichteten Beschwörung. Schwangere trugen sie am Körper, Haushalte hängten sie über das Bett des Kindes. Der männliche Dämon Pazuzu galt als einziges Wesen, das Lamashtu wirksam vertreiben konnte; Pazuzu-Köpfe und -Figürchen schützten Türen, Betten und Schwangere.
Lilith und die Gestalt der ardat-lilî zeigen deutliche funktionale Überschneidungen mit Lamashtu. Lilith als Bedroherin von Wöchnerinnen und Kindern ist gut bezeugt; Schutzamulette mit ihrem Namen bleiben bis in die Spätantike und das Mittelalter in Gebrauch.
Griechisch-römische Welt: Figuren wie Lamia, Gello und Mormo übernehmen die Rolle der kindermordenden Dämonin. Auch hier finden sich Amulette und Schutzformeln gegen den Tod von Neugeborenen.
Spätantike und außerdem: Gellou- und Abyzou-Texte verbinden sich mit der Bekämpfung von Kindstod und Fehlgeburten und wirken teils bis ins mittelalterliche christliche Material. In Südostasien nimmt Pontianak vergleichbare Funktionen ein. Auch europäische Volksglaubensgestalten wie „Kinderholerin“ oder „Nachtmahr“ greifen ähnliche Ängste auf, ohne direkte Abhängigkeit.
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