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Ishtar, Göttin der mesopotamischen Tradition

Ishtar ist Göttin der mesopotamischen Tradition.

Göttin der Liebe, des Krieges, der Venus, wilde Herrscherin des Himmels. Ishtar (sumerisch Inanna) ist die mächtigste weibliche Göttin Mesopotamiens und kaum zu zähmen. Sie ist zugleich verführerisch und kriegerisch, zärtlich und zornig, eine Göttin, die Königen Sieg schenkt und sie in der nächsten Stunde verdammt. Aus Uruk herrschend über die Liebe und den Morgenstern, ist sie die Lieblingsgöttin der Menschen, gefürchtet von den Göttern selbst.

Ishtar (sumerisch Inanna) ist die zentrale weibliche Gottheit des mesopotamischen Pantheons und vereint die scheinbar widersprüchlichen Sphären Liebe, Krieg und Königtum. Ihre Hymnen-Texte (Enheduanna, ca. 2300 v. Chr.) zählen zu den ältesten überlieferten autorisierten Religions-Texten. Der Mythos von Inannas Gang in die Unterwelt ist eines der Schlüssel-Texte mesopotamischer Theologie. Ihre Verehrung dehnt sich über das semitische Sprachgebiet aus und beeinflusst spätere Aphrodite- und Astarte-Kulte.

Inhaltsverzeichnis

Ishtar - Götter aus der Mesopotamien-Tradition, historisch-illustrativ

Ishtar

Schnellüberblick: Ishtar

Typ: Mesopotamische Hauptgottheit, Göttin der Liebe und des Krieges
Pantheon: Akkad/Babylon/Assur (sumerisches Pendant: Inanna)
Funktion: Liebe, sexuelle Lust, Krieg, kosmische Macht, Venus-Stern
Hauptattribute: Sterne-Krone, Löwen-Reittier, Pfeil und Bogen, Achtstern (Symbol)
Hauptkultorte: Niniveh (E-mash-mash-Tempel), Uruk (Eanna), Babylon (Ishtar-Tor)
Astronomische Identifikation: Venus (Dilbat)

Historische Einordnung

Zeitraum der Texte

Ishtar ist seit der altakkadischen Zeit (3. Jt. v. Chr.) belegt, Akkadisierung der sumerischen Inanna (in Uruk). Hauptblütezeit ihrer Verehrung: alt-, mittel- und neubabylonische Zeit. Im Assyrischen Reich Hauptgöttin von Niniveh und Arbela, die Schutz-Patroninnen der assyrischen Könige. Das berühmte Ishtar-Tor Babylons (heute Berlin) ist eines der größten erhaltenen antiken Bauwerke. In der biblischen Tradition als Ashtoreth erwähnt.

Verbreitungsraum

Hauptkultorte: Niniveh (E-mash-mash-Tempel, spätassyrisch Hauptkultort), Uruk (Eanna-Tempel als Inanna-Heiligtum), Babylon (Ishtar-Tor, Tempel im Esagila-Komplex), Arbela (heute Erbil, eine der ältesten kontinuierlich bewohnten Städte). In Akkad als Hauptgöttin Sargons. Im Mittelmeerraum über Astarte als Aphrodite-Vorläuferin.

Quellenlage

Zentrale Quellen: Inanna-und-Dumuzi-Mythenzyklus (Sumer), Inannas Abstieg in die Unterwelt, Gilgamesch-Epos (Tafel VI, Ishtar verlangt Gilgamesch zur Ehe), Inanna und Enki, Ishtar-Hymnus, neuassyrische Inschriften zur Ishtar von Arbela. Sekundärliteratur: Wolkstein/Kramer, Inanna. Queen of Heaven and Earth; Foster, Before the Muses; Black/Green, Gods, Demons and Symbols.

Name

Ishtar wird in doppelter Gestalt dargestellt: oben in durchsichtigem Gewand, Krone der Macht, mit nacktem oder kämpferischem Körper; unten gerüstet wie ein Krieger mit Lanze und Schild, Löwe oder Panther zu ihren Füßen. Die achtspitzige Stern-Krone kennzeichnet sie, Symbol des Morgensterns (Venus). Ihre Waffe ist die Piyattu (Feuerlanze). Ein Skorpion oder eine Taube können sie begleiten. Oft wird sie kniend oder stehend in kriegerischer Pose abgebildet.

Charakteristika

Ishtar ist Göttin der heiligen Prostitution, Kriegerin, Hüterin von Recht und Macht. Sie bestimmt den Ausgang von Kämpfen und segnet oder verdammt Könige je nach Laune. In Ishtars Abstieg wird sie durch die sieben Tore der Unterwelt gelötet, als Strafe für ihren Hochmut, ein tiefes Mythos-Narrativ über weibliche Macht und ihre Grenzen. Die Hierodulen (heilige Priesterinnen) dienten in ihrem Tempel. Es gab große Feste zu ihren Ehren, liturgische Hochzeiten (hieros gamos) mit Königen, und in Kriegszeiten Massenopfer. Ishtar war die Göttin der Menschen, unmittelbar angerufen, unmittelbar gefürchtet.

4. Steckbrief: Ishtar

Die wichtigsten Aspekte von Ishtar auf einen Blick. Die folgenden Felder fassen Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und Parallelen zusammen.

Ursprung

Ishtar ist Tochter des Mondgottes Sin (Nanna) und der Ningal, Schwester des Sonnengottes Shamash. Im sumerischen Pendant Inanna Tochter von An und Nammu. Gemahl der Liebes-Göttin: Dumuzi (Tammuz im Akkadischen), ein junger Hirten- und Vegetationsgott. Mythos vom Inanna-Abstieg: sie steigt in die Unterwelt zu ihrer Schwester Ereshkigal, wird dort erst getötet und dann durch Ea wiederbelebt, Dumuzi muss als Sühne in die Unterwelt absteigen.

Bezogen auf

Doppelfunktion: Liebes- und Kriegsgöttin (in einer Gestalt vereint, eine in der antiken Welt einmalige Konstellation). Liebes-Aspekt: sexuelle Lust, erotische Anziehung, Eheschließung. Kriegs-Aspekt: Königsschlacht, Heeres-Führung. Astronomisch: Morgen- und Abendstern (Venus). Im persönlichen Kult auch Patronin der Frauen, der Tempelpriesterinnen (nadi-tu), der Wahrsagerinnen.

Ishtars Erscheinung

Anthropomorph als schöne junge Frau in langem mehrlagigem Gewand, mit Sterne-Krone oder hohem Hut-Diadem. Charakteristische Attribute: Pfeil und Bogen (Krieg), Doppel-Streitkolben (Krieg), Achtstern (ihr Hauptsymbol, repräsentiert Venus). Reittier: Löwe (oft auf einem Löwenpaar stehend). Auch nackte Form (Inanna-Astarte-Tradition) auf Terrakotta-Reliefs. In neubabylonischer Zeit als Achtstern allein als göttliches Symbol auf Stelen und Siegeln.

Tätigkeit

Wirkungs-Bereich: Ishtar wurde von allen Ständen angerufen, in Liebes-Angelegenheiten von Frauen, vor Schlachten von Königen, in Wahrsagerei von Priestern. Die assyrischen Könige (Sargon II., Sanherib, Asarhaddon) waren ihre besonderen Schützlinge, bei jedem Feldzug rief der König „Ishtar von Arbela“ an. In Uruk führten die nadi-tu-Tempelpriesterinnen den Tempelbetrieb. Persönliche Anrufung mit Räucherwerk aus Zedern und Rösten von Hammelfleisch.

Schutz

Achtstern (Hauptsymbol, repräsentiert Venus), Pfeil und Bogen, Doppel-Streitkolben, Löwe (Reittier), Sterne-Krone, hoher Hut-Diadem, mehrlagiges Gewand. Pflanzen: Zeder, Datteln, Lilie. Heilige Tiere: Löwe (besonders bei Mušhuššu-Drachen begleitet), Schlange.

Pendants

Inanna (Sumer, Vorläuferin), Astarte (Phönizien, fast identische Übernahme), Anat (Ugarit), Ashtoreth (hebräisch, biblische Erwähnung), Aphrodite (Griechenland, Liebes-Aspekt), Athene (Griechenland, Kriegs-Aspekt), Venus (Rom, astronomisch), Hathor (Ägypten, späte Synkretisierung), Freyja (Germanisch, Liebe und Schlacht-Wahl), Durga (Hinduismus, Kriegs-Göttin auf Löwen).

Praktische Abwehr

Verehrungs-Rituale

Ishtar (sumerisch Inanna) war eine der zentralsten Gottheiten Mesopotamiens, Liebes-, Krieger- und Venus-Göttin zugleich. Ihr Hauptheiligtum war Eanna in Uruk (4.-3. Jt. v. Chr.). Heilige-Hochzeit-Riten hieros gamos (sumerisch nig-mussa-tum) zwischen König und Hoher Priesterin als Inanna-Verkörperung sind seit Schulgi/Sin-Iddinam (Ur III) belegt (vgl. Frymer-Kensky, In the Wake of the Goddesses). Tempelprostitution (sumer. nu-gig) war Bestandteil ihrer Verehrung, religionswissenschaftlich umstrittener Befund (vgl. Lambert, Roth).

Anrufungen

Die „Höllenfahrt der Inanna“ (Sumerisch, Kramer, The Sumerians) und das akkadische Pendant „Ishtars Hadesfahrt“ (Foster) sind die zentralen Mythentexte. Der „Große Ishtar-Hymnus“ Naram-Sins (Akkad, ca. 2250 v. Chr.) ist die früheste persönliche Anrufung an sie. Das Ritualgebet „šuʾila“ (Handhebungsgebet) richtete sich oft an Ishtar bei persönlicher Krise.

Amulette und Schutzsymbole

Achtzackiger Stern (Venus-Symbol) auf babylonischen Siegelzylindern und Boundary-Stones (vgl. Black/Green). Löwen-Begleiter (sie reitet einen Löwen, Sieben-Löwen-Wagen). Apotropäische Tonfiguren nackter Frauen mit Händen unter Brüsten (Ishtar-Bilder) wurden in Hauswänden vergraben (Ur, Larsa, Sippar, Ausgrabungen Woolley).

6. Ishtar, Parallelen in anderen Kulturen

Ishtar teilt mit Aphrodite (Griechenland) die Liebe, mit Athene (Griechenland) den Kriegsaspekt. Mit Isis (Ägypten) verbindet sie die unergründliche weibliche Macht. In indischen Kulturen ähnelt sie Durga oder Kali, wildes, zerstörerisches, aber lebensnotwendiges weibliches Prinzip. Keine andere altorientalische Göttin ist so psychologisch komplex und kulturell zentral wie Ishtar.

Standardliteratur (Mesopotamien):

  • Wiggermann, Frans A. M.: Mesopotamian Protective Spirits. The Ritual Texts (Cuneiform Monographs 1). Styx, Groningen 1992.
  • Black, Jeremy / Green, Anthony: Gods, Demons and Symbols of Ancient Mesopotamia. An Illustrated Dictionary. British Museum Press, London 1992.
  • Bottéro, Jean: Religion in Ancient Mesopotamia. University of Chicago Press, Chicago 2001.

Quellen und Literatur

  • Wolkstein, Diane / Kramer, Samuel Noah: Inanna. Queen of Heaven and Earth. New York 1983.
  • Foster, Benjamin R.: Before the Muses. An Anthology of Akkadian Literature. Bethesda 2005.
  • Black, Jeremy / Green, Anthony: Gods, Demons and Symbols of Ancient Mesopotamia. London 1992.
  • Bottéro, Jean: La plus vieille religion. En Mésopotamie. Paris 1998.
  • Walde, Christine (Hg.): Der Neue Pauly (Lemma „Ishtar“, „Inanna“).