Upyr ist Dämon der slawischen Tradition.
Der slawische Wiedergänger, Urvater der modernen Vampirgestalt.
Der Upyr ist die zentrale Wiedergänger-Figur der slawischen Folklore, und der unmittelbare historische Vorläufer der modernen Vampirgestalt. Ein Verstorbener, der aus seinem Grab aufsteht, Blut der Lebenden saugt, zuerst die eigene Familie, dann das Dorf dezimiert, und nur durch spezielle Riten endgültig beigesetzt werden kann. Anders als der nordische Draugr ist der Upyr beweglicher, greift nachts an und kann sich außerhalb des Friedhofs frei bewegen.
Die slawische Upyr-Tradition ist zentral für die europäische Vampirgeschichte. Über Reiseberichte aus dem Balkan im 18. Jahrhundert (Johann Flückinger 1732, der österreichische Arnod-Paole-Fall) wird das Phänomen in Westeuropa bekannt. Daraus entwickelt sich über Polidori, Le Fanu und Bram Stoker die moderne Vampirliteratur. Regionale Varianten: ostslawisch Upyr, polnisch Upiór, rumänisch Strigoi, südslawisch Vukodlak, Vlkodlak.
Typ: Slawischer Wiedergänger, Vampirvorläufer
Herkunft: Ungetaufte, selbstmordlich gestorbene, verfluchte, exkommunizierte Tote
Texte: slawische Kirchenakten (ab 11. Jh.), Balkan-Berichte 18. Jh., Karadžić
Zeitraum: mittelalterlich bis Gegenwart
Abwehr: Espenholz-Pfahl, Enthauptung, Verbrennung
Erste schriftliche Belege in slawischen Kirchendokumenten des 11. Jahrhunderts. Reiche Berichte im 18. Jh. (Flückinger 1732 zu Arnod Paole; weitere habsburgische Untersuchungen). Literarische Rezeption: Polidori 1819, Le Fanu 1872, Stoker 1897. Moderne Forschung: Paul Barber, Agnes Murgoci.
Slawischer Kulturraum von Russland bis zum Balkan, mit besonders dichter Überlieferung in Serbien, Bulgarien, Rumänien (Strigoi), Polen. Durch habsburgische Kolonisation und literarische Rezeption nach Westeuropa und weltweit.
Slawische Kirchenakten, habsburgische Exhumierungsprotokolle (18. Jh.), Vuk Karadžić Srpski rječnik (1818), Agnes Murgocis „The Vampire in Roumania“ (1926), Paul Barber Vampires, Burial, and Death (1988), moderne balkanische und slawische Folkloristik.
Russisch: Upyr (Упырь).
Polnisch: Upiór, Wąpierz.
Tschechisch/Slowakisch: Upír.
Rumänisch: Strigoi (aus lat. strix, nicht slawisch, aber im gleichen Bedeutungsfeld).
Südslawisch: Vukodlak, Vlkodlak; serbisch auch Vampir, Wortquelle des international bekannten Begriffs.
Ukrainisch: Upyr.
Die serbische Form Vampir kommt in den habsburgischen Protokollen des 18. Jh. vor und wird von dort über die österreichische und deutsche Presse weltweit verbreitet. Der Artikel „Vampyr“ im französischen Trévoux-Lexikon (1721) ist ein früher Beleg des international eingebürgerten Wortes.
Nach der Exhumierung auffallend frisch: rotes Gesicht, ungeronnenes Blut im Herzen, ausgewachsene Nägel und Haare, mit Blut beschmierter Mund. Volkskundlich gut erklärbar durch natürliche Verwesungsprozesse; für Zeitgenossen Beweis der Vampirtätigkeit. In nächtlicher Tätigkeit: dunkle Gestalt, manchmal als Tier (Wolf, Hund), manchmal als Nebel.
Verlässt nachts sein Grab, greift zuerst Familienangehörige an (daher „zuerst die eigene Familie“), dann das Dorf. Saugt Blut, bringt Erschöpfung, Krankheit, Tod. Wer durch Upyr-Biss stirbt, wird selbst zum Upyr. Dorfe mit Upyr-Befall erleiden regelrechte Sterbeserien.
Eigenes Dorf und umliegende Orte. Kann sich manchmal weiter bewegen, wenn das Gebiet leer wird. Grenztage (Jurjevden, Weihnachten, Epiphanias) besonders aktiv.
Nach volksreligiöser Tradition wird ein Mensch zum Upyr, der ungetauft, selbstmordlich, exkommuniziert, verflucht oder als Hexe stirbt. Auch „zwei Herzen“ oder „zwei Seelen“ geborene Menschen gelten als gefährdet. Die Entwicklung vom slawischen Wiedergänger zum modernen Vampir vollzieht sich über Jahrhunderte.
Die wichtigsten Aspekte des Upyr auf einen Blick.
Ungetaufte, selbstmordlich gestorbene, verfluchte, exkommunizierte oder als Hexen verstorbene Menschen. Entsteht bei unsachgemäßer Bestattung oder moralischem Versagen im Leben.
Zuerst die eigene Familie, dann das Dorf. Jeder, der durch Upyr-Biss stirbt, wird selbst zum Upyr, epidemieartige Ausbreitung.
Nach Exhumierung: rot, aufgedunsen, mit ungeronnenem Blut und ausgewachsenen Nägeln. Nachts: dunkle Gestalt, als Tier (Wolf, Hund) oder Nebel.
Saugt Blut der Lebenden, bringt Erschöpfung, Krankheit, Tod. Dorfweise Sterbeserien. Ausbreitung durch Biss-Übertragung.
Exhumierung und Durchbohrung mit Espenholz-Pfahl, Abschlagen des Kopfes, Verbrennung, Wiederbeerdigung mit Gesicht nach unten. Knoblauch, Weihrauch, Kreuze; protective Bestattungsweise.
Wer als Upyr-gefährdet gilt (Selbstmord, Ungetauftsein, Exkommunikation), wird mit besonderer Sorgfalt bestattet: Gesicht nach unten, große Zehen gebunden, Mund mit Stein gefüllt, Grab mit Sichel bedeckt (der Wiedergänger sollte sich selbst enthaupten, wenn er aufstehen will).
Dorfsterben ruft Vampirjagd hervor. Die Dorfgemeinschaft gräbt verdächtige Gräber aus. Zeichen der Vampirtätigkeit: frischer Leichnam, roter Mund, ungeronnenes Blut, gewachsene Nägel. Dann: Durchbohrung mit Espenholz-Pfahl, Kopfabschlag, Verbrennung in offener Flamme, Asche in den Fluss. In manchen Regionen wurde das Herz separat verbrannt.
Knoblauch an Fenster und Tür. Weihrauch im Hausbauch. Silbernes Kreuz am Bett. Kinder mit roten Fäden an den Handgelenken schützen. Zu besonders gefährdeten Zeiten (nach einem Dorfsterben): Familienmitglieder schlafen zusammen, mit Schutzamuletten.
1732 untersucht Johann Flückinger im Auftrag der österreichischen Armee den Fall Arnod Paole in Serbien und schreibt den Bericht Visum et Repertum. Das Dokument macht das Vampirphänomen in Wien, Paris und London bekannt. Eine Vampir-Debatte erschüttert die aufgeklärte Gelehrtenwelt.
John Polidori The Vampyre (1819) bringt die Figur in die Salon-Literatur. Sheridan Le Fanus Carmilla (1872) etabliert die weibliche Vampirin. Bram Stokers Dracula (1897) wird zur zentralen Gestalt der modernen Vampirliteratur, explizit verortet am rumänisch-slawischen Rand.
Das Upyr-Motiv bleibt in rumänischer, polnischer und slawischer Literatur aktiv (Olga Tokarczuk, Die Jakobsbücher). Twilight, True Blood, What We Do in the Shadows und zahllose weitere Adaptationen bauen direkt oder indirekt auf der slawischen Grundgestalt auf, oft ohne diese Herkunft zu würdigen.