Troll ist Geist der germanischen Tradition.
Riesenhaftes Bergwesen, zwischen Edda-Thurs und Volksmärchen-Oger.
Der Troll ist eine der vielschichtigsten Gestalten der nordischen Tradition. Ursprünglich sehr weit gefasst (altnordisch troll kann „Zauberwesen“ ganz allgemein meinen), verengt sich der Begriff in Volksmärchen und Literatur zum riesenhaften Berg- und Waldbewohner: dumm oder listig, meist gefährlich, manchmal komisch. Er bewohnt Höhlen, Berge, abgelegene Wälder, entführt Menschen, raubt Bräute, bewacht Schätze, und zerbricht bei Sonnenlicht zu Stein.
Hintergrund sind die Jötnar und Thursar der Edda, mythische Riesen, die den Göttern gegenüberstehen. In skandinavischer Volkstradition verschmelzen diese mit regionalen Berg- und Waldgeistern zum Troll der Volksmärchen, festgehalten in Asbjørnsen und Moes norwegischen Sagensammlungen, in isländischer Folklore, in finnischen Märchen. Moderne Fantasy-Literatur (Tolkien, Rowling, Pratchett) hat das Bild des Trolls weltweit bekannt gemacht.
Snorri Sturluson beschreibt in der Prosa-Edda (um 1220), besonders in der Skáldskaparmál (Dichtersprache), zwei unterschiedliche Troll-Kategorien. Die einen werden als Bergbewohner dargestellt, groß, gewaltig und dumm, Feinde der Menschen und der Götter. Die anderen, kleiner und wendiger, tauchen in Zauber- und Verwandlungskontext auf. Diese Differenzierung ermöglichte es später, verschiedene Troll-Sichtungen und Überlieferungen in verschiedene Kategorien zu sortieren. Die Skáldskaparmál behandelt Trolle auch als poetische Metapher, was auf eine gelehrte Auseinandersetzung hindeutet, nicht nur auf reine Volkstradition.
In den isländischen Sagas (Heimskringla, Egils Saga, Grettis Saga) erscheinen Trolle als chaotische Kraft, die mit Menschen und Göttern in Konflikt tritt, aber selten die Haupthandlung trägt. Ihre Präsenz wirkt als Verkörperung von Wildheit oder Anderswelt, eine Marker-Funktion in der Erzählwelt mehr als ein vollständig entwickelter Charaktertyp.
Typ: Riesenhaftes Berg-/Waldwesen
Herkunft: Edda-Jötnar und Thursar, regionale Berggeister
Texte: Edda, Isländersagas, Asbjørnsen & Moe, Grimm, moderne Fantasy
Zeitraum: Wikingerzeit bis Gegenwart
Abwehr: Sonnenlicht, Kirchenglocken, Stahl, Salz
Mythisch verwurzelt in Edda-Jötnar. Literarisch blühend in Isländersagas (Grettis saga, Bárðar saga). Volksmärchen-Gestalt in skandinavischer Tradition ab Mittelalter, reich gesammelt im 19. Jh. (Asbjørnsen & Moe). Moderne Popkultur-Figur seit Tolkien.
Skandinavien, Norwegen, Schweden, Island, als Kerngebiet. Finnische und samische Varianten. Deutschland kennt „Trolle“ vor allem durch skandinavische Import-Übersetzungen; eigene Berg- und Waldriesen haben andere Namen.
Edda (Völuspá, Grímnismál), Isländersagas, Asbjørnsen und Moes Norske Folkeeventyr, skandinavische und finnische Volkskunde, moderne Fantasy-Literatur.
Altnordisch: troll, breit gefasst für „Zauber, Ungeheuer, magisches Wesen“.
Edda-Begriffe: jötunn (Plural jötnar), „Riese“; thurs, „Unhold“.
Moderne Namen: Berg-Troll, Wald-Troll, Troldkone (Troll-Frau), Trollkunig (isländisch).
Tolkien: Trolls als Sub-Species der Orks-Welt, bei Tageslicht versteinernd.
Die Bedeutungsverengung vom allgemeinen Zauberwesen zum konkreten Bergriesen vollzieht sich im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit. In manchen isländischen Texten bleibt der Begriff weit, ein troll kann dort auch eine Hexe sein.
Riesenhaft, oft mehrere Meter groß. Hässlich, mit dicker Nase, Warzen, verfilztem Haar. In manchen Traditionen mit mehreren Köpfen. Haut meist grau oder moos-überzogen, an Felsen erinnernd. In norwegischen Märchen oft mit einem Schweif.
Lebt in Höhlen und Bergen. Gefährlich für Wanderer, raubt Bräute, entführt Kinder, bewacht Schätze. Dümmer als Menschen; lässt sich in Volksmärchen oft durch List besiegen. Manche Trolle sind heimlich nach Einbruch der Dunkelheit in Dörfer, bei Sonnenaufgang überrascht, versteinern sie zu Felsen.
Gebirgsgegenden, Waldweiten, einsame Höhlen und Felsenklüfte. Einige ikonische Felsformationen in Norwegen werden bis heute als versteinerte Trolle gedeutet (Trolltunga, Trollveggen).
In der Edda-Mythologie gehören die Jötnar zu den Urmächten vor den Göttern. Thor ist ihr Hauptgegner. In der Volkstradition verliert diese kosmische Dimension an Bedeutung; der Troll wird zum Alltagswesen der Berge und Wälder.
Die norwegischen Folkloristen Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Moe publizierten ab 1841 ihre Norske Folkeeventyr (Norwegische Volksmärchen). Ihre Sammlung enthielt zahlreiche Troll-Geschichten: Trolle, die Brücken bewachen, Menschen verführen oder mit den Göttern streiten. Asbjørnsen und Moe verfeinerten die Troll-Beschreibungen und machten sie narrativ zugänglicher. Sie dokumentierten auch die regionale Varianz (Fjord-Trolle, Gebirgs-Trolle, See-Trolle), was die Spezialisierung der Troll-Tradition unterstützte.
Diese Sammlung, vielfach nachgedruckt und in mehrere Sprachen übersetzt, wurde für die europäische Romantik zum kanonischen Werk und setzte den Standard dafür, wie nordische Trolle in der modernen Literatur und Folkloristik zu verstehen sind.
Die wichtigsten Aspekte des Trolls auf einen Blick.
Edda-Jötnar und Thursar als mythischer Ursprung. In Volkstradition mit regionalen Berg- und Waldgeistern verschmolzen.
Wanderer, Hirten, Kinder. Bräute im Volksmärchen. Helden, die den Schatz suchen.
Riesig, hässlich, dicke Nase, verfilztes Haar, manchmal mehrere Köpfe. Hautfarbe grau oder moos-überzogen. Gelegentlich mit Schweif.
Raubt, entführt, bewacht Schätze, zerdrückt. In Volksmärchen durch List zu besiegen. Verliert bei Sonnenaufgang Leben und wird zu Stein.
Tageslicht (zentrales Abwehrmittel), Kirchenglocken, Stahl. List und Geduld, die Volksmärchen zeigen Helden, die den Troll bis zum Morgen hinhalten.
Riesen der griechischen Mythologie, Oger (französische Märchen), Zyklop, germanische Bergriesen, Ogre in moderner Fantasy.
Die wichtigste Abwehr ist einfach: Den Troll bis zum Sonnenaufgang aufhalten. In zahlreichen norwegischen Volksmärchen nutzt der Held Zeit, Rätsel, List oder lange Gespräche, um den Troll bis zum ersten Sonnenstrahl festzuhalten, dann zerbricht er zu Stein.
Kirchenglocken vertreiben Trolle, deshalb der übliche Glockenguss bei neuen Dorfkirchen. Stahl (Messer, Axt, Hufeisen) ist für Trolle brennend heiß. Salz wirft man ins Feuer, wenn Trolle in der Nähe vermutet werden.
Nicht alle Trolle sind nur Feinde. In manchen Erzählungen kann man mit ihnen verhandeln, tauschen, sich verdingen, Lehren empfangen. Die Risiken bleiben hoch; die Belohnungen (Schätze, Geheimnisse) auch.
Germanische und weitere Parallelen: Riesen, Oger, Zyklopen, überall das Motiv des übergroßen, dümmlich-gefährlichen Wesens, das Helden herausfordert. Jötnar der Edda sind mythisch, Trolle der Volksmärchen alltagsnäher.
Tolkien (1937, The Hobbit) bringt die norwegische Tageslicht-Regel in die moderne Fantasy. Daraus wird der Troll als Standardgegner in Rollenspielen, Fantasy-Romanen und Videospielen.
In Norwegen bleibt der Troll kulturpräsente Figur, in Tourismus (Troll-Andenken, Trollveggen), Film (Troll Hunter, 2010; Troll, 2022), Literatur. Das Mischgefühl „unheimlich und charmant zugleich“ prägt die skandinavische Identitätsbildung.
In der Vorstellung nordischer Kulturen waren Trolle nicht bloß Ungeheuer, sondern ein integrales Element der kosmologischen Ordnung. Sie bewohnten Gegenden außerhalb der menschlichen Zivilisation und stellten eine Kraft dar, die nicht assimiliert, sondern respektiert oder gefürchtet werden musste. Die Grenze zwischen menschlichem Raum (Midgard) und dämonischem Raum (Jötunheim) wurde oft durch Trolle markiert. Diese Funktionalisierung unterschied Trolle von bloß bösen Dämonen, die ohne kosmologische Verortung existieren konnten.
Die Troll-Tradition blieb in Skandinavien lebendig, während sie in anderen Teilen Europas verblasste. Dies erklärt teilweise, warum moderne Fantasy und nordische Kulturrenaissancen die Troll-Figur so prominent behandeln; sie ist nicht eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, sondern die historisch belegte Fortschreibung einer Tradition mit Kontinuität über Jahrhunderte hinweg.