Hel ist Göttin der germanischen Tradition.
Herrin des Totenreichs, Tochter Lokis und der Riesin Angrboda, Schwester des Fenriswolfs und der Midgardschlange Jormungandr. Hel empfaengt die Seelen aller jener Verstorbenen, die nicht im Kampf gefallen sind, also nicht in Walhall oder Folkvang eingehen. Ihr Reich Helheim ist kein Ort der Qual, sondern ein neutrales Totenland für jene, die an Krankheit, Alter oder gewoehnlichen Todesfaellen starben. Sie wird dargestellt als halb lebendig und halb verwest, ein Symbol für die Schwelle zwischen Leben und Tod.
Hel ist die Totengöttin Germaniens und Tochter Lokis.
Typ: Totengottheit, Herrin der Unterwelt
Pantheon: Germanisch (nordisch)
Funktion: Herrin des Totenreichs Helheim, Empfaengerin der Toten, Waehrin der Grenze zwischen Leben und Tod
Hauptattribute: Halbiertes Gesicht (lebendig und verwest), schwarze Gewand, Hund Garm, Brueck Gjallarbru
Heimstatt: Helheim (Totenreich), Halle Eljudnir, Fluss Gjoll
Germanische Parallele: (keine, eigenstaendig in nordischer Mythologie)
Die Überlieferung zu Hel stammt aus den literarischen Quellen des Hochmittelalters, ist aber aelterer muendlicher Tradition der Wikinger- und voelkerwanderungszeit entsprungen. Die Snorra-Edda (fruehesteHaendschriften aus dem 13. Jahrhundert) und die Lieder-Edda (um 1270 niederschrieben, aber auf Gedichte aus dem 9.-11. Jahrhundert zurueckgehend) sind die Hauptquellen. Saxo Grammaticus‘ Gesta Danorum (um 1200) bietet christlich gefaerbte Parallelueberlieferungen. Schrein- und Grabfunde aus dem 6.-10. Jahrhundert deuten darauf hin, dass Hel im Kultus keine zentrale Rolle spielte, aber im eschatologischen Bewusstsein fest verankert war.
Hel war Konzept der skandinavischen und germanischen Mythologie, verbreitet in Skandinavien (Daenemark, Norwegen, Schweden), Island und in daenisch-norwegisch kontrollierten Gebieten. Die Edda-Überlieferung ist islaendisch und skaendinavisch. Sprachliche Ableitungen des Namens (englisch „Hell“ für die christliche Hoelle) zeigen, dass der Name auch in angelsaechsischen Siedlungsgebieten lebendig war. Mit der Christianisierung (ab 1000 n. Chr.) wurde Hel und Helheim zum Vorbild für die christliche Konzeption der Hoelle umgedeutet.
Die zentralen Quellen sind die Snorra-Edda, besonders Gylfaginning (Kap. 34 und 49), die Lieder-Edda (besonders Voluspa und Vafthrudnismal), sowie Saxo Grammaticus‘ Gesta Danorum. Das Prosa-Vorwort zur Lieder-Edda und die Prose-Einleitungen geben genealogische Kontexte. Die mythische Erwaehnung „Baldrs draumar“ (Der Traum Baldurs) beschreibt Hels Verschuldigung am Tod Baldurs. Archaeologische Befunde von Graebern, Runensteine und Skaaldendichtung ergaenzen das Bild, sind aber zu Hels spezifischer Person sparsam.
Altnordisch: Hel (Nominativ: Hel, Genetiv: Heljar), weibliches Wesen, bedeutet „verbergende“ oder „Verbergende“ (verwandt mit holen „verbergen“, „verhuellen“). Beinamen: Keine eigen staendigen Beinamen überliefert, aber die altnordische Literatur referenziert sie als „Herrin des Totenreichs“ (Drottning hins dauða rikes). Christliche Rezeption: Im Mittelalter wurde der Name Hel zum direkten Vorbild für die christliche Konzeption der „Hoelle“ (englisch „Hell“, mittelhochdeutsch „Hölle“), besonders durch islaendische und skandinavische Christen, die die heidnische Unterwelt allegorisiert hatten. Germanische Verwandte: Skaendinavisch-germanisch, keine direkten Namensverwandten in anderen Kulturen. Familie: Tochter des Gottes Loki und der Riesin Angrboda. Schwester des Fenriswolfs (Fenrir) und der Midgardschlange (Jormungandr). Als Herrin Helheims Dienerin von Ganglati und Ganglot.
Erscheinung
Hel wird in altnordischen Quellen als halb-halb dargestellt: eine Koerperseite ist hell, lebendig und bluetendes Fleisch, die andere Seite dunkelblau bis schwarz wie eine Leiche. Diese ikonische Darstellung symbolisiert ihre Position an der Schwelle zwischen Leben und Tod. Sie traegt schwarze oder dunkelgruene Gewaender. Ihr Angesicht, halb-schoen und halb-verwest, zeigt weder Bösheit noch Erbarmen, nur die unabwendbare Natur der Sterblichkeit. Sie sitzt auf einem Thron in ihrer Halle Eljudnir (Mist-Regen oder Feuchtigkeit-Hof, Ort der Eljabenheit).
Hel ist nicht böse im christlichen Sinne, sondern neutral, eine kosmische Kraft. Sie verwaltet das Totenreich ohne Leidenschaft. Wer zu ihr kommt, bleibt, es sei denn, die Götter oder Ritter erwirken eine Rueckkehr (was extrem selten geschieht, nur bei Baldr wird es versucht). Sie empfaengt alle Verstorbenen, die nicht im Kampf starben: Frauen, Kinder, Alte, Kranke. Damit unterscheidet sich ihr Reich fundamental von Walhall (für gefallene Kaempfer) und Folkvang (für die Göttin Freya). Im Gegensatz zu Hades ist Hel nicht als Richterin dargestellt, die ueber Verdienste entscheidet, sondern als Verwalter einer unvermeidlichen Tatsache.
Die wichtigsten Aspekte von Hel auf einen Blick. Die Tabelle fasst Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und Parallelen zusammen.
Tochter des Gottes Loki und der Riesin Angrboda (Angrbode), auf altnordisch Angrbodhe. Loki ist selbst kein Gott im hoeheren Sinne, sondern ein Riese, der im Kampfgemeinschaft der Aesir zirkuliert. Angrboda ist eine Bergriesen, Muetter von Loki (in manchen Versionen die Frau von Fafnir dem Drachen); die Stammbucher sagen, dass Loki die Richterin der Finsternis waere. Die Bruedern/Bruedinnen Hels sind der Fenriswolf und die Midgardschlange.
Herrin des Totenreichs Helheim. Sie empfaengt und verwaltet die Seelen jener, die nicht im Kampf starben. Sie ist nicht eine Richterin, sondern eine Verwalterin der kosmischen Ordnung. Sie waehrt die Grenzen Helheims und erlaubt keine Rueckkehr, außer die Götter oder andere Maechte gewaehren es ausdruecklich.
Halb lebendig, halb verwest. Eine Koerperseite blueht und ist roesig, die andere ist blaugeschwollen und schwarz wie Fleisch lange nach dem Tode. Schwarze oder dunkelgruene Gewaender. Augen ohne Waerme, aber auch ohne Bösheit, unerschoepflich neutral. Sie traegt oft ein Krone oder Diadem aus Knochen.
Hel war keine populaere Kult-Gottheit im Sinne von Tempeln oder regelmaessigen Festen. Sie wurde jedoch in Bestattungsritualen angerufen und in Sagas und Schwoeren erwaehnt. Bei Todesahnungen oder Trauer konnten Frauen und Priesterinnen Gebete an Hel richten, um einen friedlichen Eingang ins Totenreich zu erflehen. In skaeldendichtung wurde Hel metaphorisch für Todesfurcht und Vergangenheit genutzt. Keine Opfergaben sind speziell überliefert.
Halb-halb geteiltes Gesicht, schwarze Gewaender, der Hund Garm (Waechter vor Helheim), die Bruecke Gjallarbru (Resonanzbruecke ueber den Fluss Gjoll), die Halle Eljudnir, der Tisch Hungerhoerde (Hungernott), der Loeffel Slaegr (Traegheit).
Hades (Griechenland, funktionsteilig aehnlich, aber männlich), Ereshkigal (Mesopotamien, auch weibliche Unterweltsherrin), Yamaraja (Hinduismus, neutrale Verwaltung des Totenreichs), Persephone (Griechenland, ambivalenter Aspekt von Leben und Tod), Hekate (Griechenland, Schwellenfunktion), Mictecacihuatl (Aztekisch, Herrin des Totenreichs, weiblich).
Die bekannteste Geschichte, in der Hel zentral vorkommt, ist der Tod Baldurs, des schoensten aller Götter. Loki trickst den blinden Gott Hoedur dazu, einen Mistelzweig auf Baldr zu werfen, der einzige Stoff, der Baldr verletzen konnte (weil alle anderen Wesen und Dinge versprochen hatten, ihm kein Leid zuzufuegen). Baldr stirbt und faellt in Hels Reich. Die Götter senden Hermoder, Odin’s Boten, auf Sleipnir (Odins achtbeiniges Pferd) hinab, um Hel um Baldrs Rueckkehr zu bitten. Hel verspricht: Baldr darf zurueckkehren, wenn alle Lebewesen um ihn weinen. Fast alles weint, Götter, Menschen, Tiere, Steine. Nur die alte Riesen-Haeldin Thokk (oder Loki in Gestalt) weigert sich, zu weinen. Daher behaelt Hel Baldr bei sich. Dieses Mythos zeigt Hel als unbestechlich und unvermittelbar: ihre Macht ueber den Tod ist größer als die Macht der Götter selbst.
In der apokalyptischen Vision Voluspa tritt Hel in den letzten Tagen hervor, wenn die Ordnung zusammenbreitet. Die Halle Eljudnir loest sich auf, die Toten fluesten zur Ragnaroek. Sie selbst wird nicht als Kaempferin beschrieben, sondern als Kraft, die mit den Chaoten mitflutet.
Griechische Tradition: Hades (männlicher Herrscher der Unterwelt) teilt mit Hel die Funktion als Verwalter und neutrale Kraft. Im Gegensatz zu Hades gibt es bei Hades aber auch moralische Gerichte und Hierarchien (die Furien, die Elysium vs. Tartaros). Helheim hat keine solche Unterscheidung, es ist für alle Toten ohne Seelengericht.
Mesopotamische Tradition: Ereshkigal (Herrin der Unterwelt Irkalla, weiblich, wie Hel) zeigt eine aehnliche Neutralitaet. Die Geschichte von Iannas Abstieg zu Ereshkigal hat Strukturparallelen zur Baldur-Geschichte: ein Maechtige wird zu einer weiblichen Unterwelt-Herrscherin hinuntergebracht und kehrt (teilweise) zurueck, aber die Bedingungen sind unerbittlich.
Aegyptische Tradition: Osiris ist eher ein gerechter Richter als eine bloße Verwalterin; Anubis ist eher ein Geleiter. Hel kombiniert beide Funktionen, ohne die moralisch-juristische Schicht.
Hinduistische Tradition: Yamaraja (Herrscher des Totenreichs Yamaloka) teilt mit Hel die Neutralitaet und die Unvermeidlichkeit. Im Gegensatz zu Hel ist Yamaraja aber nicht ortsgebunden, sondern besucht regelmaessig die Welt.
Keltische Tradition: Die Banshee und Andere Jenseits-Gestalten sind eher Verbuenderinnen als Herrscherinnen. Gwydion und die keltische Unterwelt Annwn sind weniger personifiziert als Hels ganz konkrete Gestalt.
Mit der Christianisierung Skandinaviens und Deutschlands (ab ca. 1000 n. Chr.) wurde die heidnische Hel und ihr Reich Helheim zur Metapher für die christliche Hoelle. Islaendische Praedikentext und Predigten des 12.-14. Jahrhunderts sprechen von „Helheim“ als Hoelle, von Hels Boten oder Dämons als Hollen-Kaempfern. Der altnordische Name Hel (verbergende, die Verhuellende) wurde zum englischen „Hell“ und zum mittelhochdeutschen „Hölle“ umdeutet, die etymologischen Vertraege sind umstritten, aber die semantische Gleichsetzung ist in den Quellen belegt. Der Name Hel erlebte daher eine Transformation von einer kosmischen Kraft zu einem Symbold der Verdammnis.