Spider Grandmother, Schöpfer-Großmutter und Weisheits-Lehrerin der südwestlichen Pueblo-Völker

Spider Grandmother (Hopi Kokyangwuti, Navajo Na’ashje’ii Asdzaa, in weiteren Pueblo-Sprachen unter eigenen Namen) ist die Schöpfer-Großmutter und Weisheits-Lehrerin der südwestlichen Pueblo-Völker. Sie gehört zu den zentralen weiblichen Schöpferinnen-Gestalten der amerikanischen Religionsgeschichte.

SchöpferNative AmericanSchöpfer-Großmutter

Inhaltsverzeichnis

Spider Grandmother - Götter aus der Native-american-Tradition, historisch-illustrativ

Einordnung im Pueblo-Pantheon

Spider Grandmother ist die höchste weibliche Schöpferin-Gestalt der Pueblo-sprachigen Völker des südwestlichen Nordamerika, Hopi, Zuni, Navajo (technisch Athabaskan, aber kulturell ins Pueblo-System integriert), Tewa, Tiwa, Towa, Keresan-Völker (Acoma, Laguna, Santa Ana). In jeder dieser Traditionen ist sie unter eigenem Namen präsent, doch die strukturelle Position als spinnen-förmige Großmutter-Schöpferin ist verbindend.

Religionswissenschaftlich gehört sie zur Klasse der weiblichen Hochwesen-Schöpferinnen, die in zahlreichen Religionen der Welt zu finden sind. Strukturell vergleichbar sind die andine Pachamama in ihrer kosmogonischen Funktion, die mesoamerikanische Coatlicue, die altgriechische Gaia, die altindische Aditi und die westafrikanische Asase Ya. Spider Grandmother unterscheidet sich von diesen Parallelen durch ihre spezifische Spinnen-Komponente und ihre Lehrerinnen-Rolle.

Innerhalb der Pueblo-Religion arbeitet Spider Grandmother oft als Vermittlerin zwischen den höheren Schöpferprinzipien und den Menschen. Bei den Hopi ist sie die Begleiterin der ersten Menschen beim Emergenz-Aufstieg durch die vier vorherigen Welten in die gegenwärtige fünfte Welt; bei den Navajo ist sie die Lehrerin der ersten Weberinnen, die die Webkunst und mit ihr die kosmische Ordnung an die Menschen überliefert.

Name und Etymologie

Die Pueblo-Bezeichnungen variieren je nach Sprache. Im Hopi heißt sie Kokyangwuti, was wortwörtlich Spinnen-Frau bedeutet (kokyang = Spinne, wuti = Frau). Im Navajo heißt sie Na’ashje’ii Asdzaa, ebenfalls Spinnen-Frau. Im Zuni heißt sie Awitelin Tsita, was Erd-Mutter bedeutet und die spezifische Erd-Komponente betont.

In den Keresan-Pueblos (Acoma, Laguna, Cochiti, Zia, Santo Domingo, San Felipe, Santa Ana) heißt sie Tsitsi’ittini oder Tse-che-nako, was als Denkende-Frau oder Geist-Erste-Frau übersetzt wird. Hier tritt die Lehrerinnen-Komponente besonders in den Vordergrund: Tse-che-nako ist die erste Denkende, die durch ihr Denken die Welt überhaupt erst zur Existenz bringt.

Die englische Standard-Übersetzung Spider Grandmother ist in der amerikanisch-anglo-saxen Indianer-Literatur seit dem späten 19. Jahrhundert gängig. Sie betont die Großmutter-Anrede, die in den meisten Pueblo-Traditionen tatsächlich Bestandteil der ritualpraktischen Sprache ist (shiwóyeé in Navajo, so’wuti in Hopi). Die Großmutter-Anrede entspricht strukturell der Lakota-Großmutter-Anrede Unci (siehe Tunkasila) und reflektiert die geschlechtlich-bipolare Verwandtschafts-Theologie der nordamerikanischen Indianer-Traditionen.

Beschreibung und Ikonographie

Spider Grandmother wird in den Pueblo-Erzählungen in mehreren Gestalten beschrieben. Ihre Grundgestalt ist die einer kleinen schwarzen Spinne, die in einer Erdhöhle oder unter einem Felsen wohnt. Sie kann sich aber jederzeit in eine würdige alte Frau mit weißem Haar und faltigem Gesicht verwandeln, die in einem traditionellen Pueblo-Kleid auftritt und mit ihrem Stab in der Hand spricht.

In der Hopi-Ikonographie ist sie oft mit einer kleinen Spinnen-Figur auf der Schulter dargestellt, was ihre Doppel-Gestalt visualisiert. Auf erhaltenen Pueblo-Keramiken aus dem 11. bis 14. Jahrhundert (Mimbres, Anasazi) finden sich Spinnen-Motive, die archäologisch oft als Spider-Grandmother-Manifestationen interpretiert werden. Diese Zuordnung ist allerdings spekulativ, da uns die emische Bezeichnung der archäologischen Kulturen fehlt.

Auf modernen Pueblo-Webereien und Töpfereien, insbesondere in der Navajo-Webteppich-Tradition, ist das Spider-Grandmother-Motiv ein zentrales Element. Die Webteppiche enthalten oft ein Spider-Hole, ein kleiner gewollter Webfehler in der Mitte des Teppichs, der die Spinnen-Frau ehrt, weil ein vollkommenes Werk ihre Lehrer-Position in Frage stellen würde. Diese Praxis ist von der Navajo-Anthropologin Wesley Thomas und der Navajo-Weberin Roxanne Swentzell ausführlich beschrieben worden.

Mythologische Erzählungen

Die mythologische Überlieferung um Spider Grandmother ist eine der reichsten der amerikanischen Indianer-Religion. Eine zentrale Erzähl-Klasse ist der Emergenz-Mythos der Hopi: Die Menschen lebten zunächst in der Unterwelt, die zunehmend von Bösem und Streit erfuellt war. Spider Grandmother hilft den Menschen, durch ein Schilfrohr nach oben in die nächste Welt zu klettern. Dieser Aufstieg wiederholt sich durch vier Welten, bis die Menschen in der gegenwärtigen fünften Welt ankommen. In jeder dieser Welten ist Spider Grandmother die Begleitende, die Lehrende, die die Menschen vor dem Verlust ihrer Aufgabe schützt.

Eine zweite Erzähl-Klasse ist der Hero-Twins-Zyklus der Navajo. Spider Grandmother begegnet den jungen Helden Monster-Slayer und Born-for-Water, als sie auf der Suche nach ihrem Vater Tsohanoai (die Sonne) sind. Sie lehrt sie die magischen Lieder und gibt ihnen die Schutz-Amulette, mit deren Hilfe sie später die Monster der Welt besiegen können. Dieser Hero-Twins-Mythos ist eine der bekanntesten Erzählungen der nordamerikanischen Indianer-Religion und wurde von John Bierhorst (The Mythology of North America, 1985) ausführlich beschrieben.

Eine dritte Erzähl-Klasse ist die Stiftungs-Erzählung der Webkunst. Spider Grandmother lehrt die ersten Pueblo-Frauen das Spinnen und Weben und gibt ihnen damit die Kraft, die Welt durch ihre Webereien zu strukturieren. Die kosmologische Bedeutung des Webens in der Pueblo-Tradition, das Tuch als Modell der kosmischen Ordnung, die Webung als symbolische Schöpfungsakt, ist von Roxanne Swentzell, Patricia Anne Davis und der Navajo-Webereiforscherin Kate Peck Kent (Navajo Weaving, 1985) systematisch beschrieben worden.

Eine vierte wichtige Erzähl-Klasse ist die kosmogonische Spinnen-Web-Schöpfung in der Acoma-Tradition. Hier ist die erste Tat Spider Grandmothers die Spinnung eines kosmischen Netzes aus dem Nichts, das die Struktur der Welt bildet. Auf den Knoten dieses Netzes setzt sie die ersten Wesen, die Sterne, die Sonne, den Mond, die Berge und schließlich die Menschen. Das gesamte Universum ist demnach ein einziges großes Spinnen-Netz, in dem alle Wesen durch die feinen Fäden Spider Grandmothers miteinander verbunden sind. Diese kosmologische Vorstellung, das Universum als Netz, hat in der vergleichenden Religionswissenschaft Aufmerksamkeit erfahren, weil sie strukturell der hinduistischen Maya-Konzeption ähnelt, ohne dass eine historische Verbindung existiert.

Kult und ritualpraktische Präsenz

Die ritualpraktische Verehrung Spider Grandmothers ist in der Pueblo-Tradition allgegenwärtig, wenn auch nicht in zentral-institutionalisierter Form. Sie wird in jeder Kiva-Sitzung (Kiva: unterirdische zeremonielle Kammer der Pueblo-Völker) am Anfang angerufen, in jeder Webereitaetigkeit durch das Setzen des Spider-Hole-Webfehlers geehrt, und in den großen Pueblo-Feasts (Kachina-Tanze, siehe Kachina; Yei-bi-chai-Tanze der Navajo) als Begleitende und Schützende angerufen.

Bei den Hopi findet sich eine besonders bedeutsame ritualpraktische Anwendung in der Spider-Sand-Painting-Tradition. In diesem Ritual wird auf dem Erdboden ein kunstvolles Mandala aus farbigen Sandpulvern gezeichnet, dessen Zentrum die Spider Grandmother darstellt. Das Sandbild dient als rituelles Heilungs-Werkzeug; der Patient setzt sich in das Zentrum, wahrend die Heiler die Krankheit symbolisch von ihm auf das Sandbild übertragen und das Bild anschließend zerstören, um die Krankheit endgültig aus der Welt zu entfernen.

Die Sand-Painting-Tradition ist insbesondere bei den Navajo (genannt iikaah) hochentwickelt und gehört zu den am intensivsten dokumentierten ritualpraktischen Phänomenen der amerikanischen Indianer-Religion. Die Sand-Paintings sind religiös-rituelle Werkzeuge, keine bildende Kunst; sie werden am Tage erschaffen, am Abend benutzt und am Ende des Rituals zerstört. Die Reproduktion der Sand-Painting-Motive in nicht-rituellen Werken (Wandmalereien, Druckgraphik) wird in der Navajo-Tradition als kulturelle Aneignung kritisch gesehen.

Schutzpraxis und apotropäisches Wirken

Spider Grandmother ist in der Pueblo-Tradition eine der wichtigsten Schutzfiguren. Ihre apotropäische Verehrung konzentriert sich auf vier Bereiche: Schutz von Kindern und Frauen in der Schwangerschaft, Schutz der häuslichen Sphäre, Schutz vor Krankheiten und Schutz auf Reisen.

Konkrete Schutzpraktiken umfassen das Aufbewahren einer kleinen Spinnen-Repräsentation, etwa einer geschnitzten Spinne aus Türkis oder einer gezeichneten Spinne auf einer Lederhaut, im Hauseingang oder über dem Schlafbereich, das Sammeln von Spinnen-Netzen aus den Bergspalten und das Weben kleiner Schutz-Tücher mit einbezogenem Spider-Hole. Die Navajo kennen zudem die Praxis des spider-bite-prayer: Wer von einer Spinne gebissen wird, soll dieses Ereignis als Botschaft Spider Grandmothers verstehen und ein Dankesgebet sprechen, statt die Spinne zu töten.

Eine besonders eindruckliche Schutzpraxis ist die Naming Ceremony bei der Geburt eines Kindes. Bei den Hopi und Tewa wird das Neugeborene am 20. Lebenstag in einer aufwendigen Zeremonie zur ersten Begegnung mit dem Sonnenlicht gebracht; dabei wird Spider Grandmother angerufen, als Begleiterin des Kindes auf seinem Lebensweg zu fungieren. Diese Naming Ceremony ist von Frank Cushing und Elsie Clews Parsons in ihren klassischen Pueblo-Ethnographien systematisch beschrieben worden.

Eine weitere spezifische Schutzpraxis ist die Spider-Web-Crib-Tradition. Bei den Navajo wird das Wiegen-Bret eines Neugeborenen mit einem stilisierten Spinnen-Netz aus dünnen Schnüren versehen, das über dem Schlafbereich des Kindes hängt. Diese Schutz-Konstruktion soll die schlechten Träume des Kindes auffangen und ihnen den Eintritt ins Bewusstsein verwehren. Aus dieser Navajo-Schutz-Wiegen-Tradition leitet sich auch die spätere kommerzialisierte Dreamcatcher-Tradition ab, die heute weit über die indigenen Völker hinaus verbreitet ist. Die Navajo-Forscherin Helen Hardin hat in ihren Werken zur Navajo-Kunst die ungebrochene Linie von der traditionellen Spider-Web-Crib zur modernen Dreamcatcher-Industrie nachgezeichnet.

Parallelen in anderen Kulturen

Die Spinnen-Frau-Konfiguration ist religionsphilosophisch ungewöhnlich. Die meisten weiblichen Schöpferinnen-Figuren der Weltreligionen sind anthropomorph (Gaia, Aditi, Asase Ya, Pachamama), während Spider Grandmother ihre zoomorphe Hauptgestalt behält. Die nächste Parallele ist die afrikanisch-karibische Anansi-Tradition (eine männliche Spinne), die strukturell ähnlich, aber geschlechtlich entgegengesetzt ist.

Eine entferntere Parallele zeigt die griechisch-mythische Arachne-Tradition, in der eine sterbliche Weberin durch ihre Kunst die Göttin Athena herausfordert und schließlich in eine Spinne verwandelt wird. Diese Erzählung trennt die menschliche Weberin von der göttlichen Spinne (Athena selbst bleibt anthropomorph), während in der Pueblo-Tradition Spinnen-Wesen und kosmologische Lehrerin in einer einzigen Figur zusammenfallen.

Innerhalb der nordamerikanischen Indianer-Traditionen zeigt Spider Grandmother enge Parallelen zur Changing Woman der Navajo (mit der sie funktional eng verwandt, aber ikonographisch unterschieden ist) und zur White Buffalo Calf Woman der Lakota (mit der sie die Stiftungs-Lehrerin-Position teilt, aber unterschiedliche kulturelle Inhalte vermittelt).

Die Anasazi-Vorgänger-Kultur der modernen Pueblo-Völker (ca. 200 v. Chr. bis 1300 n. Chr.) hat in ihren spektakulären Cliff-Dwellings (Mesa Verde, Chaco Canyon, Bandelier) zahlreiche Felszeichnungen und Petroglyphen hinterlassen, die das Spinnen-Motiv prominent enthalten. Diese über tausendjährige Kontinuität zwischen archäologischen Spider-Symbolen und der lebendigen Pueblo-Religion macht Spider Grandmother zu einer der am längsten dokumentierten religiösen Figuren der amerikanischen Religionsgeschichte. Die archäologischen Spider-Motive von Chaco Canyon, deren genaue rituelle Funktion umstritten ist, werden in der modernen Pueblo-Theologie als direkte Vorläufer der heutigen Spider-Grandmother-Tradition gelesen.

Heutige Rezeption und Forschung

Spider Grandmother ist in der modernen Pueblo-Praxis ungebrochen lebendig. Die Pueblo-Völker des südwestlichen US-Bundesstaates New Mexico und Arizona (insbesondere die Hopi auf der Hopi-Mesas, die Acoma-Pueblo, die Zuni-Pueblo) praktizieren bis heute ihre traditionellen Religionen in einer durch die jahrhundertelange spanische und amerikanische Kolonisation nur teilweise gebrochenen Form. Die Spinnen-Großmutter ist in fast jedem Kiva-Ritual präsent.

In der akademischen Forschung haben Frank Cushing, Elsie Clews Parsons, Alfonso Ortiz, der Pueblo-Theologe Joseph Suina und die Navajo-Weberinnen-Forscherin Kate Peck Kent die Spider-Grandmother-Tradition systematisch beschrieben. Joseph Suina hat in And Then I Went to School (1985) den Konflikt zwischen Pueblo-Religion und amerikanischer Schulpflicht eindringlich beschrieben.

Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist Spider Grandmother ein wichtiges Beispiel für eine genuin amerikanisch-indigene Theologie, die sich nicht in die typologischen Kategorien der vergleichenden Religionswissenschaft pressen lässt. Ihre Doppel-Gestalt als Spinne und Großmutter, ihre kosmogonische Funktion und ihre pädagogische Lehrer-Rolle bilden eine spezifische theologische Konstruktion, die in der pan-amerikanischen Religionsgeschichte eigene Aufmerksamkeit verdient. Der iWell-Guard-Bezug zur Pueblo-Tradition beschreibt diese Befunde religionsgeschichtlich, ohne Wirkungsversprechen oder spirituelle Empfehlungen.

Ein wichtiger jüngerer Forschungsstrang beschäftigt sich mit der Frage des Geschlechter-Verhältnisses in der Pueblo-Religion. Die Pueblo-Völker zeichnen sich, ganz anders als die spanisch-katholische Missions-Kultur, die über sie im 16. und 17. Jahrhundert aufgepfropft wurde, durch eine bemerkenswerte religiös-soziale Geschlechter-Gleichheit aus. Die Pueblo-Frauen besitzen die Häuser, die Felder und die rituellen Werkzeuge; viele rituelle Praxis-Bereiche sind exklusiv weiblich. Spider Grandmother als höchste weibliche Schöpferin ist die theologische Begründung dieser sozio-religiösen Frauen-Stellung. Pueblo-Schriftstellerinnen wie Leslie Marmon Silko (Ceremony, 1977) und Paula Gunn Allen (The Sacred Hoop, 1986) haben diese matrilineare und ritualpraktisch matri-zentrierte Pueblo-Religion gegen die christlich-missionarische Patriarchats-Tradition systematisch herausgearbeitet.

Literatur und Quellen

Die folgende Auswahl listet zentrale Werke der Pueblo-Religion und der südwestlichen Indianer-Forschung.

Die Spinnenfrau in der Emergence-Erzählung der Hopi

In der Schöpfungs- und Wanderungsüberlieferung der Hopi nimmt die Figur, die in der englischsprachigen Forschung als Spider Grandmother bezeichnet wird, eine zentrale Rolle ein. Sie trägt im Hopi den Namen Kookyangwso’wuuti. In der sogenannten Emergence-Erzählung steigen die Menschen aus früheren Welten in die heutige Welt auf, und die Spinnenfrau ist eine der Wesen, die diesen Aufstieg ermöglichen und begleiten. Sie gilt zugleich als an der Erschaffung von Lebewesen beteiligt.

Aufgezeichnet wurde dieser Stoff unter anderem von H. R. Voth, einem Mennoniten-Missionar, der um 1900 umfangreiche Sammlungen in Oraibi anfertigte, sowie von dem Ethnographen Mischa Titiev in den 1930er Jahren. Beide Quellen sind problematisch. Voth sammelte teils gegen den Willen der Hopi und veröffentlichte rituelles Material, das nach Hopi-Verständnis nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war. Titiev arbeitete während einer Zeit innerer Konflikte in Oraibi. Die Hopi-Stammesregierung hat sich später wiederholt gegen die Weiterverbreitung dieser Aufzeichnungen ausgesprochen.

In der Erzählung selbst tritt die Spinnenfrau als Helferin auf, die Rat gibt, warnt und in schwierigen Lagen eingreift, ohne die Hauptrolle der menschlichen Akteure zu übernehmen. Charakteristisch ist ihre Verbindung von hohem Alter, Weisheit und einer beiläufigen, fast unscheinbaren Erscheinung. Die Forschung betont, dass sie nicht als Herrscherfigur zu verstehen ist, sondern als eine Instanz, die Wissen vermittelt. Eine seriöse Darstellung muss zugleich darauf hinweisen, dass viele Einzelheiten der Hopi-Überlieferung von der Gemeinschaft selbst als geschützt betrachtet werden und dass die publizierten Versionen nur einen Ausschnitt zeigen, dessen Zustandekommen kritisch zu bewerten ist.

Spider Woman bei den Diné und ihre Rolle im Weben

Bei den Diné erscheint eine verwandte, aber eigenständige Gestalt, die in der Forschung als Spider Woman wiedergegeben wird und im Diné den Namen Naʼashjéʼii Asdzáá trägt. Sie ist eng mit den Heldenzwillingen verbunden, denen sie in den großen Erzählzyklen hilft. In mehreren Versionen warnt sie die Zwillinge vor den Gefahren auf dem Weg zu ihrem Vater, der Sonne, und gibt ihnen Mittel zum Schutz mit.

Ein besonderer Strang der Diné-Überlieferung verbindet Spider Woman mit dem Weben. Nach verbreiteter Erzählung lehrte sie die Diné das Weben, während eine andere Gestalt, Spider Man, den Webstuhl baute. Diese Verbindung ist mehr als eine ätiologische Notiz, denn das Weben hat in der Diné-Kultur einen hohen sozialen und wirtschaftlichen Stellenwert, der bis in die Gegenwart reicht. Weberinnen beziehen sich teils ausdrücklich auf diese Überlieferung.

Die ethnographische Dokumentation stammt unter anderem aus den Arbeiten von Washington Matthews im späten 19. Jahrhundert und aus den Aufzeichnungen, die mit den großen Heilzeremonien zusammenhängen. Matthews war Militärarzt und einer der frühen genauen Beobachter der Diné-Zeremonien, dennoch sind auch seine Texte von den Bedingungen der Reservatszeit geprägt. Die Forschung weist darauf hin, dass die Verknüpfung von Spider Woman, den Heldenzwillingen und dem Weben in den Quellen nicht einheitlich ist, sondern je nach Erzähler und Zeremonialkomplex unterschiedlich ausgeformt wurde. Spider Woman ist damit kein abgeschlossener Mythos, sondern ein Knotenpunkt, an dem mehrere Stränge der Diné-Tradition zusammenlaufen, darunter Schöpfung, Heldenerzählung und Handwerk.

Literatur (Auswahl)

  • Frank Cushing: Zuni Folk Tales (1901)
  • Elsie Clews Parsons: Pueblo Indian Religion (1939)
  • Alfonso Ortiz: The Tewa World (1969)
  • Kate Peck Kent: Navajo Weaving (1985)
  • John Bierhorst: The Mythology of North America (1985)
  • Joseph Suina: And Then I Went to School (1985)

Verwandte Schlüsselbegriffe: Spider Grandmother Kokyangwuti Tse-che-nako Hopi Navajo Pueblo Kiva Sand Painting.

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