Schamanische Extraktion
Schamanische Extraktion bezeichnet die Praxis, Fremdenergien, eingedrungene Geister oder krankheitsbringende Substanzen aus dem Körper-Energie-System einer Person zu entfernen. Sie gehört zu den ältesten dokumentierten Heilungsformen der Menschheit, ist in zahlreichen indigenen Kulturen unabhängig voneinander entstanden und wird heute in modifizierter Form auch im neoschamanischen Kontext angewandt.
Krankheitsmodell
Das schamanische Krankheitsmodell unterscheidet typischerweise drei Ursachen: Seelenverlust, bei dem ein Anteil der eigenen Vitalkraft durch Schock oder Trauma verlorengegangen ist; Intrusion, bei der eine fremde Energie oder Wesenheit eingedrungen ist; und Besessenheit, bei der eine fremde Persönlichkeit zeitweise oder dauerhaft das Bewusstsein dominiert. Die Extraktion zielt auf den zweiten Fall: das Entfernen einer Intrusion. Für Seelenverlust ist die Seelenrückholung zuständig, für Besessenheit der Exorzismus oder die Befreiungsarbeit.
Phänomenologie der Intrusion
Intrusionen werden in den verschiedenen Traditionen unterschiedlich beschrieben: als Pfeil, Splitter, Stein, schwarze Flüssigkeit, klebriger Schleim, Insekt, kleines Reptil oder schattenhafte Form. Sie verursachen lokal scharfe Schmerzen, chronische Müdigkeit, plötzliche Stimmungsumschwünge, Suchtdruck oder das Gefühl, „nicht mehr ganz man selbst“ zu sein. Mircea Eliade hat in Schamanismus und archaische Ekstasetechnik das weltweite Auftreten dieser Symptomatik systematisch dokumentiert.
Klassische Praxis
Die typische Extraktion folgt einem festen Ablauf. Der Schamane geht in Trance, meist durch Trommeln im Frequenzbereich um 4–7 Hz, das die Bewusstseinszustände in Theta-Bereiche zieht. Er ortet die Intrusion durch Sehen, Tasten oder das Gefühl in seinen eigenen Händen. Er löst die fremde Energie mit Atemzügen, Saugen, Streichen oder Knochengerät und entlässt sie in ein Aufnahmegefäß: eine Schale Wasser, ein Bündel Erde, einen Kristall. Anschließend wird die freigewordene Stelle mit pflegender Energie aufgefüllt, oft durch das Anblasen einer Kraftpflanze, einer Räucherung oder eines Liedes.
In sibirischen, mongolischen und altaiischen Traditionen erfolgt die Extraktion oft mit dem Mund: Der Schamane saugt die Intrusion in den eigenen Mund, wo sie mit Wasser oder Schnaps gespült und ausgespuckt wird. In der amazonischen Vegetalismo-Tradition werden Intrusionen mit Tabakrauch herausgeblasen. In der nordamerikanischen Lakota-Tradition werden sie mit dem Adlerflügel weggewischt.
Neoschamanische Adaption
Michael Harner hat in den 1970er Jahren ein generalisiertes Core Shamanism formuliert, das die Extraktion ohne kulturspezifische Bindung lehrbar macht. Sandra Ingerman erweiterte dies mit ihrem Buch Soul Retrieval und mit Schulungsprogrammen zur Extraktion. In der neoschamanischen Praxis wird in der Regel mit einem Krafttier gearbeitet, das die Intrusion sieht und die Saugkraft bereitstellt; der Praktiker selbst dient nur als Vermittler. Die Intrusion wird in eine Wasserschale entlassen, der Wasserinhalt anschließend in fließendes Wasser gegossen oder in der Erde vergraben.
Ethische Rahmen
Die Extraktion erfordert das ausdrückliche Einverständnis der behandelten Person. Sie ist keine Diagnose von außen aufgepfropfte Behandlung, sondern eine kooperative Arbeit. Indigene Traditionen kennen klare Schutzmechanismen für den Schamanen selbst: Er reinigt sich vor und nach jeder Extraktion, vermeidet aufeinanderfolgende Sitzungen ohne Pause, übernimmt nicht die Verantwortung für jede Intrusion, sondern erklärt der Person ihre Mitverantwortung an Lebensführung und Energiehygiene. Die Extraktion ersetzt keine medizinische Behandlung – wer organische Beschwerden hat, sollte parallel oder zuvor die schulmedizinische Diagnostik nutzen.
Anschluss an Schutzpraxis
In der Praxis von iwell-guard wird Extraktion typischerweise nicht als Einzelhandlung, sondern als Teil eines Schutzbogens angewandt: Reinigung der Räume, energetische Abgrenzung, Stärkung der eigenen Schutzfelder, gegebenenfalls Extraktion bei festsitzenden Intrusionen, Nachsorge durch Stärkungsarbeit. Wer wiederholt Intrusionen erlebt, sollte die Ursachen seines offenen Energie-Systems untersuchen, bevor er weiter Extraktionen durchführt – wiederholte Saugarbeit ohne Stärkung des Hintergrunds führt zur Erschöpfung des Praktikers und der behandelten Person.
Quellen
- Mircea Eliade: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik, Frankfurt 1957 (frz. Original 1951).
- Michael Harner: Der Weg des Schamanen, München 1980.
- Sandra Ingerman: Soul Retrieval. Mending the Fragmented Self, Harper SF 1991.
- Roger Walsh: The World of Shamanism, Llewellyn 2007.
- Ronald Hutton: Shamans. Siberian Spirituality and the Western Imagination, Hambledon 2001.