Spiritismus — Geisterkommunikation und Sitzungs-Praxis
Spiritismus ist die Bewegung der Geisterkommunikation mit Verstorbenen, codifiziert von Allan Kardec und praktiziert in der Sitzungs-Praxis mit Medien.
Spiritismus ist die Lehre und Praxis, dass die Seelen Verstorbener durch Medien mit Lebenden kommunizieren können. Er entstand 1848 in den USA, breitete sich rasch über Europa und Lateinamerika aus und prägte das 19. und 20. Jahrhundert sowohl als religiöse Bewegung als auch als Untersuchungsfeld der frühen Parapsychologie.
Hydesville 1848 und die Fox-Schwestern
Im März 1848 berichteten die Schwestern Margaret und Kate Fox in Hydesville, New York, von Klopfgeräuschen in ihrem Haus, die sie auf Fragen mit einem oder mehreren Schlägen beantworteten. Aus dieser Episode entwickelte sich rasch eine eigene Praxis: das Klopfsprechen, später Tischrücken, schließlich Trance– und Materialisations-Phänomene. Innerhalb weniger Jahre gab es in Nordamerika tausende Zirkel und ein Netz reisender Medien.
Allan Kardec und die französische Codifikation
In Frankreich systematisierte der Pädagoge Hippolyte Léon Denizard Rivail unter dem Pseudonym Allan Kardec ab 1857 die Lehre. Sein Le Livre des Esprits (Buch der Geister, 1857) und das Livre des Médiums (1861) führten den Spiritismus zu einer kohärenten Doktrin: Reinkarnation der Seele zur fortschreitenden Vervollkommnung, hierarchische Ordnung der Geistesreiche, ethische Ausrichtung des Lebens auf Nächstenliebe und geistigen Fortschritt. Kardecs System unterscheidet sich vom angelsächsischen Spiritualismus durch die explizite Reinkarnationslehre.
In Brasilien fand der Kardec-Spiritismus eine zweite Heimat. Heute leben dort die größten organisierten Spiritisten-Gemeinden weltweit, mit Ausläufern in Umbanda und Candomblé. Auch im katholisch-volksreligiösen Spektrum Lateinamerikas ist Kardec präsent.
Praktische Formen
Die spiritistische Praxis kennt mehrere Hauptformen. Klassisch ist die Sitzung im Halbkreis um einen Tisch, geleitet von einem Medium, das in leichter oder tiefer Trance Kontakte vermittelt. Die Kommunikation erfolgt durch Klopfen, Tischbewegung, automatisches Schreiben oder Sprache aus dem Mund des Mediums. In den späten 19. Jahrhundert kamen physikalische Phänomene hinzu: Levitationen, Materialisationen, ektoplasmatische Substanzen. Diese stärker spektakulären Formen führten zu einer Welle wissenschaftlicher Untersuchung – aber auch zur Entlarvung zahlreicher Betrugsfälle.
Frühe Parapsychologie
Die Society for Psychical Research (SPR) wurde 1882 in London von Frederic Myers, Henry Sidgwick, Edmund Gurney und Eleanor Sidgwick gegründet, um spiritistische Phänomene methodisch zu untersuchen. Ihre Studien – etwa die Census of Hallucinations (1894) und die mehrbändigen Proceedings – sind bis heute eine Hauptquelle. Die SPR-Forschung legte den Grundstock für die spätere experimentelle Parapsychologie. William James hat in seinen späten Jahren intensiv mit dem Medium Leonora Piper gearbeitet und bezeichnete sie als „white crow“ – einen Fall, der die generelle These vom rein subjektiven Charakter aller medialen Berichte erschüttere.
Charles Richet, französischer Physiologe und Nobelpreisträger, prägte den Begriff Ektoplasma und führte streng kontrollierte Sitzungen durch. Sein Traité de Métapsychique (1922) bleibt ein bemerkenswertes Dokument einer ernsthaften wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Der Mediumismus von Eusapia Palladino wurde in Hunderten kontrollierter Sitzungen geprüft – Fanger und Befürworter dort über Jahre uneinig.
Skepsis und Aufdeckungen
Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden zahlreiche Medien als Betrüger entlarvt. Die Fox-Schwestern selbst gestanden 1888 öffentlich, ihre Klopflaute durch Knacken der Zehengelenke erzeugt zu haben (Margaret widerrief das Geständnis später wieder, doch das Eingeständnis blieb stehen). Der Bühnenmagier Harry Houdini machte es sich in den 1920er Jahren zur Aufgabe, betrügerische Medien zu entlarven; sein A Magician Among the Spirits (1924) dokumentiert dutzende solcher Fälle.
Auch wenn nicht jedes Phänomen Betrug war – physiologische Selbsttäuschung wie der ideomotorische Effekt beim Tischrücken erklärt einen großen Teil der Tisch- und Schreibphänomene auch ohne bewusste Manipulation.
Spiritismus heute
Der organisierte Spiritismus existiert weiter, vor allem in Brasilien (Federação Espírita Brasileira mit Millionen Anhängern), in Frankreich, in Großbritannien (Spiritualists‘ National Union). Im deutschsprachigen Raum ist die Bewegung kleiner, aber durch Sitzungs-Zirkel, Trance-Medien und das Spektrum von Jenseitskontakt-Praktikern präsent. Für die phänomenologische Beschäftigung mit Geistern bleibt der Spiritismus eine Schlüsseltradition: Er liefert seit über 170 Jahren das umfangreichste Korpus dokumentierter Geist-Kontakt-Berichte und zugleich eine fortlaufende Auseinandersetzung über deren Echtheit.
Quellen
- Allan Kardec: Das Buch der Geister, dt. Ausgabe Brüssel 1996.
- Janet Oppenheim: The Other World. Spiritualism and Psychical Research in England 1850–1914, Cambridge UP 1985.
- Ann Braude: Radical Spirits. Spiritualism and Women’s Rights in 19th Century America, Beacon 1989.
- Renaud Evrard: Folie et paranormal, PU Rennes 2014.
- Leonardo Vincentini: Spiritism in Brazil, Lewiston 2009.