Die salomonische Tradition
Die salomonische Tradition bezeichnet eine Gruppe hochmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Magie-Handbücher, die ihre Autorität auf den biblischen König Salomo zurückführen. Salomo gilt seit der hellenistischen Spätantike als Urtypus des weisen Magiers, der Dämonen unterwarf, die Geister der Elemente kommandierte und die Verborgenheiten der Schöpfung kannte. Aus dieser Zuschreibung erwächst eine Literaturtradition, die von Sefer ha-Razim über Clavicula Salomonis bis zur Lemegeton reicht.
Legendenbildung
Die hebräische Bibel stattet Salomo in 1. Könige 4 mit unvergleichlicher Weisheit aus. Schon der jüdische Historiker Flavius Josephus berichtet im 1. Jahrhundert n. Chr. (Antiquitates Judaicae VIII), Salomo habe Schwüre, Beschwörungen und ein Buch der Heilung hinterlassen. Im pseudepigraphischen Schrifttum bildet sich der Topos: Salomo herrscht mit einem Siegelring über Dämonen, zwingt sie zum Bau des Tempels und kennt jedes ihrer Geheimnisse. Aus diesem Stamm erwachsen drei große Linien magischer Texte.
Testament Salomonis
Das Testament Salomonis, vermutlich im 1. bis 4. Jahrhundert in Palästina oder Ägypten kompiliert, ist die älteste erhaltene christliche Quelle der salomonischen Magie. Erzählerisch beschreibt der Text, wie Salomo durch ein Engelsgeschenk in Form eines Siegelringes Dämonen befragt – jeder nennt seinen Namen, seine Wirkungssphäre und den Engel, der ihn zwingen kann. Die Liste umfasst 36 Dekan-Dämonen, die mit Krankheiten und seelischen Leiden assoziiert sind. Das Schema – Dämon, Wirkung, Bindeengel – wird Jahrhunderte später in der Goetia wieder auftauchen.
Sefer ha-Razim
Im jüdischen Bereich sammelt das Sefer ha-Razim (Buch der Geheimnisse), wahrscheinlich im 3. bis 5. Jahrhundert kompiliert, sieben Himmel und ihre Engelschöre. Die Praxis nutzt Engelnamen für Heilung, Schutz und Erkenntnisgewinn, bleibt aber an strenge Reinheitsregeln und an die Lobpreisung Gottes gebunden. Das Sefer Raziel ha-Mal’akh (mittelalterlich kompiliert, gedruckt 1701 in Amsterdam) führt diese Linie fort und liefert die wichtigsten Vorlagen für die spätere kabbalistische Magie.
Clavicula Salomonis
Die Clavicula Salomonis (Schlüssel Salomos) entsteht im 14./15. Jahrhundert auf Grundlage griechischer und hebräischer Vorlagen und verbreitet sich vor allem in lateinischen, italienischen und französischen Handschriften. Sie ist ein Praxis-Lehrbuch: Vorbereitung des Magiers (Fasten, Reinigung, Schweigen), Anfertigung der Pentakel auf Pergament aus jungfräulicher Tierhaut, Konsekration der Werkzeuge (Stab, Schwert, Sichel, Lampe), Anrufung von Engeln und Geistern. Im Zentrum stehen 44 Pentakel, je sieben pro Planet. Die Clavicula ist ein theurgisch-zeremonielles Werk: Sie ruft Geister durch Engelshilfe und im Namen Gottes – nicht durch Zwang.
Lemegeton
Im 17. Jahrhundert kompiliert ein unbekannter Redaktor in England fünf separate Handschriften zur Lemegeton Clavicula Salomonis – Goetia, Theurgia-Goetia, Ars Paulina, Ars Almadel, Ars Notoria. Die Goetia mit ihren 72 Dämonen ist der bekannteste Teil und bildet zugleich den Kontrast zur älteren engel-orientierten Salomon-Linie: Hier ruft der Magier Dämonen, zwingt sie mit den Namen Gottes, erlangt Wissen und Macht, entlässt sie respektvoll. Die Textgrundlage entstammt teilweise Johann Weyers Pseudomonarchia Daemonum (1577).
Grand Grimoire und Spätformen
Im 18. und 19. Jahrhundert tauchen Volksausgaben in Frankreich und Deutschland auf: Grand Grimoire, Grimorium Verum, das deutsche Sechste und Siebente Buch Mosis. Sie verdünnen die salomonische Tradition zu Schatzsuche, Liebeszauber und Pakt-Anweisungen. Aleister Crowley publiziert 1904 die englische Goetia-Edition (Lemegeton I) auf Basis von Mathers‚ Übersetzung – damit erreicht die salomonische Tradition den modernen Okkultismus.
Gemeinsame Strukturen
Quer durch die Jahrhunderte teilt die salomonische Tradition mehrere Merkmale: zentrale Stellung von Gottesnamen (Tetragrammaton, Schemhamphorasch), strenge Vorbereitung des Magiers, klar abgegrenzter ritueller Raum (Kreis und Dreieck), explizite Hierarchie der Geistwesen, die Pflicht zur ehrenvollen Entlassung. Wer mit salomonischer Magie arbeitet, bewegt sich – ob er das wahrnimmt oder nicht – in einem Theologieraum, der das Wirken nur unter dem Vorzeichen einer höheren göttlichen Autorität legitimiert.
Quellen
- Joseph H. Peterson (Hg.): The Lesser Key of Solomon, Weiser 2001.
- Stephen Skinner, David Rankine: The Veritable Key of Solomon, Llewellyn 2008.
- Pablo A. Torijano: Solomon the Esoteric King, Brill 2002.
- Owen Davies: Grimoires. A History of Magic Books, Oxford UP 2009.
- Claire Fanger (Hg.): Conjuring Spirits. Texts and Traditions of Medieval Ritual Magic, Pennsylvania State UP 1998.