Hexenhammer (Malleus Maleficarum)
Der Hexenhammer – lateinisch Malleus Maleficarum – ist das berüchtigtste Handbuch der europäischen Hexenverfolgung. Erschienen 1486/87 in Speyer, verfasst vom Dominikaner Heinrich Kramer (latinisiert Institoris), prägte es über zwei Jahrhunderte Theologie, Inquisitionspraxis und weltliche Strafgerichte. Wer die mittelalterliche und frühneuzeitliche Dämonologie verstehen will, kommt am Malleus nicht vorbei.
Autorenschaft und Datierung
Heinrich Kramer war Prior des Dominikanerklosters Schlettstadt im Elsass und seit den späten 1470er Jahren als päpstlicher Inquisitor tätig. Seine ersten Hexenprozesse in Innsbruck 1485 endeten skandalös: Bischof Georg Golser entzog ihm die Befugnis und verwies ihn aus der Diözese. Kramer reagierte literarisch. Auf Grundlage der päpstlichen Bulle Summis desiderantes affectibus Innozenz‘ VIII. von 1484 verfasste er den Malleus als Verteidigung seiner Methode und als Lehrbuch für künftige Verfahren.
Lange galt Jakob Sprenger, ebenfalls Dominikaner, als Mitautor; jüngere Forschung – insbesondere Christopher Mackay und Wolfgang Behringer – zeigt, dass Sprengers Beteiligung minimal oder fingiert war. Kramer hat sich vermutlich Sprengers Namen nur angemaßt, um akademische Autorität zu suggerieren.
Aufbau in drei Teilen
Der Malleus gliedert sich in drei Teile. Der erste Teil argumentiert theologisch, dass Hexerei real existiert und sowohl von Gott zugelassen als auch vom Teufel bewirkt wird. Der zweite Teil schildert konkret die Praktiken der Hexen – Pakt mit dem Teufel, Schadenszauber, Wettermagie, Inkubus- und Sukkubus-Verkehr, Buhlschaft mit Dämonen, Schadensanrichtung an Vieh und Feldern. Der dritte Teil ist ein Verfahrenshandbuch: wie man Anklage erhebt, wie man die Folter rechtfertigt, wie man Geständnisse herbeiführt, welche Schutzmittel wirken.
Auffällig ist die ausgesprochen frauenfeindliche Tendenz. Kramer leitet die Hexerei aus einer angeblichen Wesensverfassung der Frau ab: schwächer im Glauben, anfälliger für fleischliche Lust, leichter durch den Teufel zu verführen. Diese Argumentation widerspricht der älteren scholastischen Tradition und ist eine eigentümliche Verschärfung Kramers, die in spätere Hexenprozesse durchschlug.
Rezeption und Wirkung
Der Malleus erlebte zwischen 1486 und 1669 mindestens 28 Auflagen. Er war neben der Bibel eines der meistgedruckten Bücher Europas. Trotzdem ist die Wirkung historisch differenziert zu sehen: Die katholische Hochtheologie der Salamanca-Schule lehnte ihn ab, die spanische Inquisition – paradoxerweise – verbot ihn als unzuverlässig. In den deutschen Territorien, in der Schweiz und in Frankreich diente er hingegen als zentrales Lehrbuch für Hexenkommissionen, besonders während der Hexenprozessgipfel um 1590 und 1630.
Der Malleus ist mitverantwortlich für die Verschiebung vom kanonisch-juristisch eingehegten Verfahren zur ungehemmten Massenverfolgung. Schätzungen gehen von 40.000 bis 60.000 Hingerichteten in Mitteleuropa zwischen 1450 und 1750 aus, davon etwa 75 % Frauen.
Frühe Kritik
Erste systematische Gegenpositionen formulierte Johann Weyer 1563 in De praestigiis daemonum. Weyer akzeptierte zwar die Existenz des Teufels, deutete jedoch viele angebliche Hexen als melancholisch erkrankte Frauen, deren Geständnisse keine reale Tat, sondern Krankheitssymptom seien. Friedrich Spee von Langenfeld, Jesuit und Beichtvater verurteilter Hexen, veröffentlichte 1631 Cautio Criminalis, eine schonungslose Abrechnung mit der Folterpraxis. Beide Werke leiteten den langsamen Rückbau der Hexenprozesse ein, der 1782 mit der letzten Hinrichtung im Heiligen Römischen Reich (Anna Göldi in Glarus) endete.
Heutige Einschätzung
Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist der Malleus weniger eine Quelle für tatsächliche Hexenpraxis als vielmehr ein Dokument der Konstruktion eines Feindbildes. Die in ihm beschriebenen Pakt-, Sabbat- und Sexualpraktiken finden sich kaum in unabhängigen Selbstzeugnissen; sie spiegeln die theologischen Erwartungen der Inquisitoren und die unter Folter erzwungenen Bestätigungen. Wer historisch arbeitet, behandelt den Malleus als Quelle für inquisitorische Imagination, nicht für eine reale Volksreligion.
Die zeitgenössische esoterische Szene rezipiert den Malleus gespalten. Manche neopaganen Strömungen lesen ihn als Dokument einer unterdrückten matriarchalen Gegentradition – eine Lesart, die historisch nicht haltbar ist. Andere nutzen ihn als negative Folie, um die eigene Praxis vom dämonisierenden Blickwinkel abzugrenzen. In jedem Fall lohnt die direkte Lektüre der kritischen Edition, weil viele zugeschriebene Aussagen dem Buch nie entstammten.
Quellen
- Christopher S. Mackay (Hg.): The Hammer of Witches. A Complete Translation of the Malleus Maleficarum, Cambridge UP 2009 (kritische Edition).
- Wolfgang Behringer: Hexen. Glaube, Verfolgung, Vermarktung, München 2005.
- Jeffrey Burton Russell: Witchcraft in the Middle Ages, Cornell UP 1972.
- Friedrich Spee von Langenfeld: Cautio Criminalis, krit. Edition Tübingen 2000.
- Johann Weyer: De praestigiis daemonum, dt. Ausgabe Berlin 1991.