Goetia, die 72 Dämonen Salomons
Die Goetia ist die wichtigste Sammlung ritualmagischer Beschwörungs-Anleitungen der europäisch-frühneuzeitlichen Magie-Tradition. Diese Übersicht stellt die Manuskript-Geschichte des Lemegeton, den Aufbau des Werks, die Hierarchie der 72 Geister und die wichtigsten Editionen seit Weyer und Mathers vor.
Inhaltsverzeichnis
Goetia
Goetia (von gr. goeteia, Zauberei) ist Teil der mittelalterlichen Hochmagie und beschreibt die Anrufung von 72 Dämonen aus dem Lemegeton (Schlüssel Salomons). Die Tradition verbindet juedische Dämonologie mit fruehneuzeitlichem Hermetismus.
Auf iWell Guard behandeln wir die Goetia einerseits als religionshistorisches Phänomen mit einem dichten Quellen-Korpus und einer langen Rezeptionsgeschichte, andererseits als methodische Bezugsgröße für die spätere ritualmagische Tradition Europas. Die einzelnen Dämonen der Goetia haben in unserem Lexikon eigene Beiträge mit Hierarchie, Lemegeton (Kleiner Schlüssel Salomos) ist ein Sammelwerk aus dem 17. Jahrhundert, das fünf Teile umfasst: Goetia, Theurgia-Goetia, Ars Paulina, Ars Almadel und Ars Notoria. Die Goetia ist der erste und meistrezipierte Teil. Die anderen Teile beschäftigen sich mit Engel- und Mittlerwesen, mit zeitlichen Gestirns-Konstellationen und mit Memorier-Praktiken; sie sind religionsgeschichtlich ebenso bedeutsam, in der praxisnahen Rezeption aber weniger präsent. Die englische Standard-Edition aus dem frühen 20. Jahrhundert (Mathers, Crowley) hat die Goetia faktisch von den anderen Teilen separiert, eine Trennung, die in der wissenschaftlichen Edition seit Joseph Petersons Arbeit (Weiser 2001) wieder rückgängig gemacht wird.
Der Begriff goeteia selbst trägt eine Wertung in sich. In der spätantiken philosophischen Literatur, etwa bei Iamblichos in De mysteriis, wird er als abgrenzender Gegenbegriff zur theurgia verwendet, die als legitime, gottesnahe Form magischen Handelns gilt. Goetia bezeichnet hier die niedere, mit unreinen Geistern arbeitende Magie, im Gegensatz zur reinen Aufstiegspraxis der Theurgie. Diese antike Trennung hat das Lemegeton selbst übernommen: Der zweite Teil heißt nicht zufällig Theurgia-Goetia und behandelt eine Mittelklasse von Geistern, die teils freundlich, teils feindlich gestimmt sind. Die Goetia im engeren Sinn arbeitet ausschließlich mit den 72 verzeichneten Dämonen aus dem ersten Teil.
Wer sich der Goetia praktisch nähert, sollte die historische Schichtung im Blick behalten: Hinter den 72 Dämonen-Namen stehen biblische, jüdisch-apokryphe, mesopotamische, hellenistische und mittelalterlich-arabische Vorgängerfiguren. Bael, Asmodai, Astaroth, Belial sind keine Erfindung des 17. Jahrhunderts; sie tragen Bedeutungs-Sedimente aus zwei Jahrtausenden Religionsgeschichte. Diese Tiefe ist der Grund, weshalb die Goetia bis heute mehr ist als eine Liste von Beschwörungs-Anleitungen.
Kontext und Hintergrund
Lemegeton (Salomonischer Schlüssel), 72 Dämonen, Sigillen, Ritualmagie, Eliphas Levi-Rezeption.
Praktische Bedeutung heute
Die Goetia ist heute ein lebendes magisches System, das von einzelnen Praktizierenden, ritualmagischen Orden und der breiteren Chaos-Magie-Szene weiter genutzt wird. Sie ist gleichzeitig Forschungsgegenstand der Religionswissenschaft und der frühneuzeitlichen Magieforschung. Wer ein Goetia-Beispiel sucht, findet in den Beiträgen zu einzelnen der 72 Dämonen detaillierte Einzeldarstellungen mit Hierarchie-Position, Sigille, Zuständigkeit und religionsgeschichtlicher Vorgeschichte.
Vorsicht mit den Quellen-Editionen
Die englische Mathers-Ausgabe von 1904 ist die meistgenutzte Standardausgabe; sie enthält allerdings methodische Mängel, Mathers hat den Text nach eigener Auffassung redigiert und mit Crowleys „Preliminary Invocation“ angereichert. Wer mit dem ursprünglichen Lemegeton arbeiten will, sollte zusätzlich die kritischen Editionen der jüngeren Forschung konsultieren (Joseph Peterson, „The Lesser Key of Solomon“, Weiser 2001) und die handschriftlichen Vorgänger des Drucktextes berücksichtigen. Eine vollständige philologische Edition ist bisher nicht erschienen; die Forschungslücke ist eine der bekannten Baustellen der frühneuzeitlichen Magieforschung.
Querverbindungen zu anderen Grimoires
Die Goetia ist nicht das einzige Grimoire der frühneuzeitlichen Tradition. Verwandt sind das Sworn Book of Honorius, der Heptameron des Pseudo-Petrus de Abano und das Grimorium Verum; aus dem 18. Jahrhundert kommt das Grand Grimoire. Wer die Goetia in der Tradition verorten will, sollte die Querverbindungen zu diesen anderen Texten kennen, sie nutzen teilweise dieselben Dämonen-Listen, teilweise andere; die Sigillen-Traditionen variieren ebenso wie die Anrufungs-Formeln. Die Forschung von Owen Davies (besonders „Grimoires“, Oxford 2009) gibt einen guten Überblick über das Genre insgesamt.
Salomon als Bezugsfigur
Die Salomon-Zuschreibung des Lemegeton ist ein etabliertes Pseudepigraphen-Muster. Der biblische König Salomon galt seit dem ersten nachchristlichen Jahrhundert in jüdischen, christlichen und später islamischen Quellen als Beherrscher der Dämonen, ausgestattet mit einem Siegelring, der ihm Macht über alle Geister verschaffte. Die ältesten erhaltenen Texte dieser Tradition, das griechisch verfasste Testamentum Salomonis aus dem 1. bis 3. Jahrhundert sowie die rabbinischen und islamischen Salomon-Legenden, bilden das narrative Fundament, auf dem mittelalterliche Grimoire-Autoren ihre eigenen Beschwörungs-Sammlungen aufbauten und durch die Zuschreibung an Salomon legitimierten. Die Lemegeton-Manuskripte des 17. Jahrhunderts schließen an diese Tradition an, ohne sie ungebrochen fortzusetzen: Sie kombinieren salomonisches Material mit zeitgenössischer hermetischer und kabbalistischer Magie, mit Pseudomonarchia-Listen aus dem 16. Jahrhundert und mit eigenen Kompilations-Entscheidungen der jeweiligen Schreiber.
Tradition und Quellen
Die Goetia ist Bestandteil des Lemegeton (Kleiner Schlüssel Salomons), einer Sammelhandschrift der frühneuzeitlichen Ritualmagie. Sie verzeichnet 72 Dämonen mit Namen, Sigille, Rang und spezifischer Wirkung. Die ältesten erhaltenen Manuskripte stammen aus dem 17. Jahrhundert; eine ältere Druckfassung liegt jedoch nicht vor.
Manuskript-Geschichte
Die textkritische Forschung kennt heute mehrere Lemegeton-Manuskripte aus dem 17. Jahrhundert, die in englischen und französischen Bibliotheken verwahrt werden. Zu den Schlüsselzeugen gehören Sloane MS 2731 und Sloane MS 3825 in der British Library, Harley MS 6483, Wellcome MS 2842 sowie das in Paris erhaltene Lansdowne MS 1202. Diese Handschriften variieren in Reihenfolge, Sigillen-Form und sprachlicher Fassung erheblich. Joseph Peterson hat 2001 in seiner kritischen Edition The Lesser Key of Solomon (Weiser) erstmals einen synoptischen Vergleich der wichtigsten Zeugen vorgelegt; Stephen Skinner und David Rankine haben mit der Quellen-Reihe Sourceworks of Ceremonial Magic die handschriftliche Überlieferung weiter aufgeschlüsselt.
Pseudomonarchia Daemonum
Die Liste der 72 Geister geht in ihrer ältesten überlieferten Form auf die Pseudomonarchia Daemonum zurück, einen Anhang zu Johann Weyers Hauptwerk De praestigiis daemonum (1577). Weyer (latinisiert Wierus) war ein niederländisch-deutscher Arzt und Dämonologe, der die Geisterliste vermutlich aus einer älteren, heute verlorenen Handschrift übernahm. Reginald Scot übersetzte die Pseudomonarchia in seiner Discoverie of Witchcraft (1584) ins Englische und machte sie damit dem englischsprachigen Raum zugänglich. Das Lemegeton des 17. Jahrhunderts hat die Liste übernommen, sie um Sigillen ergänzt und durch zusätzliche Geister auf 72 aufgefüllt. Weyers Liste umfasste ursprünglich 69 Geister.
Editionsgeschichte
Die heute meistzitierte Ausgabe ist The Goetia: The Lesser Key of Solomon the King, herausgegeben 1904 von Aleister Crowley auf Grundlage einer von Samuel Liddell MacGregor Mathers vorbereiteten englischen Übersetzung. Mathers war Mitbegründer des Hermetic Order of the Golden Dawn und arbeitete vorrangig mit Sloane MS 2731. Die Crowley-Mathers-Ausgabe enthält redaktionelle Eingriffe und eine von Crowley hinzugefügte Preliminary Invocation aus den griechischen Zauberpapyri, die im Originalmanuskript nicht vorkommt. Wer mit dem ursprünglichen Lemegeton arbeitet, sollte deshalb die Peterson-Edition oder die Skinner-Rankine-Reihe heranziehen, da die Crowley-Mathers-Fassung Lesarten enthält, die dem 19./20. Jahrhundert eher zuzurechnen sind als dem 17. Jahrhundert.
Aufbau
Das Lemegeton ist eine Kompilation aus fünf Büchern, die jeweils ein eigenes magisches System enthalten. Sie wurden im 17. Jahrhundert zu einer Einheit zusammengefasst, sind aber in ihrer Substanz eigenständige Texte mit unterschiedlicher Vorgeschichte.
Die fünf Bücher des Lemegeton
Der erste Teil, die Goetia (auch Ars Goetia), behandelt die Beschwörung der 72 Dämonen. Der zweite Teil, Theurgia-Goetia, beschreibt 31 Geister der Himmelsrichtungen, die teils gut, teils böse gesinnt sind und über Tag- und Nachtstunden verteilt werden. Der dritte Teil, Ars Paulina, ist eine Engel-Magie nach planetaren und stündlichen Korrespondenzen und beruft sich auf eine Vision des Apostels Paulus. Der vierte Teil, Ars Almadel, beschreibt die Anrufung von 20 Geistern an einer wachsernen Tafel (Almadel) in vier Quartieren des Himmels. Der fünfte Teil, Ars Notoria, ist die älteste Schicht der Sammlung; sie geht in ihren ältesten Zeugen ins 13. Jahrhundert zurück und beschreibt eine Memorier- und Gebetspraxis zur Erlangung enzyklopädischer Wissenschaft.
Hierarchie der 72 Geister
Die 72 Dämonen der Goetia sind in feste Ränge eingeteilt, die der höfischen Ordnung des frühneuzeitlichen Europa nachgebildet sind. Neun Geister tragen den Königsrang, darunter Bael an erster Stelle, Paimon, Beleth, Purson, Asmoday, Vine, Balam, Zagan und Belial. Die größte Gruppe bilden die Herzöge mit über zwanzig Vertretern, dazu kommen Prinzen, Grafen, Markgrafen, Präsidenten und ein einzelner Ritter (Furcas, der einundfünfzigste Geist). Die Rangbezeichnungen wirken sich auf die rituale Form aus: Höhergestellte Geister verlangen aufwendigere Beschwörungen, kürzere Erscheinungs-Zeiten und respektvollere Anrede; tiefere Ränge gelten als leichter zugänglich, aber auch als unzuverlässiger.
Funktionsbereiche und Korrespondenzen
Jedem Geist ist im Lemegeton-Text eine Liste von Zuständigkeiten zugeordnet, die von praktischen Anliegen wie Schatzfindung, Sprachen-Lernen und Heilung über prophetische Auskünfte bis zu Liebes- und Kriegszwecken reicht. Daneben weist der Text einigen Geistern eine Anzahl an Legionen unterstellter Geister zu, was die hierarchische Vorstellung weiter ausbaut. Die englische Editionspraxis seit Mathers hat zusätzlich eine Korrespondenz zu den 72 Namen Gottes (Kabbala der 72-stellige Gottesname, gewonnen aus Exodus 14,19–21; Grundlage einer eigenen 72-Engel-Hierarchie.“>Schemhamphorasch) eingezogen, eine kabbalistische Zuordnung, die im ursprünglichen Lemegeton nicht enthalten war und durch Athanasius Kirchers Oedipus Aegyptiacus (1652–1654) sowie durch Eliphas Levi und die Golden-Dawn-Tradition vermittelt wurde. Diese Schemhamphorasch-Goetia-Verbindung ist religionsgeschichtlich eine sekundäre Synthese, in der modernen Praxis aber etabliert.
Moderne Rezeption
Eliphas Levi (19. Jh.) und Aleister Crowley (Anfang 20. Jh.) haben die Goetia in der westlichen Esoterik popularisiert. Crowleys redigierte Ausgabe von 1904 ist heute die Standard-Referenz. In der Chaos-Magie wird die Goetia haeufig psychologisch interpretiert.
Historische Tiefenschicht
Die Goetia ist nicht aus dem Nichts entstanden. Sie greift auf jüdische Salomo-Apokryphen zurück, die seit dem ersten Jahrhundert nach Christus zirkulierten, etwa das Testamentum Salomonis, ein griechisch verfasster Text, der Salomon als Beherrscher der Dämonen darstellt und einzelne Dämonen mit ihren Namen, Zuständigkeiten und Bindungs-Formeln auflistet. Daneben fließen mesopotamische und hellenistische Magie-Traditionen ein: Die akkadischen Beschwörungs-Tafeln (Maqlu, Surpu), die griechischen Zauberpapyri (Karl Preisendanz, Papyri Graecae Magicae) und die arabische Magie des Mittelalters (insbesondere das Picatrix und die Schriften des pseudo-Apollonius) bilden das Substrat, aus dem das Lemegeton im 16. und 17. Jahrhundert kompiliert wurde.
Die Sigillen
Jedem der 72 Dämonen ist im Goetia-Text eine spezifische Sigille zugeordnet, ein graphisches Zeichen, das in der ritualmagischen Praxis als Adress-Symbol des jeweiligen Wesens dient. Die Sigillen-Tradition reicht in die jüdische Magie zurück (vergleichbare graphische Zeichen finden sich in den Hekhalot-Texten und in der frühmittelalterlichen jüdischen Magie); im Goetia-Korpus sind sie systematisch an die einzelnen Dämonen gebunden. Die Pakt mit Dämonen, als Verstoß gegen das Erste Gebot, als Praxis der Abkehr von Gott. Im jüdisch-rabbinischen Kontext war die Anrufung von Dämonen ebenfalls problematisch, in der Kabbalah aber teilweise differenzierter behandelt. Auf iWell Guard berichten wir über die Goetia als religionshistorisches Phänomen, ohne sie zu empfehlen oder zu bewerten. Die ethische Frage, ob eine moderne Praktizierende die Goetia anwenden sollte, liegt außerhalb unseres Tätigkeitsfeldes; sie verlangt eine Auseinandersetzung mit den eigenen religiösen, ethischen und psychologischen Voraussetzungen, die wir nicht abnehmen können.
Verwandte Beiträge
Themen-naher Vergleich findet sich in den Beiträgen zu einzelnen Dämonen, die in der Goetia geführt werden, Asmodeus, Bael, Paimon, Belial. Die methodische Einordnung in die westliche Esoterik findet sich in Chaos-Magie und in der Bibliographie unter Literatur. Wer die Goetia in den breiteren religionshistorischen Kontext stellen will, findet im Beitrag zur jüdischen jüdischen Tradition die salomonisch-apokryphe Vorgeschichte.