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Baron Samedi, Gott der haitianischen Tradition

Baron Samedi ist Gott der haitianischen Tradition.

Herr der Gede, Lenker der Toten, Vorbote des Sterbens. Baron Samedi ist der Anführer der Gede-Familie, jener Loa, die über Tod, Erde und das Jenseits gebieten. Mit schwarzem Frack, Zylinder und weiß bemaltem Totenschädel-Gesicht personifiziert er die Grenze zwischen den Lebenden und den Ahnen. Im Vodou betritt Baron Samedi keine Angst, eher Respekt und schwarzer Humor. Er schluckt Flammen, liebt Rum, und sein Gelächter hallt aus den Friedhöfen wider.

Inhaltsverzeichnis

Baron Samedi - Götter aus der Vodou-Tradition, historisch-illustrativ

Baron Samedi

Im Überblick: Baron Samedi

Typ: Vodou-Loa der Petro-Familie, Herr der Toten und der Friedhöfe
Pantheon: Vodou (Haiti), Louisiana-Vodou (USA), Vodou-Diaspora
Funktion: Geleit der Toten ins Jenseits, Heilung in extremen Fällen, Sexualität
Hauptattribute: Zylinder, schwarz-violetter Frack, Sonnenbrille (eines Glases fehlt), Zigarre, Rum
Hauptkultorte: Friedhöfe in Haiti (insb. Port-au-Prince), Hounfor-Tempel
Volksnah: kreolisch gehörter zu den populärsten Geistern

Einordnung

Zeitraum der Texte

Baron Samedi (kreol. Bawon Samedi) entwickelt sich aus westafrikanischen Vodun-Wurzeln (Dahomey, Yoruba) im kolonialen Saint-Domingue (heute Haiti) im 17.–18. Jh. Er gehört zur Guédé-Familie der Toten-Loas, die im November-Fest Fete Gede (Allerheiligen-Tradition) zentral sind. Im 20. Jh. internationaler bekannt durch Pop-Kultur (James-Bond-Film Live and Let Die, 1973), die das Bild aber stark verzerrt.

Verbreitungsraum

Hauptkultorte: alle haitianischen Friedhöfe (Baron Samedi nimmt das erste Grab als seinen Sitz), insbesondere die großen in Port-au-Prince. Hounfor-Tempel (traditionelle Vodou-Tempel) haben einen eigenen Bereich für ihn. In der haitianischen Diaspora präsent in New Orleans, Miami, New York, Montréal. Der zugehörige Festtag Fete Gede (1.–2. November) ist eines der größten Vodou-Volksfeste.

Quellenlage

Zentrale Quellen: Dewitt-Talents Studien, Maya Derens Divine Horsemen (1953, klassische Vodou-Ethnographie), Alfred Métrauxs Le Vaudou haïtien (1958), Karen McCarthy Browns Mama Lola. Wichtige akademische Referenzen: Desmangles, The Faces of the Gods; Ramsey, The Spirits and the Law. Kulturhistorisch: Hurbon, Voodoo: Search for the Spirit.

Name

Baron Samedi wird durchgehend im Bild eines Bestattungsunternehmers oder wohlhabenden Toten dargestellt: schwarzer Frack, weiße Weste, Zylinder, oft ein Stock oder eine Pfeife. Sein Gesicht ist wie ein Totenkopf geschminkt, weiße Kalkfarbe mit schwarzen Augenhöhlen und einer breiten Linie über die Nase. Ein breites, düsteres Grinsen vollendet die Maske. Sein Loa-Symbol (Veve) besteht aus Kreuzen und verschlungenen Linien. Baron Samedi liebt Rum, Wein und Zigaretten, echte Opfer in seinen Festen.

Wesenszüge

Baron Samedi öffnet die Türen zum Jenseits. Er ist nicht grausam, sondern pragmatisch, ohne ihn keine Verbindung zu den Ahnen, keine Ahnen-Segnungen, keine Heilung durch Ahnen-Wissen. In Riten wird er durch Possessionen angerufen: die Houngan oder Mambo fällt in Trance, und Baron Samedi «reitet» den Priester. Er spricht dann in gebrochenem, derbem Vodou, macht Witze über den Tod und gibt praktische Ratschläge, oft mit Geld-Verhandlungen. Friedhofs-Opfer, Rum-Gaben und laute Musik gehören zu seinen Festen. Am 1. und 2. November (Allerheiligen/Allerseelen) ist die Fète Gede, Hunderttausende Pilger besuchen die Friedhöfe Haitis, um mit den Gede zu tanzen.

Erscheinung und Symbolik

Baron Samedi wird als großer, schwarzer Mann in schwarzen Anzug oder Frack mit Zylinderhut dargestellt, oft mit aufgemaltem weißem Schädel-Make-up auf dem Gesicht. Er trägt einen Stab oder eine Zigarre. Seine Bewegungen sind tanzig und wild. Seine Attribute sind Knochen, Kreuze und Rum. Er wird als lustig, obszön und gefährlich zugleich dargestellt.

4. Steckbrief: Baron Samedi

Die wichtigsten Aspekte von Baron Samedi auf einen Blick. Die folgenden Felder fassen Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und Parallelen zusammen.

Tradition

Baron Samedi ist Oberhaupt der Guédé-Loa-Familie und Anführer der Toten-Geister. Gemahl der Maman Brigitte (Patron-Loa der Friedhöfe). Bruder/Vetter der weiteren Baron-Loas (Baron La Croix, Baron Cimetière, Baron Kriminel). Ohne seine Erlaubnis kann keine Seele in das Jenseits eingehen, er muss den ersten Spaten in jedes Grab werfen. Auch nimmt er den Sterbenden auf der Schwelle in Empfang.

Adressaten

Geleitsfunktion der Toten ins Jenseits. Heilgöttin in extremis, wenn kein anderer Loa mehr helfen kann, wendet man sich an Baron, weil er über den Tod entscheidet. Patron der Sexualität (in obszöner, lebensbejahender Form, die Banda-Tänze des Fete Gede sind sexuell explizit). Schützer der Kinder, in einigen Traditionen wird er um Heilung kranker Kinder gebeten.

Erscheinungsbild

Hagere, große Mannsgestalt mit dunkler Haut, in formellem schwarzem oder violettem Frack mit Zylinder-Hut. Charakteristisch: Sonnenbrille mit ausgebrochenem Glas auf einem Auge (das eine Auge schaut diese Welt, das andere die Geisterwelt). Häufig eine Zigarre oder lange Tabakpfeife im Mundwinkel. Lange dunkle Knochenfinger, Schädel-Antlitz unter dem Hut. Bei Possession seines Hounsis (Pferdes) tanzt der Possedierte in dieser Aufmachung.

Wirkungsbereich

Wirkungs-Bereich: Baron Samedi wird in jedem Vodou-Trauerfall angerufen, ohne ihn können die Toten nicht in das Jenseits eingehen. Beim Fete Gede (Anfang November) bringen Tausende Hatianer Speisen und Rum auf die Friedhöfe. Bei akuter Krankheit wendet man sich an ihn, wenn andere Heilungen versagt haben. Persönliche Anrufung mit Rum, Tabak, Erdnüssen, Maissaft. Befragung erfolgt über den Houngan (Priester), der von ihm besessen wird.

Abwehrformen

Zylinder-Hut, schwarzer oder violetter Frack, Sonnenbrille mit ausgebrochenem Glas, Zigarre/Tabakpfeife, Rum (Clairin oder Barbancourt), Erdnüsse, Schädel und Knochen, schwarzer Hahn (Opfertier), schwarzes Kreuz (Symbol auf den Friedhöfen). Heilige Pflanze: Schöllkraut, Kapuzinerkresse. Heilige Farben: schwarz und violett.

Pendants

Westafrikanische Wurzeln: Eshu/Elegba (Yoruba, Schwellengott), Legba (Vodun-Dahomey, Toröffner). Karibische Synkretismen: Ogou Feray (Loa-Familie), Papa Legba (verwandter Loa). Globale Toten-Wegweiser-Parallelen: Hermes Psychopompos (Griechenland), Anubis (Ägypten, Toten-Geleit), Charon (Fährmann), Yama (Hindu-Buddhismus), Mictlantecuhtli (Aztekisch), Hekate (Wegkreuzungen). Im westlichen Volkstum: der Tod als personifizierter Schwellenhüter.

Abwehr im Alltag

Verehrungs-Rituale

Baron Samedi (haitianisch-kreol. Bawon Samdi, „Baron Samstag“) ist Häuptling der Guédé-Loa-Familie, der Toten-Geister im haitianischen Vodou. Seine Feste werden am Allerheiligen-Wochenende (1.-2. November) auf Friedhöfen gefeiert (Fèt Gede), kreolische Synthese mit dem katholischen Allerseelen. Devotanten ziehen sich schwarz-violett an, trinken Klärin-Rum mit Chilischoten, rauchen Zigarren und tanzen die Banda. Zentrale Rituale finden in einem Hounfor (Vodou-Tempel) mit dem Vèvè-Diagramm Baron Samedis (Kreuz, Schädel, Sarg) statt (vgl. Métraux, Voodoo in Haiti; Hurbon, Voodoo: Search for the Spirit).

Anrufungen

Houngan (Vodou-Priester) und Manbo (Priesterin) rufen Baron Samedi mit Trommelrhythmen (Banda-Rhythmus) und kreolischen Gesängen herbei. Die Anrufung beginnt mit „Bawon Samdi, Bawon Lacroix, Bawon Cimitière“, er wird unter drei Aspekten herbeigerufen. Die Possession (chevauchement) durch Baron Samedi zeichnet sich durch seinen schwarzen Anzug, Zylinderhut und sexuell-anzügliche Sprache aus.

Amulette und Schutzsymbole

Vèvè-Diagramme (Kreuz mit Sarg, Schädel) werden mit Maismehl auf den Boden des Tempels gezeichnet. Schwarze Sonnenbrille (oft nur ein Glas) ist Baron Samedis ikonisches Attribut. Schädel-Anhänger aus Bein oder Plastik. Friedhof-Erde von einem aktiven haitianischen Cemetière als Schutz gegen Krankheit und Tod. Die Vèvè-Variante mit nur einem Punkt im Zentrum dient als persönliches Schutz-Tattoo.

6. Baron Samedi, Parallelen in anderen Kulturen

In europäischen Traditionen erinnert Baron Samedi an den Schnitter Tod, an Charon (Griechenland), an Pluto/Hades. In mexikanischen Kulturen hat er Ähnlichkeit mit der Santa Muerte oder Catrina, geheimnisvolle, humorvolle Gestalten, die den Tod verhandeln. In der Folklore anderer afrikanischen Diaspora-Kulturen (Santería, Candomblé) existieren analoge Totenlenker. Baron Samedi ist aber eigenständig, nicht einfach eine Variante eines anderen Gottes, sondern Produkt der haitianischen Synthese.

Literatur (Auswahl)

  • Deren, Maya: Divine Horsemen. The Living Gods of Haiti. New York 1953.
  • Métraux, Alfred: Le Vaudou haïtien. Paris 1958 (engl. Voodoo in Haiti).
  • McCarthy Brown, Karen: Mama Lola. A Vodou Priestess in Brooklyn. Berkeley 1991.
  • Desmangles, Leslie G.: The Faces of the Gods. Vodou and Roman Catholicism in Haiti. Chapel Hill 1992.
  • Hurbon, Laennec: Voodoo. Search for the Spirit. New York 1995.
  • Ramsey, Kate: The Spirits and the Law. Vodou and Power in Haiti. Chicago 2011.