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Nabu, Gott der mesopotamischen Tradition

Nabu ist Gott der mesopotamischen Tradition.

Gott der Schreibkunst, Schreiber der Götter, Sohn Marduks. Nabu (auch Nebo) ist nicht die mächtigste, aber eine der gelehrsten Götter Mesopotamiens. Er sitzt mit Stift und Schreibtafel in Borsippa, notiert das Schicksal jedes Menschen auf den Steintafeln des Weltgesetzes. Wo andere Götter durch Blitz und Krieg herrschen, herrscht Nabu durch das Wort, seine Schriften und Beschwörungen sind das Fundament aller Magie und Gesetzmäßigkeit.

Inhaltsverzeichnis

Nabu - Götter aus der Mesopotamien-Tradition, historisch-illustrativ

Nabu

Kurzprofil: Nabu

Typ: Mesopotamische Hauptgottheit, Schreiber- und Weisheitsgott
Pantheon: Babylon, Assur (Sohn Marduks)
Funktion: Schreibkunst, Schicksalstafeln, Astronomie, Weisheit
Hauptattribute: Schreibgriffel, Tontafel, hohes Hut-Diadem, Drache (Mušhuššu)
Hauptkultorte: Borsippa (Hauptkultort, E-zida-Tempel), Babylon, Niniveh
Astronomische Identifikation: Merkur

Einordnung

Zeitraum der Texte

Nabu ist seit der altbabylonischen Zeit (frühes 2. Jt. v. Chr.) belegt. Hauptblütezeit in der neubabylonischen Zeit (7.–6. Jh. v. Chr.), unter Nabopolassar und Nebukadnezar II. wird der Borsippa-Tempel E-zida zu einer der wichtigsten Anlagen Babylons ausgebaut. Spätachaemenidisch und seleukidisch noch zentral, mit dem Niedergang des Babylonischen Reiches (1. Jh. n. Chr.) erlischt der Kult.

Verbreitungsraum

Hauptkultort war Borsippa (heute Birs Nimrud, ca. 17 km südlich von Babylon), mit dem berühmten Tempel E-zida. Daneben Babylon (Tempel im Esagila-Komplex), Niniveh (Hauptkultort in Assyrien), Kalhu (Nimrud, Kultnische im Ezida von Kalhu). Im neubabylonischen Reich war die jährliche Akitu-Prozession zentraler Anlass: Nabu reiste auf einem Schiff von Borsippa nach Babylon zu Marduk.

Quellenlage

Zentrale Quellen: Enuma Elish (Sohn Marduks), die Inschriften der neubabylonischen Könige (Nebukadnezar, Nabonid), das Erra-Epos (Erwähnung), die Ezida-Inschriften aus Borsippa, der Nabu-Hymnus. Sekundärliteratur: Pomponio, Nabû. Il culto e la figura di un dio del Pantheon babilonese ed assiro; Lambert, Babylonian Wisdom Literature; Black/Green, Gods, Demons and Symbols.

Name und Varianten

Nabu wird dargestellt als junger, bärtiger Mann mit spitzem Hut oder Krone, oft sitzend an einem Schreibtisch oder über Tontafeln gebeugt. Sein Attribut ist der Schreibstift (kalam) und die Schreibtafel. Er hält manchmal eine Schriftrolle oder trägt die legendäre Tafel des Schicksals (Tuppi Šīmāti). Manchmal wird ein Schreiber-Vogel oder ein Drache (sein Wappentier) neben ihm abgebildet. Seine Farbe ist blau oder purpur, edel und weise.

Charakteristika

Nabu ist Gott der Schreiber, Gelehrten und Astronomen. Wer lesen und schreiben wollte, betete zu Nabu. Priester konsultierten ihn bei der Deutung heiliger Zeichen und Omina. In magischen Ritualen wurde sein Name angerufen, eine schriftliche Beschwörung eines Schreibers war mächtig, weil Nabu selbst die Schrift segnete. Sein Fest (Nabu-Prozession) war eine Prozession von Borsippa nach Babylon, wo er seinen Vater Marduk besuchte. Schreiber und Gelehrte verehrten ihn als ihren Schutzpatron. Die Bibliothek von Ninive war Nabu geweiht, alle Wissenssammlungen gehörten unter seine Protektion.

Erscheinung und Symbolik

Nabu wird dargestellt als junger Mann mit einer hohen Krone, Schreibstift und Tafeln tragend. Er ist oft von Schriftrollen oder Büchern umgeben. Sein heiliges Tier ist der geflügelte Drache Mushussu oder manchmal ein Vogel, der Botschaften überträgt. Nabu trägt häufig ein blaues oder grünes Gewand, die Farben der Schrift und des Wissens. Ein Griffel oder eine Feder ist sein primäres Symbol. Seine Augen sind intensiv und wissend, da sie alle verborgenen Wahrheiten sehen. Seine Gegenwart wird von Licht umgeben, das Intelligenz und Erleuchtung repräsentiert.

4. Steckbrief: Nabu

Die wichtigsten Aspekte von Nabu auf einen Blick. Die folgenden Felder fassen Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und Parallelen zusammen.

Nabus Herkunft

Nabu ist Sohn des Marduk und der Sarpanitu. Gemahl der Tashmetu (Göttin der Vermittlung). In der theogonischen Ordnung der zweiten Generation des babylonischen Pantheons. In der assyrischen Tradition wird er parallel zu Marduk hochgeschaetzt, die assyrischen Könige tragen oft den Namen Nabu-… als Element.

Nabus Zielgruppe

Patron der Schreibkunst und der Gelehrten, das Schreiber-Berufsstand stand direkt unter ihm. Hüter der Schicksalstafeln (akkadisch tup šimâti): auf diesen werden die Schicksale aller Menschen und Dinge eingetragen. Patron der Astronomie und der wissenschaftlichen Praxis, Astronomen-Priester (tupšarrû) galten als seine Diener. Auch im persönlichen Kult Patron jeder Schul- und Lern-Aktivität.

Form

Anthropomorph als bärtige Mannsgestalt mit hohem Hut-Diadem, langem mehrlagigem Gewand. Charakteristische Attribute: Schreibgriffel (sumerisch gi-dub-ba) und Tontafel, häufig auf einem Sockel oder in der Hand. Begleitet vom Drachen-Mischwesen Mušhuššu (das er von Marduk übernommen hat). In der Glyptik häufig sitzend mit Tontafel auf dem Knie. Stilisiertes Symbol: Schreibgriffel (vergleichbar dem Caduceus).

Nabus Wirkung

Wirkungs-Bereich: Nabu wurde von allen Schreibern und Gelehrten angerufen. Schreiber-Schulen begannen den Tag mit einem Nabu-Gebet. Im persönlichen Kult wurde er um Günstige Schicksals-Eintragung gebeten, die tup šimâti galten als bestimmend. Die Akitu-Prozession Nabus von Borsippa nach Babylon (im Monat Nisan) war eines der größten Volksfeste Mesopotamiens. Könige zeigten ihre Frommigkeit, indem sie an dieser Prozession teilnahmen.

Abwehrformen

Schreibgriffel (gi-dub-ba), Tontafel, hohes Hut-Diadem, Drache (Mušhuššu), Astronomische Sterne (Merkur), Schul-Tafel-Stapel. Pflanzen: Tamariske (Schreibtafeln wurden auf Tamariskenholz gesetzt), Zedernholz. Heilige Zahl: 14.

Verwandte Wesen

Thoth (Ägypten, Schreiber- und Weisheits-Gott, fast funktional identisch), Hermes (Griechenland, Schreiber-Patron, Bote), Mercurius (Rom, astronomisch identisch über den Merkur), Sarasvati (Hinduismus, Göttin des Wissens und Schreibens), Manjušri (Buddhismus, Bodhisattva der Weisheit), Mimir (Germanisch, Brunnen der Weisheit), Ogma (Keltisch, Erfinder der Schrift Ogham).

Schutzpraxis

Verehrungs-Rituale

Nabu, Schreiber- und Weisheitsgott, hatte sein Hauptkultzentrum E-zida zu Borsippa (8 km südlich Babylon). Sein Vater Marduk und er bildeten eine zentrale Vater-Sohn-Götterdyade. Beim Neujahrsfest akītu wurde Nabus Statue von Borsippa nach Babylon prozessioniert, ein achttägiges Fest mit königlichem Sich-Demütigen vor Marduk. Schreiberlehrlinge ehrten Nabu mit Tafelweihungen (Tonkegel mit Standardphrasen aus dem Edubba-Schulalltag, vgl. Bottéro).

Anrufungen

Der „Nabu-Hymnus aus Eridu“ (BWL 113-115) besingt ihn als „rēʾi māti“ (Hirte des Landes). Bei Vertragsschlüssen wurden Nabus Schreibrohr und Schreibtafel als Garanten angerufen. Das tägliche Schreibrohr-Gebet der Schreiber begann „Nabû šūpū qātīya“ (Nabu, mache meine Hände vollkommen).

Amulette und Schutzsymbole

Schreibrohr (qan-ṭuppi) mit Tafel, das ikonographische Symbol Nabus, erscheint auf babylonischen und assyrischen Boundary-Stones (Kudurrus, vgl. Slanski). Apotropäische Tonzylinder mit eingedruckten Texten unter Hauseingängen sollten Wissen, Schreibkunst und Verträge schützen. Sein heiliges Tier ist der mušḫuššu (Schlangendrache), zu sehen am Ishtar-Tor von Babylon.

6. Nabu, Parallelen in anderen Kulturen

Nabu ähnelt dem ägyptischen Thoth, beide sind Götter der Schrift, Weisheit und magischen Worte. Mit dem griechischen Hermes teilt er die Vermittler-Rolle und die Herrschaft über Sprache. Der hebräischen Tradition ist keine direkte Parallele, doch trägt die Figur Wesenszüge des Wortes Dabar Adonai (Wort Gottes). In indischen Kulturen könnte man ihn mit Saraswati vergleichen, Göttin der Sprache, Künste und Wissens. Nabu ist der einzige Gott, der durch Stillschweigen nicht verloren geht, sondern durch die Tafeln und Tempel, die sein Name tragen.

Forschungsliteratur

  • Pomponio, Francesco: Nabû. Il culto e la figura di un dio del Pantheon babilonese ed assiro. Rom 1978.
  • Lambert, Wilfred G.: Babylonian Wisdom Literature. Oxford 1960.
  • Black, Jeremy / Green, Anthony: Gods, Demons and Symbols of Ancient Mesopotamia. London 1992.
  • Bottéro, Jean: La plus vieille religion. En Mésopotamie. Paris 1998.
  • Walde, Christine (Hg.): Der Neue Pauly (Lemma „Nabu“).