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Bhairava, Gott der hinduistischen Tradition

Bhairava ist Gott der hinduistischen Tradition.

Die schreckliche Form Shivas, Wächter der heiligen Schwelle. Bhairava ist Shiva in seiner furchtbaren Gestalt, nicht der sanfte Asket der Höhle, sondern der wilde Zerstörer, der schwarze Hund neben sich. Mit blutdürstiger Zunge, Schädel-Girlande und Asche bedecktem Körper steht Bhairava an den Tempeltoren und schützt die Gläubigen vor bösen Kräften. Im Tantra ist Bhairava ein mächtiger Gott der Transformation, dessen intensive Verehrung Erleuchtung verspricht. Ein Gott für jene, die nicht den sanften Weg gehen, sondern den Abgrund erblicken und durchschreiten wollen.

Inhaltsverzeichnis

Bhairava - Götter aus der Hinduismus-Tradition, historisch-illustrativ

Bhairava

Schnellüberblick: Bhairava

Typ: Hinduistische Hauptgottheit, wrathful Aspekt Shivas, Schutzgottheit
Pantheon: Hinduismus (Shaivismus, Tantra), Buddhismus (Mahakala-Verwandtschaft)
Funktion: Schutz vor Tod und Krankheit, Vernichtung der Egozentrik, Wächter heiliger Stätten
Hauptattribute: Trishula (Dreizack), Khatvanga (Schädel-Zepter), Hund als Reittier
Hauptkultorte: Varanasi (Kashi-Vishwanath-Tempel), Khajuraho, Kathmandu (Nepal)
Tibetische Identifikation: Mahakala (sekundär)

Kontext

Zeitraum der Texte

Bhairava ist seit den Purâṇas (4.–10. Jh. n. Chr.) als wrathful Manifestation Shivas belegt. Hauptkultort Varanasi entstand spätestens im 8. Jh. mit dem Kâlâbhairava-Tempel. In den tantrischen Kâpâlika- und Aghori-Traditionen seit dem 8. Jh. zentral. In Nepal Hauptaspekt des Newar-Pantheons. Im 20. Jh. weltweit populär durch Yogi-Tradition und tantrische Praxis-Schulen.

Verbreitungsraum

Hauptkultorte: Varanasi (mit dem Kâlâbhairava-Tempel als Schützer der Stadt), Khajuraho (Bhairava-Tempel), Kathmandu (Nepal, Newar-Tradition mit den 64 Bhairavas), Ujjain. In tantrischen Kâpâlika-Heiligtümern sowie in der Aghori-Tradition zentral. Internationale Verbreitung durch tantrisch-yogische Schulen.

Quellenlage

Zentrale Quellen: Bhairava Tântra, Skanda Purâṇa, Linga Purâṇa, Vijñâna Bhairava Tântra (zentraler tantrischer Text), Bhairavâṣṭottara Tântra. Sekundärliteratur: Sanderson, The &Saacute;aiva Age; Lorenzen, The Kâpalikas and Kâlâmukhas; Michaels, Der Hinduismus.

Bezeichnung und Schreibweisen

Bhairava ist dunkel, schwarz oder dunkelblau, sein Körper mit Asche bestrichen, um die Vergänglichkeit aller Dinge zu symbolisieren. Eine Girlande von abgetrennten Köpfen oder Schädeln umgibt seinen Hals. Eine lange, rote Zunge hängt aus seinem Mund. Ein schwarzer Hund (Khanda oder Vrishabha) ist sein ständiger Begleiter, manchmal der Hund selbst, manchmal ein dämonisches Wesen. Er trägt einen Dreizack und oft ein Schwert. Sein drittes Auge ist offen und feurig.

Wesenszüge

Bhairava ist der Schutzgott der heiligen Grenzen, besonders der Eingänge zu Tempeln. Sein Name bedeutet „der Furchtbare“ (Bhaya = Furcht), doch ist diese Furcht nicht böse, sondern reinigend. In tantrischen Praktiken wird Bhairava als höchster Meister angerufen, besonders in der nächtlichen Meditation (sadhana). Die Bhairava-Verehrung ist intensiv und nicht für Anfänger geeignet; sie führt zur direkten Erfahrung der Leerheit (Sunyata) und zur Befreiung. Der schwarze Hund ist der Schüler, jeder Praktizierende wird zum Hund, der Bhairava dient.

4. Steckbrief: Bhairava

Die wichtigsten Aspekte von Bhairava auf einen Blick. Die folgenden Felder fassen Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und Parallelen zusammen.

Ursprung

Bhairava entsteht im Mythos aus einer Begegnung Shivas mit Brahma: als Brahma sich als höchster Gott rühmt, schlägt Shiva ihm einen seiner fünf Köpfe ab, aus dieser Tat geht Bhairava hervor, der den abgeschlagenen Brahma-Kopf an einer Hand tragen muss, bis er in Varanasi erlöst wird. Bhairava ist demnach Shivas verkörperter Zorn-Aspekt. Im tantrischen Schema acht Haupt-Bhairavas, in Nepal 64 Bhairavas.

Adressaten

Schutz vor plötzlichem Tod, Krankheit und allen äußeren Bedrohungen. Vernichter der Ego-Identifikation in der tantrischen Praxis. Wächter heiliger Stätten, in Varanasi gilt der Kâlâbhairava als Stadt-Schützer. Für jeden Pilger in Varanasi gilt: ohne Bhairava-Besuch ist die Pilgerreise unvollständig. In der tantrischen Praxis Werkzeug der Selbst-Transformation.

Bhairavas Erscheinung

Wrathful, dunkelhäutige Mannsgestalt mit drei oder vier Augen, langem schwarzem Haar (oft als Locken-Krone), feurigem Gesicht. Vier oder mehr Arme. Trishula (Dreizack), Khatvanga (Schädel-Zepter), Damaru (Trommel), Schwert. In einer Hand ein abgeschlagener Schädel oder eine Schädelschale (Kapala). Schädel-Halskette (mundâ-mâla). Reittier: Hund (shvana-vahana). Tigerfell-Lendenschurz. Aufrechte Position oder im Tanz.

Tätigkeit

Wirkungs-Bereich: Bhairava wird vor Reisen und in akuten Notlagen angerufen. In Varanasi vor dem Vishwanath-Tempel zuerst der Kâlâbhairava-Besuch, ohne dessen Erlaubnis kann man dem König der Stadt nicht begegnen. In der tantrischen Praxis zentrale Meditation: das Vijñâna Bhairava Tântra enthält 112 Meditationsmethoden zur direkten Bhairava-Erkenntnis. Im Newar-Nepal das Indra-Jatra-Festival mit den 64 Bhairavas.

Bhairavas Abwehr

Trishula (Dreizack), Khatvanga (Schädel-Zepter), Damaru (Trommel), Schwert, Schädelschale (Kapala), Schädel-Halskette, Tigerfell-Schurz, Schlange als Gürtel. Reittier: schwarzer Hund. Heilige Pflanzen: Bilva-Baum, Datura. Heilige Farben: schwarz und feuerrot. In Varanasi: schwarze Hunde gelten als seine Manifestation und werden gefüttert.

Verwandte Wesen

Mahakala (Buddhismus, tantrische Übernahme), Yamantaka (tibetisches Vajrayana), Heruka (tantrisch), Rudra (vedisch, früher Vorläufer Shivas/Bhairavas). Globale wrathful-deity-Parallelen: Sechmet (Ägypten, wrathful Göttin), Erinyen (Griechenland), Set (Ägypten, Chaos-Aspekt). Funktional: jeder Wächter der Schwelle zur tieferen Geisteswelt teilt Bhairava-Funktionen.

Schutzpraxis

Verehrungs-Rituale

Bhairava ist der zornige Aspekt Shivas, die zornige Schutzform für die acht Stadtbezirke (ashta-bhairava). Sein Hauptpilgerziel ist Kashi (Varanasi), wo Kala-Bhairava als „Stadtwächter“ gilt, Pilger müssen sich zuerst bei Kala-Bhairava registrieren, bevor sie Vishvanath (Shiva selbst) besuchen dürfen. Bhairava-Pujas finden mittwochs und am 8. Mondtag (ashtami) statt. Tantrische Verehrung umfasste nächtliche Rituale auf Friedhöfen (shmashana-sadhana), heute weitgehend symbolisch (vgl. White, The Alchemical Body).

Mantren und Anrufungen

Das Bhairava-Bija-Mantra „Hraum“ und das Mula-Mantra „Om Hraum Kalabhairavāya Namaḥ“. Der Vijnana Bhairava Tantra (kashmirischer shaivistischer Text, 8. Jh.) ist sein zentraler theologischer Text, 112 dharanas. Das Kalabhairava-Ashtakam (zugeschrieben Adi Shankara) ist liturgischer Standard.

Amulette und Schutzsymbole

Sein Reittier ist der schwarze Hund (manchmal werden Hunde an Bhairava-Tempeln gefüttert). Symbole: Trishula (Dreizack), Damaru (Trommel), Schädel (Kapala), abgeschlagener Brahma-Schädel. Schwarz-graue Steinanhänger mit eingravierten Bhairava-Bildern. Acht apotropäische Bhairava-Bilder an Stadtquadranten Varanasis als jahrtausendealte Schutzeinrichtung.

6. Bhairava, Parallelen in anderen Kulturen

Bhairava ähnelt den furiosen weiblichen Göttinnen wie Kali, beide sind wild, unbarmherzig und tantrisch. Die schwarze Hundform erinnert an Cerberus, den Höllenhund Griechenlands. In europäischen esoterischen Traditionen wird Bhairava manchmal mit Moloch oder dämonischen Schutzgeistern verglichen. Doch ist Bhairava nicht böse, sondern die notwendige, zerstörerische Kraft, ohne die spirituelle Transformation nicht möglich ist.

Standardliteratur (Hinduismus):

  • Doniger, Wendy: The Hindus. An Alternative History. Penguin, New York 2009.
  • Klostermaier, Klaus K.: A Survey of Hinduism. State University of New York Press, Albany 1989.
  • von Stietencron, Heinrich: Der Hinduismus. Beck, München 2001.

Quellen und Literatur

  • Sanderson, Alexis: The &Saacute;aiva Age. In: Genesis and Development of Tantrism. Tokyo 2009.
  • Lorenzen, David N.: The Kâpalikas and Kâlâmukhas. Two Lost &Saacute;aiva Sects. Berkeley 1972.
  • Michaels, Axel: Der Hinduismus. Geschichte und Gegenwart. München 1998.
  • Singh, Jaideva (Übers.): Vijñâna Bhairava. The Practice of Centring Awareness. Delhi 1979.
  • Walde, Christine (Hg.): Der Neue Pauly (Lemma „Bhairava“).