Glossar, Begriffe der Wesensklassen erklärt
Glossar
Das Glossar versammelt die zentralen Begriffe, die auf iWell Guard verwendet werden, Wesensklassen, Sub-Kategorien, methodische Konzepte und die wichtigsten praktischen Begriffe der Magie- und Schutz-Tradition. Es ist als Nachschlagewerk gedacht, nicht als historische Begriffsgeschichte; wo Begriffe in unterschiedlichen Traditionen unterschiedliche Bedeutungen haben, ist die für iWell Guard verbindliche Bedeutung markiert.
Wer einen Begriff in einem konkreten Beitrag stößt und nicht weiß, was gemeint ist, findet hier die kurze Definition mit Querverweis auf die ausführliche Behandlung. Die Begriffe sind nach den drei Bereichen Wesensklassen, Sub-Kategorien und Praktiken gegliedert.
Das Glossar erklärt die Kern-Begriffe der Wesensklassen.
Methodische Stellung des Glossars
Das Glossar ist auf iWell Guard nicht eine bloße Begriffs-Liste, sondern ein methodisches Werkzeug, das die religionsvergleichende Sortierung der dokumentierten Wesen und Praktiken ermöglicht. Jeder Begriff trägt eine klar abgrenzbare definitorische Funktion: Er gibt einen Zuordnungs-Rahmen vor, in den einzelne Detail-Pages eingeordnet werden können. Die Begriffs-Bildung folgt zwei Prinzipien: erstens der religionswissenschaftlichen Tradition (Burkert für griechische Religion, Bottéro für mesopotamische, Schimmel für islamische, Eliade für vergleichende Konzepte), zweitens der iWell-Guard-spezifischen Klassifikations-Logik (Wesen-Klassen, Tradition-Pillen, Schutz-Mantra-Schichten).
Wesensklassen
Gott / Göttin: Personifizierte höchste Macht im Pantheon einer Kultur. Götter haben einen Eigennamen, definierte Zuständigkeiten (Himmel, Krieg, Tod, Liebe, Schöpfung), feste Attribute (Tiere, Pflanzen, Werkzeuge) und stehen in einem hierarchischen Pantheon-Gefüge. Auf iWell Guard wird der Gott-Begriff für die Spitze der jeweiligen religiösen Tradition reserviert; tieferstehende übernatürliche Wesen werden als Dämonen, Geister oder Lichtwesen klassifiziert. Siehe Übersicht Götter.
Dämon: Übernatürliches Wesen unterhalb der Götter, im engeren religionsgeschichtlichen Sinn schadensorientiert. Der Begriff trägt eine semantische Verschiebung: Im griechischen daimonion ursprünglich ambivalent oder neutral (auch Sokrates‘ innere Stimme heißt so), in der christlichen Theologie und ihrer rezipierten Form ausschließlich negativ aufgeladen. Wir verwenden den Begriff im modernen, religionswissenschaftlich gängigen Sinn, schadensorientiertes Wesen, und machen Bedeutungs-Verschiebungen in den Einzeldarstellungen explizit. Siehe Übersicht Dämonen.
Geist: Wesen mit Bezug zu Verstorbenen, zu Naturorten oder zu Schwellen-Erfahrungen. Geister sind oft ortsgebunden (Quelle, Wald, Friedhof) oder zeitgebunden (Stundengeister). Die Klasse umfasst sowohl Verstorbenen-Erscheinungen (Yuurei, Edimmu, Preta) als auch Natur- und Elementarwesen (Rusalka, Kappa, Kobold). Siehe Übersicht Geister.
Lichtwesen: Spirituelle Helferfigur der westlichen Esoterik, des theosophischen und des New-Age-Korpus, Erzengel, aufgestiegene Meister, Hochfrequenz-Wesen. Die Klasse ist religionsgeschichtlich jung; ältere Bestandteile (jüdisch-christlich-islamische Erzengelhierarchie) werden mit voller Quellenlage behandelt, neuere Bestandteile (Aufstiegsmeister) mit explizitem Hinweis auf den theosophisch-modernen Ursprung. Siehe Übersicht Lichtwesen.
Erweiterte Wesensklassen-Definitionen
Aufstiegsmeister. Sammelbegriff der theosophisch-amerikanischen Lichtarbeiter-Tradition für transzendente Lehrer-Figuren, die im 20. Jahrhundert über Helena Petrovna Blavatsky, Charles Webster Leadbeater, Guy Ballard und Elizabeth Clare Prophet als religiöse Klasse ausgearbeitet wurden. Die wichtigsten Vertreter sind Saint Germain, El Morya, Kuthumi, Sananda, Maitreya. Religionsgeschichtlich ist die Klasse modern; sie verbindet östliche Bodhisattva-Vorstellungen mit westlicher Engellehre und hermetischer Alchemie zu einer eigenen Synthese.
Erzengel. In der jüdisch-christlich-islamischen Tradition die höchste Engel-Klasse mit eigenem Namen. Die kanonischen vier sind Michael, Gabriel, Raphael, Uriel; in der ostorthodoxen und koptischen Tradition werden sieben Erzengel gezählt (zusätzlich Selaphiel, Jegudiel, Barachiel). In der jüdischen Mystik tritt Metatron als Sonderfigur über der Erzengel-Klasse auf. In der ritualmagischen Tradition werden die Erzengel den vier Himmelsrichtungen zugeordnet, nach Goldene-Morgenröte-Tradition Michael Süden, Gabriel Norden, Raphael Osten, Uriel Westen.
Lwa und Orisha. Lwa sind die Geist-Wesen der haitianischen Vodou-Tradition, in den Pantheons Rada (kühle, westafrikanisch-Fon-stämmige) und Petro (heiße, kreol-stämmige) gegliedert. Strukturell verwandt sind die Orisha der Yoruba-Tradition Westafrikas und ihre afrobrasilianische Adaption als Orixá in der Candomblé-Tradition.
Sub-Kategorien (Auswahl)
Hochgottheiten: Die obersten Götter eines Pantheons, Zeus im olympischen, Odin im germanischen, An im sumerischen, Re oder Amun im ägyptischen System. Hochgottheiten sind in der Regel patrilinear, mit Himmels- und Donner-Attributen verknüpft, oft mit Schöpfungs- oder Ordnungsfunktion.
Totengottheiten: Lenker der Unterwelt, Hades, Osiris, Hel, Yama. Totengottheiten sind religionsgeschichtlich besonders konstant; viele Kulturen unterscheiden zwischen einer Totengottheit (mit eigener Königswürde in der Unterwelt) und Totengeistern (den Verstorbenen selbst).
Schutzgottheiten: Hüter und Bewahrer von Personen, Orten, Berufen, Bes als Schutzgott der Schwangeren in Ägypten, Tyche/Fortuna als Schutzgöttin der Stadt im hellenistisch-römischen Raum, Inari als Schutz der Reisbauern in Japan.
Anti-Götter: Chaosmächte und Widersacher, oft als Gegenpol zu den Hochgottheiten, Tiamat im babylonischen Schöpfungsmythos, Apophis als Schlangengegner Res, Loki in der germanischen Mythologie, Mara im buddhistischen Korpus.
Totengeister: Geister Verstorbener, Edimmu (mesopotamisch), Yuurei (japanisch), Preta (buddhistisch), Banshee (irisch). Die Klasse ist kulturübergreifend besonders breit dokumentiert.
Wassergeister, Waldgeister, Gestaltwandler: Ortsgebundene Naturgeister. Wassergeister sind oft weiblich (Rusalka, Nixe, Mami Wata), an Quellen, Flüssen oder Seen gebunden. Waldgeister sind in den slawischen und germanischen Traditionen zentral (Leshy, Holzfräulein); Gestaltwandler sind als eigene Kategorie in der keltischen, japanischen und chinesischen Tradition besonders ausdifferenziert.
Engel und Erzengel: Boten und Hierarchie-Figuren der jüdisch-christlich-islamischen Tradition; auf iWell Guard unter Lichtwesen geführt, mit den vier Erzengeln Michael, Gabriel, Raphael, Uriel sowie Metatron als zentralen Figuren.
Erweiterte Sub-Kategorien
Goetia. Tradition der ritualmagischen Anrufung von 72 Dämonen aus dem Lemegeton (Kleiner Schlüssel Salomons). Religionsgeschichtlich europäisch-frühneuzeitlich, mit jüdisch-apokryphen, hellenistischen und arabischen Wurzeln. Die wichtigsten Editionen sind Pseudomonarchia Daemonum (Weyer 1577), Discoverie of Witchcraft (Scot 1584), The Goetia (Mathers/Crowley 1904) und The Lesser Key of Solomon (Peterson 2001). Eine ausführliche Behandlung bietet die Hub-Page /goetia/.
Vodou. Haitianische Religions-Synthese aus westafrikanischen Fon- und Yoruba-Traditionen mit kreol-karibischen Elementen, in der frühneuzeitlichen Sklaverei-Diaspora entwickelt. Strukturell verwandt sind Santería (Kuba), Candomblé (Brasilien) und Lukumí (Diaspora). Die wichtigste akademische Aufarbeitung ist Maya Deren, Divine Horsemen (1953), Karen McCarthy Brown, Mama Lola (1991), Patrick Bellegarde-Smith, Haiti and the Truth of Vodou (2006). Eine ausführliche Behandlung bietet die Hub-Page /vodou/.
Goetia / Lemegeton. Wichtig: Lemegeton bezeichnet das gesamte Sammelwerk aus fünf Büchern (Goetia, Theurgia-Goetia, Ars Paulina, Ars Almadel, Ars Notoria); Goetia bezeichnet im engeren Sinn nur den ersten Teil. In der populären Rezeption werden beide Begriffe häufig synonym verwendet, was religionsgeschichtlich ungenau ist.
Schemhamphorasch. In der jüdischen Mystik der 72-stellige Gottesname, abgeleitet aus den drei Versen Exodus 14,19–21 (jeder Vers 72 Buchstaben). In der mittelalterlichen Kabbala (Sefer Raziel HaMalakh, Sohar) werden den 72 Versen 72 Engel zugeordnet, die ihrerseits in der ritualmagischen Tradition (Athanasius Kircher, Eliphas Levi, Goldene Morgenröte) den 72 Goetia-Dämonen als Schutzschicht gegenübergestellt werden.
Praktiken (Auswahl)
Fachbegriffe und Methoden
Diese Sektion ergänzt das Wesensklassen-Glossar um den methodischen, religionsgeschichtlichen und fachsprachlichen Apparat, mit dem die Detail-Pages der Site arbeiten. Die Einträge sind nach Themenfeld gegliedert. Wer einen Begriff im Text einer Detail-Page als Tooltip eingeblendet bekommt und mehr lesen will, findet hier den ausführlichen Eintrag mit Bezugswerken und Querverweisen.
Quellen-Korpus
Lemegeton. Die Lemegeton, auch Kleiner Schlüssel Salomos, ist eine Sammelhandschrift der frühneuzeitlichen ritualmagischen Tradition aus dem 17. Jahrhundert. Sie umfasst fünf Bücher: Goetia (Anrufung der 72 Dämonen), Theurgia-Goetia (Anrufung von Mittler-Geistern der Himmelsrichtungen), Ars Paulina (Engel-Magie nach planetaren Stunden), Ars Almadel (Anrufung an einer Wachstafel) und Ars Notoria (Memorier-Praxis, älteste Schicht aus dem 13. Jahrhundert). Die Standard-Editionen sind Joseph Peterson, The Lesser Key of Solomon (Weiser, 2001), und Stephen Skinner / David Rankine, The Goetia of Dr Rudd (Golden Hoard Press, 2007). Eine ausführliche Darstellung des Goetia-Teils steht auf /goetia/.
Pseudomonarchia Daemonum. Anhang zu Johann Weyers Hauptwerk De praestigiis daemonum (Basel, 1577). Älteste systematische Liste der 72 Geister, die später ins Lemegeton einging. Reginald Scot übersetzte sie 1584 in seinen Discoverie of Witchcraft ins Englische. Die historische Forschung (Owen Davies, Grimoires, Oxford 2009) sieht in Weyers Liste die Verbindungslinie zwischen mittelalterlich-klerikaler und frühneuzeitlich-bürgerlicher Magie.
Malleus Maleficarum (Hexenhammer). Das wichtigste Lehrbuch der frühneuzeitlichen Hexenverfolgung, verfasst 1487 von Heinrich Kramer (Institoris) und Jakob Sprenger. Drei Teile: theoretische Grundlegung der Hexerei, praktische Inquisitions-Anweisungen und Sanktions-Apparat. Die historische Forschung (Wolfgang Behringer, Brian Levack) hat die Wirkung des Werks auf die mittelosteuropäischen Verfolgungen detailliert aufgearbeitet. Für die Sukkubus-Inkubus-Theologie ist es zentraler Quellentext.
Sefer Yetzira. Kurzes mystisches Werk der jüdischen Tradition, vermutlich zwischen dem 2. und 6. Jahrhundert n. Chr. entstanden. Gilt als Grundtext der Kabbala und führt die Lehre der 22 hebräischen Buchstaben und 10 Sephiroth ein. Ariel Bension, Aryeh Kaplan und Gershom Scholem haben es in moderne Sprachen übersetzt und kommentiert.
Apokryphon des Johannes. Gnostische Schrift aus der Bibliothek von Nag Hammadi (Codex II,1, Codex III,1, Codex IV,1, Codex Berolinensis 8502). Verfasst vermutlich im 2. Jahrhundert n. Chr. Ausführlichste Darstellung der gnostischen Archonten-Theologie und der Yaldabaoth-Figur. Edition: Nag Hammadi Deutsch (Schenke / Bethge / Kaiser, 2 Bände, de Gruyter, 2001–2003). Eine Behandlung der Archonten-Lehre auf Basis dieses Texts steht auf /archonten/.
Garuda Purana. Hindu-Purana aus dem 8.–10. Jahrhundert. Gilt als zentraler Text für die Toten-Topographie, die Yamaduta und das karmische Höllen-System. In der hindu-rituellen Praxis bei Sterbeprozessen rezitiert. Standardübersetzung: Ernest Wood / S. V. Subrahmanyam, Garuda Purana (Sacred Books of the Hindus, 1911).
Atharvaveda. Vierter Veda, ca. 1000 v. Chr. Älteste systematische Schutz- und Beschwörungs-Sammlung der indischen Tradition. Enthält Schutz-Mantras, Heilformeln und Rituale gegen Krankheits-Dämonen. Maurice Bloomfield (Hymns of the Atharva Veda, 1897) und Klaus Mylius (Geschichte der Literatur im alten Indien, 1983) sind Standardreferenzen.
Eyrbyggja Saga. Isländer-Saga aus dem 13. Jahrhundert. Eine der wichtigsten Quellen zur Draugr-Tradition mit detaillierten Wiedergänger-Episoden. Die Saga handelt von Familien-Konflikten im Snäfellsness des 10. Jahrhunderts und schildert mehrere Wiedergänger-Fälle, die rituell oder gerichtlich beendet werden müssen.
Konjaku Monogatari. Japanische Geschichten-Sammlung aus dem 12. Jahrhundert (1120–1140). Über 1000 Erzählungen aus indisch-buddhistischer, chinesischer und japanischer Tradition. Zentrale frühe Quelle für die Tengu-, Yuurei- und Yokai-Klassifikation. Standardübersetzung ins Deutsche durch Klaus Müller (Iudicium, 2001).
Talmud, Mischna, Sohar. Drei Schichten der jüdischen Tradition. Die Mischna (redigiert um 200 n. Chr. durch Jehuda ha-Nasi) ist die älteste Kodifikation der mündlichen Tora. Der Talmud in babylonischer und jerusalemer Fassung ergänzt sie um Gemara-Auslegungen (4.–6. Jh.). Der Sohar (13. Jahrhundert, Spanien, Mose de Léon zugeschrieben) ist das Hauptwerk der mittelalterlichen jüdischen Mystik.
Schlüsselbegriffe der Fachsprache
Theurgie. Höhere ritualmagische Praxis zur Verbindung mit Göttern oder höheren Geistern. Iamblichos hat sie in De mysteriis (ca. 300 n. Chr.) gegen die niedere Goetia abgegrenzt. Theurgie arbeitet mit Anrufungs-Formeln, ritualer Reinheit und einer Lehre der Aufstiegs-Sphären. In der Renaissance durch Marsilio Ficino und in der Goldenen Morgenröte des 19. Jahrhunderts wieder rezipiert.
Sigille. Magisches Schriftzeichen, das einen Geist, eine Absicht oder eine Energie graphisch verdichtet. Ältester Beleg: die jüdische Hekhalot-Literatur, später ausgearbeitet in der mittelalterlichen Engel-Magie. In der Lemegeton-Tradition trägt jeder der 72 Geister eine eigene Sigille; in der Chaos-Magie nach Spare und Carroll wird die Sigillen-Methode als bewusste Wunsch-Kanalisierung verwendet.
Schemhamphorasch. In der Kabbala der 72-stellige Gottesname, gewonnen aus den drei Versen Exodus 14,19–21 (jeder Vers 72 Buchstaben). In der mittelalterlichen jüdischen Mystik werden den 72 Versen 72 Engel zugeordnet (Sefer Raziel HaMalakh), die ihrerseits den 72 Goetia-Dämonen als Schutzschicht gegenübergestellt werden. Diese Konstellation ist religionsgeschichtlich eine sekundäre Synthese, in der Lichtarbeiter-Tradition aber etabliert.
Tetragrammaton, Sephirot, Klipot. Drei Schlüsselbegriffe der jüdischen Mystik. Das Tetragrammaton JHWH ist der heilige Vier-Buchstaben-Name Gottes. Die zehn Sephirot bilden den kabbalistischen Lebensbaum, von Keter (Krone) bis Malkuth (Königreich). Die Klipot (Schalen) der lurianischen Kabbala sind Manifestationen kontaminierter Energie, die in der Tikkun-Praxis befreit werden müssen.
Apophatik. Theologisches Sprechen, das Gott oder das Absolute nur durch Verneinung beschreibt („Gott ist nicht Vater im menschlichen Sinn“). Klassisch in Pseudo-Dionysios Areopagita (De mystica theologia), in Meister Eckharts deutscher Mystik und in der jüdischen Apophatik des Maimonides. Der Begriff ist religionsphänomenologisch wichtig, weil er eine ganze theologische Methode benennt.
Synkretismus. Verschmelzung von Elementen verschiedener Religionen oder Kulte zu neuen Mischformen. Klassische Beispiele: das haitianische Vodou (Lwa und katholische Heilige), der lateinamerikanische Marien-Kult mit aztekischer Tonantzin-Schicht, die japanische Shinbutsu-shūgō-Tradition mit buddhistischer und shintoistischer Doppelschicht. Religionsgeschichtlich neutral; nicht zu verwechseln mit Eklektizismus.
Schlafparalyse. Wahrnehmungs-Zustand, in dem das Bewusstsein erwacht, der Körper aber durch REM-Atonie noch gelähmt ist. Wird kulturhistorisch mit Sukkubus, Inkubus, Mahr, Alp und Old-Hag-Phänomen verbunden. David Hufford hat in The Terror that Comes in the Night (1982) die phänomenologische Konstanz über Kulturen hinweg dokumentiert; Owen Davies (Paranormal, 2009) hat den volkskundlichen Kontext für den englischsprachigen Raum aufgearbeitet.
Aretalogie. Antiker Lobpreis-Text, der die Leistungen und Wundertaten einer Gottheit auflistet. In den hellenistischen Zauberpapyri als Anrufungs-Form etabliert. Strukturell setzt jede Aretalogie voraus, dass der Sprecher die Funktionen der Gottheit präzise kennt; sie ist damit ein Lehrtext mit ritualer Funktion.
Liminal, liminale Phase. Begriff der Anthropologie (Arnold van Gennep, Les rites de passage, 1909; Victor Turner, The Ritual Process, 1969). Bezeichnet die Schwellen-Phase im Übergang zwischen zwei Zuständen, etwa zwischen Leben und Tod, Wachen und Traum, Kindheit und Erwachsensein. Religionsgeschichtlich relevant für Initiation, Bestattung, Schamanentanz.
Soteriologie. Lehre von der Erlösung oder Befreiung der Seele. In christlicher Tradition Heil durch Christi Opfer; in buddhistischer Tradition Befreiung aus Samsara durch Erleuchtung; in hinduistischer Tradition Moksha durch Erkenntnis (jnana), Hingabe (bhakti) oder Werke (karma). Soteriologische Aussagen treffen Setzungen über das letzte Ziel des Daseins.
Personen der Religionswissenschaft
Mircea Eliade (1907–1986). Rumänisch-amerikanischer Religionswissenschaftler. Hauptwerke: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik (1951), Die Religionen und das Heilige (1949), Geschichte der religiösen Ideen (4 Bände, 1976–1991). Eliade prägte die religionsphänomenologische Methode mit ihren Schlüsselbegriffen Hierophanie, axis mundi, illud tempus. In jüngerer Zeit kritisch aufgearbeitet wegen seiner politisch-faschistischen Verstrickungen in den 1930er Jahren.
Walter Burkert (1931–2015). Deutscher Religionswissenschaftler und Altphilologe. Hauptwerke: Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche (Kohlhammer, 1977), Homo Necans (1972), Anthropologie des religiösen Opfers (1984). Standardreferenz für die antike Mythologie und Religion in deutscher Sprache.
Carl Gustav Jung (1875–1961). Schweizer Tiefenpsychologe, Begründer der analytischen Psychologie. Hauptwerke zu Archetypen (Über die Archetypen des kollektiven Unbewussten, 1934), Schatten (Aion, 1951), Individuation und Synchronizität. Für die religionsphänomenologische Deutung von Träumen, Visionen und mediumistischen Erfahrungen weiterhin maßgebliche Referenz.
Wouter Hanegraaff (geb. 1961). Niederländischer Esoterik-Forscher, Leiter des Lehrstuhls für „History of Hermetic Philosophy and Related Currents“ an der Universität von Amsterdam. Hauptwerke: New Age Religion and Western Culture (Brill, 1996), Esotericism and the Academy (Cambridge UP, 2012). Mitbegründer der ESSWE (European Society for the Study of Western Esotericism).
Helena Petrovna Blavatsky (1831–1891). Russisch-amerikanische Esoterikerin, Mitgründerin der Theosophischen Gesellschaft (New York, 1875). Hauptwerke: Isis Unveiled (1877), The Secret Doctrine (1888). Begründerin der modernen theosophisch-esoterischen Synthese aus östlicher Weisheit, Spiritismus und westlichem Okkultismus.
Aleister Crowley (1875–1947). Britischer Magier, Schriftsteller und Bergsteiger. Gründer der thelemitischen Tradition (Liber AL vel Legis, 1904) und Herausgeber der englischen Goetia-Edition (1904, mit Mathers). Sehr umstrittene Figur der westlichen Esoterik, mit kontroverser Persönlichkeit und großem Einfluss auf die nachfolgende ritualmagische Tradition.
Jeffrey Burton Russell (geb. 1934). US-Religionshistoriker. Vierbändige Studie zur Geschichte des Teufels: The Devil. Perceptions of Evil from Antiquity to Primitive Christianity (1977), Satan. The Early Christian Tradition (1981), Lucifer. The Devil in the Middle Ages (1984), Mephistopheles. The Devil in the Modern World (1986). Maßgebliche Aufarbeitung der christlichen Dämonologie.
Annemarie Schimmel (1922–2003). Deutsche Islamwissenschaftlerin. Hauptwerk: Mystische Dimensionen des Islam (Diederichs, 1985, deutsche Übersetzung von Mystical Dimensions of Islam, 1975). Führende Sufi-Forscherin im deutschen Raum, mit langer Lehrtätigkeit in Bonn und Harvard.
Yanagita Kunio (1875–1962). Japanischer Folklorist, Begründer der modernen japanischen Folkloristik (minzokugaku). Hauptwerk: Tono Monogatari (1910), Sammlung von Volkserzählungen aus der Tono-Region. Klassifikator der Yokai-Tradition mit Standard-Werken zur regionalen Verteilung von Kappa, Tengu, Yuurei und anderen Wesen.
Lafcadio Hearn (1850–1904). Irisch-amerikanischer Schriftsteller, ab 1890 in Japan ansässig. Sammelte und literarisierte japanische Spuk-Geschichten in Kwaidan: Stories and Studies of Strange Things (1904). Prägte die westliche Wahrnehmung von Yuki-Onna, Yuurei und der japanischen Spuk-Ästhetik nachhaltig.
Esoterische Schulen und Strömungen
Theosophische Gesellschaft. 1875 in New York von Helena Petrovna Blavatsky, Henry Steel Olcott und William Quan Judge gegründet. Drei deklarierte Ziele: Bildung eines Kerns universaler Brüderlichkeit, Studium vergleichender Religion und Philosophie, Erforschung der unerklärten Naturgesetze und der latenten menschlichen Kräfte. Bis heute aktiv mit Sektionen weltweit, größter Sitz in Adyar (Indien). Religionsgeschichtlich entscheidend für die Vermittlung östlicher Weisheits-Traditionen in den Westen.
Goldene Morgenröte (Hermetic Order of the Golden Dawn). 1887/88 in London gegründeter Geheimorden mit Samuel Liddell MacGregor Mathers, William Wynn Westcott und William Robert Woodman. Integrierte Kabbala, enochianische Magie John Dees, Tarot, ägyptische Mysterien und Alchemie zu einem komplexen Initiations-System. Mitglieder waren u. a. William Butler Yeats, Arthur Machen, Aleister Crowley und Dion Fortune. Trotz früher Spaltungen (1900) bleibt die GM die einflussreichste ritualmagische Schule des 20. Jahrhunderts.
Chaos-Magie. Britische Strömung der späten 1970er Jahre, gegründet von Peter Carroll und Ray Sherwin. Zentrale Texte: Carroll, Liber Null (1978) und Psychonaut (1982). Methodisch radikal-pluralistisch: Praktizierende wechseln bewusst zwischen Paradigmen und arbeiten mit Sigillen, Servitoren, Invokation und Belief Shifting. Vorgänger ist die Sigillen-Magie von Austin Osman Spare (1886–1956). Organisation: Illuminates of Thanateros (IOT, 1978).
Vajrayana und Mahayana. Zwei der drei Hauptzweige des Buddhismus. Mahayana (Großes Fahrzeug) entstand ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. mit dem Bodhisattva-Ideal und ausgearbeiteter philosophischer Reflexion (Madhyamaka, Yogacara). Vajrayana (Diamant-Fahrzeug) ist die tantrische Form, primär in Tibet beheimatet, mit Yidam-Praxis, Mantra-Technik und der Lehre der vier Tantra-Klassen. Padmasambhava (8. Jh.) gilt als Übermittler des Vajrayana nach Tibet.
Bön. Vorbuddhistische religiöse Tradition Tibets. Arbeitet mit der Klassifikation Tsen, Nyen, Lu, Dü als Wesens-Hierarchie der nicht-menschlichen Welt. Im 7.–11. Jahrhundert teilweise vom Buddhismus überlagert, teilweise aber als eigenständige Tradition fortgeführt. Heute als „Yungdrung Bön“ institutionell anerkannt und mit eigenen Kloster-Strukturen.
Sufismus. Mystische Strömung des Islam. Arbeitet mit Dhikr (Gottes-Gedenken), Sama (Hör-Musik) und der Pfad-Lehre vom Schüler unter einem Sheich. Hauptwerke: Rumi (Mathnawi, 13. Jh.), Ibn Arabi (Al-Futuhat al-Makkiyya, 13. Jh.), al-Hallaj. Annemarie Schimmel hat die Tradition für den deutschen Sprachraum maßgeblich erschlossen.
Gnosis und Neuplatonismus. Zwei spätantike philosophisch-religiöse Strömungen, die im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. nebeneinander existierten und einander beeinflussten. Die Gnosis (vor allem in der sethianischen und valentinianischen Schule) lehrt eine dualistische Kosmologie mit niederen Archonten und einer befreienden Erkenntnis (gnosis). Der Neuplatonismus (Plotin, Iamblichos, Proklos) lehrt eine gestufte Emanation aus dem Einen und integriert die theurgische Praxis als Aufstiegs-Methode.