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Yamaraja, Gott der hinduistischen Tradition

Yamaraja ist Gott der hinduistischen Tradition.

König der Toten, erster Sterblicher, der den Weg ins Jenseits fand und zum Richter der Verstorbenen wurde. Yamaraja, auch Yama oder Dharmaraja (der Richter der Tugend), regiert das Totenreich nicht als ewiger Strafort, sondern als Uebergangsstation im Kreislauf der Wiedergeburt. Er fuehrt das unbestechliche Buch der Taten, einen Spiegel des Karma, und entscheidet, welches Leben eine Seele als Naechstes empfaengt. Mit seinem Lasso fasst er jene, deren Zeit gekommen ist, und mit seinem Stab wahrt er die Ordnung zwischen Leben und Tod.

Inhaltsverzeichnis

Yama - Götter aus der Hinduismus-Tradition, historisch-illustrativ

Yamaraja

Auf einen Blick: Yamaraja

Typ: Totengottheit, Herrscher und Richter des Jenseits
Pantheon: Hinduismus (Veda bis Purana)
Funktion: Herrscher des Totenreichs Yamaloka, Richter nach dem Tode, Wahrer des Karma
Hauptattribute: Pasha (Lasso/Schlinge), Danda (Stab der Gerechtigkeit), Buch der Taten (Chitragupta), Wasserbueffel
Hauptkultorte: Yamunotri (Quelle der Yamuna), Tamil Nadu (Sirkali), Sued- und Westindien
Buddhistische Aufnahme: Yama Dharmaraja (Tibet), Enma (Japan)

Historische Einordnung

Zeitraum der Texte

Die Überlieferung zu Yamaraja reicht vom Rigveda (circa 1500–1200 v. Chr., Hymne 10.14) bis in die Gegenwart. Die ausfuehrlichsten Darstellungen finden sich in der Garuda-Purana (wahrscheinlich 9.–10. Jahrhundert n. Chr.), die zentrale Aussagen zur Eschatologie und zum Karma-Gericht enthaelt. In der Katha-Upanishad (vermutlich 6.–5. Jahrhundert v. Chr.) unterweist Yamaraja den Knaben Naciketas in den Geheimnissen von Unsterblichkeit und Tod. Das Mahabharata und die Manusmriti greifen ihn regelmaessig auf; in neueren Schriften (Bhagavata-Purana, Brahma-Purana) bleibt seine Rolle zentral.

Verbreitungsraum

Yamaraja wird auf dem indischen Subkontinent von Norden bis Sueden verehrt, mit Schwerpunkt in Sued- und Westindien (Karnataka, Tamil Nadu, Maharashtra), wo traditionelle Tempel existieren. Seine Verehrung breitet sich mit der hinduistischen Diaspora ueber Suedostasien, die Karibik (Trinidad, Mauritius) und die westliche Welt aus. Im Buddhismus wird er als Yama Dharmaraja in Tibet und im Bardo-Thoedol (Tibetisches Totenbuch) aufgegriffen; in der japanischen Tradition erscheint er als Enma im Buddhismus und der Folklore.

Quellenlage

Zentral sind der Rigveda (Hymne 10.14), der Atharvaveda, die Katha-Upanishad, das Mahabharata (besonders in der Bhishma-Parva), die Garuda-Purana, die Brahma-Purana, die Bhagavata-Purana und die Manusmriti. Tantri­sche und ritualtechnische Quellen werden durch die Pinda-Sutras und Bestattungs-Vedangas ergaenzt. Sekundaere gelehrte Kommentare stammen von Adi Shankara und anderen Vedanta-Schulen.

Name und Varianten

Sanskrit: Yama (यम), wörtlich „Zaum“ oder „Zaender“, bezeichnet urspruenglich den Zaum der Rosse, später die Kontrolle, die Ordnung. Yamaraja (यमराज) bedeutet „König Yama“. Dharmaraja (धर्मराज) „Koenig der Tugend“ oder „Richter“, ein haeufiger Beiname. Weitere Beinamen: Mrityu (Tod), Antaka (Ender), Samvartaka (der Versammler), Kritanta (Entscheider). Verwandte Bezeichnungen: Yamaloka (das Reich Yamas), Yamaloka-pati (Herr von Yamaloka), Pitra-pati (Herr der Ahnen). Wichtige Familie: Sohn von Surya (Sonne) und Saranyu (eine Gottin des Wasserdampfes), Zwillingsbruder von Yami (erste sterbliche Frau und Göttin des Flusses Yamuna).

Charakteristika

Erscheinung

Yamaraja wird meist dunkelgrun oder dunkelrot dargestellt, seltener schwarz. Er traegt eine rote oder goldene Robe, einen Turban oder eine Krone und Ohrringe. In den Haenden haelt er sein charakteristisches Lasso Pasha, die Schlinge, mit der er die Seelen der Verstorbenen einfaengt, sowie den Danda, einen Stab oder eine Keule, Symbol seiner rechtsprechenden Gewalt. Sein Reittier ist der Mahisha, der Wasserbueffel, schwarz oder blutroth. An seiner Seite sitzt sein Schreiber Chitragupta, der das unfehlbare Buch der Taten fuehrt, auf dem jede Handlung eines jeden Wesens eingetragen ist.

Wesen und Wirken

Yamaraja ist nicht die Verkörperung des Todes selbst, das ist Mrityu oder Kala (die Zeit), sondern der Verwalter und Richter des Jenseits. Anders als in einer abendlaendischen Hoelle ist Yamalocka, sein Reich, kein Strafort für die Ewigkeit. Vielmehr stellt sich ihm jede Seele nach dem Tod zur Rechenschaft: Chitragupta liest aus seinem Buch vor, Yamaraja erkennt das Karma und entscheidet, in welcher Form und in welchem Leben die Seele wiedergeboren wird. Rechtschaffene Seelen finden schnell ihre nächste Existenz; Seelen mit schwerem Karma erfahren Lauterungsprozesse. Yamaraja selbst ist unbestechlich, kein Opfer, keine Bitte kann sein Urteil aendern.

4. Steckbrief: Yamaraja

Die wichtigsten Aspekte von Yamaraja auf einen Blick. Die Tabelle fasst Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und Parallelen zusammen.

Tradition

Sohn von Surya (dem Sonnengott) und Saranyu. Als erster Mensch, der starb, fand er selbststaendig den Weg ins Jenseits, etablierte dort eine Ordnung und wurde dadurch zum ewigen Herrscher des Totenreichs. Im Mahabharata teilt sich seine Vaterschaft teils mit Yudhishthira, dem juengsten Pandava-Bruder.

Yamarajas Funktion

Herrscher des Totenreichs Yamaloka, unbestechlicher Richter nach dem Tode, Entscheider ueber Karma und Wiedergeburt, Wahrer der kosmischen Ordnung (Dharma), Geleiter von Seelen im Sterbe-Prozess.

Darstellung

Dunkelgrue­ner oder dunkelroter Gottkoenig, mit Turban oder Krone, in Robe, mit Pasha (Schlinge) und Danda (Stab), reitend auf einem schwarzen oder blutroten Wasserbueffel, begleitet von Chitragupta, dem Schreiber.

Yamarajas Verehrung

Hauptkultorte in Yamunotri (Quelle der Yamuna, Uttarakhand), Tamil Nadu (Sirkali-Tempel), sowie in Sued- und Westindien. Verehrung in Sterbe-Begleitungen durch Yama-Mantras, Gebete beim Tode eines Familienangehoerigen. Pinda (Speiseopfer für Verstorbene) wird dem Namen Yamas dargebracht, um seinen Segen für die Reise ins Jenseits zu erbitten. Das Bhai Dooj-Fest (Fest der Brueder und Schwestern, im Diwali-Zeitraum) feiert die legendaere Umarmung zwischen Yama und seiner Zwillingsschwester Yami.

Yamarajas Symbole
Pasha (Schlinge zum Einfangen der Seele), Danda (Stab der Gerechtigkeit), das Buch der Taten oder der Karma-Spiegel (unter Obhut Chitraguptas), Wasserbueffel (Mahisha), rote Robe, dunkle Hautfarbe, Opium-Mohn (in spaeten Darstellungen).
Vergleichbares

Hades und Pluto (Griechenland/Rom, Herrscher Unterwelt), Anubis und Osiris (Aegypten, Seelengewicht, Rechtsprechung), Ereshkigal (Mesopotamien, Herrin Unterwelt), Hel (Germanisch, Tochter Lokis, Herrin Helheim), Mictlantecuhtli (Aztekisch, Gott des Totenreichs). Die Funktion des Karma-Spiegels teilt sich am stärksten mit Anubis und der aegyptischen Toetung-Waegung.

5. Verehrung im Alltag

Yamaraja ist in der alltaeglichen Hinduistischen Verehrung weniger praesent als große Hauptgoetter wie Shiva oder Vishnu, doch bei kritischen Lebensereignissen, vor allem beim Sterben, wird er eingezogen.

Bei schwerer Krankheit oder unmittelbar vor dem Tod werden Yama-Mantras rezitiert, beispielsweise aus dem Yajnavalkya Smriti: „Om Yamaaya Namah“ (Verneigung vor Yama). Diese Gebete sollen die Seele schaetzen und Yama um sanfte Ausfuehrung bitten. Nach dem Tode eines Familienangehoerigen wird das Pinda-Ritual vollzogen: Reis- oder Weizenkloesse werden an den Namen des Verstorbenen geopfert, mit Anrufung Yamas, damit dieser die Seele sicher ins nächste Leben geleitet.

Das Bhai Dooj-Fest, das am zweiten Tag nach Diwali gefeiert wird, erinnert an ein Treffen zwischen Yama und seiner Zwillingsschwester Yami, bei dem sie sich umarmten und Yama versprach, dass kein Bruder durch Yami sterben werde. Am Bhai Dooj legen Schwestern einen Segen auf die Stirn ihrer Brueder, um sie unter Yamas Schutz zu stellen. Zahlreiche Familiennamen und Vornamen sind vom Namen Yama abgeleitet oder enthalten ihn (etwa Yamuna für Frauen, in Erinnerung an die Schwester).

6. Yamaraja, Parallelen in anderen Kulturen

7. Weitere Parallelen

Die Funktion eines unbestechlichen Richters, der die Taten der Lebenden prueft und ueber das nächste Leben entscheidet, verbindet Yamaraja mit Hades, dessen Unterwelt zwar keine Wiedergeburt kennt, aber gleichfalls ein unumgaengliches Gericht. Mit Anubis und Osiris teilt er die Idee des Karma-Spiegels beziehungsweise der Herzenswiegung. Im Gegensatz zu vielen occidentalen Totengottheiten ist Yamaraja aber nicht primär ein Strafer, er ist ein kosmischer Verwaltungsbeamter der Ordnung (Dharma), der die Seele auf ihren Weg begleitet und nicht verhindert.

Standardliteratur (Vergleichende Religionswissenschaft):

  • Eliade, Mircea: Die Religionen und das Heilige. Otto Müller, Salzburg 1954.
  • Hanegraaff, Wouter J. (Ed.): Dictionary of Gnosis and Western Esotericism. Brill, Leiden 2005.
  • Smith, Jonathan Z.: Map Is Not Territory. Studies in the History of Religions. Brill, Leiden 1978.

Weiterführende Verlinkungen

  • [Hades, Griechenland](/hades/) (Vergleich: unbestechlicher Richter)
  • [Anubis, Aegypten](/anubis/) (Karma-Wieguung)
  • [Osiris, Aegypten](/osiris/)
  • [Yami, Hinduismus](/yami/) (Zwillingsschwester, Flussgottheit)
  • [Chitragupta, Hinduismus](/chitragupta/) (Schreiber und Begleiter)
  • [Totengottheiten, Sub-Kategorie](/totengottheiten/)
  • [Götter, Klassen-Uebersicht](/goetter/)

Quellen und Literatur

  • Macdonell, Arthur A.: Vedic Mythology. Varanasi 1974 (Reprint).
  • Frauwallner, Erich: Outline of the Philosophy of the Upanisads. Delhi 1973.
  • Parrinder, Geoffrey: Avatar and Incarnation. A Comparison of Indian and Christian Traditions. Oxford 1970.
  • Danielou, Alain: Hindu Polytheism. Princeton 1964.
  • Grimes, John A.: A Concise Dictionary of Indian Philosophy. Albany 1996.
  • Stietencron, Heinrich von: Hindu Myth, Hindu History. Religion, Art, and Politics in India. Delhi 1996.
  • Meisig, Marion (Hg.): Das Bild Yamas in Religionen und Kulturen Asiens. Stuttgart 2004.