Ra ist Gott der ägyptischen Tradition.
Ägyptischer Sonnengott und Hochgottheit, Schöpfer der Ordnung und täglicher Neuerschaffer der Welt. Ra steht im Zentrum der ägyptischen Religion und Mythologie als oberste Gestalt des Kosmos.
Er verkörpert die Kraft der Sonne, die zyklische Wiedererneuerung und den ewigen Kampf zwischen Licht und Chaos. Sein Name ist gleichbedeutend mit göttlicher Macht und der Garantie, dass Tag folgt auf Nacht, und dass das Gute über das Böse triumphiert.
Ra ist als ägyptischer Sonnengott zugleich Schöpfer und Erhalter der Welt.
Typ: Hochgottheit, Sonnengott, Schöpfergott
Pantheon: Ägypten
Funktion: Schöpfer der Ordnung, Tägliche Erneuerung der Welt, Kampf gegen das Chaos
Hauptattribute: Sonnenscheibe, Uräus-Schlange, Falkenk
opf, Skarabäus
Hauptkultorte: Heliopolis (On), Theben (Karnak-Luxor/Amun-Ra), Abu Gurob
Römisches Pendant: Sol Invictus, Helios (Griechenland)
Die Überlieferung zu Ra reicht vom Alten Reich (ca. 2700, 2200 v. Chr.), wo er in den Pyramidentexten bereits als Hochgottheit verehrt wird, über das Mittlere und Neue Reich bis in die ptolemaerisch-römische Zeit.
Die wichtigsten literarischen Zeugnisse sind die Pyramidentexte (Altes Reich), die Sargtexte (Mittleres Reich), das Ägyptische Totenbuch (bes. das Buch vom Tag und das Buch von der Nacht) und die Sonnenlitaneien aus den Tempeln. Die synkretistischen Verschmelzungen mit Atum und Amun entstehen stärker im Neuen Reich und bewähren sich bis zur römischen Zeit.
Mythologische Einordnung
Ra, der Sonnengott, ist das prägende kosmische Prinzip des ägyptischen Universums und die tägliche Manifestation der Schöpfungskraft. Er fährt täglich in seinem Sonnenschiff über den Himmel, untergeht am Abend und durchquert nachts die Unterwelt (Duat) in einem epischen Kampf gegen die Schlange Apophis, die täglich versucht, ihn zu verschlingen.
Ra verkörpert die zyklische Natur von Leben, Tod und Wiedergeburt. Er verschmilzt mit anderen Göttern (Amun-Ra, Ra-Horakhty) und bildet damit eine vielfältige Gestalt der Universalkraft.
Ra wird im gesamten antiken Ägypten verehrt, mit Schwerpunkten in Heliopolis (Iunu, aeg. On), dem ältesten Sonnenkultort, und Theben (mit der synkretistischen Gestalt Amun-Ra).
Seine Verehrung ist nicht an eine einzelne Stadt gebunden, sondern durchzieht die Religionsausuebung vom Delta bis zur nubischen Grenze. Nach der Eroberung durch hellenistische und römische Mächte wird Ra mit dem griechischen Helios und dem römischen Sol Invictus gleichgesetzt.
Den Kern der Überlieferung bilden die Pyramidentexte aus Giza, Memphis und Abydos (5. 6. Dynastie), die Ra bereits als Himmels- und Schöpfergott darstellen. Die Sargtexte des Mittleren Reiches erweitern die Mythen um kosmische Kreisläuwfe.
Das Ägyptische Totenbuch (ca. 1550, 1070 v. Chr.) beschreibt Ras nächtliche Fahrt durch die Unterwelt in reicher Bildsprache. Tempelinschriften, Grabmalereien und Priesterkommentare in Tempelbibliotheken (z. B. Edfu, Dendera) erläutern die Synkretismen und den rituellen Alltag.
Ägyptisch: Ra (auch Re, aeg. Rˤ oder Raˤ), Determinativ: Sonnenscheibe. Die Wurzel deutet auf „Sonne“ hin. Schreibvarianten: Re (lat. Transliteration, häufig in älteren Fachbüchern), Ra (moderne Konvention), Pre (Lesart aus Hieroglyphen, seltener).
Synkretistische Namen: Atum-Ra (Verschmelzung mit dem Schöpfergott Atum von Heliopolis, bes. die Morgenform), Amun-Ra (Verschmelzung mit dem Höchstgott Amun von Theben, dominiert das Neue Reich), Ra-Harachte (Horus im Horizont, die vereinigte Gestalt des aufgehenden Horus und des Sonnengottes), Chnum-Ra (Verschmelzung mit dem Schöpfergott-Widder Chnum an der Südgrenze).
Beinamen: Chepre (Morgenform als Skarabäus, „der Werdende“), Atum (Abendform als bejahrter Mensch oder Widder), Chenti-Amenty (Herr des Westens, in der Unterwelt), Neb-Tawy (Herr der beiden Länder, des Kosmos). Hieroglyphische Darstellung: Die Sonnenscheibe (Aten), oft mit einem darunter liegenden Punkt oder Kreis.
Erscheinung
Ra wird typischerweise als Mann mit Falkenkopf dargestellt, auf dessen Scheitel die leuchtende Sonnenscheibe sitzt. Um die Sonnenscheibe windet sich die Uräus-Schlange (aeg. wadjet), das Symbol der königlichen Macht und des Schutzes. In frühen Darstellungen (Altes Reich) sitzt Ra in einer Barke (Schiff) und wird von anderen Göttern gezogen.
Spätere Abbildungen zeigen ihn teilweise als Skarabäus (Chepre, die Morgenform, eine Mistkäfer-Gestalt), die den Sonnenball die ganze Nacht über wälzt, bis er ihn am Morgen wieder ausstosst und die Sonne neu entsteht. In der Abendform erscheint er als alter, bejaehrter Mann oder Widder (Atum-Form).
Wesen und Wirken
Ra ist der Gott der Sonne am Himmel und darüber hinaus die Kraft der Schöpfung und Erneuerung selbst. Nach ägyptischer Kosmologie schafft er durch seine tägliche Fahrt über den Himmel in der Tagbarke Mandschet den Tag und ordnet die Welt.
In der Nacht fährt er in der Nachtbarke Mesektet durch die Unterwelt (Duat), wo er auf den Chaos-Dämonen Apophis trifft, eine riesige Schlange, die ihn zu verschlingen droht.
Jede Nacht kämpft Ra gegen Apophis; jede Nacht siegt er, und so wird die Welt erneuert. Diese kosmische Schlacht ist gleichbedeutend mit dem Sieg der Ordnung (Ma’at) über das Chaos (Isfet).
Erscheinung und Symbolik
Ra wird dargestellt als Mann mit einem Falkenkopf und der Sonnenscheibe, geschmückt mit der Uräi, der heiligen Schlange der Pharaonen.
Er trägt Schmuck aus Gold und trägt das Scepter des Himmels. In seinen täglichen Phasen wechselt er Erscheinungsformen: als Khepri (Skarabäus) in der Morgenröte, als Ra zur Mittagszeit, als Atum am Abend, und als Auf nachts in der Unterwelt.
Die Sonnenscheibe ist sein dominierendstes Symbol, das Leben, Wärmekraft und bewusste Intelligenz repräsentiert.
Die wichtigsten Aspekte von Ra auf einen Blick. Die Tabelle fasst Herkunft, Funktion, Erscheinung, Verehrung, Symbole und Parallelen zusammen.
Ra entsteht als Selbstschöpfer oder wird von Atum geschaffen (die Mythen variieren). In einigen Versionen ist er Sohn des Atum und der Himmelsgöttin Nut. In Heliopolis (On), dem ältesten Kultort, wird er als direkte Manifestation der Sonnenenergie verehrt.
Die Pharaonen ab der 5. Dynastie (ca. 2500 v. Chr.) nennen sich „Sohn des Ra“ (Sa Ra) und legitimieren so ihre Herrschaft als irdische Spiegelung der kosmischen Ordnung.
Hochgottheit und Garant der kosmischen Ordnung (Ma’at). Schöpfer und täglicher Neuerschaffer der Welt. Führer des Kampfes gegen Chaos und Dunkelheit. Beschützer der Pharaonen und des ägyptischen Volkes. Seine Funktion ist kosmisch, von Moral im personalen Sinne unabhängig: Er repräsentiert die zwingend notwendige Wiederkehr des Guten und des Lichts.
Mann mit Falkenkopf, Sonnenscheibe und Uräus-Schlange auf der Stirn. Skarabäus-Form (Chepre) als Morgenform. Alter Widder (Atum) als Abendform. Sitzt in einer Barke (Mondschet oder Mesektet), gezogen von anderen Göttern oder Tieren.
Hauptkultorte: Heliopolis (On, der älteste und bedeutendste Sonnentempel, zerstört, aber literarisch weitverbreitet), Theben (Karnak und Luxor mit dem Amun-Ra-Heiligtum), Abu Gurob (Sonnenheiligtum der 5. Dynastie, plätze der täglichen Rituale).
Priesterliche Ständige: Priester in Heliopolis leiteten tägliche Sonnenhymnen. Die Pharaonen selbst fungierten als weltliche Repräsentanten Ra auf Erden. Private Verehrung: Skarabäus-Amulette als persönliche Schutzamulette, Sonnenaufgangs-Anrufungen bei Höhepunkten des Lebens.
Ra war der Gott der Garantie der Ordnung, kein Gott persönlicher Erlösungsverheissungen oder Mysterien. Seine Verehrung spielte sich auf zwei Ebenen ab:
Priesterlich und Staat: Pharaonen und Priester vollzogen tägliche Rituale in den Tempeln von Heliopolis, Karnak und anderen Kultstätten. Am Morgen wurden Hymnen gesungen, um Ra bei seinem Aufstieg zu unterstützen; am Abend wurden Schutzzauber und Kampfgesänge gegen Apophis angestimmt.
Diese Rituale galten als kosmische Arbeit, die die Existenz der Welt selbst garantierte, weit über eine Private Andacht hinaus.
Persönlich und Händler: Privatpersonen trugen Skarabäus-Amulette mit Ra-Symbolen oder Ra-Namen, um sich des täglichen Schutzes zu versichern. Bei Sonnenaufgang wurden kurze Gebete oder Anrufungen gerichtet. Besonders unter Pharaonen der 5. Dynastie wurden Sonnenheiligtümer als Grabdenkmäler errichtet, um den Pharao in Ra’s kosmische Umlaufbahn einzugliedern.
In Personennamen: Der Name Ra selbst trug große Macht. Zusammengesetzte Namen wie Si-Ra (Sohn des Ra) oder Ra-Hotep (Ra ist zufrieden) waren in ägyptischen Familien, besonders unter der Elite, weit verbreitet.
Griechenland und Rom
Helios trägt alle Attribute des Ra: Sonnengott, tägliche Fahrt über den Himmel in einer Quadriga (Wagen), Lampenträger der Welt. In der späteren römischen Zeit wird Ra mit Sol Invictus (Unbezwingbare Sonne) verschmolzen, bes. unter Kaiser Aurelian (270, 275 n. Chr.), der Sol Invictus als Hochgott etablierte. Die Parallele reicht bis zum frühen Christentum, das Christi Auferstehung symbolisch mit dem Sonnenaufgang verbindet.Vedische und hinduistische Tradition
Surya (Sonnengott) und Savitar (Erwaecker, Antreiber) teilen mit Ra die Funktion der täglichen Erneuerung. Der Rigveda (ca. 1500 v. Chr.) beschreibt Surya als Fahrt über den Himmel auf einer goldenen Quadriga. Aber im Gegensatz zu Ra, der Hochgottheit bleibt, wird Surya in der späteren Hinduismus von Brahma, Vishnu und Shiva als oberste Trimurti überlagert.Mesopotamien
Schamasch ist ägyptisch-mesopotamischer Sonnengott und Richter. Im Gegensatz zu Ra ist Schamasch aber nicht die kosmische Hochgottheit, sondern ein Aspekt-Gott unter vielen. Marduk erhält in Babylon die Rolle des Welterschaffers und Chaos-Bewältigers (Kampf gegen Tiamat), was functional dem Ra ähnelt, aber nicht auf die Sonne beschränkt ist.Germanische Tradition
Die Sonne (Sol, Sunna) wird in der germanischen Mythologie von einer Göttin repräsentiert, die ebenfalls in einer Quadriga über den Himmel fährt, verfolgt vom Wolf Sköll. Die Funktion ist ähnlich (tägliche Erneuerung), aber das Geschlecht und die Symbolik unterscheiden sich.
Das zentrale theologische Bild des Ra ist seine tägliche Reise.
Am Tag durchquert der Sonnengott den Himmel in der Tagesbarke, am Abend besteigt er die Nachtbarke und fährt durch die Unterwelt, die Duat.
Diese nächtliche Fahrt ist in eigenen Texten ausführlich beschrieben, vor allem im Amduat, wörtlich das, was in der Unterwelt ist, und im Pfortenbuch. Beide gehören zu den Unterweltsbüchern, die in den Gräbern des Neuen Reiches an den Wänden der Königsgräber im Tal der Könige aufgemalt wurden.
Das Amduat teilt die Nacht in zwölf Stunden, von denen jede einen eigenen Bereich mit eigenen Wesen darstellt. In der mittleren Stunde, oft der sechsten, ereignet sich der entscheidende Vorgang: Der Sonnengott vereinigt sich mit dem Leichnam des Osiris, und aus dieser Vereinigung gewinnt er die Kraft zur Wiedergeburt.
Die Forschung, etwa Erik Hornung, der die Unterweltsbücher umfassend ediert und übersetzt hat, sieht darin den Kern der ägyptischen Vorstellung von der Erneuerung des Kosmos.
Die Reise ist nicht ungefährdet. In jeder Stunde drohen Hindernisse, Pforten müssen passiert, schädliche Wesen abgewehrt werden. Der größte Feind ist die Schlange Apophis, die die Barke aufzuhalten sucht. Begleiter wie andere Gottheiten und die im Jenseits weilenden seligen Toten unterstützen den Gott.
Am Ende der zwölften Stunde wird Ra als Skarabäus oder als Kind neu geboren und steigt am östlichen Horizont auf. Diese Erzählstruktur gab den Ägyptern ein Modell, mit dem sich der tägliche Sonnenlauf, der Tod und die Hoffnung auf Wiedergeburt in ein einziges Bild fassen ließen.
Der Gegenspieler des Ra ist Apophis, in ägyptischer Aussprache Apep, eine gewaltige Schlange, die die Sonnenbarke auf ihrer nächtlichen Fahrt bedroht.
Apophis verkörpert das Chaos selbst, das Ungeordnete, das die geschaffene Welt jeden Tag aufs Neue zu verschlingen droht; ein einzelner Feind wäre eine zu kleine Vorstellung. Anders als Götter wird Apophis nie geboren und nie endgültig getötet; er ist eine dauerhafte Bedrohung.
In den Unterweltsbüchern und in eigenen Ritualtexten wird der Kampf gegen Apophis geschildert. Die Schlange versucht, das Wasser, auf dem die Barke fährt, zu verschlucken oder den Weg zu versperren. Götter wie Seth, der am Bug der Barke steht, oder die Göttin Selket fesseln und durchbohren das Untier.
Der wichtigste Text dazu ist das sogenannte Apophisbuch, das in der spätzeitlichen Handschrift des Papyrus Bremner-Rhind überliefert ist. Es enthält Sprüche und Anweisungen, Apophis zu fesseln, zu zerschneiden und zu verbrennen.
Diese Texte wurden im Tempel rituell vollzogen. Priester fertigten Figuren der Schlange aus Wachs oder zeichneten sie auf Papyrus, um sie dann zu zertreten, zu durchbohren und zu verbrennen, eine Form der rituellen Vernichtung des Chaos.
Religionswissenschaftlich ist dieser Befund bedeutsam, weil er zeigt, dass die ägyptische Religion den Bestand der Weltordnung nicht als selbstverständlich ansah. Die Maat, die rechte Ordnung, musste täglich verteidigt werden, im Mythos durch den Sonnengott, im Kult durch die Priesterschaft. Der Sonnenaufgang war damit jeden Morgen ein errungener Sieg, kein Automatismus.
Das Hauptzentrum des Ra-Kultes war Heliopolis, die Sonnenstadt, ägyptisch Iunu, im heutigen Norden Kairos gelegen. Von hier stammt eines der wichtigsten Schöpfungssysteme Ägyptens. Im Mittelpunkt steht der Schöpfergott, der je nach Text Atum, Ra oder die Verbindung Ra-Atum heißt.
Er entsteht aus dem Urgewässer Nun und bringt aus sich selbst das erste Götterpaar hervor, Schu, die Luft, und Tefnut, die Feuchtigkeit. Aus ihnen gehen Geb, die Erde, und Nut, der Himmel, hervor, und aus diesen wiederum Osiris, Isis, Seth und Nephthys.
Diese Reihe von neun Gottheiten heißt die Neunheit von Heliopolis. Sie ordnet die wichtigsten Gottheiten des Mythos in eine genealogische Struktur und macht Ra-Atum zum Ursprung von allem.
Der heliopolitanische Priester war im Alten Reich einer der einflussreichsten religiösen Funktionsträger, und der Sonnenkult prägte die Königsideologie: Schon im Alten Reich nahmen Könige den Titel Sohn des Ra an, und die Pyramidentexte, die ältesten religiösen Texte Ägyptens, sind stark sonnentheologisch geprägt.
Sichtbares Zeichen des heliopolitanischen Kultes war der Benben, ein heiliger Steinpfeiler, der mit dem ersten Land verbunden wurde, das aus dem Urwasser auftauchte, sowie der Obelisk, dessen Spitze die Sonnenstrahlen einfangen sollte.
Die Sonnenheiligtümer der 5. Dynastie, etwa das des Niuserre in Abu Gurob, waren eigenständige, der Sonnentheologie gewidmete Bauten. Heliopolis selbst ist heute fast vollständig überbaut, doch Textfunde, Obelisken und die Berichte antiker Autoren lassen die zentrale Stellung dieses Ortes für die ägyptische Religion erkennen.
Ein selten erzählter, aber theologisch gewichtiger Mythos ist die Vernichtung der Menschheit, überliefert im Text vom Himmlischen Kuh, der in mehreren Königsgräbern des Neuen Reiches aufgezeichnet ist.
Er erzählt von einer Zeit, als Ra noch als König über Menschen und Götter auf der Erde herrschte. Der Sonnengott ist alt geworden, sein Körper aus Gold, Silber und Lapislazuli, und die Menschen planen einen Aufstand gegen ihn.
Ra beruft die Götter zu Rat. Auf ihren Beschluss sendet er sein eigenes Auge in Gestalt der Göttin Hathor oder Sachmet aus, um die Aufständischen zu strafen. Die Göttin gerät in einen Blutrausch und droht, die gesamte Menschheit auszurotten.
Ra, der die Menschen nicht vollständig vernichten will, lässt riesige Mengen Bier rot färben und über das Land ausgießen. Die Göttin hält es für Blut, trinkt es, wird trunken und lässt vom Töten ab.
Der Mythos endet mit dem Rückzug des Ra. Müde der Welt, lässt er sich von der Himmelskuh auf den Rücken nehmen und steigt in den Himmel auf; die unmittelbare Königsherrschaft auf Erden geht damit zu Ende und wird an andere Götter und schließlich an die Pharaonen übergeben.
Religionswissenschaftlich enthält der Text mehrere Erklärungen: für die Trennung von Himmel und Erde, für die Distanz zwischen dem höchsten Gott und den Menschen, für bestimmte Festbräuche mit rotem Bier und für die gefährliche Doppelnatur des Sonnenauges, das schützen und vernichten kann. Er zeigt Ra zugleich als mächtigen Herrscher und als alternde, zur Welt distanzierte Gestalt.
Ra blieb über drei Jahrtausende präsent, aber selten in unveränderter Gestalt. Charakteristisch für die ägyptische Religion ist die Verschmelzung von Gottheiten, und Ra war dabei besonders verbindungsfreudig. Schon früh erscheint Ra-Atum, die Verbindung mit dem heliopolitanischen Schöpfergott.
Mit dem Aufstieg Thebens im Neuen Reich verschmolz Ra mit dem dortigen Reichsgott Amun zu Amun-Ra, der damit zugleich verborgener Gott und sichtbare Sonne war. Auch Re-Harachte, die Verbindung mit Horus im Horizont, ist ein häufiger Bildtyp, dargestellt als falkenköpfiger Gott mit Sonnenscheibe.
Den radikalsten Eingriff stellte die Religionspolitik des Echnaton im 14. Jahrhundert v. Chr. dar. Echnaton erhob den Aton, die sichtbare Sonnenscheibe selbst, zur einzigen verehrten Gottheit und ging gegen den Amunkult vor.
Der Aton ist religionshistorisch ein Sonderfall, weil er ohne menschen- oder tiergestaltiges Bild verehrt wurde, dargestellt allein als Scheibe mit Strahlen, die in Hände auslaufen. Nach Echnatons Tod wurde diese Reform rückgängig gemacht und die traditionelle Götterwelt einschließlich Amun-Ra wiederhergestellt.
Diese Geschichte der Verschmelzungen ist für die Forschung ein Schlüssel zum Verständnis der ägyptischen Theologie. Hornung und andere haben gezeigt, dass die Ägypter Gottheiten anders dachten als sich gegenseitig ausschließende Individuen: Sie konnten Aspekte einer Gottheit in einer anderen erkennen, ohne dass die einzelnen Götter dabei verschwanden.
Ra ist insofern weniger eine feste Figur als ein theologisches Prinzip, das Prinzip der Sonne als Ursprung, Erhalter und täglich erneuerter Garant der Weltordnung, das sich mit zahlreichen lokalen und überregionalen Gottheiten verbinden ließ.
Weitere Standardwerke im Literaturverzeichnis.
Ra (auch Re, ägyptisch Rʿ, die Sonne) ist der höchste Sonnengott des ägyptischen Pantheons und in vielen Perioden Reichsgott. Seine Verehrung war besonders intensiv im Alten Reich in Heliopolis (ägyptisch Iunu, Stadt der Säule).
Ra fährt täglich in seiner Sonnenbarke über den Himmel, am Morgen als Khepri (Skarabäus), am Mittag als Ra (Falke), am Abend als Atum (alter Mann). Bei Nacht durchquert er die zwölf Stunden der Unterwelt, wo er gegen die Chaosschlange Apophis kämpft.
Im Verlauf der ägyptischen Geschichte verschmolzen verschiedene Sonnengott-Konzepte. Ra war der ursprüngliche Sonnengott von Heliopolis. Im Mittleren Reich wurde Amun von Theben mit Ra zu Amun-Ra verschmolzen, dem Reichsgott des Neuen Reiches.
Echnaton (1351-1334 v. Chr.) versuchte in seiner Aton-Reform, alle Götter durch den abstrakten Sonnen-Aspekt Aton zu ersetzen, die einzige bekannte monotheistische Reform der ägyptischen Religionsgeschichte, die aber nach seinem Tod schnell rückgängig gemacht wurde.
Gegen seine Einwirkung nennt die kulturübergreifende Überlieferung diese Schutzmittel:
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