Das Pazuzu-Amulett – der Dämon als Schutz gegen Lamaschtu

Das Pazuzu-Amulett gehört zu den eindrücklichsten Schutzobjekten des Alten Orients. Es zeigt den Kopf eines gefürchteten Winddämons, und gerade darin lag seine Aufgabe: Pazuzu sollte eine noch gefährlichere Macht abwehren, die Kindbettdämonin Lamaschtu. Das Amulett verbindet damit Form und Funktion so eng wie kaum ein zweites antikes Objekt.

SchutzsymbolMesopotamienApotropäikon
Bronzenes Pazuzu-Kopfamulett aus Mesopotamien mit Aufhängeöse auf dunklem Steinhintergrund

Einordnung

Das Pazuzu-Amulett ist ein tragbares Schutzobjekt aus dem Alten Orient. Vom Ende des zweiten Jahrtausends bis weit in das erste Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung war es in Mesopotamien und den angrenzenden Regionen verbreitet. Es bildet den Kopf oder die vollständige Gestalt des Dämons Pazuzu ab und wurde am Körper getragen, an Schnüre gehängt oder im Wohnraum aufgestellt. Über mehrere Jahrhunderte hinweg gehörte es zur selbstverständlichen Ausstattung des häuslichen Schutzes.

Das Besondere an diesem Amulett ist ein scheinbarer Widerspruch. Pazuzu selbst galt als gefährliches Wesen, als Herr der bösen Winddämonen. Dennoch suchten Menschen ausdrücklich seinen Schutz. Die altorientalische Vorstellung folgte dabei einer nachvollziehbaren Logik: Eine bedrohliche Macht kann eine andere, als noch bedrohlicher empfundene Macht in Schranken halten. Das Amulett war daher kein Glücksbringer im heutigen Sinn, sondern ein gezieltes Abwehrobjekt mit klar umrissener Aufgabe.

In der Religionswissenschaft zählt das Pazuzu-Amulett zu den Apotropäika. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bezeichnet Gegenstände, deren Zweck das Abwenden von Unheil ist. Das Pazuzu-Amulett gehört zu den am besten erforschten Apotropäika des Vorderen Orients, weil es in großer Stückzahl erhalten geblieben ist und sich Form und Funktion bei kaum einem anderen Objekt so eng miteinander verbinden lassen. Es bietet damit einen seltenen, gut belegten Einblick in die Alltagsreligion einer untergegangenen Welt.

Pazuzu, der Herr der Winddämonen

Pazuzu tritt in den schriftlichen Quellen als König der bösen Winddämonen auf, als Sohn des Gottes Hanbi. Sein Wirkungsbereich war der heiße, trockene Wind, der aus dem Westen und Südwesten über das Zweistromland zog. Dieser Wind brachte Fieberkrankheiten, Dürre und Heuschreckenschwärme. Pazuzu verkörperte also keine abstrakte Bedrohung, sondern eine sehr konkrete, im bäuerlichen Alltag jedes Jahr erfahrbare Gefahr.

Auffällig ist, dass Pazuzu fast keine eigene Mythologie besitzt. Während andere Gestalten des Alten Orients in Erzählungen, Hymnen und Epen ausführlich geschildert werden, ist Pazuzu beinahe ausschließlich durch die Amulette selbst und durch wenige Beschwörungstexte bekannt. Er ist ein Wesen, das im Gegenstand lebt, nicht in der Erzählung. Diese Eigenart hat die Forschung lange beschäftigt, denn sie ist für eine derart verbreitete Figur ungewöhnlich. Eine ausführlichere Darstellung der Gestalt findet sich auf der Seite zu Pazuzu im Wesenslexikon.

Gerade weil Pazuzu den schädlichen Wind beherrschte, konnte er ihn nach altorientalischer Überzeugung auch zurückhalten. Wer den Herrn der Winddämonen auf seine Seite brachte, gewann einen mächtigen Verbündeten gegen genau jene Kräfte, denen Pazuzu vorstand. Das Amulett machte dieses Bündnis sichtbar und dauerhaft. Es trug den Dämon nicht als Bedrohung, sondern als gebundene, nach außen gewendete Schutzmacht.

Gestalt und Ikonographie

Die Ikonographie Pazuzus ist ein Musterbeispiel für ein zusammengesetztes Mischwesen. Der Kopf trägt ein hunde- oder löwenartiges Gesicht mit tief liegenden, hervortretenden Augen, einer ausgeprägten Stirnpartie und einem Paar geschwungener Hörner. Der menschenähnliche Körper ist schuppig dargestellt, die Füße enden in Vogelkrallen, und meist tragen die Darstellungen zwei Flügelpaare. Den Abschluss bildet ein Skorpionschwanz.

Jedes dieser Merkmale stammt aus dem Bestand gefährlicher oder grenzgängerischer Tiere. Raubtier, Greifvogel und Skorpion sind Wesen, denen die altorientalische Kultur Wehrhaftigkeit und Gefahr zuschrieb. Die Mischgestalt bündelt diese Eigenschaften und macht Pazuzu zu einer Erscheinung, die schon im Anblick abschreckt. Eine erhobene und eine gesenkte Hand bilden zudem eine feste Gebärde, die in der Forschung als ritueller Gestus der Drohung und Abwehr gedeutet wird.

Diese Gestalt war keine freie künstlerische Erfindung, sondern ein über Jahrhunderte stabiler Bildtyp. Wer ein Pazuzu-Amulett in die Hand nahm, erkannte sofort, worum es sich handelte. Gerade die Wiedererkennbarkeit war wichtig, denn das Bild sollte unmissverständlich wirken, sowohl auf den Träger als auch auf die Mächte, die es abwehren sollte. Die Beständigkeit des Typs zeigt, wie verbindlich die Vorstellung von Pazuzu im Alten Orient war.

Material, Größe und Inschrift

Beim Material überwiegt Bronze, daneben sind Stein, gebrannter Ton und Fayence belegt. Bronze ließ sich gießen und erlaubte eine feine Ausarbeitung der Gesichtszüge, weshalb gerade die Kopf-Anhänger oft sorgfältig gestaltet sind. Die Größen reichen von kleinen Anhängern weniger Zentimeter Höhe bis zu größeren Köpfen und vollständigen Figuren, die als Standbild oder als Aufsatz dienten.

Zwei Grundformen lassen sich unterscheiden. Es gibt die vollständige Figur als Statuette oder Anhänger, und es gibt, sehr viel häufiger, den isolierten Pazuzu-Kopf mit einer Aufhängeöse. Der Kopf allein galt als vollwertiger Schutz. Ein Teil stand stellvertretend für das Ganze, ein in der Amulettkunde weit verbreitetes Prinzip. Der Kopf war zugleich handlicher, leichter zu tragen und günstiger herzustellen.

Viele Stücke tragen eine Inschrift. Häufig ist es die feststehende Selbstvorstellung des Dämons, die sinngemäß damit beginnt, er sei Pazuzu, der Sohn des Hanbi, der König der bösen Winddämonen. Diese Formel war nicht bloße Beschriftung. Sie war aktiver Bestandteil der Schutzwirkung, denn das Benennen des Wesens und das Festhalten seines Ranges galten als Mittel, seine Kraft zu binden und auf das Amulett zu verpflichten.

Schutz gegen Lamaschtu

Die wichtigste Aufgabe des Pazuzu-Amuletts war die Abwehr der Lamaschtu. Diese Dämonin galt als Bedrohung für Schwangere, für Wöchnerinnen und für Neugeborene. Man schrieb ihr Fehlgeburten, das Fieber des Kindbetts und den frühen Tod von Säuglingen zu. Lamaschtu war damit die Verkörperung einer der größten realen Gefahren der antiken Lebenswelt, in der Geburt und erste Lebenswochen für Mutter und Kind hochriskant waren.

Pazuzu trat dieser Macht als Gegenkraft entgegen. Besonders deutlich wird das auf den sogenannten Lamaschtu-Plaketten. Diese Tafeln aus Bronze oder Stein zeigen in mehreren Bildregistern, wie die Dämonin beschworen und in die Unterwelt zurückgedrängt wird. Über den oberen Rand der Plakette ragt ein Pazuzu-Kopf, der auf die Szene herabblickt und die Verbannung gleichsam überwacht. Die Tafeln wurden über dem Bett oder an der Wand des Wohnraums angebracht.

Schwangere Frauen und kleine Kinder trugen darüber hinaus Pazuzu-Kopf-Anhänger unmittelbar am Körper. Das Amulett begleitete also genau jene Personen, die als besonders gefährdet galten. Damit war es eng mit dem Schutz von Geburt und früher Kindheit verbunden, einem Bereich, in dem der Wunsch nach Sicherheit besonders dringlich war.

Trageweise und häuslicher Gebrauch

Das Pazuzu-Amulett war kein Objekt für besondere Anlässe, sondern Teil des alltäglichen Lebens. Die Aufhängeöse an den Kopf-Anhängern zeigt, dass die Stücke an einer Schnur um den Hals oder am Gewand getragen wurden. So begleitete der Schutz seinen Träger durch den Tag und blieb auch in der Nacht in der Nähe.

Daneben hatte das Amulett einen festen Platz im Haus. Größere Köpfe und Figuren wurden an Wänden, über Türen oder in der Nähe der Schlafstätte angebracht. Türen, Fenster und Schwellen galten im Alten Orient als die Stellen, an denen schädliche Mächte in den geschützten Raum eindringen konnten. Genau dort setzte man Pazuzu ein, um die Grenze des Hauses zu sichern.

Der Gebrauch reichte über alle sozialen Schichten. Einfache, schlicht gegossene Stücke stehen neben sorgfältig gearbeiteten Exemplaren. Das Pazuzu-Amulett war damit kein Vorrecht der Wohlhabenden, sondern ein breit getragener Schutz, der vom Wunsch nach Sicherheit für Familie und Haushalt getragen wurde. Diese Alltäglichkeit unterscheidet es von rein kultischen Gegenständen, die allein den Tempeln vorbehalten waren.

Verbreitung und Datierung

Die große Zeit des Pazuzu-Amuletts war das erste Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Im neuassyrischen und neubabylonischen Reich war es in weiten Teilen der Bevölkerung in Gebrauch, und auch in der anschließenden Perserzeit blieb es lebendig. Über viele Generationen hinweg gehörte es zum festen Bestand des häuslichen Schutzes.

Die Funde reichen weit über das Kernland Mesopotamiens hinaus. Pazuzu-Amulette sind in der Levante, in Iran, in Ägypten und sogar im östlichen Mittelmeerraum belegt. Diese weite Streuung zeigt, dass die Objekte mit Menschen, Waren und Vorstellungen reisten und dass die mit ihnen verbundene Schutzidee auch über kulturelle Grenzen hinweg verständlich war.

Als Fundkontexte treten vor allem Gräber und Wohnhäuser hervor, gelegentlich auch Heiligtümer. Im Grab sollte das Amulett den Verstorbenen weiter begleiten, im Haus diente es den Lebenden. Die Verteilung über Regionen und Lebensbereiche hinweg macht deutlich, wie tief das Pazuzu-Amulett in der materiellen Religion des Alten Orients verankert war.

Das Wirkprinzip: Dämon gegen Dämon

Das Pazuzu-Amulett folgt einem Schutzprinzip, das die Religionswissenschaft als Abwehr durch eine verbündete Schreckmacht beschreibt. Statt allein eine wohlwollende Gottheit um Beistand zu bitten, band man die Kraft eines gefürchteten Wesens und richtete seine Feindseligkeit nach außen, gegen Lamaschtu und gegen den schädlichen Wind.

Die Inschrift auf den Amuletten erfüllte dabei eine genaue Funktion. Indem sie Pazuzu beim Namen nannte und seine Herkunft und seinen Rang feststellte, legte sie ihn zugleich fest. Der Dämon wurde benannt, eingeordnet und damit handhabbar gemacht. Sein zerstörerisches Wesen blieb erhalten, doch seine Stoßrichtung war nun bestimmt und auf den Schutz des Trägers verpflichtet.

Dieses Muster ist im Alten Orient kein Einzelfall, und es begegnet auch in anderen Kulturen. Das furchterregende Bild, das Unheil abschreckt, findet sich etwa im griechischen Gorgoneion, dem Medusenhaupt an Schilden und Hausgiebeln, oder in den drohenden Fratzen ostasiatischer Türwächter. Das Pazuzu-Amulett ist eine besonders klar ausgearbeitete Form dieses verbreiteten Gedankens, dass Schrecken mit Schrecken abgewehrt werden kann.

Forschungsgeschichte und heutige Rezeption

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Pazuzu reicht in das frühe 20. Jahrhundert zurück, als Assyriologen wie Heinrich Zimmern die Beschwörungstexte erschlossen. Den bis heute maßgeblichen Überblick legte Nils Heeßel im Jahr 2002 vor. Seine archäologische und philologische Studie ordnete den großen Bestand an Amuletten und Plaketten und schuf damit die Grundlage für jede weitere Beschäftigung mit dem Thema. Wichtige Einordnungen verdankt die Forschung außerdem Frans Wiggermann, der die mesopotamischen Schutzgeister und ihre rituellen Texte untersucht hat.

Einem breiten Publikum ist der Name Pazuzu vor allem durch den Film Der Exorzist aus dem Jahr 1973 bekannt, in dem eine Pazuzu-Statue eine Rolle spielt. Diese Rezeption hat den Dämon weithin bekannt gemacht, zugleich aber sein Bild verzerrt. In der populären Wahrnehmung gilt Pazuzu seither als reine Verkörperung des Bösen. Der historische Befund ist ein anderer. Das Pazuzu-Amulett war ein Schutzobjekt, ein Gegenstand der Fürsorge für Schwangere und Kinder. Wer es trug, suchte nicht das Böse, sondern wollte es abwehren.

Originale Pazuzu-Amulette und die berühmte Statuette des Dämons sind heute in mehreren großen Sammlungen zu sehen, darunter im Louvre in Paris, im British Museum in London und im Vorderasiatischen Museum in Berlin. Sie bezeugen eine Schutztradition, die über Jahrhunderte hinweg den Alltag vieler Menschen begleitete und die zu den eindrucksvollsten Kapiteln der altorientalischen Amulettkunde gehört.

Literatur (Auswahl)

  • Nils P. Heeßel: Pazuzu. Archäologische und philologische Studien zu einem altorientalischen Dämon (2002)
  • Frans A. M. Wiggermann: Mesopotamian Protective Spirits. The Ritual Texts (1992)
  • Jeremy Black, Anthony Green: Gods, Demons and Symbols of Ancient Mesopotamia (1992)
  • Walter Farber: Lamaštu. An Edition of the Canonical Series of Lamaštu Incantations (2014)
  • Eckart Frahm (Hrsg.): A Companion to Assyria (2017)

Verwandte Schlüsselbegriffe: Pazuzu Lamaschtu Apotropäikon Winddämon Bronzeamulett Hanbi Kindbett Beschwörung Altorient.

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Persönliche Erfahrungen können unterschiedlich sein. Kein Medizinprodukt. Kein Heilversprechen.

iWell Guard ist kein Medizinprodukt und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Die hier dargestellten Inhalte sind religionswissenschaftliche und kulturhistorische Einordnung, keine spirituelle Wirkungszusage.