Der Daruma – die japanische Wunsch- und Stehauf-Puppe

Der Daruma ist eine runde, rote japanische Puppe, die sich nach jedem Umstoßen von selbst wieder aufrichtet. Sie steht für Beharrlichkeit und begleitet einen Wunsch oder ein Ziel, bis es erreicht ist.

SchutzsymbolJapanWunschpuppe
Daruma - Schutzsymbol, museale Illustration

Einordnung

Der Daruma ist eine japanische Puppe von rundlicher Gestalt, meist in kräftigem Rot. Sie hat keine Arme und keine Beine und ist am Boden beschwert. Dadurch richtet sie sich nach jedem Umstoßen von selbst wieder auf.

Die Puppe ist in Japan weit verbreitet und gehört zu den vertrautesten Glücks- und Wunschgegenständen des Landes. Sie ist mit dem Setzen von Zielen und mit dem Wunsch nach deren Gelingen verbunden.

Der Daruma ist kein abwehrendes Schutzbild im engeren Sinn. Er steht vielmehr für eine Haltung, nämlich für die Beharrlichkeit, ein Ziel trotz Rückschlägen weiterzuverfolgen. Zugleich trägt er Züge eines Glücks- und Schutzgegenstands.

In der Beschäftigung mit japanischer Volkskultur ist der Daruma ein gutes Beispiel für ein Objekt, das einen religiösen Ursprung mit einem sehr praktischen Gebrauch verbindet. Er geht auf eine Gestalt des Buddhismus zurück und ist doch ein Gegenstand des Alltags.

Der Daruma verbindet mehrere Bedeutungen in einer einzigen Figur. Seine Gestalt, seine Farbe und der Brauch, seine Augen nach und nach auszumalen, tragen jeweils einen eigenen Sinn. Diese Bedeutungen werden im Folgenden entfaltet.

Bodhidharma, der Daruma

Der Name der Puppe verweist auf eine bedeutende Gestalt der buddhistischen Geschichte. Daruma ist die japanische Form des Namens Bodhidharma. Bodhidharma gilt als der Mönch, der eine bestimmte Richtung des Buddhismus begründete.

Diese Richtung ist die Meditationsschule, die in Japan Zen genannt wird. Sie legt besonderen Wert auf die Versenkung und auf die unmittelbare Erfahrung. Bodhidharma wird als der Lehrer verehrt, der diese Schule in Ostasien begründete.

Bodhidharma ist eine halb geschichtliche, halb legendäre Gestalt. Über sein Leben gibt es mehr Erzählung als gesichertes Wissen. Gerade die Erzählungen aber haben die Vorstellung von ihm geprägt und sind in die Gestalt der Daruma-Puppe eingegangen.

Die Puppe bildet Bodhidharma also nicht beliebig ab. Sie ist die volkstümliche, ins Heitere gewendete Darstellung eines verehrten buddhistischen Lehrers. In ihr lebt die Erinnerung an den Begründer des Zen in einer alltagsnahen Form fort.

Damit hat der Daruma einen ehrwürdigen Hintergrund. Was als runde, rote Puppe erscheint, ist zugleich ein Abbild einer der wichtigsten Gestalten der buddhistischen Überlieferung. Religiöser Ursprung und volkstümliche Form treffen im Daruma zusammen.

Die Legende der Versenkung

Die ungewöhnliche Gestalt der Daruma-Puppe wird mit einer Legende über Bodhidharma erklärt. Diese Legende handelt von seiner außerordentlichen Versenkung.

Der Erzählung nach soll Bodhidharma viele Jahre lang ununterbrochen in Meditation gesessen haben, das Gesicht einer Wand zugewandt. Diese ausdauernde Versenkung galt als Zeichen seiner vollkommenen Hingabe an die Übung.

Die Legende berichtet weiter, dass durch das lange, regungslose Sitzen seine Arme und Beine geschwunden seien. Aus dieser drastischen Erzählung erklärt sich die Gestalt der Puppe. Der Daruma hat keine Gliedmaßen, weil die Legende sie Bodhidharma im langen Sitzen schwinden lässt.

Die runde, gliederlose Form der Puppe ist damit kein Zufall und keine bloße Vereinfachung. Sie ist die bildliche Umsetzung einer Legende. Wer den Daruma betrachtet, sieht den in der Versenkung sitzenden Bodhidharma vor sich.

Die Legende verbindet die heitere Puppe mit einem ernsten Inhalt, nämlich mit der Ausdauer in der geistigen Übung. Diese Verbindung von Ausdauer und Gestalt ist die Grundlage für die weitere Bedeutung des Daruma als Zeichen der Beharrlichkeit.

Gestalt: die Stehauf-Figur

Der Daruma ist als sogenannte Stehauf-Figur gebaut. Das bedeutet, dass er am Boden beschwert und nach oben hin leicht ist. Wird er umgestoßen, kehrt er von selbst in die aufrechte Stellung zurück.

Diese Bauweise ist das eigentliche Kennzeichen des Daruma. Man kann ihn anstoßen, neigen und umwerfen, doch er bleibt nicht liegen. Er richtet sich jedes Mal wieder auf. Dieses Verhalten ist der Kern seiner Bedeutung.

Hergestellt wird der Daruma meist aus Pappmaché. Er ist hohl und leicht, mit einem beschwerten Boden. Diese einfache Technik erlaubt eine Fertigung in großer Zahl und macht die Puppe erschwinglich.

Das Gesicht des Daruma trägt einen ernsten, kräftigen Ausdruck mit einem markanten Bart, der an Bodhidharma erinnern soll. Die Augenpartie bleibt bei der Herstellung in der Regel leer. Die Augen werden erst später ausgemalt, und dieser Brauch hat eine eigene Bedeutung.

Die Gestalt des Daruma ist damit ganz auf eine einzige Aussage hin gebaut. Eine Figur, die sich immer wieder aufrichtet, ist das anschauliche Bild für eine Haltung, die sich von Rückschlägen nicht niederwerfen lässt.

Die zwei Augen und der Wunsch

Mit dem Daruma ist ein besonderer Brauch verbunden, der die beiden Augen der Puppe betrifft. Ein neuer Daruma hat in der Regel zwei leere, weiße Augenfelder ohne Pupillen.

Wer mit dem Daruma einen Wunsch oder ein Ziel verbindet, malt zu Beginn eines der beiden Augen aus. Dieses Ausmalen geschieht im Augenblick, in dem der Wunsch gefasst oder das Ziel gesetzt wird. Es ist gleichsam der feierliche Anfang des Vorhabens.

Der Daruma mit einem ausgemalten Auge begleitet dann den Menschen, solange das Ziel verfolgt wird. Er wird an einen sichtbaren Platz gestellt und erinnert täglich an den Wunsch und an die Aufgabe, an ihm festzuhalten.

Erst wenn das Ziel erreicht ist, wird das zweite Auge ausgemalt. Damit ist der Daruma vollständig, und der Brauch ist abgeschlossen. Das zweite Auge ist gleichsam die Bestätigung des Gelingens.

Dieser Brauch macht den Daruma zu einem Begleiter eines Vorhabens. Er ist kein Gegenstand, der einfach im Regal steht, sondern er ist mit einem bestimmten Wunsch verbunden und nimmt an dessen Verlauf teil. Der Daruma ist damit ein Zeichen der Selbstverpflichtung.

Sieben mal fallen, achtmal aufstehen

Die tiefere Bedeutung des Daruma fasst ein japanisches Sprichwort zusammen. Es spricht sinngemäß davon, sieben Mal zu fallen und acht Mal wieder aufzustehen. Dieses Sprichwort und die Stehauf-Figur gehören eng zusammen.

Der Sinn des Sprichworts ist die Beharrlichkeit. Es kommt nicht darauf an, niemals zu fallen, sondern darauf, nach jedem Fall wieder aufzustehen. Wer beharrlich bleibt, erhebt sich am Ende öfter, als er gefallen ist.

Der Daruma verkörpert diese Haltung in seiner Bauweise. Die Stehauf-Figur kann gar nicht liegen bleiben. Sie richtet sich nach jedem Umstoßen wieder auf. Damit ist sie das vollkommene Bild für die Tugend der Ausdauer.

Diese Bedeutung verbindet den volkstümlichen Daruma wieder mit seinem buddhistischen Ursprung. Die ausdauernde Versenkung Bodhidharmas und die Beharrlichkeit, die das Sprichwort lehrt, sind dieselbe Tugend. Der Daruma trägt sie vom religiösen in den alltäglichen Bereich.

So wird der Daruma zu einem Zeichen der Ermutigung. Er steht neben dem Menschen, der ein Ziel verfolgt, und erinnert ihn daran, dass Rückschläge zum Weg gehören. Entscheidend ist allein, jedes Mal wieder aufzustehen.

Die rote Farbe und der Schutz

Die übliche Farbe des Daruma ist ein kräftiges Rot. Diese Farbe ist nicht beliebig gewählt. Rot hat in der japanischen Tradition wie in vielen anderen Kulturen eine schützende Bedeutung.

Rot wird mit Kraft und mit der Abwehr von Unheil verbunden. In der Vergangenheit galt die rote Farbe in Japan auch als Schutz gegen Krankheiten. Bei bestimmten ansteckenden Krankheiten schrieb man dem Rot eine abwehrende Wirkung zu.

Aus dieser Vorstellung erhielt der rote Daruma eine schützende Bedeutung, die über das Setzen von Zielen hinausreicht. Er galt auch als Schutz für die Gesundheit, besonders für die Gesundheit von Kindern.

Damit trägt der Daruma neben seiner Bedeutung als Wunschpuppe einen schützenden Zug. Seine rote Farbe stellt ihn in die Reihe der roten Schutzobjekte, zu denen etwa auch der rote Faden gehört. Auch hier ist die Farbe Träger der Schutzbedeutung.

Es gibt heute Daruma auch in anderen Farben, denen jeweils eigene Bedeutungen zugeordnet werden. Der rote Daruma bleibt jedoch die ursprüngliche und verbreitetste Form. In ihm verbinden sich der Gedanke der Beharrlichkeit und die Schutzkraft der Farbe Rot.

Der Jahreszyklus

Der Daruma ist häufig in einen Jahreszyklus eingebunden. Viele Menschen verbinden den Kauf eines neuen Daruma mit dem Beginn des neuen Jahres und mit den Wünschen, die sie für dieses Jahr fassen.

Zu Jahresbeginn wird ein neuer Daruma erworben, oft an einem Tempel oder Schrein. Mit dem Ausmalen des ersten Auges wird der Wunsch für das kommende Jahr festgehalten. Der Daruma begleitet dann das Jahr.

Am Ende des Jahres wird der alte Daruma nicht einfach weggeworfen. Es ist üblich, ihn zum Tempel zurückzubringen. Dort werden die alten Puppen gesammelt und in einer Zeremonie gemeinsam verbrannt.

Dieses ehrfürchtige Verbrennen entspricht dem Umgang mit anderen geweihten Gegenständen in Japan. Auch das Omamori, der japanische Schutzbeutel, wird am Ende seines Gebrauchs zum Schrein zurückgebracht und verbrannt. Der Daruma folgt demselben Brauch.

Der Jahreszyklus aus Kaufen, Begleiten und Zurückgeben gibt dem Daruma einen festen Platz im Lauf des Jahres. Er macht den Gegenstand zu einem wiederkehrenden Begleiter, der jedes Jahr aufs Neue einen Wunsch und einen Vorsatz aufnimmt.

Heutige Rezeption

Der Daruma ist in Japan bis heute außerordentlich lebendig. Er wird zu Jahresbeginn gekauft, er begleitet Vorhaben aller Art, und er ist bei Prüfungen, im Geschäftsleben und bei persönlichen Zielen ein vertrauter Begleiter.

Besonders sichtbar wird der Daruma bei großen Vorhaben und Entscheidungen. Auch bei Wahlen ist es üblich geworden, einen Daruma aufzustellen und sein zweites Auge erst beim Erfolg auszumalen. So ist die Puppe in viele Bereiche des öffentlichen Lebens eingegangen.

Über Japan hinaus ist der Daruma als Figur bekannt geworden. Er erscheint in der Gestaltung, in Spielen und in der populären Kultur. In dieser Verbreitung ist sein buddhistischer Ursprung oft nicht mehr bewusst.

Dennoch bleibt die Grundbedeutung erkennbar. Der Daruma ist das Bild der Beharrlichkeit, der Gegenstand, der sich nicht niederwerfen lässt. Diese Botschaft ist auch ohne Kenntnis der buddhistischen Hintergründe verständlich.

Der Daruma ist damit ein eindrückliches Beispiel für ein Objekt, das viele Bedeutungen in sich vereint. Er ist Abbild eines buddhistischen Lehrers, Begleiter eines Wunsches, Zeichen der Ausdauer und durch seine rote Farbe ein Schutzgegenstand. Diese Fülle macht ihn zu einem der reichsten Glücksobjekte Japans.

Literatur (Auswahl)

  • H. Neill McFarland: Daruma. The Founder of Zen in Japanese Art and Popular Culture (1987)
  • Nelly Naumann: Die einheimische Religion Japans (1988)
  • Ian Reader: Religion in Contemporary Japan (1991)
  • Heinrich Dumoulin: Geschichte des Zen-Buddhismus (1985)
  • Lafcadio Hearn: Glimpses of Unfamiliar Japan (1894)

Verwandte Schlüsselbegriffe: Daruma Bodhidharma Stehauf-Puppe Beharrlichkeit Wunschpuppe Zen Augen Japan rote Farbe.

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Persönliche Erfahrungen können unterschiedlich sein. Kein Medizinprodukt. Kein Heilversprechen.

iWell Guard ist kein Medizinprodukt und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Die hier dargestellten Inhalte sind religionswissenschaftliche und kulturhistorische Einordnung, keine spirituelle Wirkungszusage.