Schutzengel anrufen — die Bitte um Beistand

Die Anrufung eines Schutzwesens ist eine der verbreitetsten Formen religiöser Praxis: die Bitte an ein mächtiges, wohlgesinntes Wesen, bei jemanden zu wachen, einen Menschen zu begleiten oder eine schädigende Einwirkung abzuwenden. Unter dem Begriff „Schutzengel anrufen“ lassen sich viele verschiedene Traditionen zusammenfassen, die zwar unterschiedliche Namen und Bilder für diese Schutzwesen verwenden, aber dieselbe Grundidee teilen: Der Mensch ist nicht allein, er kann sich Beistand erbitten.

Diese Überlieferung ist keineswegs auf das Christentum beschränkt, obwohl die Vorstellung des persönlichen Schutzengels im deutschsprachigen Raum vor allem durch die christliche Tradition geprägt ist. Entsprechende Vorstellungen finden sich in fast allen Weltregionen und Weltanschauungssystemen: Im Islam gibt es die Hüterengel, im Hinduismus die persönliche Gottheit, im Shintoismus die Ujigami als Schutzgeister eines Hauses oder einer Sippe, in afrikanischen Traditionen die Ahnengeister, die ihre Nachkommen schützen.

Die Anrufung des Schutzengels gehört zur Kategorie der Schutzrituale und Anrufungen.

Schnellübersicht

In der Überlieferung gilt der Schutzengel oder das ihm entsprechende Schutzwesen als einem bestimmten Menschen zugeordnetes Wesen, das ihn begleitet, warnt und gegen schädigende Einwirkung abschirmt. Die Anrufung, das Gebet oder die Bitte, die an dieses Wesen gerichtet wird, aktiviert oder vertieft nach dieser Überlieferung die Schutzbeziehung. Schutzwesen dieser Art sind in christlicher, jüdischer, islamischer, hinduistischer, buddhistische und animistischer Tradition belegt. Der Schutz gilt nach den meisten Überlieferungen nicht als Automatismus, sondern als Beziehung, die gepflegt werden muss.

Herkunft und Überlieferung

Die frühesten Belege für persönliche Schutzwesen stammen aus dem alten Mesopotamien. Das Konzept des Lamassu und des Schedu bezeichnet dort schützende Geistwesen, die einem Haus oder einer Person zugeordnet sind und als Puffer zwischen dem Menschen und schädigenden Kräften stehen. Diese Wesen wurden bildlich dargestellt, angerufen und mit Gaben bedacht. Ihr Fehlen oder Rückzug galt als Ursache für Krankheit und Unglück.

Im alten Griechenland gibt es das Konzept des Daimon, eines persönlichen Schutzgeistes, der einem Menschen bei der Geburt zugeteilt wird. Sokrates beschreibt seinen Daimon als eine innere Stimme, die ihn von Fehltritten abhält. Diese Vorstellung ist nicht identisch mit dem christlichen Schutzengel, zeigt aber dieselbe Grundstruktur: ein dem Menschen persönlich zugeordnetes höheres Wesen.

Im Judentum entwickelt sich aus den biblischen Erzählungen, in denen Engel als göttliche Boten auftreten, die Idee des persönlichen Schutzengels. Im Talmud und in der jüdischen Mystik, besonders in der Kabbala, werden Engel als einem Menschen zugeordnete Begleiter beschrieben. Der Engel Metatron und andere named angels treten als Schützer auf.

Im Christentum konsolidiert sich die Vorstellung des persönlichen Schutzengels vor allem durch Bibelstellen wie Psalm 91 („Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“) und durch die patristische Theologie des 4. und 5. Jahrhunderts. Origenes und Clemens von Alexandria diskutieren ausdrücklich, dass jedem Menschen ein Engel zugeteilt sei. Aus der liturgischen Praxis heraus entwickelt sich das SchutzengelGebet, das im deutschen Volkskatholizismus bis heute verbreitet ist.

Im Islam kennt die Überlieferung die Hafaza, die Wächterengel, die jedem Menschen zugeteilt sind und seine Taten aufzeichnen. Daneben gibt es in der islamischen Volksfrömmigkeit Praktiken der Anrufung dieser Wächterengel um Schutz, besonders vor Dschinn und dem bösen Blick.

Wirkprinzip laut Überlieferung

Das Wirkprinzip der SchutzengelAnrufung beruht auf einer Beziehungsvorstellung. Der Schutzengel oder das Schutzwesen ist dem Menschen zugeordnet, aber seine Hilfe erfordert in vielen Überlieferungen ein aktives Begehren von Seiten des Menschen. Die Anrufung ist das Zeichen, dass der Mensch diesen Beistand wünscht und die Beziehung anerkennt. Wer nicht anruft, erhält nicht notwendigerweise keinen Schutz, aber in der Volksfrömmigkeit gilt das aktive Gebet als Stärkung der Schutzbeziehung.

In vielen Überlieferungen schützt der Schutzengel nicht durch direkte Konfrontation mit einem schädigenden Wesen, sondern durch Stärkung und Warnung: Er warnt den Menschen in Träumen, lenkt seine Aufmerksamkeit auf Gefahren, stärkt seine innere Widerstandskraft. Direkte Abwehr, also dass der Engel einen Dämon bekämpft, ist ebenfalls überliefert, aber eher in der hagiographischen Literatur als in der Volksüberlieferung.

Kulturübergreifende Verbreitung

Jenseits der abrahamitischen Religionen findet sich die Vorstellung des persönlichen Schutzwesens in vielen weiteren Traditionen. Im Hinduismus ist das Konzept des Ishta-Devata, der persönlich verehrten Gottheit, eng verwandt: Wer eine bestimmte Gottheit als seine persönliche Schutzgottheit betrachtet und sie regelmäßig anruft, befindet sich unter ihrem besonderen Schutz. Ganesh, Durga oder Hanuman werden in dieser Funktion besonders häufig angerufen.

Im japanischen Shintoismus wacht der Ujigami, der Schutzgeist einer Familie oder Sippe, über die Seinen. Tempel und Schreine werden in seiner Ehre gepflegt. In der buddhistischen Tradition Japans treten Bodhisattvas wie Kannon als Beschützer auf, die um Beistand gebeten werden können.

In animistischen Traditionen Afrikas und Ozeaniens sind es häufig die Ahnengeister, die diese Schutzfunktion übernehmen. Sie werden regelmäßig angerufen, mit Gaben bedacht und um ihre Aufmerksamkeit gebeten. Diese Schutzbeziehung ist eng mit dem sozialen Gefüge der Gemeinschaft verknüpft.

Auch in schamanischen Traditionen Sibiriens und Nordamerikas gibt es das Konzept des persönlichen Schutzgeistes oder Krafttiers, das dem Schamanen oder dem betreffenden Menschen als Begleiter und Schutz dient.

Wogegen es eingesetzt wird

Die Anrufung des Schutzengels richtet sich in der Überlieferung gegen das gesamte Spektrum schädigender Einwirkungen, die den Menschen von außen treffen können. Besonders häufig genannt werden:

Dämonen und böse Geister, die als Feinde des Menschen gelten und ihn an Körper, Geist oder Seele schädigen wollen. Der böse Blick und Schadenszauber, also durch menschliche Absicht ausgelöste Einwirkungen. Unfälle und unvorhergesehene Gefahren des Alltags, gegen die der Schutzengel als unsichtbarer Begleiter warnt und lenkt. Angriffe von Nachtgeistern und Alpen, die im Schlaf einwirken, also einem Zustand der Verwundbarkeit. Allgemeinere Lebensgefährdungen wie Krankheit, Reise und Krieg, für die das mittelalterliche Christentum besondere Schutzengel-Gebete entwickelt hat.

Anwendung und Grenzen

In der Überlieferung gilt die Anrufung des Schutzengels als stets zulässige und erwünschte Praxis, die keiner besonderen Befähigung bedarf. Jeder Mensch, so die christliche Volksfrömmigkeit, hat seinen Schutzengel, und jeder darf ihn anrufen. Diese Offenheit unterscheidet die SchutzengelAnrufung von der spezialisierten Bannformel oder dem Besprechen, die in der Überlieferung an besondere Personen gebunden sind.

Die überlieferten Grenzen der SchutzengelAnrufung betreffen eher die Wirksamkeit als die Zulässigkeit: Sie setzt Aufrichtigkeit und Vertrauen voraus. Ein Gebet, das ohne innere Beteiligung gesprochen wird, gilt in der Volksüberlieferung als wenig wirksam. Außerdem ist der Schutzengel kein Werkzeug für schadhafter Absichten: Er schützt, aber er wird in der christlichen und islamischen Tradition nicht als Wesen beschrieben, das man gegen andere Menschen richten könnte.

Inhaltlich eng verwandt ist der SchutzengelAnrufung das Besprechen, wo eine Person stellvertretend für eine andere um Schutz bittet. Der Unterschied besteht darin, dass das Besprechen eine überlieferte Formel einsetzt, die SchutzengelAnrufung aber freier in Wort und Form sein kann.

Literatur (Auswahl)

  • Gustav Davidson: A Dictionary of Angels. Including the Fallen Angels, New York 1967.
  • Karl E. Loning / Erich Zenger: Als Anfang schuf Gott (zu Engelvorstellungen im Judentum und Christentum), Freiburg 1997.
  • David Albert Jones: Angels. A History, Oxford 2010.
  • Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, hrsg. von Hanns Bächtold-Stäubli, Berlin/Leipzig 1927-1942 (Artikel "Engel", "Schutzgeist").
  • Annemarie Schimmel: Die Zeichen Gottes. Die religiöse Welt des Islam, München 1995 (zu Engelvorstellungen im Islam).
  • Johann Figl (Hrsg.): Handbuch Religionswissenschaft, Innsbruck/Wien 2003 (zu Schutzgeistern in Weltregionen).

Verwandte Schlüsselbegriffe: schutzengel anrufen engelanrufung schutzgebet.

iWell Guard und Schutztraditionen

Die Vorstellung des Schutzwesens als Verbündeten, das angerufen werden kann und dem Menschen in schwierigen Momenten beisteht, ist eine der dauerhaftesten spirituellen Erfahrungen der Menschheit. Der iWell Guard vereint Schutzsymbole aus Traditionen, in denen diese Verbündeten unterschiedliche Namen und Gestalten tragen. Er ist nicht als Ersatz für persönliche Praxis gedacht, kann aber als getragener Hinweis dienen: auf die Überzeugung, dass Schutz nicht nur materiell ist und dass Verbindungen zu Schutzwesen in allen Kulturen als real und pflegenswert gelten.

Persönliche Erfahrungen können unterschiedlich sein. Kein Medizinprodukt. Kein Heilversprechen.

iWell Guard ist kein Medizinprodukt und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Die hier dargestellten Inhalte sind religionswissenschaftliche und kulturhistorische Einordnung, keine spirituelle Wirkungszusage.