Tunkasila, Großvater, Himmels-Wesen und Anrede des Heiligen in der Lakota-Tradition

Tunkasila (Lakota Thunkasila, Großvater) ist die ehrfurchtsvolle Anrede des Heiligen in der Lakota-Tradition. Sie wird gleichermaßen für Wakan Tanka, für die Vier Vorväter des Himmels und für die personifizierte Bezugsperson im Gebet verwendet.

SchöpferNative AmericanGroßvater-Anrede

Inhaltsverzeichnis

Tunkasila Grossvater Himmel - Götter aus der Native-american-Tradition, historisch-illustrativ

Einordnung in der Lakota-Religion

Tunkasila ist im Lakota-Religionssystem keine selbstständige Wesensgestalt, sondern eine theologisch wichtige Anrede-Form. Das Wort tunkasila bedeutet einfach Großvater und wird in der Alltagssprache für den biologischen Großvater wie auch für ältere männliche Verwandte verwendet. In der religiösen Rede wird die Anrede auf das Heilige ausgedehnt und damit eine bestimmte Verwandtschafts-Beziehung zum Heiligen hergestellt.

Religionswissenschaftlich ist das Tunkasila-Konzept ein zentrales Element der Lakota-Verwandtschafts-Theologie. Die Lakota-Gebete formen das Heilige nicht als fernen, distanzierten Höchstwesen, sondern als nähe Familien-Person an, mit der man in einer verwandtschaftlichen Beziehung steht. Dieses Element ist von Joseph Epes Brown, Vine Deloria Jr. und der Lakota-Theologin Doris Leader Charge wiederholt als zentrale Differenz zur westlichen Monotheismen-Tradition herausgestellt worden.

Die Lakota-Gebetspraxis enthält zwei zentrale Verwandtschafts-Anreden: Tunkasila (Großvater) für männliche und insbesondere für die höheren Himmels-Wesen, Unci (Großmutter) für weibliche und insbesondere für die Erd-Wesen (siehe auch Spider Grandmother). Diese Doppel-Anrede bildet die geschlechtlich-bipolare Struktur des Lakota-Heiligen ab und ist ein eigenständiges theologisches Element.

Die Tunkasila-Tradition steht in einem komplementären Verhältnis zur weiblichen Unci-Tradition. Die Großmutter-Anrede gilt insbesondere für die Erd-Wesen, für die Spider-Großmutter-Tradition der westlichen Lakota und für die höhere weibliche Numinosität allgemein. Diese geschlechtlich-bipolare Doppel-Theologie ist eine zentrale Strukturmerkmal der Lakota-Religion, das sie von den geschlechtlich-monotypischen Hauptgottheiten der abrahamitischen Religionen unterscheidet. Joseph Epes Brown und Severt Young Bear haben diese geschlechtliche Bipolarität als gleichberechtigte Komplementarität beschrieben, nicht als hierarchisch geordnete Geschlechter-Theologie.

Name und Etymologie

Der Lakota-Begriff thunkasila setzt sich zusammen aus thunka (Stamm) und sila (Verwandter-Marker für männliche Vorfahren). Das ergibt wortwörtlich männlicher Stammverwandter oder männlicher Vorfahre. In der Anwendung auf das Heilige wird damit die Vorstellung einer transgenerationalen Familien-Beziehung etabliert: Das Heilige ist nicht fern, sondern ein höher gestellter Verwandter.

Die Lakota-Verwandtschaftsterminologie ist insgesamt sehr komplex. Anders als im modernen amerikanischen Englisch, das für den biologischen Großvater nur einen Begriff hat, kennt das Lakota verschiedene Begriffe für verschiedene Klassen von Großvätern (z.B. tunkasila für den väterlichen Großvater und kakaala für den mütterlichen Großvater). Die Anwendung der allgemeineren Form tunkasila auf das Heilige verallgemeinert die Großvater-Beziehung und macht sie zur überbiologischen Bezugsfigur.

Eine wichtige theologische Beobachtung ist, dass tunkasila oft in der Plural-Form tunkasilas oder tunkasilapi verwendet wird, was die Großväter bezeichnet. In dieser pluralen Form referiert die Anrede insbesondere auf die Vier Großväter, die Vier Himmelsrichtungen, die als personifizierte wakan-Wesen die kosmischen Strukturierungen der Welt darstellen.

Die Vier Großväter

In der spezielleren theologischen Anwendung bezeichnet Tunkasila bzw. der Plural Tunkasilas die Vier Großväter der Himmelsrichtungen. Diese sind: Wiyohpeyata (Westen, Donner), Waziyata (Norden, Wisent, Kraft), Wiyohinyanpata (Osten, weißer Schwan, Verstand) und Itokagata (Süden, Crane, Lebenswachstum). Jedem dieser Vier wird eine Farbe (Schwarz, Rot, Gelb, Weiß) und ein wakan-Tier sowie eine bestimmte Funktion in der kosmischen Ordnung zugeschrieben.

Die Vier Großväter werden in jedem Lakota-Ritual am Anfang ausdrücklich angerufen. Das geschieht durch die Präsentation der heiligen Pfeife chanunpa in alle Vier Himmelsrichtungen, durch das Werfen kleiner Tabak-Krumen in alle Vier Richtungen, oder durch das verbale Anrufen mit der Standard-Formel Mitakuye Oyasin (Allen meinen Verwandten), die alle Verwandten, sichtbar und unsichtbar, in das Ritual mit einbezieht.

Diese Vier-Richtungen-Struktur ist die organisierende Grundstruktur der gesamten Lakota-Theologie. Sie bestimmt nicht nur das Gebet, sondern auch die rituelle Topographie der Sweat-Lodge (die nach den Vier Richtungen ausgerichtet ist), die zeitliche Strukturierung der großen Rituale (vier Tage Sonnentanz, vier Nächte Vision-Quest) und die symbolische Strukturierung der Heilungs-Praxis. Joseph Epes Brown hat in The Sacred Pipe die zentrale Bedeutung der Vier-Richtungen-Struktur ausführlich beschrieben.

Die Farbsymbolik der Vier Großväter ist je nach Reservats-Tradition unterschiedlich. In der häufigsten Variante, wie sie in Black-Elk-Texten überliefert ist, ist Westen schwarz, Norden rot, Osten gelb, Süden weiß. In anderen Lakota-Traditionen werden Westen rot, Norden weiß, Osten gelb, Süden schwarz angeordnet. Diese regionalen Varianten sind in der ethnologischen Forschung wiederholt beobachtet worden und reflektieren die genealogische Vielfalt der Lakota-Tradition. James Walker hat in den Sword-Texten eine eigene, in vielen Details abweichende Strukturierung dokumentiert, die als alternative Hauptlinie der Lakota-Theologie zu betrachten ist.

Funktion im Gebet

Die Funktion der Tunkasila-Anrede im Lakota-Gebet ist tief differenziert. Eine Standard-Lakota-Gebets-Formel beginnt mit Tunkasila Wakan Tanka, unsi unkila (Großvater Heiliger Großer, hab Mitleid mit uns), womit das Heilige in der direkten Verwandtschafts-Anrede angesprochen wird. Diese Anrede stellt eine emotionale Nähe zum Heiligen her, die in der westlichen Tradition eher der Vater-Anrede des christlichen Gebetes (Vater unser) entspricht.

Vom Eltern-Vater-Modell unterscheidet sich die Großvater-Anrede aber durch ein zusätzliches Element: die Generations-Distanz. Der Großvater ist nicht der unmittelbare Erzieher (das wäre der Vater), sondern eine Generation weiter entfernt, würdig, weise, lehrend, aber nicht direkt eingreifend. Diese Generations-Distanz erlaubt eine respektvolle Nähe ohne autoritäre Direktheit, die die spezifische Lakota-Gebets-Tonalität prägt.

Ein wichtiges Lakota-Gebets-Element ist die Anrufung der wichtigsten wakan-Wesen mit ihren spezifischen Tunkasila-Beinamen: Wakinyan Tunkasila (Donner-Großvater, siehe Thunderbird), Tatanka Tunkasila (Büffel-Großvater), Inyan Tunkasila (Stein-Großvater). Diese vielfachen Tunkasila-Anreden zeigen, dass die Großvater-Anrede flexibel auf alle höher rangigen wakan-Wesen angewendet werden kann.

Die Mitakuye Oyasin-Formel, mit der jede Lakota-Gebetshandlung abgeschlossen wird, ist eine zentrale theologische Aussage. Sie bedeutet wortwörtlich Allen meinen Verwandten und schließt nicht nur die menschlichen Familien-Verwandten, sondern auch die wakan-Verwandten, die Tier-Verwandten, die Pflanzen-Verwandten und die Stein-Verwandten in das Gebet ein. Diese radikale Erweiterung des Verwandtschafts-Begriffs auf das gesamte Kosmos-Inventar ist eine genuin lakotische Theologie-Konstruktion und gehört zu den hervorstechenden Merkmalen der Lakota-Religion im Vergleich zu monotheistischen Traditionen.

Anwendung in den Riten

Die Tunkasila-Anrede ist im gesamten Ritualprozess der Lakota-Tradition präsent. In der Inipi (Schwitzhütte) wird sie zu Beginn jeder der vier Endurance-Phasen mehrfach angerufen. In der Hanblechiyapi (Vision-Quest) ist sie das stetig wiederholte Gebets-Element der einsamen Wache. Im Wiwanyag Wachipi (Sonnentanz) wird sie an jedem der vier Tage in unterschiedlicher Akzentuierung angerufen.

Eine wichtige rituelle Anwendung ist das Cetan WakanGebet, das Heiligen-Vogel-Gebet, in dem der Heilige Vogel (oft der Adler) als Bote zwischen Mensch und Tunkasila angerufen wird. Der Adler trage das menschliche Gebet zum Großvater im Himmel und bringe die Antwort zurück. Diese Vogel-Boten-Vorstellung ist gemeinsamer Bestandteil zahlreicher indigener amerikanischer Religionen und bildet ein wichtiges Element der vermittelnden Theologie zwischen Mensch und Heiligem.

In den modernen indigenen Bewegungen, insbesondere in den Pan-Indianer-Versammlungen (wie der American Indian Movement-Bewegung seit den 1970er Jahren), ist die Tunkasila-Anrede zu einer der bekanntesten Gebets-Formen der nordamerikanischen Indianer-Religionen geworden. Sie wird in den öffentlichen Sun-Dance-Zeremonien, in den AIM-Aktivisten-Versammlungen und in der zeitgenössischen Indianer-Spiritualität weit verwendet.

Die Cetan Wakan-Adlerfeder-Tradition ist im Detail vorgeschrieben. Nur bestimmte Adler-Arten, der Steinadler (wanblee) und nicht der gewöhnliche Bussard, liefern die heiligen Federn. Diese Federn werden nur in ritueller Form ausgewechselt; sie dürfen nicht gekauft oder verkauft werden, sondern müssen rituell übergeben oder durch eine Vision erworben werden. Der Bundesgesetz Bald and Golden Eagle Protection Act (1940, mehrfach novelliert) erlaubt ausschließlich anerkannten indigenen Stammesangehörigen den Besitz von Adlerfedern für rituelle Zwecke; alle Adler-Tötungen sind streng reguliert. Dieser rechtliche Schutzrahmen ist ein einzigartiges Beispiel staatlicher Anerkennung indigener Religiosität im amerikanischen Recht.

Schutzpraxis und apotropäisches Wirken

Die schutzbezogene Praxis im Bezug zu Tunkasila ist die generelle Praxis der Lakota-Gebets-Tradition. Wer in eine Notlage gerät, Krankheit, Bedrohung, Schadgeister, ruft den Großvater an, oft mit der Standard-Formel Tunkasila, unsi unkila. Dies geschieht durch das Rauchen der heiligen Pfeife, durch das Beräuchern mit Büffelsalbei oder Süßgras, oder durch das einfache verbale Anrufen.

Eine spezifische Schutzpraxis ist das Naming CeremonyRitual, in dem ein Kind oder ein Erwachsener einen heiligen Lakota-Namen erhält. Dieser Name wird in einer Vision oder durch einen erfahrenen Heiler ermittelt und mit einer ausführlichen Anrufung der Vier Tunkasilas und der Tunkasila-Wakan-Tanka eingesetzt. Der heilige Name trägt das Kind oder den Erwachsenen das ganze Leben hindurch und gilt als wichtigster Schutz vor Schadgeistern und Unfällen.

Eine weitere wichtige Schutzpraxis ist das Tragen kleiner Adler-Federn (wanblee wapaha) als Adler-Federn-Schmuck, die nur von verdienstvoll initiierten Personen getragen werden dürfen. Die Adlerfeder symbolisiert die Verbindung zum Großvater im Himmel und gilt als wirksamer apotropäischer Schutz. In der traditionellen Lakota-Praxis war die Verleihung einer Adlerfeder mit einer komplexen ritualpraktischen Veranstaltung verbunden, die bis heute in einigen Reservats-Gemeinden weiter praktiziert wird.

Parallelen in anderen Kulturen

Die Verwandtschafts-Anrede des Heiligen ist ein verbreitetes religiös-historisches Phänomen. Strukturell vergleichbar sind die christliche Vater unser-Anrede (allerdings mit Vater statt Großvater), die jüdische Avinu Malkenu-Anrede (Unser Vater, Unser König) und die islamische Rabbana-Anrede (Unser Herr).

Wichtig ist allerdings die kulturhistorische Spezifik der Lakota-Tradition: Die Großvater-Anrede ist nicht Vater-, sondern Großvater-Anrede; sie respektiert eine Generations-Distanz, die der westliche Vater-Anrede nicht zukommt. Diese Differenz ist von Vine Deloria Jr. wiederholt als zentrales Element der Lakota-Theologie herausgestellt worden, das gegen eine vorschnelle Gleichsetzung mit dem christlichen Gott-Vater spricht.

Innerhalb der amerikanischen Indianer-Traditionen ist die Großvater-Anrede weit verbreitet. Bei den Algonkin-sprachigen Stamen heißt es Gitchi Manitou (Großer Geist) mit ähnlicher generations-distanzierter Konnotation. Bei den Cherokee, Choctaw, Cheyenne und Crow gibt es jeweils eigene Großvater-Anreden, die strukturell vergleichbar sind. Die pan-indianische Tunkasila-Verbreitung in der modernen Pan-Indianer-Bewegung hat allerdings die spezifisch lakotische Verwendung verallgemeinert und teilweise unscharf werden lassen.

Innerhalb der weiteren Plains-Indianer-Tradition ist die Cheyenne-Großvater-Anrede besonders ähnlich. Die Cheyenne sprechen den Hochgott Maheo als Old Man und manchmal als Großvater an. Bei den Crow heißt die entsprechende Anrede Akbatatdia, der Heilige Überlieferer, der ebenfalls in Großvater-Konnotation steht. Die strukturelle Konvergenz dieser Plains-Großvater-Theologien legt eine kulturhistorische Verwandtschaft nahe, die sich in den engen Inter-Stammesbeziehungen der Plains-Region des 17. und 18. Jahrhunderts entwickelt haben dürfte.

Heutige Rezeption und Forschung

Die Tunkasila-Anrede ist in der heutigen Lakota-Praxis ungebrochen lebendig und wird in den Reservats-Gemeinden und in der wachsenden urbanen Lakota-Diaspora regelmäßig verwendet. Sie ist eine der wenigen Lakota-Theologie-Elemente, die im amerikanisch-englischen Sprachraum direkt übersetzt werden, als Grandfather, und damit auch nicht-Lakota-Sprechenden zugänglich ist.

In der akademischen Forschung haben Vine Deloria Jr. Joseph Epes Brown, Aase Hultkrantz, Raymond DeMallie und die Lakota-Theologin Doris Leader Charge die Tunkasila-Tradition systematisch beschrieben. Die zentrale theologische Pointe, die Verwandtschafts-Beziehung zum Heiligen, ist als wichtiger Beitrag der indigenen amerikanischen Theologie zur globalen Religionsgeschichte anerkannt worden.

Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist die Tunkasila-Anrede ein wichtiges Beispiel für die Eigenständigkeit indigener amerikanischer Religiosität gegenüber den vorgeprägten europäischen Religions-Kategorien. Anders als das einfache Great Spirit-Konzept der populären Indianer-Literatur, das eine vereinfachte christianisierende Lesart der Lakota-Theologie ist, vermittelt die Tunkasila-Anrede eine spezifisch lakotische Verwandtschafts-Theologie, die in der vergleichenden Religionswissenschaft eigene Aufmerksamkeit verdient. Der iWell-Guard-Bezug zur Lakota-Tradition beschreibt diese Befunde religionsgeschichtlich, ohne Wirkungsversprechen oder spirituelle Empfehlungen.

Eine wichtige Forschungslinie der jüngeren Zeit beschäftigt sich mit der Frage der Lakota-Sprach-Theologie. Die Tunkasila-Anrede ist eingebettet in eine umfassende Lakota-Sprache, deren grammatische Strukturen (Verben-System, Verwandtschaftsterminologie, Wakan-Konzeptionen) die religiösen Inhalte tragen. Wenn die Lakota-Sprache verloren geht, und sie steht durch den Sprachverlust der jüngeren Generationen unter erheblicher Gefahr, geht auch die genuine theologische Tiefe der Tunkasila-Tradition verloren. Die Lakota-Sprach-Wiederbelebungsprogramme der Reservats-Schulen seit den 1990er Jahren sind daher auch ein religiös-theologisches Anliegen.

Literatur und Quellen

Die folgende Auswahl listet zentrale Werke der Lakota-Religion und der vergleichenden Religionswissenschaft zur Tunkasila-Tradition.

Tȟuŋkášila als Anrede im Lakota-Gebet

Die Bezeichnung Tȟuŋkášila, wörtlich Großvater, ist im Verständnis der Lakota weniger der Eigenname einer abgegrenzten Gottheit als eine ehrerbietige Anrede, die im Gebet gebraucht wird. Sie kann sich auf Wakȟáŋ Tȟáŋka, das große heilige Geheimnis, beziehen, aber auch auf einzelne heilige Mächte und auf die Geister der Vorfahren. Diese Beweglichkeit des Begriffs ist für ein angemessenes Verständnis entscheidend und unterscheidet die Lakota-Religion grundlegend von Pantheon-Systemen mit klar umrissenen Einzelgöttern.

In den überlieferten Gebeten, etwa in den Texten, die mit dem heiligen Mann Black Elk verbunden sind, erscheint die Anrede Tȟuŋkášila wiederholt, oft in Verbindung mit der Ausrichtung nach den vier Himmelsrichtungen, nach oben zum Himmel und nach unten zur Erde. Der Beter wendet sich an den Großvater in jeder Richtung und stellt sich damit in die Mitte einer geordneten heiligen Welt.

Die deutsche Übersetzung als Großvater Himmel verengt diesen Befund, weil sie eine feste himmlische Gottheit suggeriert. In der Lakota-Tradition ist die Trennung zwischen einem Großvater Himmel und einer Großmutter Erde, Uŋčí Makȟá, zwar geläufig, doch beide gehören in ein Beziehungsgefüge, in dem das Heilige nicht in einzelne Figuren zerlegt, sondern als verwandtschaftlich verbundenes Ganzes gedacht wird. Religionswissenschaftlich ist deshalb wichtig, Tȟuŋkášila primär als Gebetsanrede und Ausdruck einer Verwandtschaftskosmologie zu lesen und nicht als isolierten Himmelsgott nach europäischem Muster.

Quellen: von James Walker bis zur Kritik an den frühen Sammlern

Das schriftlich überlieferte Wissen über die religiösen Vorstellungen der Lakota, in das auch die Rede vom Großvater gehört, stammt zu einem erheblichen Teil von wenigen Sammlern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Der wichtigste ist James R. Walker, ein Arzt, der ab 1896 auf der Pine-Ridge-Reservation arbeitete und über Jahre mit heiligen Männern wie George Sword, Thomas Tyon und Little Wound zusammenarbeitete. Seine Aufzeichnungen wurden erst spät, ab den 1980er Jahren, durch Raymond DeMallie und Elaine Jahner kritisch ediert und unter Titeln wie Lakota Belief and Ritual herausgegeben.

Walkers Material ist reich, aber nicht unproblematisch. Er ordnete die Aussagen seiner Gewährsleute teils zu einem systematischen Lehrgebäude, das die Hierarchie der heiligen Mächte stärker ausformulierte, als es der gelebten Religion entsprochen haben mag. Spätere Forschung hat darauf hingewiesen, dass Walker dabei eigene Ordnungsvorstellungen einbrachte und dass einzelne seiner Gewährsleute ihm möglicherweise nicht alles oder nicht alles unverfälscht mitteilten.

Eine zweite zentrale Quelle ist das Material, das auf Black Elk zurückgeht, vermittelt durch John Neihardt in Black Elk Speaks (1932) und durch Joseph Epes Brown in The Sacred Pipe (1953). Auch hier ist die Vermittlerrolle der nicht-indigenen Autoren zu bedenken. Religionswissenschaftlich gilt daher: Aussagen über Tȟuŋkášila sind durch eine schmale, von Vermittlung und Systematisierung geprägte Quellenbasis gefiltert. Neuere Forschung, etwa bei DeMallie, arbeitet die innere Lakota-Perspektive stärker heraus und mahnt zur Zurückhaltung gegenüber den geschlossenen Systemen der frühen Sammler.

Literatur (Auswahl)

  • Joseph Epes Brown: The Sacred Pipe (1953)
  • Vine Deloria Jr.: God Is Red (1973)
  • Raymond DeMallie: The Sixth Grandfather (1984)
  • James Walker: Lakota Belief and Ritual (1980)
  • Aase Hultkrantz: Belief and Worship in Native North America (1981)
  • Doris Leader Charge: Lakota Way of Strength and Courage (1995)

Verwandte Schlüsselbegriffe: Tunkasila Thunkasila Großvater Lakota Vier Richtungen Mitakuye Oyasin.

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iWell Guard ist kein Medizinprodukt und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Die religionswissenschaftlichen Inhalte sind kulturhistorische Einordnung, keine spirituelle Praxis-Empfehlung.