White Buffalo Calf Woman (Lakota Pte Skan Win oder Ptesan Win) ist in der Lakota-Tradition die heilige Frau, die im Auftrag Wakan Tankas die heilige Pfeife chanunpa und die sieben heiligen Riten in die Lakota-Welt gebracht hat. Sie zählt zu den zentralsten Gestalten der nordamerikanischen indigenen Religionsgeschichte.
White Buffalo Calf Woman gilt als Lakota-Heilige, die der Lakota-Nation die heilige Pfeife und die sieben Riten brachte.
Die White Buffalo Calf Woman ist die zentrale Stiftergestalt der Lakota-Religion. Sie ist nicht selbst eine Hochgottheit wie Wakan Tanka, sondern eine numinose Vermittlerin, die in der mythologischen Zeit (vor ca. 1500, 1600 Jahren, nach traditionellem Lakota-Zählen) erschien, um den Lakota die religiösen Praktiken zu lehren, die seither die Identität des Volkes bestimmen.
Religionswissenschaftlich gehört sie zur Klasse der Kulturheros oder Religionsstifter. Strukturell vergleichbar sind die mesoamerikanische Quetzalcoatl-Figur, die mongolische Aerguene-Boegele-Tradition, die australische Rainbow-Serpent-Stiftungsgestalt und, in dezenten Strukturparallelen, die christlich-zentral-orientalische Maria. Diese Vergleiche sind allerdings vorsichtig zu lesen: White Buffalo Calf Woman ist genuin lakotisch und sollte nicht in fremde religiöse Kategorien gepresst werden.
Ihre Stiftungsgeschichte ist die zentrale heilige Erzählung der Lakota und wird in nahezu jeder Inipi-Schwitzhütten-Sitzung neu erzählt. Joseph Epes Brown hat sie in The Sacred Pipe (1953) auf der Grundlage der Aussagen Black Elks systematisch dokumentiert. Die Erzählung steht in einer engen Beziehung zur Stiftung der heiligen chanunpa-Pfeife, deren bis heute lebendige Hüterschaft (gegenwärtig in der 19. Generation Arvol Looking Horse) eine kontinuierliche Linie zurück zur ersten Begegnung herstellt.
Eine wichtige theologische Differenzierung betrifft das Verhältnis White Buffalo Calf Womans zur Büffel-Theologie der Plains-Indianer im weiteren Sinne. Bei den Cheyenne, Crow, Pawnee und anderen Plains-Völkern gibt es vergleichbare Büffel-Frau-Stiftungs-Erzählungen, allerdings mit eigenständigen Details. Die Religionsethnologin Pekka Hamalainen hat in The Lakota Nation (2019) gezeigt, wie eng die Lakota-Wirtschaft, die Lakota-Identität und die Lakota-Religion mit dem Büffel verknüpft waren, und wie die Vernichtung der Büffel-Herden durch die US-Regierung im 19. Jahrhundert nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine religiös-spirituelle Katastrophe war, der die heutige Lakota-Religion bis heute zu antworten hat.
Der Lakota-Name Pte Skan Win setzt sich zusammen aus pte (Büffel, weiblicher Büffel) und skan win (bewegende Frau, bewegliche Frau). Die direkte Übersetzung wäre demnach Bewegliche Büffel-Frau. Die populäre englische Bezeichnung White Buffalo Calf Woman ist eine konventionelle Vereinfachung, die ihre Manifestation als weißes Büffelkalb am Beginn der Stiftungserzählung in den Mittelpunkt stellt.
Die genaue ethnologische Übersetzung Buffalo Calf Pipe Woman oder White Buffalo Calf Woman ist in den Quellen seit dem 19. Jahrhundert gängig. Der Lakota-Anthropologe Severt Young Bear hat in seinen Lebenserinnerungen Standing in the Light (1994) auf die Bedeutung der Bezeichnung Bewegliche hingewiesen: Skan ist einer der höchsten wakan-Aspekte (das kosmisch Bewegende, die Lebensenergie), und ihre Verbindung mit dem weiblichen Büffel macht sie zur personifizierten Lebensbewegung der Büffel-und-Mensch-Verbindung.
In der weiteren Sioux-Tradition existieren regionale Äquivalente: Bei den Dakota in Minnesota gibt es eine vergleichbare Stiftungs-Frau-Figur unter ähnlichem Namen; bei den Yankton-Sioux und Assiniboine sind die Erzähl-Details unterschiedlich, aber die strukturelle Stiftungsfunktion ist gleich. Diese pan-Sioux-Tradition ist von Raymond DeMallie systematisch beschrieben worden.
White Buffalo Calf Woman wird in der Stiftungserzählung in mehreren Gestalten beschrieben. Zuerst erscheint sie zwei Lakota-Kriegern als wunderschöne Frau in weißem Büffel-Hautkleid, die über die Prärie schwebt. Einer der Krieger nähert sich ihr mit unredlicher Absicht und wird sofort in einen Haufen Knochen verwandelt; der andere bleibt respektvoll und wird angewiesen, ins Lager zurückzukehren und die Ankunft der heiligen Frau zu verkünden.
Im Lager erscheint sie dann als perfekte Frau mit langen schwarzen Haaren, weißem Büffelhautkleid mit kunstvoll bemalten Mustern, einer kleinen heiligen Pfeife auf dem Rücken und einem Geheimnis-Bündel in den Händen. Nach Abschluss der Stiftungsanweisungen verwandelt sie sich beim Verlassen des Lagers in ein weißes Büffelkalb, das mehrfach in verschiedenen Farben aufeinanderfolgt: schwarz, braun, rot, weiß. Diese vier Farben entsprechen den Vier-Richtungen-Farben der Lakota-Kosmologie und symbolisieren die vier Generationen, in denen das Lakota-Volk leben wird.
In der modernen Lakota-Bildkunst, etwa in den Werken Oscar Howes (1915, 1983), ist die White Buffalo Calf Woman ein wiederkehrendes Motiv. Sie wird meist als würdige Frau in weißem Gewand dargestellt, oft mit der heiligen Pfeife in den Händen, manchmal mit einem weißen Büffelkalb-Geist neben sich. Die zeitgenössischen Lakota-Künstler Donald Montileaux und Arthur Amiotte haben sie wiederholt in ihren Bildern dargestellt.
Die zentrale Stiftungserzählung, überliefert durch Black Elk und Joseph Epes Brown, beginnt mit einer Phase großer Notlage im Lakota-Volk. Die Büffel-Herden sind verschwunden, die Menschen hungern, die Krieger streiten miteinander. In dieser Krise schickt Wakan Tanka die White Buffalo Calf Woman, um den Lakota das religiöse Wissen zu geben, das sie kollektiv wieder lebensfähig macht.
Nach der Begegnung mit den beiden Kriegern (die negative Begegnung mit dem ersten, die respektvolle mit dem zweiten) und ihrer Ankunft im Lager führt White Buffalo Calf Woman vor dem versammelten Lakota-Volk die zentralen Stiftungs-Akte aus. Sie packt das Geheimnis-Bündel aus und enthuellt die heilige Pfeife chanunpa. Sie zeigt der Versammlung, wie die Pfeife zusammengebaut wird (der hölzerne Schaft repräsentiert das Männliche, der rote Catlinit-Steinkopf das Weibliche), wie der Tabak hineingestopft wird (mit der Anrufung der Vier Winde) und wie die Pfeife gerauchten wird (mit der Anrufung Wakan Tankas).
Anschließend lehrt sie die ersten Riten, nach einigen Quellen alle sieben heiligen Riten in summarischer Form, nach anderen Quellen vor allem den Inipi (Schwitzhütte) und den Hanblechiyapi (Vision-Quest), während die überigen Riten in späteren Visionen einzelnen Lakota-Heilern offenbart wurden. Schließlich verlässt sie das Lager und verwandelt sich in das vierfarbige Büffelkalb. Mit ihrem Auftritt kehren die Büffel-Herden zurück und das Lakota-Volk ist gerettet.
Eine wichtige Komponente der Stiftungs-Erzählung ist die Lehre der White Buffalo Calf Woman über die kosmische Ordnung. Sie lehrt die Lakota nicht nur die Ritus-Form, sondern auch deren symbolische Bedeutung: Die Pfeife verbindet Himmel und Erde, der Tabakrauch ist die sichtbare Form des Gebetes, das zur Wakan Tanka aufsteigt, die Vier Winde repräsentieren die kosmologischen Strukturierungen der Welt. Diese symbolisch-philosophische Tiefe der Stiftungslehre ist von Joseph Epes Brown in The Spiritual Legacy of the American Indian (1982) eingehend beschrieben worden und unterscheidet die Lakota-Religion von einer rein ritus-praktischen Tradition.
Die White Buffalo Calf Woman-Pfeife, die chanunpa wakan, wird seit der mythologischen Stiftungszeit von einer ununterbrochenen Hüter-Linie bewahrt. Die gegenwärtige 19. Generation des Hüters ist Arvol Looking Horse, der die Pfeife im Reservat Cheyenne River in South Dakota aufbewahrt. Die zählbare Hüter-Linie reicht damit bis ins 15. oder frühe 16. Jahrhundert zurück und ist eines der bestbekannten Beispiele ununterbrochener religiöser Tradition bei den nordamerikanischen Indianern.
Die Pfeife selbst besteht aus zwei Hauptteilen: einem hölzernen Schaft aus rotem Holz und einem Kopf aus rotem Catlinit-Stein (auch Pipestone genannt), der ausschließlich aus der Pipestone-Bruchstelle im südwestlichen Minnesota gebrochen wird. Dort liegt der heilige Stein-Bruch, der seit der mythologischen Zeit von Büffelblut gefärbt sein soll und an dem alle Sioux-Stamesgruppen ihre rituellen Pfeifen-Köpfe brachen.
Das Pfeifenrauchen ist ein streng vorgeschriebener Ritualakt. Der Heiler stopft den Tabak (eine Mischung aus Tabak, getrocknetem Weidenrindenpulver und Wolllattich, kinnikinnick) unter Anrufung der Vier Winde, des Himmels und der Erde sowie der Vorfahren-Geister in den Pfeifenkopf. Beim Rauchen wird die Pfeife in alle Vier Himmelsrichtungen, zur Sonne und zur Erde gehalten. Joseph Epes Brown hat den Ritus in The Sacred Pipe minutiös dokumentiert.
Die Pipestone-Bruchstelle in Minnesota ist seit 1937 als Pipestone National Monument bundesstaatlich geschützt. Nur Mitglieder anerkannter indigener Stamme dürfen den heiligen Stein brechen; das geschieht in traditioneller Hand-Arbeit ohne mechanische Werkzeuge. Der Stein, ein mittelweicher roter Tonschiefer, wird seit mindestens 3000 Jahren von verschiedenen Plains- und Woodland-Indianer-Völkern gebrochen und ist in archäologischen Fundkomplexen weit über Nordamerika verbreitet. Die heutige Bruchstelle und ihre rituelle Bedeutung sind von der Indianer-Anthropologin Sigrid Khera und dem Pipestone-Hüter Hank Crowe systematisch beschrieben worden.
Die schutzbezogene Praxis im Bezug zu White Buffalo Calf Woman ist eng mit dem chanunpa-Ritual verbunden. Ihre numinose Präsenz wird in jeder Lakota-Pfeifenzeremonie aktualisiert; das Pfeifenrauchen ist demnach nicht nur ein Gebet zu Wakan Tanka, sondern auch eine Begegnung mit der heiligen Frau, die die Pfeife gestiftet hat.
Konkrete schutzbezogene Praktiken umfassen das Tragen kleiner Pfeifen-Repliken (oder bei modernen Praktizierenden: kleiner Pfeifen-Anhanger) als Schutzamulett, die Anrufung der Büffel-Frau bei Geburten und Krankheiten von Frauen, und die rituelle Verwendung von weißen Büffel-Hautstücken oder weißen Büffelhaar-Büschel als Schutzobjekt. Letzteres ist besonders bedeutungsvoll, weil weiße Büffel extrem selten in der Natur vorkommen (etwa 1 von 10 Millionen) und ihr Erscheinen seit den 1990er Jahren als Zeichen der prophezeiten Rückkehr der heiligen Frau interpretiert wird.
Die Geburt eines weißen Büffelkalbes 1994 in Wisconsin (Miracle, das erste in lebender Erinnerung) hat in den Lakota- und Plains-Indianer-Gemeinden eine erhebliche prophetische Aufladung erfahren. Mehrere weitere weiße Büffel-Geburten in den folgenden Jahrzehnten, 2006, 2011, 2012, wurden ebenfalls als prophetische Zeichen interpretiert und werden in der modernen Lakota-Religiosität als Bestätigung der Stiftungstradition aufgenommen.
Eine bemerkenswerte Komponente der modernen Praxis ist die Verbindung zwischen White Buffalo Calf Woman und der Frauen-Initiation. Das Ishna Ta Awi Cha Lowan–Ritual für die erste Menstruation einer jungen Frau ist eine direkte Stiftung der heiligen Frau und wird in jeder Lakota-Reservats-Gemeinde mit einer eigenen feierlichen Zeremonie begangen. Die initiierte junge Frau wird dabei rituell mit einem Büffel-Tuch eingehuellt, das die Verbindung zur Büffel-Frau symbolisiert. Diese Praxis hat im 20. Jahrhundert eine wichtige Renaissance erfahren und ist von der Lakota-Theologin Doris Leader Charge ausführlich beschrieben worden.
White Buffalo Calf Woman ist eine ungewöhnliche religiöse Figur, die in der vergleichenden Religionswissenschaft erst spät erkannt wurde, weil sie weder den europäischen Vorstellungen von Gottheit noch von einem menschlichen Stifter (Buddha, Jesus, Mohammed) klar entspricht. Sie ist eher eine zwischen-stehende Vermittler-Gestalt, die im Auftrag einer höheren Macht wirkt.
Strukturell vergleichbar ist im klassischen Mediterran die griechisch-eleusinische Demeter-Persephone-Tradition, in der ebenfalls eine numinose Frauengestalt die Stiftung der wichtigsten religiösen Mysterien-Riten (die Eleusinischen Mysterien) bringt. Innerhalb Amerikas zeigt die White Buffalo Calf Woman starke strukturelle Ähnlichkeit zur navajo-amerikanischen Changing Woman und zur mesoamerikanischen Tonantzin-Maria-Synkresis im Guadalupe-Marienkult.
Die Stiftungs-Frau-Figur ist in vielen indigenen Traditionen Nordamerikas vertreten: Bei den Cherokee ist es die Selu-Frau, bei den Iroquois die Sky Woman, bei den Anishinabe die Nokomis-Großmutter. Diese pan-amerikanische Stiftungs-Frau-Konstellation ist von der Religionsethnologin Joan Halifax in Shaman: The Wounded Healer (1982) und von der indigenen Theologin Kathleen Dugan in mehreren Werken systematisch beschrieben worden.
White Buffalo Calf Woman ist heute die in der populären Wahrnehmung wichtigste Lakota-Religionsfigur. Die wachsende Sichtbarkeit der Lakota-Religion seit dem American Indian Religious Freedom Act (1978), die Geburten weißer Büffel-Kälber in den 1990er und 2000er Jahren, und der diplomatische Einsatz von Arvol Looking Horse haben sie in eine breite öffentliche Aufmerksamkeit gerückt.
Problematisch ist die wachsende Tendenz spiritueller Aneignung durch westliche New-Age-Gruppen. Der Lakota-Ältestenrat hat 1993 in der Declaration of War Against Exploiters of Lakota Spirituality offiziell gegen die kommerzielle Verbreitung von Lakota-Riten durch nicht-indigene Praktizierende protestiert. Diese Position ist von Vine Deloria Jr. George Tinker und Lyla June Johnston weiter vertreten worden.
Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist White Buffalo Calf Woman ein wichtiges Beispiel für eine lebendige indigene Stiftungs-Tradition, die nicht in einem fernen mythologischen Vergangenheits-Horizont eingefroren ist, sondern durch die ununterbrochene chanunpa-Hüter-Linie bis in die Gegenwart wirkt. Die Hüter-Linie reicht durch 19 Generationen zurück zur mythologischen Stiftungszeit und ist eines der eindrucksvollsten Beispiele kontinuierlicher religiöser Tradition in Amerika. Der iWell-Guard-Bezug zur Lakota-Tradition ist explizit religionsbeobachtend, ohne Wirkungsversprechen.
Die folgende Auswahl listet zentrale Werke der Lakota-Religion und der nordamerikanischen Indianer-Forschung zum White-Buffalo-Calf-Woman-Komplex.
Die zentrale Erzählung um die als White Buffalo Calf Woman bekannte Gestalt, im Lakota Pte San Win, berichtet von der Übergabe der heiligen Pfeife an die Lakota. Nach der verbreiteten Version erscheint eine Frau zwei Jägern. Einer von ihnen begegnet ihr mit unredlicher Absicht und kommt dabei zu Tode, der andere verhält sich achtungsvoll und wird angewiesen, das Lager auf ihren Besuch vorzubereiten. Die Frau bringt der Gemeinschaft die Pfeife und unterweist sie in deren Gebrauch sowie in Zeremonien. Beim Fortgehen verwandelt sie sich und verschwindet, in vielen Fassungen als weißes Büffelkalb.
Die Erzählung ist mit der überlieferten Herkunft der sieben Riten der Lakota verbunden, die der Religionsspezialist Black Elk in der von Joseph Epes Brown 1953 herausgegebenen Sammlung The Sacred Pipe darlegte. Diese Veröffentlichung ist eine der einflussreichsten Quellen, zugleich aber kritisch zu lesen, weil sie das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen einem alten Lakota-Spezialisten und einem nichtindigenen Bearbeiter ist und in einer bestimmten Phase der Lakota-Religionsgeschichte entstand.
Für die Lakota ist die Erzählung kein bloßer Mythos, sondern Begründung einer bis heute praktizierten religiösen Ordnung. Es existiert ein materielles Objekt, das als die ursprüngliche oder eine eng damit verbundene Pfeife gilt und von einem traditionellen Hüter bewahrt wird, dessen Amt über Generationen weitergegeben wird. Die Forschung verzeichnet, dass die Erzählung in verschiedenen Lakota-Gruppen mit Abweichungen erzählt wird und dass ihre öffentliche Wiedergabe von vielen Lakota als heikel betrachtet wird. Eine seriöse Darstellung beschränkt sich daher auf den Grundbestand und vermeidet es, Einzelheiten der Riten auszubreiten.
Ein Bezugspunkt, der die Gestalt der White Buffalo Calf Woman bis in die Gegenwart wirksam macht, ist die seltene Geburt weißer Büffelkälber. Weil die Frau der Überlieferung nach in Gestalt eines weißen Büffelkalbes erschien und verschwand, wird die Geburt eines solchen Tieres von vielen Lakota und anderen Gruppen der nördlichen Plains als bedeutsames Zeichen aufgefasst.
Ein viel beachteter Fall war die Geburt eines weißen Bisonkalbs auf einer Farm in Wisconsin im Jahr 1994. Das Ereignis zog über mehrere Jahre Besucher aus verschiedenen indigenen Gemeinschaften an, die Gaben darbrachten und Zeremonien durchführten. Weitere weiße Kälber wurden seither verzeichnet, unter anderem im Yellowstone-Nationalpark. Die Forschung hat solche Ereignisse als Beispiele dafür beschrieben, wie eine alte Überlieferung durch ein biologisches Vorkommnis aktualisiert wird und in der Gegenwart religiöse Resonanz erzeugt.
Die Deutungen sind dabei nicht einheitlich. Manche verstehen die Geburt als Erinnerung an die Verpflichtungen, die mit der Pfeife gegeben wurden, andere als Ankündigung einer Zeit der Erneuerung oder als Mahnung. Einige traditionelle Stimmen warnen zugleich vor einer Vermarktung solcher Ereignisse und vor der Vereinnahmung durch nichtindigene esoterische Kreise. Für die religionswissenschaftliche Betrachtung ist der Befund aufschlussreich, weil er zeigt, dass die Gestalt der White Buffalo Calf Woman nicht in einer abgeschlossenen Mythenzeit ruht, sondern an konkrete, datierbare Ereignisse der Gegenwart angeschlossen werden kann und dabei zum Bezugspunkt aktueller indigener Selbstverständigung wird.
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