Die Phönizier, Bewohner der östlichen Mittelmeerküste (heute Libanon, Nordisrael, Syrien) ab dem späten 2. Jahrtausend v. u. Z. waren die großen Seefahrer und Handelsleute der Antike. Ihre Kolonien, allen voran Karthago (gegründet 814 v. u. Z.), Gades, Karthago Nova, verbreiteten phönizische Religion in den gesamten Mittelmeerraum. Baal, Astarte, Melqart und Tanit standen im Zentrum eines Kultes, der Schiffsfahrt, Stadt und Königtum zusammenhielt.
Das phönizische Pantheon ist vor allem über Ortskulte und Kolonien wie Karthago überliefert.
Die phönizischen Stadtstaaten, Tyros, Sidon, Byblos, Arwad, Berytus, waren weitgehend unabhängige Königtümer, die durch gemeinsame Sprache (Kanaanitisch-Phönizisch, semitisch) und Kultur zusammengehalten wurden. Sie betrieben Hochseehandel, Färberei (Purpur), Glasmacherei, Holz- und Metallhandel. Ihre Kolonien, Karthago, Utica, Motya, Tharros, Gades, wurden zwischen dem 9. und 7. Jahrhundert v. u. Z. gegründet. Karthago entwickelte sich zum Großreich, das mit Rom in den Punischen Kriegen kollidierte und 146 v. u. Z. fiel.
Das Karthago-Pantheon, geprägt durch die libysch-punische Diaspora, hebt Baal Hammon und Tanit besonders hervor und gilt als die wirkmächtigste Ausprägung des phönizischen Götterhimmels im westlichen Mittelmeerraum.
Baal (eigentlich „Herr“) ist nicht ein einzelner Gott, sondern ein Titel: Baal Shamim (Himmel), Baal Hadad (Wetter), Baal Hammon (Karthago), Baal Melqart (Tyros). Astarte ist die wichtigste Göttin, Liebe, Fruchtbarkeit, Krieg, mit eigenem Tempel in Sidon und Aphaka. Melqart (eigentlich Milk-Qart, „König der Stadt“) ist Schutzgott von Tyros, mit ihm verbunden ein Frühlings-Auferstehungsritus. Eshmun in Sidon ist Heilgott, sein Heiligtum bei Bostan eš-Šēh großes Pilgerziel. In Karthago tritt Tanit als „Antlitz Baals“ gleichgestellt neben Baal Hammon.
Das Karthago-Pantheon, geprägt durch die libysch-punische Diaspora, hebt Baal Hammon und Tanit besonders hervor und gilt als die wirkmächtigste Ausprägung des phönizischen Götterhimmels im westlichen Mittelmeerraum.
In Karthago wurde Tanit (Tanit Pene Baal) zur höchsten Göttin. Ihr Symbol, eine stilisierte weibliche Figur mit erhobenen Armen, Dreieck-Rumpf, Kreis-Kopf, schmückte Stelen, Mosaike und tragbare Anhänger. Die Tophet-Stätten von Karthago, Motya und anderen punischen Kolonien sind Friedhöfe für Säuglinge und Kleinkinder mit Inschriften, die Opfer an Tanit und Baal Hammon bezeugen. Die Frage, ob Kinderopfer (mlk) tatsächlich praktiziert wurden oder ob die Stelen verstorbene Kinder kommemorieren, ist religionswissenschaftlich umstritten.
Die phönizische Mythologie ist nur fragmentarisch überliefert (Philo von Byblos, eusebianische Zitate). Schlüssel-Quelle ist das eng verwandte Ugarit (Ras Schamra, 14. Jh. v. u. Z.), dort gefundene Tontafeln überliefern den Baal-Zyklus: Baals Kampf gegen den Meeresgott Yam, gegen den Todesgott Mot, sein Tod und seine Auferstehung. Diese Erzählungen prägen das Hintergrund-Vorstellungsfeld der Hebräischen Bibel (in der Baal als Konkurrent JHWHs auftritt) und der späteren Adonis-Mythen.
Phönizier und Karthager arbeiteten in feiner Glasmacherei und Goldschmiedekunst und produzierten Schutzanhänger in großer Vielfalt: Augen-Talismane (Vorläufer des heutigen Nazar-Boncuk), Hand-Amulette (Vorläufer der Hamsa), Tanit-Symbol-Anhänger, Skarabäen (aus ägyptischem Einfluss), Bes-Figurinen (auch ägyptisch importiert), Halbmond-Anhänger (lunulae). Die Trans-Kultur-Reichweite phönizischer Schutzobjekte ist enorm, von Spanien bis Mesopotamien.
Etwa 30-40 namentliche Götter sind aus phönizisch-kanaanäischen Quellen bekannt, am besten dokumentiert durch die Ugarit-Texte (13. Jh. v. Chr.) und biblische Erwähnungen. Hauptgötter sind El (Vater), Baal (Donner-Sohn), Aschera (Mutter), Astarte/Anat (Liebe/Krieg), Melkart (König-Stadtgott), Eshmun (Heilung), Yamm (Meer-Chaos), Mot (Tod).
Baal ist in der hebräischen Bibel der Hauptgegner Jahwes, die israelitischen Propheten kämpfen gegen seine Verehrung. Das berühmteste Ereignis ist der Wettstreit auf dem Berg Karmel (1. Könige 18), wo Elia 450 Baal-Priester besiegt. Im Neuen Testament wurde Beelzebub (Baal-Zebul) zum Synonym für den Teufel.
Die Phönizier waren ein semitisches Seefahrer-Volk des östlichen Mittelmeers (heute Libanon, Syrien, Israel-Küste), Stadtstaaten Tyros, Sidon, Byblos. Sie gründeten Karthago (im heutigen Tunesien, 814 v. Chr.), das zu einem mediterranen Reich aufstieg, bis es 146 v. Chr. von Rom zerstört wurde. Erfinder des phönizischen Alphabets, Vorlage des griechischen, lateinischen, hebräischen und arabischen Alphabets.
Tophet (hebr. Trommel) waren phönizisch-karthagische Heiligtümer, in denen Kinder geopfert wurden, vor allem als Molk-Riten an Baal Hammon. Archäologische Funde aus Karthago, Sardinien und Sizilien zeigen zehntausende Säuglings-Urnen. Die Praxis ist religionswissenschaftlich umstritten, manche sehen Kindersterblichkeit, andere echte Opfer. Die hebräische Bibel verurteilt die Praxis (Levitikus 18,21) und nennt das Hinnom-Tal Jerusalem als Tophet.
Nach 146 v. u. Z. lebten punische Sprache und Religion in römischen Provinzen Africa und Hispania weiter (Inschriften bis ins 5. Jahrhundert). Saturn-Verehrung im römischen Nordafrika ist Fortsetzung des Baal-Hammon-Kultes. Augustinus von Hippo (354, 430), nordafrikanisch geprägt, kannte punische Tradition noch persönlich. Die mediterrane Magie-Tradition (Defixionen, Liebes- und Schadzauber) hat starke punische Wurzeln.
Phönizische Originaltexte sind kurze Inschriften, wichtigste sind Ahirom-Sarkophag (Byblos), Pyrgi-Tafeln (in Etrurien, dreisprachig), Stelen aus Karthago. Wichtige moderne Werke: Sabatino Moscati The Phoenicians, Maria Eugenia Aubet The Phoenicians and the West, Glenn Markoe. Religiöse Aspekte bei Corinne Bonnet, Paolo Xella.
Die phönizische Religion lässt sich nicht als ein geschlossenes System beschreiben, denn die Phönizier bildeten nie einen Einheitsstaat. Sie organisierten sich in selbstständigen Stadtstaaten an der Levanteküste, vor allem Byblos, Sidon, Tyros und Arados. Jede Stadt hatte ihre eigene Götterkonstellation, an deren Spitze oft ein Götterpaar aus einem Schutzgott und einer Göttin stand.
In Byblos, der ältesten der Städte, stand die Herrin von Byblos im Mittelpunkt, eine Göttin, die griechische Beobachter mit ihrer eigenen Liebesgöttin gleichsetzten. In Sidon waren Eschmun, ein Heilgott, und die Göttin Astarte führend; das Eschmun-Heiligtum nahe Sidon ist eines der wenigen baulich gut erhaltenen phönizischen Heiligtümer. Tyros verehrte Melqart, dessen Name wörtlich König der Stadt bedeutet und der eng mit dem Königshaus verbunden war. Sein Kult kannte ein jährliches Fest, bei dem die Erweckung des Gottes begangen wurde.
Diese Stadtbindung der Götter erklärt, warum die phönizische Expansion über das Mittelmeer auch eine religiöse Verbreitung war. Kolonisten trugen den Kult ihrer Mutterstadt mit. Der Melqart von Tyros wurde so zum Hauptgott von Karthago und bis nach Gades im heutigen Spanien verehrt. Die religionsgeschichtliche Forschung, etwa die Arbeiten von Corinne Bonnet, hat gezeigt, dass diese Götter dabei nicht starr blieben, sondern sich an die jeweilige lokale Umgebung anpassten.
Die Rekonstruktion der phönizischen Religion leidet unter einem grundlegenden Problem. Die Phönizier schrieben auf Papyrus, das im feuchten Küstenklima nicht überdauert hat. Eine eigene religiöse Literatur, falls sie umfangreich war, ist daher fast vollständig verloren. Was bleibt, sind Inschriften auf dauerhaftem Material, vor allem Weihinschriften, Grabinschriften und Bauinschriften auf Stein und Metall.
Diese Inschriften sind formelhaft und kurz. Sie nennen Götternamen, Stifter und Anlässe, geben aber kaum Auskunft über Mythen oder Lehren. Der bedeutendste längere Text ist der Sarkophag des Königs Eschmunazar von Sidon, dessen Inschrift Flüche gegen Grabschänder und Angaben zu Tempelstiftungen enthält. Aus den Kolonien, besonders aus Karthago, stammen Tausende von Votivstelen, die jedoch ebenfalls nach festem Muster abgefasst sind.
Für Mythen und Theologie sind wir auf Berichte von außen angewiesen. Der wichtigste ist die sogenannte Phönizische Geschichte des Philon von Byblos, überliefert nur in Bruchstücken bei dem Kirchenvater Eusebius. Philon berief sich auf einen älteren Autor namens Sanchuniathon. Wie zuverlässig diese Überlieferung ist, wird in der Forschung seit Langem diskutiert, zumal Philon in der römischen Kaiserzeit schrieb und sein Material griechisch deutete. Die Funde aus dem nordsyrischen Ugarit, einer verwandten, aber älteren und nicht streng phönizischen Stadt, liefern wertvolle Parallelen, dürfen aber nicht unbesehen auf die Phönizier übertragen werden.
Wenige Themen der phönizisch-punischen Religion sind so umstritten wie die sogenannten Tophet-Heiligtümer. In Karthago und anderen westphönizischen Orten fanden sich ummauerte Bezirke mit Tausenden von Urnen, die verbrannte Knochen von Kleinkindern und jungen Tieren enthielten. Über den Urnen standen Weihstelen, die häufig den Göttern Baal Hammon und Tinnit gewidmet sind.
Antike Autoren wie der griechische Historiker Diodor berichteten von rituellen Kinderopfern bei den Karthagern, oft in Tönen der Empörung. Lange galt diese Darstellung als feindselige Propaganda der Sieger über Karthago. Ein Teil der Forschung deutete die Tophets daher als gewöhnliche Friedhöfe für früh verstorbene Kinder. Andere Forscher, gestützt auf osteologische Untersuchungen und die Inschriftenformeln, halten an der Deutung als Opferbezirk fest, in dem in besonderen Notlagen oder als Erfüllung eines Gelübdes Kinder geweiht wurden.
Der heutige Forschungsstand ist vorsichtig differenziert. Vieles spricht dafür, dass im Tophet tatsächlich Opferhandlungen stattfanden, dass diese aber nicht den massenhaften, alltäglichen Charakter hatten, den die antike Polemik suggerierte. Die Häufigkeit, die regionale Verbreitung und der genaue rituelle Ablauf bleiben unsicher. Das Beispiel zeigt exemplarisch, wie stark die Wahrnehmung einer Religion durch die Quellen ihrer Gegner geprägt sein kann und wie schwierig es ist, eine Praxis zu beurteilen, deren eigene Stimme verloren ist.
Die phönizische Religion verbreitete sich mit dem Handel und der Koloniegründung über den gesamten Mittelmeerraum. Stützpunkte entstanden auf Zypern, Sizilien, Sardinien, Malta, im heutigen Tunesien und an der iberischen Küste. In diesen Kolonien begegnete der phönizische Kult einheimischen Traditionen, und es kam zu vielfältigen Mischformen. Auf Zypern verband sich der Kult der Astarte mit lokalen und griechischen Vorstellungen, ein Vorgang, der für die Herausbildung der griechischen Aphrodite mitverantwortlich gemacht wird.
Karthago entwickelte aus dem tyrischen Erbe eine eigene punische Religion, in der Baal Hammon und die Göttin Tinnit ins Zentrum rückten. Nach der Zerstörung Karthagos durch Rom 146 vor Christus lebten diese Kulte in romanisierter Form weiter. Baal Hammon wurde mit dem römischen Saturn verschmolzen, und in Nordafrika blühten Saturn-Heiligtümer bis in die Kaiserzeit. Auch Melqart wurde verbreitet mit Herakles gleichgesetzt, was die Verehrung an Orten wie Gades über die phönizische Epoche hinaus sicherte.
Eine indirekte, aber folgenreiche Nachwirkung liegt in der Schrift. Das phönizische Alphabet, eine reine Konsonantenschrift, wurde von den Griechen übernommen und um Vokalzeichen erweitert. Über das Griechische und das Etruskische gelangte es schließlich in die lateinische Welt. Religionsgeschichtlich bedeutsam ist zudem, dass viele Götternamen und Kultformen der Phönizier eng mit denen der benachbarten Israeliten verwandt waren. Die Auseinandersetzung mit dem Baal-Kult, die das Alte Testament schildert, ist daher zugleich eine wichtige, wenn auch parteiische Quelle für die Religion der Levante.
Die phönizische schutzpraxis verband Amulette aus Glaspaste, Tanit-Symbole und Bes-Köpfe mit Hausaltären für Baal und Astarte; archäologische Funde aus Karthago, Sidon und Sardinien belegen ein dichtes Netz alltäglicher Abwehrzeichen.
Verwandte Schlüsselbegriffe: Phönizier Karthago Tyros Sidon Byblos Baal Tanit Melqart Astarte Eshmun Moloch Tophet Punisch.
Phönizisch-punische Tradition produzierte Augen-Amulette (Vorgänger des Nazar-Boncuk), Hand-Anhänger (Vorgänger der Hamsa), Tanit-Symbol-Schmuck, Skarabäen und lunula-Halbmond-Anhänger, eine der einflussreichsten tragbaren Schutz-Traditionen der Antike.
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